2022.11.21 - Initiatve zur Rettung der Wiener Zeitung

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Wiener Zeitung –Initiativen zur Rettung eines Kulturerbes & zur Stärkung des Qualitätsjournalismus

Montag, 21. Novemmber 2022 um 10:30 Live aus dem Presseclub Concordia

Daniela Kraus, Presseclub Concordia

Wir sind dafür, dass die Wiener Zeitung, wenn nicht vom Bund erhalten, dann soll ein anderer Eigentümer möglich sein.

Ergänzung 30.11.22: Unmut über Regierungsentwurf. Bericht der Wiener Zeitung

Update 7. Juli 2023 - Wie geht es weiter mit der Wiener Zeitung? Diese Frage hat Ö1 recherchiert.

Wr Zeitung Bures Hämmerle Ruiss

Siehe auch: Bericht der Wr Zeitung über den Gesetzesentwurf zur Zukunft der "Wiener Zeitung"

Gerhard Ruiss

Es gibt so viele Initiativen, ganz viele Interessensgruppen, die sich für das Weiterbestehen der Wr Zeitung einsetzen.

Dr Walter Hämmerle, CR über die aktuelle Lage:

Jelinek, Dichand, Manager, Religionen unterstützen uns - das macht uns stolz und demütig. Auch Ex- und aktive Landeshauptleute waren hinter den Kulissen aktiv. Die Top-Journalisten, die Rektoren, die Gewerkschaften, die Glaubensgemeinschaften stehen hinter uns - das letzte Mal, dass diese so einig waren bei einem Thema, war 1703.

Ministerialentwurf ist eingebracht. Ich betrachte diesen als Totalschaden. Behauptet wird Bestand und Unabhängigkeit der Redaktion, aber im Gesetzestext wird das Gegenteil ermöglicht. Ein Juwel wird zustört. Die Wr. Zeitung hat ein unglaubliches Potenzial, einen Markennamen als älteste Zeitung der Welt - so geht man nicht mit Eigentum um. Die Wiener Zeitung ist das Eigentum der Republik, nicht der Regierung. Wenn die Republik dieses Eigentum nicht will, dann muss alles unternommen werden, um dieses Eigentum an Private zu übergeben. Hannes Androsch hat schon gesagt, es gibt ein Konsortium. Dafür braucht es einen willigen Eigentümer, der über die Bedingungen sprechen will. Es gibt Interessenten!

LIVE auf youtube - Pressekonferenz im Presseclub Concordia

Elfride Jelinek

Zuspielung gelesen von Maria Happel

... als älteste Zeitung der Welt noch vor der Aufklärung aufgeklärt...

Dr Irmgard Griss

Beispiel Änderung EMRK - dazu braucht es unabhängigen Journalismus, um das kritisch zu beleuchten. Auch Vorschlag zur Journalisten-Ausbildung ist problematisch. Wir brauchen Journalisten, die wirklich unabhängig arbeiten können. Wir brauchen nicht weniger, sondern mehr unabhängige Journalisten.

Doris Bures, 2. Nationalratspräsidentin

Ministerialentwurf ist eine Chance für den Nationalrat, an diesen Entwurf sehr selbstbewusst heran zu gehen. Sehe Chance, dass es gelingen wird, hier eine einheitliche Positionierung vorzunehmen. Das Podium hier stimmt mich positiv. Möchte in Erinnerung rufen, wie wichtig Menschenrechte und freie Meinung und Medien sind.

Dr Franz Fischler

Es ist ein Skandal, dass sich viele Repräsentanten der Zivilgesellschaften hier herstellen müssen um für das Weiterbestehen der Wr Zeitung zu kämpfen. Das sollte selbstverständlich sein. Österreich ist derzeit in einem Zustand, der uns diverse Komplimente einbringt. Die diversen Rankings zeigen das. Es wäre daher international notwendig, kein Relikt, sondern etwas sehr Lebendiges, etwas sehr Neues zu machen. Das war immer Auftrag der Wiener Zeitung, dass sie immer wieder in der Lage war, eine Vorzeigezeitung zu sein. Skandal, dass man den Leuten keine Chance gibt, sondern einfach das Licht abdreht.

