Kunstszene und Um:Druck 2013

Der Galerist als Philosoph

Laudatio zum 50. Geburtstag von
Hubert Thurnhofer, 11. März 2013

von Wilfried Seywald

Lieber Hubert, liebe Festgäste !

Foto vlnr: Temmel, Thurnhofer, Seywald

Gestern war ich im Großen Musikvereinssaal, um einem Konzert des Musikgymnasiums Wien zu folgen. Unter der Leitung von Richard Böhm spielten und sangen die SchülerInnen der Unter- und Oberstufe drei großartige Stücke:

Zuerst Franz Schuberts „Unvollendete“ Sinfonie in H-Moll, dann ein modernes Sprech- und Singstück von Herwig Reiter nach Texten von Peter Turrini im Stil von Carl ORFF. Mit folgendem Inhalt: Was macht man, wenn man von einem Erwachsenen Blödmann geschimpft wird? Oder: Was macht man, wenn ein Löwe daherkommt? Zuletzt gaben die Jugendlichen das Requiem in D-Moll von Mozart für Soli, Chor und Orchester.

Im Anschluss daran fragte ich meine Tochter, warum denn gerade diese Auswahl? Sie zuckte mit den Schultern, fand die Auswahl aber ein wenig fragwürdig – ohne das weiter zu erklären. Ich interpretierte die Auswahl interessant, als Spiegelbild unserer heutigen Zeit.

Das Lebensgefühl und die immer rücksichtslosere Informationsflut erlaubt alles, zeitgleich und nebeneinander zu produzieren und zu konsumieren, ohne Rücksicht und Empfindlichkeit, samt gewollten Peinlichkeiten: Papstwahl und Dancing Stars im Nachrichtenblock, Facebook am Handy und Finanzkrise im Netz, Harald Glööccklers schwule Verlobung auf dem Opernball und daneben die Flüchtlinge in der Votivkirche, die ältere Frau im SternTV, die in der Mülltonne nach Leergut zum Eintauschen sucht.

Hubert Thurnhofer ist in eine solche Zeit hineingeboren, und er ist in der Tat ein Mensch, der in diese Zeit hineinpasst. Auch sein Leben ist voll von Brüchen und Übergängen, von unerwarteten Wendungen – etwa nach dem Motto „anything goes“ – aber nie „nach mir die Sintflut“. Ja man kann sagen, er probiert gerne aus und hofft geradezu, dass ein Löwe daher kommt, den er bändigen könnte.

Die Unvollendete in H-Moll

Der große Wiener Romantiker Franz Schubert ist bekanntlich schon mit 31 Jahren gestorben. Er hat mit der „Unvollendeten“ ein Werk hinterlassen, dass zu den Schönsten seiner Art zählt. Die zentrale Melodie ist so stark und melancholisch zugleich, dass sich jedes Herz sofort öffnet, und der Schmerz und die Liebe unmittelbar wirkt. Aber wer hat gewusst, dass diese Sinfonie erst 43 Jahre nach ihrer Entstehung uraufgeführt wurde? (Man musste sie dem Komponisten, Freund und Sammler Anselm Hüttenbrenner geradezu aus seiner Notensammlung entreißen.)

Ich denke auch vieles von dem, was Hubert heute macht und leistet, wird in seiner ganzen Größe und Bedeutung vielleicht erst in einigen Jahren realisiert. Das ist ja seine Stärke. Aufbrausend, euphorisch oder emotional – gibt er sich selten, er liebt die leise Klinge, unaufgeregt und kalkuliert – aber voller Kreativität und Innovation, mit vielen Talenten, die noch in der Schublade schlummern.

Hubert kommt aus Langenwang im Mürztal, aus der Waldheimat Peter Roseggers, und aus einer behüteten Familie mit sechs Kindern, Vater Baumeister, Mutter wie Schwestern – dominant. Als heller Kopf befreit er sich rasch aus dieser Umklammerung und geht schnurstracks nach Wien. Seine literarische Ader entdeckt er während des Studiums der Philosophie, das er 1982 aufnimmt und – völlig unorthodox und effizient – schon fünf Jahre später abschließt. Thema: „Robert MUSIL als Philosoph“. Hier zeigt sich bereits der Tiefgang seiner Gedankenwelt und der Blick auf das Wesentliche – der Versuch, die Dinge hinter der Oberfläche zu ergründen und zu verstehen.

