Kunstszene und Um:Druck 2011

Rekordverdächtige Vorurteile

UM:Druck 1/2011

Fast zeitgleich haben Die Presse und das WirtschaftsBlatt Ende November den Kunstmarkt unter die Lupe genommen. Die Presse-Redakteurin Barbara Petsch serviert uns am 21.11.2010 unter dem etwas zu reißerisch geratenen Lead „Ein Auktionsrekord jagt den anderen“ viele aufgewärmte Klischees: „Bedenkt man, dass jüngst ein Jackson Pollock für 140 Mio. Dollar verkauft wurde, wirken die Preise heimischer Künstler mager.“ Konkret bezieht sich Petsch auf jüngste Auktionsergebnisse: „Nicht einmal Spitzen-Künstler wie Arnulf Rainer oder Maria Lassnig erzielten Rekorde.“ Abgesehen von der falschen Prämisse, dass es EINEN homogenen Kunstmarkt gibt in dem nur Rekorde zählen, vergleicht die Redakteurin hier Trüffel mit Eierschwammerl. Die Aussage ist vergleichbar mit der Feststellung: Im Vergleich zum Börsenwert von Google ist der Wert von diepresse.com sehr mikrig. Zweifelsfrei richtig. Aber wer würde jemals google.com mit diepresse.com vergleichen?

Michaela Lexa schreibt im WirtschaftsBlatt (25.11.2010), „Kleinanleger, die vom wieder erstarkten Kunstmarkt profitieren wollen, haben nicht viele Möglichkeiten“. Sie stellt diese Meinung als Tatsache in den Raum. Gemäß der hier zitierten Zahlen beliefen sich die Auktionsumsätze im Jahr 2009 auf knapp fünf Mrd Dollar, während der Gesamtmarkt auf „31,3 Milliarden € gesunken ist“ also auf ca 41 Mrd. Dollar. Das heißt, der Auktionsmarkt beträgt etwa 12 Prozent vom Gesamtmarkt. Der WiBl-Artikel vermittelt leider eine Verfälschung der Tatsachen, so als wäre Investment nur in dem Kunstsegment möglich, das über die Auktionshäuser gehandelt wird.

Wenn man Anlagemöglichkeiten für Kleinanleger sucht bzw. beurteilt, dann muss man allerdings den Gesamtmarkt betrachten. Tatsache ist, dass es sehr, sehr viele Nischen gibt, wo man für relativ wenig Geld eine solide Kunstsammlung mit nachhaltiger Wertsteigerung aufbauen kann. Das beginnt bei signierten Kunstkatalogen, geht über das breite Feld der Grafik und Druckgrafik und reicht bis zur gezielten Auswahl unterbewerteter Künstler. Der Markt ist voll davon, nur die Medien berichten ausschließlich über Sensationsergebnisse wie Picasso & Co und erzeugen so beim Leser den Eindruck, als würde „DER“ Kunstmarkt nur aus dem Spitzensegment bestehen – aus den immer gleichen 100 Namen.

Wenns denn überhaupt 100 Namen sind. In einem Interview, das Albertina-Direktor Klaus Albrecht Schröder dem Wirtschaftsmagazin „atello“ (Ausgabe Nr 13, Oktober/November 2010) antwortet er auf die Frage „Was zieht die meisten Besucher an? Und wie schwer ist es, echte Quotenhits zu landen?“ mit der denkwürdigen Feststellung: „Es sind immer noch die großen Meister, die das Sehen verändert, das Machen von Kunst und die Vorstellung dessen, was Kunst überhaupt sein kann oder sein darf, radikal revolutioniert haben. Der Wettbewerb um die wichtigen großen Ausstellungen ist nicht ein lokaler innerhalb einer Stadt, sondern ein internationaler. Die relevanten Künstler können letztendlich auf 20 oder 30 begrenzt werden, die wollen auch in Chicago, Los Angeles oder Tokio gesehen werden…“

