Kunstszene und Um:Druck 2008

Zehn PR-Schmähs die immer ziehen

UM:Druck, Dezember 2008

PR-Schmäh Nummer 1

Schenke einem Museum, mit dessen Direktorin du schon seit ihren Salzburger Zeiten engstens verbandelt bist, Arbeiten von Künstlern, die du zufällig als Galerist vertrittst. Kritisiere prophylaktisch die potenziellen Kritiker, denn „hier wird man für Schenkungen ja eher kritisiert, aber ich bin auf alle Attacken vorbereitet“, und lass die Medien an deiner Wohltätigkeit teilhaben.

PR-Schmäh Nummer 2

Übernimm für dein Museum eine Sammlung mit 500 Werken als Dauerleihgabe und erkläre der Welt, dass es dir gelungen ist, „die bisher bestehende Lücke der internationalen klassischen Moderne“ in Österreich zu schließen. Verkaufe dem Publikum die Sammlung unter der Etikette „von Manet bis Picasso“ und erwähne den Kern der Sammlung – die russische Avantgarde – nur in einem Nebensatz, denn wer kennt schon Filonow? Für den einfachen PR-Fuzzi heißt das: Schreibe nur die Namen in den Titel deiner Presseinfo, von denen du sicher sein kannst, dass sie jeder Volltrottel kennt!

PR-Schmäh Nummer 3

Á propos: Nenne deinen liebsten Feind in der Szene einen „hundertprozentigen Volltrottel“ und lass dich von ihm wegen Rufschädigung verklagen. Das wird die Medien von „Vera Exklusiv“ über Bezirksjournal bis zur Wiener Bezirkszeitung auch noch zwanzig Jahre, nachdem es passiert ist, begeistern. Der Prozess liefert den Medien zusätzlich laufend frisches Futter. Wie wird der Beklagte seine Verteidigung anlegen? Wird er den Wahrheitsbeweis antreten? Und wenn der nur zu 90 Prozent gelingt, inwiefern muss dann die inkriminierte Behauptung revidiert werden?

PR-Schmäh Nummer 4

Stelle dich in Nazi-Uniform in eine New Yorker Galerie mit möglichst vielen Juden im Publikum und führe dich auf wie ein Hitler-Klon. Dazu lasse die Galeristin erklären, es gehe nicht um das Äußere, sondern um den tiefer liegenden Inhalt. Erlaube dem deutschen Staatssender ARD deinem „Ausnahmetalent“ mit einer Dokumentation zu huldigen, und erkläre darin, was Hitler getan hat interessiert mich gar nicht, denn mein Name ist Meese. Für österreichische Nebendarsteller bietet sich eine andere Variante kalkulierter Naziverharmlosung an: Stelle dich auf eine politische Bühne, verzapfe Nazi-Scheiße, verrühre diese mit Anti-Islamismus und antworte den Journalisten, die sich garantiert auf dich stürzen, auf die obligatorische Frage – Was sagen Sie zu Hitler? – Damit habe ich mich nicht beschäftigt, denn mein Name ist Winter.

PR-Schmäh Nummer 5

Erkläre dem geneigten Leser der „Die Presse“, dass du als Innenministerin den Fall Zogaj sehr gut kennst, denn „ich komme aus demselben Bezirk“. Erkläre weiters, dass du die Justizministerin aus dem anderen politischen Lager nicht als Gegnerin siehst, denn „ich bin mit ihr in die Schule gegangen, wir haben im Internat den Schlafsaal geteilt. Es gibt mit Maria Berger also keinerlei Berührungsängste.“ Erkläre schließlich, dass dir deine Arbeit „viel Spaß“ macht und die Spaßgesellen von der FPÖ werden dich nach der Wahl mit Dankesbriefen überschütten. PR bedeutet schließlich nicht nur professionelle Medienarbeit, sondern auch effiziente Kundenbindung.

