Kunstszene und Um:Druck 2007

12 Anmerkungen zum Kunstjahr 2007

Um:Druck Dezember 2007

Jänner. Besuch der London Art Fair. Mehr als 100 Londoner Galerien zeigen die gefragtesten Künstler, die das Empire nach der Geburt der Young British Artists (is a show 15 your hair) aufzubieten hat. Unter ihnen Beryl Cook mit „Granny and her Pet Mouse“. Das naive Bild sieht genau so aus wie es heißt. Das ca. 70×80 cm große Kunstwerk wird von der ausstellenden Galerie mit 38.000 Pfund taxiert. Von der Galeristin erfahre ich, dass es sich um eine der berühmtesten Künstlerinnen des Landes handelt. Meine naive Frage, warum sie dann im Rest Europas völlig unbekannt sei, beantwortet die Galeristin in aller Offenheit: „Art does not travel.“

Feburar. Die Kunst bleibt, wo sie ist, wir reisen weiter. Zur ART in Innsbruck. Die gefragteste Kunstkritikerin im Heiligen Land Tirol meint, “der Großteil von dem, was hier als Kunst verkauft wird, ist nicht die Farbe wert, mit der sie gemalt wurde.” Offenbar hat sie die London Art Fair nicht besucht.

März. Das Stadtmuseum Bad Ischl eröffnet GENESIS, eine exhibition in progress vom gefragtesten Kurator zwischen Grundlsee und Traunsee. 

April, 15th. Der Todestag von Robert Musil jährt sich zum 65sten Mal. Ich besuche eine der gefragtesten Sammlerinnen von Miami, Rosa de la Cruz. Während die Galerien in Miami fast ausschließlich lateinamerikanische Künstler präsentieren, die aber alle in bisserl pop-artig angehaucht sind, gibt sich die Sammlung de la Cruz internationalistisch. Sigmar Polke, John Bock, Jonathan Meese, Martin Kippenberger sind ein paar Namen, die sich die Sammlerin in Europa für gutes Geld eingekauft hat. Rosa de la Cruz führt persönlich durch ihre Schätze und verrät dabei, was sie unter „experimentell“ und „intellektuell“ versteht.

Mai. Der Kunstmarkt boomt. „US-Verbrechen im Irak: Neue Folterbilder schocken die Welt“ so ein Aufmacher der „Kronenzeitung“. Und darunter ein Foto von Picassos „Knabe mit Pfeife“ und die etwas kleinere Headline: „105 Millionen $ für einen Picasso“. Das war am 7. Mai 2004. Drei Jahre später: „Die gestrige Frühjahrsauktion bei Sotheby’s brach alle Rekorde. Insgesamt kam in New York Kunst für 255 Millionen Dollar unter den Hammer. Die Käufer: Die neuen Mega-Reichen aus den USA, Europa, Russland und China“, berichtet „Der Spiegel“ am 16. Mai 2007. Nebenbei wurde bei dieser Auktion Mark Rothkos „White Center“ zum „wertvollsten Stück Nachkriegskunst der Auktionsgeschichte“. Wie lange hälte der Boom noch an? Können die gefragtesten Bilder der gefragtesten Künstler dieser Welt noch teurer werden?

Juni. Die gefragteste Weltstadt eröffnet das Museum auf Abruf (MUSA). Das MUSA umfasst rund 16.500 Objekte sämtlicher Kunstsparten von etwa 3.000 KünstlerInnen und bietet somit einen Querschnitt durch die Wiener Kunstentwicklung der letzten Jahrzehnte. Das ist gut und schön. Teil des MUSA ist die Artothek, die für 2,50 Euro pro Monat Bilder verleiht. Das ist weniger gut, und vor allem unschön gegenüber kommerziellen Galerien, die Kunst verkaufen wollen. Wie die IG Galerien bereits 2002 festgestellt hat: Wenn eine Artothek öffentliches Eigentum privatwirtschaftlich nutzbar macht, so ist das so sinnvoll, wie die bundeseigenen Aktien der Telekom-Austria an Liebhaber zu entlehnen. Kein Mensch würde glauben, damit den Aktienmarkt zu beleben.