Wenn das Wort Schröders gilt, so sind demnach alle anderen Künstler irrelevant. Wer Schröder nicht kennt, müsste sagen, das ist aber dumm, ja sogar als saublöd. Da aber bekannt ist, dass Schröder ein hochintelligenter Mensch ist, kann seine Aussage nur als verantwortungslos und fahrlässig bezeichnet werden. Verantwortungslos, weil Journalisten, die ja in der Regel keine Ahnung haben, wovon sie schreiben, sondern sich auf Fachleute beziehen, die sie zitieren können, aufgrund solcher Aussagen ihre Berichterstattung naturgemäß genau darauf begrenzen, was ihnen Meinungsbildner als relevant vorsetzen. Fahrlässig, weil ein Museum auch einen staatlich finanzierten Bildungsauftrag hat, wonach in einem Perpetuum Mobile nicht nur „die relevanten Künstler“ auszustellen sind, sondern wenigstens hin und wieder ein kleiner Teil jener Schätze dem Publikum zugänglich zu machen wäre, die das eigenen Museum birgt.

Schröder wird man das wohl nicht erklären können, denn etwas später in dem Interview offenbart er sich als Überzeugungstäter, mit einer Weltanschauung, die erklärt, dass die geweihten Hallen der Kunst nur den Göttern vorbehalten sind: „Es ist so furchtbar leicht, ein schwarzes Quadrat zu malen. Das kann ein jedes Kind … Aber das erste schwarze Quadrat zu malen, ist wahnsinnig schwer, weil noch nie jemand auf die Idee gekommen ist. Für mich ist es so unverständlich, wie einige dieser Götter, die wirklich oben auf dem Olymp sind, währen wir hier unten in verzerrter Perspektive nur hinaufschauen, im Stande waren, immer wieder unsere Wahrnehmung und unsere Vorstellung dessen, wozu der Mensch im Stande ist, zu revolutionieren.“

Seit dem Wassereinbruch in der Albertina im Sommer 2009 ist Schröder ja – neben dem Papst – die höchste Autorität in Sachen Gottesbeweise (siehe Video). Nun hat er sich in aller Demut – „wir hier unten“ – in die erlesene Zahl jener Erleuchteten eingereiht, die Gott, oder die Götter, im Olymp gesehen und erkannt haben. Ich glaube, es ist unmöglich, so einen Menschen auf den Boden der Realität zurück zu bringen. Im übrigen bin ich der Meinung, dass die Medien öfter folgende Schlagzeilen bringen sollten: „Inflation im Anrollen“ (WirtschaftsBlatt investor, 18.2.2011). Das weckt Hoffnungen, dass die Leute ihr Geld für Kunst ausgeben anstatt es aufs Sparbuch zu legen, wo es bekanntlich nix bringt.

Willy Puchner – Kunstmediator 2011

Wien (pts/02.05.2011/09:05) – Die IG Galerien hat Willy Puchner mit dem Award Kunstmediator 2011 ausgezeichnet. Der Preis wird einmal jährlich an Personen, Organisationen oder Unternehmen für besondere Verdienste in der Vermittlung von Kunst verliehen. Willy Puchner ist als Fotograf, Zeichner und Buchautor tätig und als redaktioneller Mitarbeiter seit 20 Jahren für die EXTRA-Seite „galerie“ in der Wiener Zeitung zuständig. Als weltreisender Künstler ist er ein Vermittler Österreichs im Ausland sowie fremder Kulturen in Österreich.