Der Mann ohne Eigenschaften

Musils Hauptwerk ist „Der Mann ohne Eigenschaften“, ein elend langer Wälzer, an dem der große Dichter von 1921 bis zu seinem Lebensende 1942 schrieb, ohne ihn je abzuschließen – gewissermaßen also auch eine „Unvollendete“ Sinfonie. Der Protagonist des Werks, ein Intellektueller namens Ulrich, beschließt im August 1913, für ein Jahr „Urlaub vom Leben“ zu nehmen, nachdem sein dritter Versuch, eine Karriere zu beginnen, gescheitert ist.

Da kommt es ihm sehr entgegen, dass sein Vater ihn auffordert, sich als Sekretär bei einer hochgestellten Verwandten zu bewerben. Diese will das siebzigjährige Thronjubiläum von Kaiser Franz Josef 1918 mit einem großen symbolischen Akt feiern. Da im gleichen Jahr auch der deutsche Kaiser Wilhelm II sein dreißigstes Regierungsjahr vollendet, nennt sich der Vorbereitungskreis – Parallelaktion.

Doch erweist sich diese Aufgabe als unmöglich, denn in einer Zeit, in der jeder nur seine eigenen Interessen verfolgt, lässt sich keine umfassende Idee mehr finden, mit der sich alle identifizieren könnten. Ulrich erkennt, dass die Idee von Anfang an zum Scheitern verurteilt ist, wodurch ein weiterer Versuch fehlschlägt, seinem Leben einen Sinn zu geben.

Umbruch in Moskau

Hubert Thurnhofers „Parallelaktionen“ sind nicht minder aufregend. Nach dem Studium legt er gleich ein zweites Buch nach: „Ganz Mürzzuschlag“ (1988). Hier verarbeitet er seine Jugendjahre, nein er arbeitet sich an seiner Heimatstadt ab, um dann nach Moskau aufzubrechen und ein neues Leben zu beginnen. Ganze fünf Jahre, von 1989 bis 1994, ist er dort als Lektor an der Moskauer Universität tätig, für die Fächer Deutsch und österreichische Landes- und Kulturkunde.

Er erlebt den Umbruch mit eigenen Augen, zunächst die Öffnung mit Glasnost und Perestrojka, dann den Augustputsch 1991 gegen Gorbatschow, die Auflösung der Sowjetunion im selben Jahr, die Gründung der russischen Föderation, die Machtübernahme von Jelzin, den Parlamentssturm und die blutige Niederschlagung im Oktober mit 190 Toten. Hubert Thurnhofer verfolgt die chaotischen Zustände rund um die überstürzte Demokratisierung und Privatisierung hautnah, den Zusammenbruch der Industrie, die Verarmung breiter Bevölkerungsmassen und die Herausbildung einer dünnen Schicht von einflussreichen superreichen Oligarchen.

Die russische Seele, die er begierig aufnimmt und der besondere Lifestyle, den er sich in diesen Jahren in Moskau aneignet, kommt seinem philosophischen Naturell durchaus entgegen, wenngleich er eines verabscheut, um (wie Gerard Depardieu) ein ganzer Russe zu werden – den Vodka. Dafür entdeckt er in Russland seine ganze Liebe zur Kunst und noch einiges mehr. Eine Muse wird ihn von nun an durchs Leben begleiten – in guten und schlechten Tagen: Marina Janulajtite-Thurnhofer.

Ja, was macht man bloß, wenn die Nachbarstochter über den Zaun schaut und Dich anlacht?

So beginnt der zweite Teil des Musikwerks von Herwig Reiter nach einem Text von Peter Turrini, der einem adoleszenten Jungen im Garten gewidmet ist und die ganze Aufregung rund um das erste Verliebtsein im Leben thematisiert. Ich persönlich habe Hubert ja nie wirklich zugetraut, dass er einmal seine Emotionen rauslässt – zu Unrecht. Im Laufe der Jahre wird aus dem etwas steifen Russen tatsächlich noch ein echter Latino – mit ungekannten italophilen und frankophonen Akzenten.