Juli. Die gefragteste Kulturministerin Österreichs ernennt Lilli Hollein zur Kommissärin für den österreichischen Beitrag zur 7. Internationalen Biennale für Architektur in Sao Paulo. „Der Standard“ lässt in seinem Kurzbericht (am 25.7.) nicht unerwähnt, dass es sich um die Tochter des Architekten Hans Hollein handelt. Es sei hier nicht in Zweifel gezogen, dass Lilli für diesen Job qualifiziert ist – dies ist ja wohl von genetischer Evidenz! Aber ist es wirklich so, dass in ganz Österreich außerhalb der Familie Hollein keine Kunst-Kommissäre zu finden sind? (Schlag nach in „Kunsthefte“ vom Juni 2005).

August. „Subprime-Krise“ wird zum gefragtesten Wort des Monats. Sieben Jahre nach der Internetblase platzt die amerikanische Hypothekenkreditblase. Und es ist nicht zu glauben: So gut wie alle europäischen Topbanken, bei denen jeder einfache Schuldner seine Großmutter (oder wenigstens deren Sparbücher) verpfänden muss, wenn er mal 1.000 Euro braucht, haben sich Milliarden dieser windigen Kredite andrehen lassen – und schreiben sie jetzt husch husch ab. „Vorsorge treffen“ heißt das in der Bilanzbuchhaltung. Was das mit Kunst zu tun hat? Na, wenn das keine Kunst ist!

September. Ein Aufenthalt in Moskau darf nicht ohne Besuch des gefragtesten russischen Museums, der Tretjakow-Galerie, vorübergehen. Hier findet sich ein Kunstwerk, das im Zentrum jeder Pilgerreise durch die Kunstgeschichte stehen sollte. Es stammt nicht von Malewitsch, nicht von Chagall und auch nicht von Kandinsky, um die paar Russen zu erwähnen, die auch der typische eurozentrierte Kunsthistoriker (ich bin nicht würdig, dass du einkehrst unter mein Dach) kennt. Das Werk, das ich meine, stammt von dem 1894 verstorbenen Nikolaj Ghe. Das Bild aus dem Jahr 1893 heißt „Golgotha“ und enthält inhaltlich, formal, stilistisch und technisch bereits alles, was in der Malerei des 20. Jahrhunderts erst viel später zu sehen war. Ghe hin in Frieden!

Oktober. Sigita Daugule , wohl eine der gefragtesten lettischen Künstlerinnen Lettlands, besucht Wien. Igor Leontjew, wohl einer der gefragtesten russischen Künstler Lettlands, wollte Wien besuchen, muss sich aber statt dessen acht Stunden lang unter das Messer eines Chirurgen legen.

November. „1.760.000.000. Diese fast unvorstellbare Summe wurde innerhalb von 10(!) Tagen in New York für Kunst ausgegeben“, schreibt das artmagazine.cc in seinem Newsletter am 19.11. Die gefragtesten Fragen, die wir im Mai noch nicht beantworten konnten, scheinen sich nun selbst zu beantworten.

Dezember. In guter Tradition bringen die gefragtesten Kunstmagazine Rückblicke über die gefragtesten Künstler, die gefragtesten Ausstellungen, die gefragtesten Sammler und die gefragtesten Kunstmessen des Jahres. Was nun war im Kunstjahr 2007 wirklich gefragt, gefragter, am gefragtesten? Geantwortet, geantworteter, am geantwortetsten!

12 Anmerkungen zur documenta 12

UPDATE JUNI 2017: Kurzer Kommentar auf fischundfleisch.com: „Die documenta in Kassel, die „wichtigste und größte Weltkunstschau“ macht dieser Tage wieder Schlagzeilen – doch hier auf fuf interessiert das offensichtlich niemanden! Und sogar mir fällt dazu nichts mehr ein. Alles was ich zur documenta zu sagen habe, hab ich schon vor zehn Jahren publiziert. Wie ich gerade selbstgefällig bemerken muss: immer noch aktuell…“ Siehe dazu Meinungen der fuf-Community