PR-Schmäh Nummer 6

Bring dich bei Regierungsverhandlungen als potenzieller Minister ins Gespräch für ein Ministerium, das außer dir keiner will und braucht, und fordere in ganzseitigen Zeitungsinseraten „ein ministerium für gegenwartskunst“, denn „ein ministerium für gegenwartskunst würde österreich weltweites aufsehen und ansehen bringen.“ Verwende für deine Propaganda Gelder des Museums, das dir als Direktor seit mehr als zwei Jahrzehnten öffentliche Mittel zur Selbstdarstellung zur Verfügung stellt und informiere die Medien bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit, dass dir die öffentliche Hand zu wenig Mittel zur Verfügung stellt.

PR-Schmäh Nummer 7

Eröffne eine Fabrik zur Produktion von Tierkonserven, bevorzugt in Formaldehyd eingelegte Viechereien. Erkläre das ganze zur Kunst und lass es über Sotheby´s versteigern. Deine Galeristen werden es dir danken und emsig mithelfen, die Preise bei der Auktion nach oben zu treiben. Die Medien werden dein Marketing-Genie würdigen und wochenlang über die Frage spekulieren: „War Hirsts Auktion ein subversiver Akt oder rein affirmatives Profitdenken?“

PR-Schmäh Nummer 8

Kauf dir 100 Bilder von 50 halbverhungerten albanischen Künstlern, stell diese in einem Kunstverein aus und erkläre Tirana zum Hype. Nach Leipzig und Shanghai gibts auf diesem Globus noch einige unentdeckte Flecken, wo man heute billig kaufen kann um morgen damit einen Hype auszurufen. Wichtig für diese PR-Strategie ist das Timing: Ruf deinen Hype nicht früher als drei und nicht später als sechs Monate nach dem letzten Kunsthype aus.

PR-Schmäh Nummer 9

Feiere deinen runden Geburtstag mit einer Jubiläumsausstellung. Je runder das Datum und je toter du zum Jubiläum bereits bist, umso größer die Chancen auf mediale Beachtung. Eine Variante, die noch mehr Erfolg verspricht, denn die Parallelaktion feiert fröhliche Urständ: Rekonstruiere eine Ausstellung, die schon vor 100 Jahren ein Blockbuster war und lass dich für die kritische Auseinandersetzung und akribische Detailarbeit bejubeln.

PR-Schmäh Nummer 10

Vergiss nicht die wichtigsten Schlüsselbegriffe in deiner Presseinfo, denn nur so können die Journalisten dich aus der Masse der eingesendeten Aussendungen als weltberühmten Starkünstler und Kunststar, Pionier und Trendsetter, mit einem Wort als Malerfürst herausfiltern, dessen Lebenswerk einmalig, hochqualitativ, unübertroffen ist und dessen Meisterwerke einzigartig sind. Vergiss bei der Gelegenheit auch nicht zu erwähnen, dass deine letzte Ausstellung komplett ausverkauft war und du neue Kunden nur auf die Warteliste setzen kannst. Kurz: Lüge, dass sich die Balken biegen und die Medien werden deine Lügen als Kunstwerk entlarven!

Der Blechtrommler als Künstler

Um:Druck  September 2008

Der Stellenwert der Kultur in der Gesellschaft spiegelt sich auch im Stellenwert der Kultur in den Medien. Während man in den Printmedien über die bildende Kunst – wenns nicht um die neueste „Ausstellung der Superlative“ (Copyright Kurier) geht – kaum etwas liest, ist die Welt der Kultur in den Onlineversionen der Medien immerhin klar strukturiert. So teilt diepresse.at die Kultur ein in: News, Klassik, Pop&Co, Film, Medien, Literatur, Kino-Programm, TV-Programm. kurier.at hält sich gar nicht mit solchen Nuancierungen auf, sondern unterscheidet lediglich „Kultur“ und „Kult“, wobei er Kultur immerhin vor Geld&Wirtschaft und Sport&Motor reiht. Die für derstandard.at relevanten Rubriken der Kultur sind: Film, Musik, Bühne, Bildende Kunst, Literatur, Kulturpolitik, Kino, Programm.