Zurück in Wien – entwickelt Hubert Thurnhofer jedenfalls neue Lebenskonzepte, ganz nach seinem Vorbild Musil. Vieles von dem, was der Mensch tut, ist ja vorherbestimmt, doch alles dient auch dem einen Ziel, dem Leben Sinn zu geben, sagt Ulrich. Und diesen Sinn findet Hubert in der konsequenten Förderung zeitgenössischer Malerei und Skulptur aus Österreich und Osteuropa. Er wird 1994 Galerist und beginnt mit Veröffentlichungen über Kunst und Kunst-Investments in Tageszeitungen, Wirtschafts- und Fachmagazinen. Ein dazu passendes, sinnstiftendes Buch erscheint viele Jahre später, 2006, im Styria Verlag, unter dem durchaus treffenden Titel: „Wissen! Anworten auf unsere großen Fragen.“

Die kontinuierliche Galerie- und Ausstellungstätigkeit in mehreren Ländern ist allerdings nur eine seiner Maßnahmen zur Sinnfindung. Thurnhofer wird auch Journalist, Verleger, Herausgeber und Kommunikationsberater. Er schreibt regelmäßig für das Wirtschaftsblatt, zwischen 1997 bis 2000 ist er Chef einer russischen Bau-Zeitschrift, von 1999 bis 2002 Chefredakteur der Nachrichtenagentur pressetext, ab 2003 betreibt er eine eigene PR-Beratung mit Sitz in Kapfenberg und leitet Seminare für effiziente Öffentlichkeitsarbeit und Workshops für Kunstinvestoren und Kunstsammler quer durch Österreich, Deutschland und die Schweiz. Er schreibt als Kolumnist auf seinem persönlichen Blog thurnhofer.cc und zum Thema Wirtschaftsethik in der Bunten Zeitung. Dort geiselt er Fehlentwicklungen in der Kunstszene ebenso wie Managementfehler von Startups wie Konzernen.

Kein Blatt vor dem Mund

Auf eben diesen Online-Plattformen hat sich Hubert Thurnhofer oft mit unbequemen Fragen und Statements Aufmerksamkeit verschafft. Er ist kein Verächter leichter Kost, er nimmt sich aber auch kein Blatt vor den Mund, wenn er anderer Meinung ist und diese öffentlich macht – und das ist er meistens mit Nachdruck. Aber er provoziert nicht der Provokation willen – sondern mit Tiefgang und Überzeugtheit, das ist er seiner philosophischen Herkunft schuldig – selbst dann wenn er damit seinen eigenen Interessen weh tut.

Thurnhofer ist ein Mann der Tat, und geht stur und unbeirrt seinen Weg. Aber er kennt auch die Unwägbarkeiten des Lebens und er kann mit diesen umgehen. Immer dann, wenn etwas nicht so klappt wie erhofft, zieht er sich in sein Kämmerchen zurück, nimmt wie Musils Ulrich „Urlaub vom Leben“ und bringt seine Gedanken zu Papier. Eines der besten und schönsten Bücher ist so entstanden – die Streitschrift „Glaube Hoffnung Management“, in dem er 2009 die oft schwierige Entscheidungsfindung in Unternehmen thematisiert.

Köstlich finde ich ein weiteres, noch unveröffentlichtes Manuskript, das während eines anderen „Urlaubs vom Leben“ entstand. Den Kunst-Krimi „Das Testament des Damien First“ 2011. Richtig erraten, da geht es um unerhörte Vorgänge rund um den berühmten Namensvetter und Kozeptkünstler. Hier tritt das ganze literarische Talent Thurnhofers spannend, amüsant und selbstironisch verpackt zu Tage. Ein gelungenes Stück, das seiner Uraufführung harrt. Noch 43 Jahre wird es hoffentlich nicht dauern, bis ein Verlag diese Sternstunde erkennt.