Hubert Thurnhofer in UM:Druck, September 2007

(1) Bei aller künstlichen Bescheidenheit der Kuratoren, die keine „Weltausstellung“ machen wollten, ist die documenta – so wie immer – natürlich ein Maßstab für das zeitgenössische Kunstgeschehen. Die documenta setzt Maßstäbe in Bezug auf die Medienlawine, die sie lostritt und die daraus folgenden Besuchermassen, die sie anzieht. Aber setzt sie auch Maßstäbe im Bereich der Kunst? Auch wenn documenta-12-Chef Roger Buergel behauptet, es gehe ihm nicht um die Frage, ob etwas (das er ausstellt) Kunst sei – so ist die documenta auf Grund ihrer geschichtlichen Entwicklung sehr wohl der Maßstab für zeitgenössische Kunst, egal was ihr jeweiliger Leiter für Intentionen verfolgt.

(2) Buergel: „In der Regel haben Ausstellungen ein Thema, oder sie gelten einer Künstlerpersönlichkeit, einer Epoche, einem Phänomen. Die Formlosigkeit der documenta verbietet einen solchen Zugang.“ (Katalog S. 11) Waren da nicht irgendwann drei Leitsätze, die den documenta-Teilnehmern als Basis ihrer Arbeiten dienen sollten? Offenbar waren diese Leitsätze so bedeutungslos, so beliebig, dass sie im Katalog gar nicht mehr aufscheinen. Tatsächlich wäre das Ergebnis der Ausstellung das selbe gewesen, hätte Buergel „Knuttenforz und Pubarschknall“ ((C) Brauhaus Lüdde aus Quedlinburg) als Losung ausgegeben.

(3) Die verpönte, aber berechtigte Frage „Ist das Kunst?“ ist auf der d12 weniger virulent als auf früheren documentas. Offenbar hat sich das Publikum daran gewöhnt, alles was den Stempel „documenta“ trägt als Kunst hinzunehmen. Ein Mohnfeld (laut Katalog „eine transitorische Performance der Natur“ von Sanja Ivekovic, S. 260) ist keine Kunst, auch wenn es mitten in Kassel, auch wenn es auf dem geschichtsträchtigen Friedrichsplatz angebaut wurde. Der Katalog spannt den Bogen der Interpretation von der Antike bis zur Gegenwart. Trotzdem: Ein Mohnfeld ist ein Mohnfeld, auch wenn zwei Mal täglich „revoloutionäre Lieder afghanischer Frauen“ (S. 260) das Feld beschallen.

(4) Wo sind 1001 Chinesen geblieben? Der Katalog verät: Sie waren nur von 12. Juni bis 9. Juli (in fünf Etappen) in Kassel. Und weiter: „Die Konfrontation der chinesischen Gäste mit der internationalen Kunstwelt stellt die denkbar günstigste Konstellation dar, um individuelles Bewusstsein für globale Zusammenhänge und kulturelle Identitäten herauszubilden.“ (S. 208) Tja, ob die Chinesen, die laut Katalog keine Fremdsprache beherrschen, ausgerechnet über die Sprache der zeitgenössichen Kunst Verständnis für den Teil der Welt entwickeln, in dem sich Kassel befindet? Diese Inszenierung von Ai Weiwei war überflüssig. Der Künstler und Architekt zeichnet auch verantwortlich für die Freiluftinstallation aus Holztüren und Fenstern der Ming und Qing Dynastie. Verantwortlich für die feierlichen Eröffnungsreden unter dieser Installation zeichnen die Organisatoren der d12. Verantwortlich für den Einsturz dieser Installation war der Wind. Verantwortlich für die Bewahrung der Ruine zeichnet Weiwei. Damit ist dies wohl das einzige Objekt der d12, das auf das Leitthema „Ist die Moderne unsere Antike?“ eingeht.