Der Award wird am Montag, 9. Mai 2011
in Form einer Edelstahl-Skulptur des Bildhauers Franz Wieser
vom Vorjahrespreisträger Johann Baumgartner überreicht.
Ort der Verleihung: der Kunstraum in den Ringstrassen Galerien
Kärntnerring 9-13, 1010 Wien

„Es ist uns ein Anliegen, Kunst in der Beilage EXTRA der Wiener Zeitung zu fördern. Auf die Galerie-Seite sind wir besonders stolz, denn mit Willy Puchner steht uns ein Mitarbeiter zur Verfügung, der selbst vielseitig als Künstler tätig ist“, freut sich auch Reinhard Göweil, Chefredakteur der Wiener Zeitung, über die Anerkennung aus dem Kreis der österreichischen Galerienszene. Die IG Galerien sehen die Galerie in der Wiener Zeitung als Ergänzung ihrer eigenen Arbeit. „Seit vielen Jahren entdeckt Puchner Woche für Woche junge, oder auch ältere, aber zu wenig beachtete Talente und öffnet ihnen mit einer ganzen Seite die Tür zu einem breiten Publikum. Damit erweitert er als verantwortlicher Redakteur den Horizont der Leser der Wiener Zeitung und unterstützt das Anliegen all jener Galerien, die sich bemühen, jenseits der Top 100 das gesamte Spektrum der österreichischen und internationalen Kunstszene abzudecken“, begründet Hubert Thurnhofer, Vorsitzender der IG Galerien, die Entscheidung der Jury.

Dass Puchner als Fotograf auch den Fotokünstlern auf seiner Galerien-Seite viel Raum einräumt, ist naheliegend, aber nicht selbstverständlich. Denn in Österreich spezialisieren sich nur sehr wenige Galerien auf das Medium der klassischen Fotografie. Mit seiner Galerie-Seite in der Wiener Zeitung kann Puchner dieses Defizit wenigstens ein bisschen ausgleichen. Puchner ist aber nicht nur als Redakteur Kunstvermittler und damit Kunstmediator, sondern auch als Künstler, wobei seine bevorzugten Medien die Zeichnung und Fotografie sind. In zahlreichen Büchern hat er seinem Publikum eine Welt – seine Welt – abseits der üblichen Klischees und touristischen Hotspots gezeigt. wikipedia listet bislang 16 Werke auf, siehe http://de.wikipedia.org/wiki/Willy_Puchner

Willy Puchner leitet auch Foto-Workshops, hält Vorträge in Schulen, Betrieben und sozialen Einrichtungen und vermittelt „Die Farben der Welt“ – seine grafischen Umsetzungen von Reiseeindrücken – auch in der FAZ. „Hatten wir zuletzt zwei Kunstmediatoren, die als Manager den Künstlern neue Märkte öffnen, so ist der Kunstmediator 2011 ein Preisträger, der in ganz unterschiedlichen Arbeitsbereichen und mit seiner Lebensform zur Vermittlung von Kunst, und – das mag romantisch klingen, aber ich bin davon überzeugt – damit auch zur Vermittlung einer besseren Welt beiträgt“, sagt Thurnhofer in seiner Laudatio.

Über die Geschichte des Kunstmediator siehe: http://de.wikipedia.org/wiki/Kunstmediator

Kunst – Eine Frage der Qualität

Namhafte Experten des Kunstmarktes vertreten die Meinung, man könne die Qualität von Kunst nicht definieren, ja nicht einmal objektiv entscheiden ob etwas Kunst sei oder nicht. Hubert Thurnhofer, Leiter des Kunstraums in den Ringstrassen Galerien, relativiert diesen Relativismus.

UM:Druck 2/2011

Wenn Krethi und Plethi angesichts vieler hochgejubelter Künstler und Kunstwerke, mit denen sie nichts anfangen können, resignieren und sich damit abfinden, dass sie nicht verstehen können, was Kunst sei, so ist das im Sinne der Aufklärung ein bedauerlicher Rückschritt. Aber finden sich Greti und Plethi in einer „selbstverschuldeten Unmündigkeit“?