Dr. Walter Geyer

Mein Verhältnis zur Wr Zeitung gründet aus der Zeit des Mediensprechers der Staatsanwaltschaft. Im Vergleich fällt die Wiener Zeitung auf, weil sie immer mehr als andere Zeitungen die Trennung von Bericht und Kommentar beachtet hat. Die Wiener Zeitung ist unverzichtbar. Der Ministerial-Entwurf ist nicht das Ergebnis einer breiten Diskussion, sondern jetzt erst beginnt die Diskussion. Mein Vorschlag: Moratorium, 18 Monate Nachdenkfrist, den Journalisten eine Chance geben zu zeigen, was sie können. Das wäre keine Schande für die Regierung, sondern ein Zeichen der Größe.

UnivProf Josef Trappel, Uni Salzburg

Uns liegen zwei Gesetzesentwürfe vor, 1. Wr Zeitung, 2. Qualitätsjournalismusförderungsgesetz. Die Regierung plant ernsthaft eine der besten Tageszeitungen des Landes zu zerstören, sondern allein eine Online-Plattform für Pflichtberichte. Online only ist nicht marktfähig. Steht dann im Wettbewerb mit ORF, dieses Match kann die Wr Zeitung nicht gewinnen, auch nicht mit 7,5 Millionen Euro für Journalisten, die sie erhalten soll. Das Ende der Wr Zeitung nach 320 Jahren bedeutet weitere Konzentration der Eigentümer. Wr Zeitung ist international einmalig und ein Erfolgsmodell. Was sind die Pläne? Es geht laut Regierungsprogramm um den Erhalt der Marke. Wie? Neben Online-Zeitung soll Austria Media Hub und eine Content Agentur entstehen. Austria Media Hub soll Weiterbildung und Praxisplätze anbieten. Dafür soll die Wr Zeitunginsgesamt  17 Millionen erhalten. An Journalismus-Ausbildung besteht in Österreich kein Mangel! (Zählt ein Dutzend Institutionen auf) Wo soll da der Platz für das Angebot der Wiener Zeitung sein? Wo bleibt da die Qualitätsorientierung. Weiters: Mediengründungen. Das ist Aufgabe von Startup, Venture-Capital - auf welches Abenteuer lässt sich die Regierung hier ein? Mediengründungen brauchen neben guter Idee auch einen langen Atem. Weiters: Medienkompetenz - das ist ein longseller - wer nicht weiter weiß, fordert Kompetenz. Zur Contentagentur: Wr Zeitung soll die Kommunikations-Aufgaben der öffentlichen Hand bündeln. Dafür gibt es schon Agenturen. Die unter Regierung Kurz aufgeblähten Abteilungen könnten aushelfen. Außerdem: Agentur und Journalismus vertragen sich nicht unter einem Dach!

Was bleibt: eine hervorragende Zeitung wird zerschlagen. Eine überflüssige Content-Agentur mischt Journalismus mit Public Relations. So entsteht ein Bauchladen, die Marke Wiener Zeitung wird zerstört. Dieses Gesetz ist destruktiv.

Fritz Hausjell, Reporter ohne Grenzen

Wir haben eine Partei, die bekundet, sie hätte es gern so wie Orban in Ungarn. Wenn so eine Partei in die  Regierung kommt, dann hätte sie ein Instrument dafür. Dies sollte man weitsichtig vermeiden. Wir können auch in die DDR schauen, dann wissen wir, wie verheerend solche Entwicklungen sind. Es gibt ganz wenige Medien, die nach ihrer Zerstörung wieder entwickelt werden. Das haben wir nach 1945 gesehen.  Wir haben nur 14 Tageszeitungen, das ist extrem wenig im Vergleich zu ähnlich großen Staaten. Die Regierung macht im vollen Wissen diese destruktive Politik.

Eike C. Kullmann

Bundesregierung stiehlt sich mit ihrem Gesetzesentwurf aus der Verantwortung. Die Denkvariante einer Privatisierung wird auf die Seite gewischt. Weiteres Thema: Wr Zeitung hat seit langem ein klares Redaktionsstatut. Es ist eine Schande wie die Regierung bezüglich Mitsprache umgeht - was soll dann die Gesetzesforderung nach Redaktionsstatut für Qualitätsjournalismus? Mit dem Mediahub wird die Aus- und Weiterbildung direkt ans Bundeskanzleramt angedockt. Die bestehenden Institutionen brauchen zusätzliche Mittel, keinen staatlichen Konkurrenten.