(5) Gerhard Richter – eine einzige Arbeit im Format 30×40 cm – der Alibi-Promi unter den vielen (in Europa) unbekannten Künstlern? Im Übrigen darf Malerei gezeigt werden, wenn sie schiach ist. Und wenn sie unterstützt wird von / with the support of The Bureau of Educational and Cultural Affairs of the U.S. Department of State. Angesichts der spärlichen Infos über die Künstler, deren Herkunft und Wirkungsstätte, stellt sich die Frage, warum gerade die Hinweise auf leihgebende Galerien, „Courtesy“ und Sammler so wichtig sind. Die Malerei mit der Konzeptkeule umzudeuten, darf auf der documenta auch diesmal nicht fehlen: „Malerei ist als technisch-historischer Apparat der Bilderzeugung anzusehen, dessen Geschichte revidiert und dessen Praxis nach heutigen Anforderungen ausgelegt werden musste, damit er über subjektives Tun und/oder Gefallen hinaus Mehrwert produziert.“ (S. 216)

(6) Auch der Fotografie und Grafik wird viel Platz eingeräumt. Allerdings wird die Fotografie zu stark auf das Genre Dokumentarfoto reduziert. Was sagen uns diese Fotos auf der documenta, was sie uns nicht längst in alle Zeitungen berichtet haben? Ausnahmen sind die surreal-bösen Foto-Collagen von Ines Doujak und der architektonische Aufbau der Bildgeschichten von Zofia Kulik. Überzeugend die großformatigen Kreidezeichnungen auf dunkelbraunen Paneelen von Jürgen Stollhans und die großformatigen Aquarelle von Atul Dodiya.

(7) Die meisten Künstler sind in den Ausstellungshallen Fridericianum, documenta-Halle, Aue Pavillon und Neue Galerie mehrfach präsent. Aufgrund der jeweiligen Architektur ist das möglich. Wenn die Werke auch kaum (nicht einmal formlos) miteinander korrespondieren, so leben sie wenigstens ganz gut nebeneinander. Zum Desaster wird die „Ästhetik der Formlosigkeit“ allerdings in der documenta-Halle, die aufgrund ihrer Höhe und ihres langgestreckten Grundrisses eine sehr gut geplante Gestaltung brauchen würde. Jeder Schaufenster-Dekorateur hätte diesen Raum besser gestaltet.

(8) Über den Starkoch Ferran Adria ist im Katalog nachzulesen: „Seine Kreationen sind gekennzeichnet durch eine dekonstruierende Herangehensweise an gewohnte Speise-, Geschmacks- und Esserfahrungen.“ (S. 330) Gerne hätte ich mir sein 40-Gänge-Menü rein gezogen, doch das Zeitbudget eines documenta-Tags erlaubt nur Zwischenstopps bei einer Würstelbude. Der daraus resultierende Fettfleck auf meinem Sakko ist die Rache der Bratwurst am Versuch meine Speisegewohnheiten zu dekonstruieren.

(9) Das herausragende Kunstwerk der d12 ist die Inszenierung der Masse. Das am häufigsten in Szene gesetzte Objekt ist die Digicamera. Die wichtigste Aktion ist das Knipsen – aber bitte ohne Blitz! Warum wälzt sich die Masse zur Documenta wie auf das Oktoberfest? Wiederhole diese Frage zehn Mal, so findest Du die Antwort. Buergel. „… weil Menschen mit radikaler Formlosigkeit schlecht umgehen können.“ (S. 11)

(10) Der Wunsch, nichts zu übersehen, führt dazu, mit schnellen Blicken alles zu übersehen. Das Paradoxon einer derartigen Großausstellung: Man kann nichts betrachten, ohne dass sich andere Besucher als Blickfänger dazwischen schieben. Der Anspruch Kunst zu erleben, kann hier nicht eingelöst werden.

(11) Zur Halbzeit verbuchte die d12 rund 330.000 Besucher, 16.000 mehr als die vorige. Quantität schlägt um in Qualität. „Die Besucher nehmen die Ausstellung an, das beweisen ja auch die Besucherzahlen“, so Buergel laut dpa. Die Qualität der Ausstellung definiert sich durch die Quantität der Besucher. Vordergründige marxistische Dialektik wird immer dann aus der Schublade geholt, wenn andere Qualitätskriterien fehlen.