So hilft mir derstandard.at bei einem schnellen Überblick über die aktuelle Kulturpolitik, um mich darüber zu informieren, worüber zu ärgern sich in Vorwahlzeiten absolut nicht lohnt. derstandard.at informiert mich auch gleich darüber, welche Themen mehrheitsfähig sind, denn die Anzahl der Postings und Votings sind dafür ein untrügliches Indiz. Immerhin 174 Leser haben auf die Meldung reagiert: „Ministerin Schmied erteilt den Plänen einer Novelle des Kunstrückgabegesetzes seitens VP-Chef Molterer eine Absage.“ Dagegen hat die Ankündigung „Finanzminister Wilhelm Molterer will als Bundekanzler das Kulturministerium übernehmen“ gerade mal 12 Postler (oder heißt es Poster?) zu einem Kommentar gereizt. Wirklich bewegt hat aber die Meldung „Die soziale Lage der Künstlerschaft hat sich im vergangenen Jahrzehnt verschlechtert: 37 Prozent verdienen unter 900 Euro“ – 231 Postings!

Da vor der Wahl nur so viel fest steht, dass auch nach der Wahl Kulturpolitik für Salzburger Festspiele und Leopoldinum aber nicht für Künstlersozialversicherungsfälle gemacht wird, werfe ich diesmal einen zeitlosen Blick auf die Kunst aus der Sicht der Literatur. Da ich als gelernter Journalist aber trotzdem einen Aufhänger brauche – und sei er an den Barthaaren des Philipp Maurer herbeigezogen – so trifft es sich gut, dass akkurat  vor 50 Jahren  Günter Grass für „Die Blechtrommel“ den Preis der Gruppe 47 erhalten hat. Das steht natürlich auch im Internet, zu finden unter wikipedia.de, wo auch steht, dass Grass in Danzig am 16. Oktober 1927 als Sohn eines usw. geboren usw. ist. Auch die – für die 30er Jahre weltweit einzigartigen –  Verhältnisse finden die Wiki-Autoren erwähnenswert: „Die kleine Zweizimmerwohnung hatte kein eigenes Bad. Günter Grass und seine Schwester Waltraut hatten kein eigenes Zimmer.“

Vielleicht liegt es ja an den beengten Wohnverhältnissen seiner Kindheit, dass Grass dann als Schriftsteller jeden Raum bis ins letzte Detail beschrieben und jede Straße und Stadt mit der Präzision des Geografen verortet hat, die Personen und Charaktere aber ziemlich leblos bleiben. Der Blechtrommler Oskar Mazerath, der zwei Bücher lang als ewig dreijähriger Gnom sein Unwesen treibt, wandelt sich im dritten Buch durch eine wundersame Metamorphose zu einem buckligen Liliputaner, der (in der Nachkriegszeit) erstmals Verantwortung für sein Leben übernimmt und einen Beruf als Grabsteinbildhauer übernimmt. Allerdings nur als Intermezzo, denn danach „besann Oskar sich seines Buckels und fiel der Kunst anheim!“ So wurde Oskar zum Akt-Modell (überraschender Weise an der Kunstakademie Düsseldorf, wo Grass selbst von 1948 bis 1952 studiert hatte). Ein gewisser „Professor Kuchen“ erklärt „dem Krüppel“ auch gleich die Kunst: „Kunst ist Anklage, Ausdruck, Leidenschaft! Kunst, das ist schwarze Zeichenkohle, die sich auf weißem Papier zermürbt!“ Weil es gerade zum 80er Jubiläum passt, deuten wir diese Aussage als Hommage an Alfred Hrdlicka. So könnte sich Prof. Kuchens Anweisung an seine Schüler auch Hrdlicka zur Maxime seines Schaffens gemacht haben: „Zeichnet ihn nicht, den Krüppel, schlachtet ihn, kreuzigt ihn, nagelt ihn mit Kohle aufs Papier!“