Requiem in D-Moll

Mozart war 36, als er sein Requiem in D-Moll schrieb, eines der meistgehörten Meisterwerke auf Youtube. In diesem Alter wurde Hubert Thurnhofer Chefredakteur von pressetext, zu dieser Zeit einer der meistgelesenen Online-Plattformen in Österreich. Jetzt, knapp 15 Jahre später, ist er wieder bei pressetext, um einen neuen Lebensabschnitt zu gehen. Er leitet jetzt das Berliner Büro der Nachrichtenagentur. Was bewegt ihn dazu?

Auch das Mozart-Requiem blieb unvollendet und wurde erst von seinem Schüler und Freund Franz Xaver Süßmayr vervollständigt, zum Teil nach Skizzen des Meisters. Das Stück selbst war eine schnöde Auftragsarbeit zum Preis von 50 Dukaten und wurde nur deshalb finalisiert, da Mozarts Frau Constanze den Rest des angezahlten Honorars dringend nötig hatte und Süßmayer mit Drohungen vorantrieb.

Womit auch schon das wichtigste gesagt wäre. Das eine ist die Muse, und die Leidenschaft, das andere sind die Erfordernisse des täglichen Lebens. Das eine ist die „Kunst zu leben“ – das andere „von der Kunst zu leben“. Mit 50: Da blickt man gerne mal zurück und zieht Bilanz. Mit 50, in der Mitte des Lebens, trifft man aber vielleicht auch noch mal Entscheidungen für die Zukunft und den Rest des Lebens. Wieviel Zeit bleibt noch, und wie ist diese sinnvoll zu nutzen?

Als Galerist verkauft man Kunstwerke; als Berater, Intellektueller oder Philosoph verkauft man sein Know-how und Wissen, und das ist ziemlich immateriell. In Wahrheit verkauft jeder arbeitende Mensch einen Teil seiner Lebenszeit, das wertvollste Gut, das wir Menschen hier auf Erden haben. Viele Leute werden an ihrem 50er erstmals gewahr, dass sie oft wertvolle Zeit vergeuden, für unnötige Dinge ausgeben. Zeit ist pures Geld, man kann sie gut investieren oder unnütz vergeuden.

Mit 50 denken sie dann darüber nach, wie man die verbleibende Zeit möglichst effizient nutzt, um davon auch profitieren zu können.

Auf der Suche nach der verlorenen Zeit

Die Gefahr ist groß, die Zeit zu übersehen, die da an uns so rasch vorbei läuft. Marcel Proust, einer der großen französischen Dichter zu Beginn des 20. Jahrhunderts, ging in seinem Hauptwerk „Auf die Suche nach der verlorenen Zeit“. (À la recherche du temps perdu)

Das siebenbändige Mammutwerk, geschrieben zwischen 1908 bis 1922, handelt von einem Mann aus gutem Hause, der Zeit seines Lebens Schriftsteller werden will, den aber seine Gesundheit und Trägheit daran hindern, ein literarisches Werk zu schaffen.

Das kann man Hubert Thurnhofer wahrlich nicht vorwerfen. Was er sich einmal vorgenommen hat, das hat er auch konsequent durchgezogen – mit und gegen alle Widerstände und Widrigkeiten, die das Leben eben so bereithält. Viele Freunde, Weggefährten, Künstler und Kunden zollen dafür echte Bewunderung und Anerkennung. Dafür, dass hier jemand steht und kämpft und weiter für seine Ideale und Ziele durchhält. Das ist eine Leistung, die nicht genug gewürdigt werden kann, und für die wir DANKE sagen.

Vielen Menschen denken mit 50 schon an den Vorruhestand, an ein Häuschen im Grünen oder an einen Ausstieg aus den Konventionen des Alltags. Andere befinden sich da gerade in der Blüte ihres Lebens. Ich denke mal, Schubert oder Mozart hatten leider keine Zeit mehr, von ihren großen Werken zu profitieren, bei Hubert Thurnhofer aber bin ich mir sicher. Er weiß, was man macht, wenn die Nachbarstochter über den Zaun schaut und ihn anlacht. Da kommt noch einiges auf uns zu —- Und dafür möchte ich mich schon heute im voraus bedanken.

Ich freue mich auf weitere erbauliche Werke und gute Taten. Ich wünsche Dir, lieber Hubert, alles Gute zum Geburtstag. Lass uns auch in den nächsten 50 Jahren an Deinen Träumen teilhaben!