(12) Kunst soll die Phantasie anregen, in den Worten Buergels: „die Ausstellung als Medium kann hoffen, das Publikum in ihr kompositorisches Tun einzubeziehen“ (S. 12). So stelle ich mir vor, wie ein documenta-Chinese dem österreichischen Innenminister die Menschenrechte erklärt; wie der Bundeskanzler zur Nachspeise eines 40-Gänge-Menüs die Adria austrinkt; wie der Landwirtschaftsminister zum obersten Richter über den gentechnikfreien Kunstanbau wird und wie der Wirtschaftsminister den Wind rädert, um Strom zu ernten.

Siehe auch: Dia-Show zur documenta 12

Wann ist Politik Politik?

UM:Druck, Juni 2007

Nun ist diese Regierung auch schon fast ein halbes Jahr alt und die schlimmsten Erwartungen haben sich nur deshalb nicht erfüllt, weil wir jegliche Erwartung bereits vor der Angelobung dieser Regierung als unzeitgemäße demokratiepolitische Kategorie beerdigt haben. Wir leben nämlich nicht in einer Zeit, in der Parteien ihr Wahlvolk mit Zukunftsvisionen mobilisieren und so unvorsichtiger Weise Erwartungen wecken, die eventuell nicht erfüllt werden könnten. Wir leben vielmehr in einer Zeit, in der Vision durch Feasibility ersetzt wurde. Die Frage der Machbarkeit prägt den heutigen Pragmatismus, und da darf man sich keine großen Sprünge erwarten, denn der politische Fortschritt ist immer nur so groß wie das kleinste gemeinsame Vielfache der zwei Regierungsparteien dividiert durch die Anzahl ihrer Wählerstimmen.

Dem entsprechend konnten nur weltfremde Idealisten glauben, dass die von der SPÖ vor der Wahl proklamierte Steigerung des Kulturbudgets um 200 Millionen Euro als kulturpolitische Vision gemeint war. Es war lediglich ein Wahlzuckerl, an dem alle Kulturschaffenden lutschen durften. Doch wer ein Zuckerl lutscht darf sich nicht wundern, wenn es kleiner wird. Das gilt auch für Wahlzuckerl. So wurden aus den 200 Millionen 22,5 Millionen für das aktuelle Doppelbudget und der Traum vom schnellen Geldregen für die Kultur wurde feasibilisiert auf 20 Jahre – hat ja keiner gesagt, dass wir diese Summe sofort bekommen, oder?

Nun haben wir aber wenigstens eine Kulturministerin, die sich als ehemaliges Vorstandsmitglied der Kommunalkredit aufs Rechnen versteht. “Angesichts der nur minimalen Budgetsteigerungen will SP-Unterrichtsministerin Claudia Schmied Zuwendungen zum Kunst- und Kulturbereich durch Steuerbegünstigungen attraktiv machen. Derzeit würden Konzepte erarbeitet. So könnte z. B. der Paragraf 18 des Einkommenssteuergesetzes, wonach Ausgaben für wissenschaftliche Einrichtungen als Betriebsausgaben abgesetzt werden können, auch auf Kunst und Kultur ausgedehnt werden. Schmied schwebt eine Umsetzung im Rahmen der geplanten Steuerreform 2009 vor“, berichtet Der Standard am 2.4.2007. Und zwei Wochen später “beteuerte Bildungsministerin Claudia Schmied (SPÖ), dass es ihr Ziel sei, die Kulturausgaben auf ein Prozent des Bruttoinlandprodukts zu vergrößern. Da gegenwärtig nur „etwa 0,6 Prozent des BIP“ in die Kunst und Kultur flößen, strebt Schmied also eine Budgetsteigerung bis 2011 um 66,6 Prozent an“, so Der Standard am 14./15.4.2007.