Immanuel Kant hat Aufklärung als „Befreiung von der selbstverschuldeten Unmündigkeit“ definiert. Nun tummelt sich im Kunstmarkt aber eine Heerschar von Experten, die ebenfalls öffentlich erklären, man könne die Qualität von Kunst nicht definieren. Diese Behauptung stellte z.B. Otto Hans Ressler, Auktionator und Experte für Zeitgenössische Kunst Im Kinsky, kürzlich bei einer Podiumsdiskussion auf (Video abrufbar über www.kunstsammler.at).

Man stelle sich vor, ein Programmierer behauptet, er wisse nicht, was die Qualität einer guten Software ausmache, ja, es ließe sich gar nicht definieren, was überhaupt eine Software ist und was nicht. Oder ein Arzt, ein Statiker, ein Mechaniker würde das in seinem jeweiligen Fachgebiet behaupten. Vielleicht sogar Experten, die als Gutachter in diesen Bereichen tätig sind. Genau das ist in der Kunst üblich. So stellt sich die Frage: ist die Kunst kein Fachgebiet, wie jedes andere? Und gelten in der Kunst eigene Gesetze?

Gerne werden Originalität, Einzigartigkeit und Genialität eines Künstlers postuliert, selten aber begründet, worin diese eigentlich bestehen. Logisch, denn wenn es keine Kriterien gibt, gibt es auch keine Begründung. Häufig werden die Freiheit der Kunst, die Autonomie (Selbstgesetzgebung) des Künstlers als nicht weiter hinterfragbare Prämissen postuliert. Anstelle der Argumentation tritt aber der Glaube der Insider an bestimmt Künstler. Greti und Plethi können diesen Glauben dann naiv übernehmen oder werden von der „Religionsgemeinschaft der Kunstgeweihten“ als Laien und Dilettanten exkommuniziert.

Das ist keine Verschwörungstheorie eines unbedeutenden Galeristen. Ein ganz Großer der Kunstszene, Dieter Ronte, beschreibt die quasireligiöse Welt der Kunst: „Die Insider wissen sich ein und derselben Wertsphäre verbunden. Je engagierter sie an den Wertbildungen der Sphäre beteiligt sind, desto subtiler können sie mit der Sphärengrammatik umgehen. Sie entwickeln eigene Codes und Sprachen, die nur den Insidern selbst vertraut sind. Dadurch schützt sich die Wertsphäre nach außen; der Sprachunkundige wird zum Banausen.“ (ArtInvestor S. 46)

Ich will nicht das tiefe Mittelalter beschwören, aber ein Rückschritt hinter die Errungenschaften der Aufklärung ist so eine Geisteshaltung allemal. Eine Geisteshaltung, die Kunst über Glauben und nicht über nachvollziehbare Argumente definiert. Eine Weltanschauung, in der sich Insider (Hohepriester der Kunst) mit ihrem Geheimwissen über die Ratio stellen, die bei aufkeimender Kritik allenfalls als dumpfer Hausverstand abqualifiziert wird.

Die Behauptung von der Nicht-Definierbarkeit von Kunst kommt zusätzlich unter dem Mäntelchen des Lessaiz faire daher, ist aber in Wahrheit mittlerweile zu einem Dogma geworden. Gegen dieses Dogma richtet sich die Frage:

Was ist das Wichtigste an der Qualität von Kunst?

Die ITÄT, sonst wird die Kunst zur Qual.

Das ist nicht nur ein Wortspiel, sondern lässt sich auch rational entschlüsseln: ITÄT, steht für
I = Idee (welche Idee liegt einem Kunstwerk zugrunde, ist es originell, origniär, oder bloß epigonenhaft?)
T = Thema (wie ist das jeweilige Werk thematisch im Oeuvre des Künstlers einzuordnen, haben seine Werke Bezug zu den Themen der Zeit, verfolgt er Modetrends oder geht er seine eigenen Wege?)
Ä = Ästhetik (welche ästhetischen und kompositorischen Prinzipien verfolgt der Künstler, ist das Bild im konventionellen Sinn schön oder häßlich oder setzt es neue ästhetische Maßstäbe?)
T = Technik (werden Ideen, Themen, Ästhetik mit technischer Brillianz realisiert, wird die Umsetzung den eigenen Ansprüchen des Künstlers gerecht, kurz ist seine Technik State of the Art?)