Auf Prof. Kuchen folgte der Bildhauer Maruhn, „der ja kein expressiver Kohlewüterich, sondern Klassiker war. … Das Atelier Maruhns war staubig hell, fast leer und zeigte keine einzige fertige Arbeit. Überall standen jedoch Modelliergerüste für geplante Arbeiten, die so perfekt durchdacht waren, daß  Draht, Eisen und die nackten gebogenen Bleirohre auch ohne den Modellierton zukünfitge, formvollendete Harmonie ankündigten.“ So bleibt auch das Modell von Oskar nur Modell: „Seufzend resignierend, Kopfschmerzen vortäuschend, doch ohne Oskar zu grollen, gab er es auf, stellte das bucklige Gerüst samt Spiel- und Standbein mit den erhobenen Bleirohrarmen, mit den Drahtfingern, die sich im eisernen Nacken verschränkten, in die Ecke zu all den anderen frühvollendeten Gerüsten“. So ist also die klassische Vollendung im 20. Jahrhundert zum Scheitern verurteilt, oder – und diese Interpretation wird heute wohl mehr Verteidiger finden – das Konzept einer Form ist bereits ausreichend für den künstlerischen Schaffensprozess, die Vollendung der Form mag sich das Publikum dazu denken, oder auch nicht.

Zuletzt dient Oskar gemeinsam mit Ulla, die „überschlank, lieblich und zerbrechlich ist und an Boticelli und Cranach gleichzeitig erinnert“, dem Maler Raskolnikoff, „der mit unserer Hilfe zum Surrealismus fand“, als Modell. „Schließlich blieb es Raskolnikoff vorbehalten – man nannte ihn so, weil er ständig von Schuld und Sühne sprach – das ganz große Bild zu malen: Ich saß auf Ullas leichtbeflaumtem linken Oberschenkel – nackt, ein verwachsenes Kindlein – sie gab die Madonna ab; Oskar hielt still für Jesus“. Skandal und Tabubruch als Leitmotive der Kunst des 20. Jahrhunderts werden hier kurz, aber überzeugend ausgeführt. So bleibt es Oskars Lebensgefährtin Maria vorbehalten, ihn „mit ziemlicher Überzeugungskraft ein Ferkel, einen Hurenbock, ein verkommenes Subjekt zu nennen“. Oskar zieht in Folge aus der Wohngemeinschaft mit Maria aus und wird als Trommler berühmt. Auch wenn Grass Oskar, den Blechtrommler, in Jazzkellern und auf Konzertbühnen ansiedelt, so wird er doch zum allgemeinen Symbol des zeitgenössischen Künstlers, der mit nichts als einer Trommel suggestiv das Publikum vereinnahmt. Die Blechtrommel als Symbol der Werbetrommel.

Zitate: Günter Grass, Die Blechtrommel, Luchterhand 1979

Hubert Thurnhofer

Nachsatz 6. Oktober 2008: Um:Druck wird offenbar genau gelesen. Die Online-Presse bietet nun unter der Rubrik „Kultur“ auch die Unterbereiche „Bühne“ und „Kunst“.

Kirche und Kunst

UM:Druck, Juni 2008

weiters erschienen in: Die Bunte Zeitung, Oktober/November 2008 

1. Mai 2008: Christi Himmelfahrt am Tag der Arbeit. So drängt sich die Frage auf, warum die Obrigkeit der Kirche mit der Niedrigkeit der Kunst, die als Künstlerproletariat immer weitere Kreise zieht, keine Berührungspunkte mehr aufzuweisen hat. Tatsächlich ist die Beziehung zwischen Kirche und zeitgenössischer Kunst in einem derart desolaten Zustand, dass dafür ein eigener Begriff kreiert werde muss: kirchostrophal. Die Kirchostrophe ist die ins Metaphysische gesteigerte Form der Katastrophe. Die Kirchostrophe ist mit irdischen Instrumenten nicht messbar wie Naturkatastrophen und daher mit irdischen Mitteln auch nicht zu beheben. Gott selbst steht der Kirchostrophe machtlos gegenüber.