Noch am 6. März hatte Schmied auf die Frage, wie sie zur Absetzbarkeit von Sponsoring oder Kunstankäufen stehe, in einem Standard-Interview gesagt: “Das ist eine lange Diskussion. Und ein heikles Thema. Wann ist ein Kunstwerk ein Kunstwerk? Das halte ich für schwierig in der Umsetzung. Denn das sehen wir ja auch bei der Künstlersozialversicherung: Wann ist ein Künstler ein Künstler, um Anspruch zu haben?“ 175 Postings im Online-Standard beweisen, dass die neue Kunstministerin imstande ist Emotionen zu wecken. Aber darf eine Minsiterin diese Fragen stellen? Oder muss sie diese Grundsatzfragen sogar stellen? Ist die Frage “Was ist Kunst?“ eine Frage, die im politischen Diskurs auf parlamentarischer oder auf ministerieller Ebene entschieden werden darf oder sogar entschieden werden muss?

Wenn der Staat Kunstförderung vorsieht und folglich Nicht-Kunst nicht fördert, so ist die Frage, “Was ist Kunst?“ natürlich eine politische Frage und von den politischen Organen zu beantworten. Der Ministerin ist es zu danken, dass sie diese Diskussion angefacht hat, ohne sich der Tragweite der Fragestellung bewusst zu sein. Bleibt abzuwarten, ob die Diskussion weiterhin nur in Online-Foren geführt wird, oder auch von den politischen Institutionen aufgegriffen wird. Bisher hat man sich um die Beantwortung dieser Frage jedenfalls hinweggesetzt, indem Mittel für “staatstragende“ Institutionen wie Theater und Museen außer Diskussion gestellt wurden und die Peanuts für den Rest der Kulturwelt von politisch “berufenen“, aber politisch nicht weiter legitimierten Beiräten verteilt wurden. Im profil vom 23.4. 2007 sagt Schmied: “Ich möchte die Förderabwicklung aber in der Tat mit noch mehr Transparenz versehen und die Kommunikation mit den Antragstellern verbessern.“ Das ist lobenswert, aber es wird nicht reichen. Denn vor allem die Kommunikation mit den abgelehnten Antragstellern (in Form einer Begründung der Ablehung) hat ja bislang überhaupt nicht stattgefunden mangels verbindlicher politischer Definitionen von (zu fördender) Kunst und (nicht geförderter) Nicht-Kunst.

Die Frage “Was ist Kunst?“ wäre allerdings völlig unerheblich, wenn der Staat Kunstankäufe steuerlich fördern würde. Das Steuergesetz beantwortet auch nicht die Fragen “Was ist eine Banane?“ oder “Was ist eine Beratung?“ Es regelt aber sehr genau, wie Geldflüsse zu versteuern sind, wenn Bananen oder Beratungen in den Wirtschaftskreislauf gelangen. Und warum muss das ausgerechnet bei der Kunst anders sein? Warum kann Kunst nicht gleich behandelt werden wie jede Banane? Es liegt wohl daran, dass die Politiker aller Coleurs vergessen haben, dass “Steuer“ nicht von “Geld eintreiben“ kommt, sondern von “steuern“. Mit Steuern kann man das (Kauf-)Verhalten steuern. Dabei geht es gar nicht um steuerliche “Begünstigung“ von Kunst, sondern um die längst fällige steuerliche Gleichbehandlung mit Bananen und allen anderen Wirtschaftsgütern.

Somit steht jede Regierung vor der Entscheidung, ob sie ihre Aufgabe darin sieht, selbst zu definieren was Kunst ist, und diese Definitionsmacht über (wachsende) Fördertöpfe zu festigen, oder ob sie ihren mündigen Bürgern überlässt zu entscheiden, was Kunst ist, indem sie seine Entscheidung für eine bestimmte Kunst in seiner Steuererklärung anerkennt. Aber solange bei Steuerreformen immer nur über die Frage gestritten wird, welche Klientel welcher Partei wieviel mehr oder weniger zahlen soll, solange bleiben folgende Fragen unbeantwortet: Wann ist Politik Politik? Und wann sind Politiker Politiker?