Damit sind vier Qualitätskriterien definiert, über die man sprechen muss, wenn man über die Qualität eines Kunstwerkes (das Werk an und für sich) spricht. Dem gegenüber steht die weit verbreitete Praxis im Kunstmarkt, überhaupt nicht mehr über die Qualität eines Werkes zu sprechen, sondern nur noch über die Bekanntheit eines Künstlers. Und davon wird der Preis eines Kunstwerkes abgeleitet. Suggeriert wird, dass der Preis einen hohen Wert widerspiegelt. Das aber ist falsch. Viele der von Ronte so genannten „Banausen“ hegen den Verdacht, Preis und Wert eines Kunstwerkes hätten nicht viel miteinander zu tun. Das stimmt nicht, wahr ist vielmehr: Preis und Wert eines Kunstwerkes haben gar nichts miteinander zu tun. Der Wert ist eine Werk-immanente Kategorie, die über die oben definierten Qualitätskriterien zu bestimmen ist. Der Preis ist von diesem Wert fast völlig entkoppelt. Umso mehr, je bekannter ein Künstler oder eine Künstlerin sind.

Vorsicht Fälschung!

UM:Druck 3/2011

Der größte Fälscher-Prozess in Deutschlands Nachkriegsgeschichte erregt derzeit die Gemüter der Kunstwelt und der Medien. Wolfgang und Helene Beltracchi stehen mit zwei weiteren Angeklagten derzeit wegen „gewerbsmäßigem Bandenbetrug in 14 Fällen“ vor Gericht. Sie haben etwa 50 Gemälde von Max Pechstein, Max Ernst und Heinrich Campendonkgefälscht und um rund 16 Millionen Euro an den Mann gebracht. Die Hauptangeklagten haben bereits ihre Schuld gestanden. Für ihre Machinationen haben sie eine schlüssige Erklärung parat, die weniger eine Entschuldigung als vielmehr ein Angriff auf die Kunstexperten ist. Helene B.: „Alles war absolut einfach.“

Seit Han van Meegeren, der als Fälscher von Vermeer in die Geschichte eingegangen ist, gibt es ein typisches Muster, nach dem große Fälschungs-Stories gestrickt sind: die Kunstwelt geht davon aus, dass von bestimmten Künstlern noch unentdeckte Werke existieren müssten. Begnadete – meist als originäre Künstler gescheiterte – Fälscher werden zu Erfüllungsgehilfen dieser Ideen, indem sie der Kunstwelt geben, wonach sie schon lange gesucht hat. In diesem Umfeld dauert es dann nicht lange, bis sich ausgewiesene Experten finden, die die Echtheit der gefälschten Werke bestätigen. d.h. erst durch ihre falsche Zuschreibung einem Kunstwerk die Aura verleihen, die es ohne diese Expertise – unverdienter Weise – nicht hätte.

Van Meegeren hat seine Vermeer-Fälschung „Christus und die Ehebrecherin“ 1942 an Hermann Göring verhöckert und stand deshalb nach dem Krieg in Amsterdam als Nazi-Kollaborateur vor Gericht. Angesichts der drohenden Zuchthausstrafe legte er ein Geständnis ab, das – typisch für solche Fälle – von Experten zunächst nicht für wahr genommen wurde. Erst als van Meegeren im Gefängnis einen weiteren „Vermeer“ malte, wurde die Kollaborationsbeschuldigung fallen gelassen. Er wurde schließlich wegen Fälschung und Betrug zu einem Jahr Gefängnis verurteilt, konnte die Strafe aber wegen seines Herzinfarkts nicht mehr antreten.