Symptomatisch für die Kirchostrophe ist die Verleihung von allerlei kirchlichen Kunstpreisen, wie zuletzt der Preis der Diözese Graz Seckau an Lotte Lyon. Lyons Kunst ist minimalistisch, ihre Meisterschaft besteht darin, Juroren aller Jurien zu vereinnahmen. So erhielt sie 2007 den Kunstförderungspreis der Stadt Graz, ein Staatsstipendium für künstlerische Fotografie und den Kunstpreis der Diözese Graz-Seckau, 2006 den Preis der Steiermärkischen Bank & Sparkassen AG, weiters Arbeitsstipendien in Paris (1997, 2002), New York (2003) und Rom (2005). Lyon hat offenbar alle erdenklichen Preise und Fördermittel abonniert, Ausstellungen hat sie noch wenige gemacht.

Im Internet findet sich eine Info über Loyns Ausstellung in der Neuen Galerie Graz, 2004. Zentrales Objekt der Ausstellung waren zwei Plastikstühle, einer blau, der andere rot. Egon Kapellari schafft es in seinem Bischofswort zur Verleihung des Preises der Diözese am 3. Dezember 2007 die Künstlerin und ihr Werk mit keinem Wort zu erwähnen. Hätte Kapellari die Verleihung nicht nutzen können um uns zu sagen, was die Kirche im 21. Jahrhundert von der Kunst erwartet? Und was hat die Kirche heute über die Kunst zu sagen, oder was hat sie der Kunst zu sagen? Wie hätte er die beiden Plastikstühle von Lotte Lyon interpretieren können? Der Papst sitzt zwischen den Stühlen, der Heilige Stuhl in seiner Polarität zwischen heißer Wirklichkeit (rot) und kalter Dogmatik (blau), oder, besonders originell: der Kampf zwischen Himmel (blau) und Hölle (rot). Damit hätte er wenigstens der Minimal Art aus ihrer Isolation geholfen, wenn auch durch Dekonstruktion der von der Minimal Art selbst definierten Regeln und Verbote. Doch wozu soll sich denn ein Bischof inhaltlich auseinander setzen?

Die allgemeine Verwirrung darüber, was Kunst ist, was Kunst heute darf oder nicht darf, soll oder nicht soll, hat natürlich auch die Kirche in die völlige Desolation getrieben. Kein Bischof, ja nicht einmal der Papst, darf sich heute über einen Hohepriester der Kunst stellen, der da behauptet: „Im Falle der Kunst gibt es keine objektiv überprüfbaren Kriterien, mit deren Hilfe man die Qualität beurteilen könnte. Man kann nicht einmal objektiv sagen, ob ein bestimmter Gegenstand überhaupt Kunst ist oder nicht“ (Dieter Ronte). Dass die Kirche heute nicht mehr definiert, welche Kunst sie in ihren sakralen Räumen sehen will und welche Kunst sie dem entsprechen fordert und fördert, macht es auch unmöglich, einen Dialog mit der Kunst respektive den Künstlern zu führen. Über welche Position soll denn diskutiert werden, wenn sich niemand auf eine Position festlegt?

Das „Kunst ist nicht definierbar“-Axiom führt nicht nur zur Kirchostrophe, sondern zur Desolation der Kunst insgesamt. Jedes Reden über etwas, das nicht mehr definiert werden kann, ist nicht einmal ein Reden über Nichts, sondern einfach nichts, leeres Gewäsch, freies, assoziatives Plätschern von Worten und Wortfolgen, ohne Anspruch auf Allgemeingültigkeit; verpflichtet lediglich der absoluten Beliebigkeit, die so zum dogmatischen A priori des gesamten Kunst-Diskurses wird.