Wiener Zeitung Finish

Ergänzung 28. Juni 2023: Herbert Friesacher: Auch ich war ein Leser der "Wiener Zeitung". 32 Jahre lang. Sie hat mich gut informiert, manchmal mich auch geärgert, weil anderer Meinung. Das darf es geben. Das Papier konnte ausserdem gut zum Fensterputzen verwendet werden, also ist auch ein nachhaltigiges Produkt. In zwei Tagen ist sie Geschichte, die "Wiener Zeitung". Sie wird eingeschläfert, eingestellt, wegrationalisiert. Ein Teil österreichischer Geschichte. 1703 gegründet, wurde also 320 Jahre alt, somit älteste Tageszeitung der Welt. Die Republik, sprich die Politik, verkennt den Wert einer noch halbwegs unabhängigen, aber kultuell wertvollen Zeitung, lässt Geld lieber in den für viele unzumutbaren ORF TV fliessen. Ich verabschiede mich schweren Herzens von meiner Tageszeitung: "....schade dass du gehen musst, lang vor deiner Zeit....." (Reinhard Mey)


E N T W U R F

Bundesgesetz über die Wiener Zeitung GmbH und Einrichtung einer elektronischen Verlautbarungs- und Informationsplattform des Bundes – WZEVI-Gesetz

siehe parlament.gv.at

Und hier die STELLUNGNAHME von Hubert Thurnhofer auf parlament.gv.at

Die Wiener Zeitung, die 2023 bereits 320 Jahre alt wird, leistet derzeit als Tageszeitung einen wichtigen Beitrag zur Meinungsvielfalt im Lande - mehr als viele so genannte unabhängige Tageszeitungen. Sie ist damit eine wichtige Säule der Demokratie unseres Landes.

Schon seit über zwei Jahrzehnten steht die Frage im Raum, wie lange es noch gedruckte Zeitungen geben wird. Der Fortbestand der Wiener Zeitung als Printprodukt ist in diesem Umfeld ein wichtiger Beitrag zur Erhaltung eines Kulturgutes, das in dieser Form auch noch seinen 350. Geburtstag erleben sollte.

Die Einrichtung einer elektronischen Verlautbarungs- und Informationsplattform des Bundes (EVI) ist durchaus sinnvoll und aufgrund von EU-Vorgaben notwendig. Es gibt tatsächlich keinen Grund, das Amtsblatt in alle Ewigkeit auf Papier zu drucken und zu verbreiten.

Da sich die Wiener Zeitung als unabhängiges Medium mit eigenem Redaktionsstatut inhaltlich nicht durch das Amtsblatt definiert, sollte die Tageszeitung mit ihren redaktionellen Inhalten wie bisher in Print und Online weiter geführt werden.

Völlig entbehrlich sind jedoch

- Einrichtung und Betrieb des Media Hub Austria gemäß § 4;

- Veröffentlichung von sonstigen Verlautbarungen gemäß § 7 auf EVI;

- Einrichtung und Betrieb der Content-Agentur Austria gemäß § 8.

Für all diese Anforderungen gibt es bereits Anbieter auf dem Markt oder eigene Abteilungen in den Ministerien. Darüber hinaus sind eine "Content-Agentur" und eine Redaktion, die nach journalistischen Grundsätzen arbeitet, in einem Hause nicht vereinbar.

Resümee: Der Gesetzesentwurf in der bestehende Form ist als Ganzes abzulehnen.

KURIER.at am 23.11.22 berichtet: "Medienministerin Susanne Raab (ÖVP) hält am eingeschlagenen Kurs für die "Wiener Zeitung" fest. "Ich denke, wir haben ein gutes Konzept für die 'Wiener Zeitung' erarbeitet", sagte die Ressortchefin am Mittwoch nach dem Ministerrat auf die Frage, ob es eventuell doch noch eine Möglichkeit gibt, die Zeitung als Tageszeitung zu erhalten."

Da ist es wieder, diesmal unausgesprochen, das Wort, das die Hirnlosigkeit jeder Parteidoktrin legitimieren soll: die Alternativlosigkeit.

ORF-Redakteur Hanno Settele am 1.2.23 auf tiwitter: Das Signal an die ganze Welt, die älteste Tageszeitung auf dem Planeten zuzusperren, ist fatal. Noch dazu in einer Periode, wo sie inhaltlich grandios aufgestellt ist. Echten Mehrwert bietet. Warum? @WienerZeitung