„Nach einer niederländischen Meinungsumfrage Mitte Oktober 1947 stand Han van Meegeren gleich hinter dem Ministerpräsidenten an der zweiten Stelle der Popularitätsliste. Viele Niederländer sahen in ihm den pfiffigen Gauner, dem es wirklich gelang, die Kunstsachverständigen der Niederlande und Hermann Göring hereinzulegen“ (wikipedia.de). Ähnliche Sympathien findet auch die Beltracchi-Bande beim unbefangenen Publikum. Ein Leser der welt.de postet: „Ich persönlich finde es großartig, wenn die „Kenner und Sachverständigen“, und vor Allem die Spekulanten, die die Preise in den letzten Jahrzehnten so ins Unermessliche getrieben haben, mal „auf die Schnauze“ gefallen sind.“ Und im Forum von spiegel.de spiegelt ein Posting den moralischen Zustand unseres Jahrzehnts: „Schlage vor, dass die getäuschten Käufer aus Steuergeldern entschädigt werden, die Beltracchi-Bande Boni für ihre Verdienste um die Kunstwelt bekommen und ein Rettungsschirm für Fälscher eingerichtet wird… „

Sogar die ehrwürdige „ZEIT“ meint, dass die Fälschungen von Wolfgang Beltracchi ins Museum gehören: „Was, wenn Künstler alles dürften und die Kunst absolut frei wäre?In einer solchen Welt jenseits des Rechts wäre Beltracchi kein Lump und kein Hochstapler, er wäre ein großer Künstler. Kein Originalgenie vielleicht – ein Genie ohne Original aber in jedem Fall. … Auch die Art und Weise, wie er den Kunstbetrieb bloßstellte, wie er die Gier und Eitelkeit vieler Händler, Sammler und Experten zutage treten ließ, macht Beltracchi zu einem überaus modernen Künstler. Schon vor etlichen Jahren ist Institutional Critique zu einer eigenen Gattung geworden, und die Künstler, die sich ihr verschreiben, sind emsig darum bemüht, die Machtverhältnisse in Museen oder auf Messen zu befragen. Vor allem die von Beltracchi betriebene Strategie einer Subversion durch Affirmation erfreut sich großer Beliebtheit.“ (zeit.de/2011/41)

Als Galerist, der in der Liste der Beltracchi-Geschädigten Namen findet, denen er bereits solide Angebote mit garantiert echten Kunstwerken unterbreitet hat, die typischer Weise nicht einmal beantwortet wurden, kann ich meine Sympathie für die Fälscher nicht restlos unterdrücken. Dass das „Label“ heute wichtiger ist, als die künstlerische Qualität eines Werkes, ist längst zu einer Platidüde verkommen, ist aber nach wie vor die wichtigste Triebfeder für den Kunstmarkt. Dass werk-immanente Kriterien gar keine Rolle mehr spielen, sondern nur noch gebetsmühlenartig auf ein „Label“ als Qualitätskriterium verwiesen wird, ist einer der Gründe, warum Fälschungen weiterhin auf fruchtbaren Boden fallen werden. So kommt hier nicht die geringste Schadenfreude über die Geschädigten auf, weil gar kein Schaden entstanden ist, da nur jene Geld verloren haben, die mehr als genug davon haben. Für den Rest der Welt bleibt die fröhliche Erkenntnis, dass die kleine Welt der Kunst immer noch der großen Welt von Politik und Wirtschaft einen Spiegel vorhalten kann. Man sollte aber nie vergessen: ein Spiegel kann zur Selbsterkenntnis beitragen, er kann aber auch blenden.

Ergänzung 12.1.2012 Über die Podiumsdiskussion zum Thema mit Otto Hans Ressler, Bernd Aigner und Andreas Cwitkovits am 11.1. im Kunstraum der Ringstrassen Galerien berichtet Ö1 in Kultur aktuell.