Eines ist sicher: zwei „verblüffend simple Objekte“, deren „Benutzbarkeit, Inhaltslosigkeit, industrielle Herstellung“ (Zitat Neue Galerie) sind nur deshalb, weil sie in einer Galerie von einer Künstlerin ausgestellt wurden, noch keine Kunst. Zwei Plastiksessel sind – egal mit welcher Intention und in welchem Raum – grundsätzlich keine Kunst. Zwei Plastiksessel, das ist ein Plastiksessel zuviel oder vielleicht ein Plastiksessel zu wenig. Zwei Plastiksessel sind Kunst, sind ein Gottesdienst, sind eine Demonstration, sind die Schwulen-Ehe, sind Adam und Eva, sind Elisabeth und Maria Stuart, sind alles und nichts. Nach diesem Schema der Beliebigkeit kann ich als Künstler heute alles zur Kunst erklären. Ich setze mich ins Auto und fahre nach Graz. Meine Fahrt nach Graz ist Kunst. Der Stau bei der Ausfahrt von Wien – Kunst. Die Zufahrt zur Südautobahn – Kunst. Die Schallschutzwände – Kunst. Die Umleitung auf die Gegenfahrbahn mit den vielen blinkenden Lichtern – Kunst. Die Baustelle am Wechsel – der Höhepunkt des Kunstgenusses: Diese unglaublich präzis geplante Choreographie im Zusammenspiel von Kran, Bagger und Bauarbeitern, und die Ästhetik, wie der Schotter vom Kipper auf die Trasse fließt…. Die Verkehrsberuhigungsanlage bei Gleisdorf – Kunst. Die Einfahrt nach Graz – Kunst.

Dass alle kirchlichen Preise in den vergangen Jahren und Jahrzehnten ausschließlich an nicht-christliche Künstler verliehen wurden, kann nicht als Zeichen eines liberalen, offenen Dialogs der Kirche mit der Kunst gewertet werden, sondern nur als Zeichen der Orientierungslosigkeit der Kirche, die mittlerweile in die Kirchostrophe gemündet ist. Das ist so, als würde die Kirche bekennende Atheisten zu Theologen promovieren und zu Priestern weihen. Eine Utopie? Wahrscheinlich schon Realität. Hauptsache es sind Männer, die die kirchliche Hierarchie aufrecht erhalten, da reicht es wohl, dass sie ihr Interesse an der Theologie bekundet haben und wenigstens an irgendwas glauben, sei es an Gott, oder sei es an Nichtgott. Viel schlimmer wäre da schon, wenn verheiratete Männer, geschweige denn fromme Frauen den Gottesdienst ausführen würden. Das wäre der sichere Untergang des Kirchensystems, wie es heute besteht. Da sind der Kirche die Priester-Päderasten schon lieber, die mit dem Zölibat nicht anders fertig werden als ihre Sexualität bei Jungschar und Firmlingen auszutoben. Haben wir doch Jahrhunderte bei den Exzessen der Päpste und Bischöfe weggeschaut, wollen wir heute beim kleinen Priesterfußvolk nicht so streng sein.

Jahrhunderte hat die Kirche bei all ihren Verfehlungen doch auch nach Höherem gestrebt und dieses Streben künstlerisch untermauert. Heute strebt die Kirche nur noch danach, den Schein zu wahren, doch der Schein trügt, aber das weiß heute jedes Kind bereits bei der Erstkommunion.

Die Kunst ist ein Fußball

Um:Druck März 2008

Die wichtigsten Zeitungen des Landes stimmen ihre Leser und -innen bereits auf das und oder den Event des Jahres ein und zählen in jeder Ausgabe die noch verbleibenden Tage bis zum Anpfiff der EM. [Update Juni/Juli 2026, Einspielung des Artikels auf ethos.at: WM in den USA] Höchste Zeit also zu reflektieren, was Fußball und Kunst gemeinsam haben. Oftmals wird ja von Fans, die in den höchsten Tönen von ihrem Lieblingssport schwärmen, behauptet, dass es sich bei Fußball um eine Kunst handle. Noch nie aber hat jemand behauptet, dass es sich bei Kunst um einen Fußball handelt. Noch nie, bis zum heutigen Tag. So sei diese Kolumne diesmal der Beweisführung gewidmet, dass die Kunst ein Fußball ist.

Prämisse 1

Was ist Kunst? Eine fundamentale Frage, die das Wesen dieses sich laufend neu definierenden Phänomens zu ergründen sucht und gleichzeitig in Frage stellt. Was ist Fußball? Eine blöde Frage, wenn nicht sogar eine saublöde Frage. Niemand würde auf die Idee kommen, so eine Frage ernsthaft zu stellen. Doch wenn die österreichische Mannschaft aufs Feld läuft fragen sich viele: ist das noch Fußball? Deshalb hier eine sachliche Antwort.