© Wilfried Seywald

Müllkunst und Kunstmüll

Umdruck 1/2013

Urlaub an der Côte d’Azur – ein Traum! Eine kleine, ruhige Bucht zehn Kilometer von Monaco entfernt, stürz ich mich in die Wellen, kraule genussvoll auf das offene Meer hinaus, wo einige Yachten ankern. Der Genuss findet ein jähes Ende mit einer Damenbinde, die mir beim Luftholen den geöffneten Mund verstopft. Vermutlich gebraucht, aber vom Meerwasser persilweiß gewaschen. Immerhin. Ich verdamme die Yachtbesitzer und schwimme zurück zum Strand.

In meiner debilen Verzweiflung kaufe ich mir ein Netz, mit dem Kinder normaler Weise Krabben, Fische und allenfalls Quallen fangen, und beginne damit Abfälle, vorwiegend Plastikstücke, aus dem Wasser zu fischen und in den Abfalleimern am Strand zu entsorgen. Sisyphos zwinkerte mir zu und ist erstmals seit Amtsantritt im Hades glücklich über sein eigenes Schicksal. Langsam dämmert mir, dass die ganze Scheiße nicht nur aus den Yachten stammen kann. Seither hab ich nur noch zwei Erinnerungen an meinen letzten Urlaub: Côte d’Azur und kotz dazuaa!!

Wir wechseln in den virtuellen Raum. Auf experimentalkunst.com hat folgendes Konzept, das offenbar seit 2008 nicht mehr besonders stark pulsiert, sein Endlager gefunden: „Die am Ende der Konsumkette unserer Warengesellschaft stehenden Produkte Müll und Abfall werden von Kranemann und BrindlArt als ästhetische Instrumente in ihrer künstlerischen Arbeit eingesetzt. … Müllkunst und Abfallkunst ist nicht als Mahnung an unsere Müllgesellschaft zu werten oder allein als Sinnbild des Konsums zu verstehen. Auch geht es nicht nur um die Rückführung und Umwertung von wertlos gewordenem und ausgestoßenen Kulturprodukten zurück in eine neue Wertenomenklatur. Müllkunst, Müllplastiken und Müllperformances des Künstlerpaares sollen den Rezipienten auf die Polarität des Sujets, also nicht nur auf die Quantität von Abfallprodukten in unserer Massen- und Wohlstandsgesellschaft allein, sondern auch auf den ästhetischen Wertekanon von Zerfallsprozessen, Endprodukten und Altmaterialien verweisen.“

Müllkunst löst offenbar bei den KonzeptkünstlerInnen einen rhetorischen Wischiwaschi-Effekt aus, durch den sich jede Position mit einem unzweideutigen Nicht-nur-sondern-auch-weder-noch wie ein Kaugummi in die Länge zieht. Der Leser und Betrachter findet darin schwerlich seine Katharsis, sondern kann von Glück sprechen, wenn so ein Kaugummi nicht auf seiner Schuhsohle kleben bleibt.

Jenseits vom „ästhetischen Wertekanon von Zerfallsprozessen“ führt derzeit (noch bis 31. März 2013) im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe die Ausstellung „Endstation Meer“ dem Besucher den Müll, in dem wir langsam versinken, in drastischer Weise vor Augen. Ohne ästhetische Relativierung mit schockierenden Bildern und Installationen. Das Zentrum der Ausstellung bildet ein gigantischer Berg aus Plastikmüll, der aus drei Weltmeeren zusammengetragen wurde. Hier wird mit einer Wucht sichtbar und spürbar, was wir im Sommerurlaub am Meer Jahr für Jahr mehr und mehr aber immer noch in kleinen Portionen angespült bekommen. Hier werden wir daran erinnert, dass mittlerweile Millionen Tonnen Zivilisationsmüll in den Weltmeeren treiben. (Details über die Ausstellung: http://www.plasticgarbageproject.org/ )