ART Innsbruck: Schlockers Antwort

 22. Februar 2007 – thurnhofer.cc war in diesem Jahr auf der ART Innsbruck mit folgenden Künstlern vertreten: Alfred BIBER, Marina JANULAJTITE, Tonia KOS, Igor LEONTJEW, Gerry MAYER, Erika SEYWALD und Eef ZIPPER. Stand C/05. Die Messe eröffnet am Mittwoch, den 14. Feburar und läuft von 15. bis 18. Feburar. Detail siehe Bericht auf kunstmarkt.com

Über die ART schreibt die Redakteurin der Tiroler Tageszeitung, Edith Schlocker: “Der Großteil von dem, was hier als Kunst verkauft wird, ist nicht die Farbe wert, mit der sie gemalt wurde.“

In einem Leserbrief an die TT habe ich am 17.2. 07 folgendes angemerkt:

E.S. ist sicher die wichtigste Kritikerin im heiligen Land Tirol, wenn ihr die TT uneingeschränkt zugesteht mit jährlicher Regelmäßigkeit den größten Schwachsinn über die ART Innsbruck zu verbreiten. Mit ihren Pauschalurteilen disqualifiziert sie sich jedoch selbst als Trittbrettfahrerin, die den Titel “Kritikerin“ nicht verdient. Kritiker sollten nämlich imstande sein, sich eine eigene Meinung zu bilden, anstatt das nachzubeten, was nationale und internationale Kritikergrößen bereits hochgejubelt haben. Und Kritiker sollten vor allem imstande sein, ihre Meinung und Urteile zu argumentieren und zu begründen. Wer wie E.S. behauptet, dass ein “Großteil“ der Kunst auf der ART “nicht die Farbe wert ist, mit der sie gemalt wurde“, der hat die Werke auf dieser Kunstmesse offensichtlich mit seinen Hühneraugen besichtigt und nicht gesehen, was wirklich gespielt wird. Und wer so aburteilt statt zu urteilen hat offenbar keinen blassen Schimmer, was derzeit in London, Köln oder New York läuft.

Dr. Edith Schlocker antwortet darauf am 18.2.07

Sehr geehrter Herr Thurnhofer,

Ihr Beschwerdebrief bezüglich meiner Berichterstattung über die Innsbrucker ART in der Tiroler Tageszeitung ist zwar auf einem Niveau, dass ich ihn am liebsten ignorieren würde. Aber einiges würde ich doch gern dazu sagen. Wenn Sie den Großteil der bei der ART präsentierten Arbeiten für gut halten, dann haben Sie offensichtlich einen anderen Kunstbegriff als ich. Ihre Verdächtigungen zu kommentieren, ist mir zu tief. Aber daran, dass wir in einem Land leben, in dem als eine der großen Errungenschaften der Demokratie Pressefreiheit herrscht, möchte ich Sie schon erinnern.

Mit freundlichen Grüßen

Edith Schlocker

Meine Antwort vom 19.2.07

Sehr geehrte Frau Schlocker,

ich danke für Ihre Antwort. Tatsächlich halte ich einen Großteil der auf der ART Innsbruck gezeigten Arbeiten für gut und in der Qualität vergleichbar mit anderen Messen, die ich selbst in den vergangenen Jahren besucht habe, zuletzt die London Art Fair im Januar 2007.

Ihre pauschale Verurteilung ist in Wahrheit mit einem “anderen Kunstbegriff“ nicht argumentierbar. Natürlich gibt es einzelne Arbeiten auf der ART Innsbruck, die schlecht sind, so wie es einzelne hervorragende Arbeiten gibt, die sich positiv abheben. Als Aufgabe einer seriösen Kritik würde ich es sehen, das eine wie das andere exemplarisch herauszugreifen und zu begründen. Ihre METHODE besteht jedoch seit Jahren darin, ein paar arrivierte Namen (bei denen man immer auf der sicheren Seite ist) postiv zu erwähnen und den Rest (bzw. mit Ihren Worten: “Der Großteil von dem, was hier als Kunst verkauft wird…“) pauschal abzuurteilen. Mit Demokratie und Pressefreiheit hat das nichts zu tun, sondern mit Seriösität in der Auseinandersetzung mit Kunst, Galerien und Künstlern. Aber offensichtlich hab ich einen anderen Begriff von Kritik.

Ich stehe bei der nächsten ART gerne für einen gemeinsamen Rundgang bereit, wenn Sie meine Argumente für die einen und gegen die anderen Kunstwerke im Detail interessieren.

Mit besten Grüßen

Hubert Thurnhofer