Wenn zwei Mannschaften mit je 11 Personen auf eine Lederwuchtel (heute meist aus Kunststoff) eintreten und versuchen, diese möglichst oft über ein rechteckiges Rasenfeld in das gegenüberliegende Tor zu befördern, dann spricht man landläufig von Fußball und meint das Fußballspiel. “Die reguläre Spielzeit beträgt 2×45 Minuten, die Pause zwischen beiden Halbzeiten maximal 15 Minuten. Nach der Halbzeit werden die Spielfeldseiten gewechselt. Geleitet wird ein Spiel von einem Schiedsrichter und zwei Schiedsrichterassistenten. Der Ball darf mit allen Körperteilen außer Hand (gesamter Arm) gespielt werden. Nur der Torhüter kann innerhalb seines Strafraumes den Ball auch mit den Händen aufnehmen”, so der Brockhaus in bewährt trockener Manier über die Regeln des Spiels.

Könnte Fußball in einer idealen Welt ohne Schiedsrichter auskommen? Alle Spieler wären Ritter der Fairness und die Mannschaften ließen sich gegenseitig den Vortritt beim Sturm auf das gegnerische Tor. Die Stadien wären wohl bald leer – und wäre Fußball ohne die schreienden und tobenden Fans noch Fußball? Wäre Fußball ohne die permanenten, absichtlichen und unabsichtlichen Regelverstöße noch Fußball? Nein. Erst Regelverstöße machen Fußball zum Fußball. Ohne Regelverstöße wäre Fußball bestenfalls eine Ballett-Einlage auf dem Opernball.

Prämisse 2

Fußball ist ein Spiel, und bleibt für viele ein ewiger Traum: die Kids, die von einem Leben mit dem runden Leder träumen, die Kicker in der Regionalliga, die vom Aufstieg träumen, die Spieler in der Oberliga, die von der internationalen Karriere träumen, die Spieler in den internationalen Spitzenclubs, die von einem Wohnsitz in Monaco träumen. Fußball ist ein Spiel, und bedeutet doch für viele das wirkliche Leben: gesicherte Jobs für Platzwarte und Rasenmäher, lohnende Nebeneinkünfte für Funktionäre, erkleckliche Summen für die Werbewirtschaft, ganz passable Einkommen für die Mitläufer auf dem Mittelfeld und Spitzengagen für wenige Stars.

Kunst ist ein ewiger Traum und bleibt doch für viele nur ein Spiel: als Zeitvertreib der Mali-Tant, als Egotrip von Kunststudenten, als „Arc de Triomphe“ aus Gelatine oder als Osterhase von Jeff Koons. Kunst ist das wirkliche Leben und bleibt doch für viele nur ein ewiger Traum: ein regelmäßiges Einkommen, staatliche Sozialversicherung, Anerkennung bei Kunskritikern, Galeristen, Museumsdirektoren und dem Rest der meinungsbildenden Öffentlichkeit.

Conclusio

Fußball ist im Gegensatz zur Kunst so reglementiert wie Rettung und Feuerwehr. Fußball ist im Gegensatz zur Kunst ein Spiel, dessen Regeln jeder aktive und passive Teilnehmer kennt und ernst nimmt. Jeder aktive und passive Fußballer weiß, was Fußball ist und kennt die Qualitätsunterschiede von Fußball in der Regionalliga und in der Champions League. Dasselbe gilt im Umkehrschluss für die Kunst nicht! Die Kunst des 21. Jahrhunderts kennt keine Regeln. Sogar die Insider der Kunst behaupten, es gebe keine allgemein gültigen Kriterien dafür, ob etwas Kunst sei oder nicht. Damit ist auch das, was über Jahrhunderte für Fortschritte in der Kunst gesorgt hat, nämlich der subtile Regelverstoß, heute nicht mehr möglich und Kunst zum Stillstand verurteilt.

Dies ist die unzureichende Begründung für die These, dass (zeitgenössische) Kunst ein Fußball ist. Allerdings ein Fußball, der sich außerhalb des Spielfelds befindet, aufbewahrt in einer Glasvitrine im Museum für zeitgenössische Kunst.