Auf wikipedia findet man die Information: „Besonders bekannt für seine erhöhte Konzentration von Plastikteilen ist das Gebiet des Nordpazifikwirbels zwischen Nordamerika und Asien, das auch als Great Pacific Garbage Patch bezeichnet wird. … Deutsche Medien vergleichen es mit der Größe Mitteleuropas, Zentraleuropas oder Westeuropas. …Anfang 2008 wurde berichtet, dass etwa 100 Millionen Tonnen Kunststoffmüll (mit steigender Tendenz) in dem Müllstrudel zirkulieren.“

Und weiter: „Die globalen Plastikmüllansammlungen in den Meeren sind im Gegensatz zu Strandgut aus Plastik optisch nicht weiter auffällig. In den Meeren treibender Plastikmüll wird schon verhältnismäßig schnell in sehr kleine Fetzen zerrissen, die mit der Zeit einen immer höheren Feinheitsgrad bis hin zur Pulverisierung erreichen. Bei einem hohen Feinheitsgrad wird das Plastikpulver allerdings von verschiedenen Meeresbewohnern und unter anderem auch von Plankton als Nahrung aufgenommen. Angefangen beim Plankton steigen die Plastikpartikel, an denen giftige und krebsverursachende Chemikalien wie DDT und Polychlorierte Biphenyle anlagern, in der Nahrungskette immer weiter auf. Auf diesem Weg gelangt der Plastikmüll mit den anlagernden Giftstoffen auch in die für den menschlichen Verzehr bestimmten Lebensmittel.“

Plastik als Verpackungsmaterial ist eine Fehlgeburt unserer Zivilisation, weil es als Plastikmüll enden muss. Wer hat eigentlich den Euphemismus „Kunst-Stoff“ für Plastikmüll erfunden?

Hauptsache Lugner – Nebensache Oppenheim

Umdruck 2/2013

18.3.2013 Das Bank Austria Kunstforum lädt zur Ausstellungseröffnung und leisure communications wird losgeschickt, um der Medienwelt zu erklären, dass die Kunst endlich bei den Seitenblicken angelangt ist. Aufgrund der seltenen Qualität soll das literarische Meisterwerk der PR-Agentur hier in voller Länge zitiert werden:

„Während der vormalige Direktor des Bank Austria Kunstforums, Klaus Albrecht Schröder, das zehnjährige Jubiläum seines neuen Amtssitzes in der Albertina mit Max Ernst zelebriert, feiert Schröders Ex und Nachfolgerin Ingried Brugger den 100-jährigen Geburtstag von Ernsts Ex im Bank Austria Kunstforum: Frauenpower! – Meret Oppenheim zieht ins Haus an der Freyung, unter der diplomatischen Patronanz des Schweizer Botschafters Urs Breiter und des deutschen Kollegen Detlev Rünger, unter Willkommens-Beihilfe von Kulturministerin Claudia Schmied (S) und unter Applaus auch zahlreicher Prominenter, die auf Einladung von Brugger und Bank Austria-Vorstandsvorsitzenden Willibald Cernko ihre Teilnahme an den Eröffnungsfeierlichkeiten am kommenden Mittwoch zugesagt haben: Oppenheims Künstler-Kollegen wie Sofie Thorsen, Matta Wagnest, Anna Blau und Daniel Spoerri sind ebenso darunter wie die Bühnen-Stars Birgit Sarata, Edith Leyrer, Joseph Lorenz und Bernd Jeschek; erwartet werden weiters die Kunsthandels-Kapos Martin Suppan, Silvia Steinek und Heike Curtze sowie Sylvia Eisenburger und ihr Jo Kunz, Konstantin Klien mit Gerda Duisik, Marmeladen-König Hans Staud, Regisseur Harald Sicheritz, Baumeister Richard Lugner und Universal-Boss Hannes Eder.“

Damit bekommt wirklich jeder Leser, der noch nie etwas von Meret Oppenheim gehört hat, eine umfassende Charakteristik der Künstlerin! Dass die Autoren den kunsthistorischen Kontext von Daniel Spoerri über Claudia Schmied (S!) bis hin zu Richard Lugner spannen, muss unbedingt in einer kunstwissenschaftlichen Dissertation über Meret Oppenheim vertieft werden! Dass es den Autoren gelingt, über das Werk der Künstlerin, das unter „Patronanz des Schweizer Botschafters“ usw. im Haus an der Freyung ausgestellt wird, nicht eine einzige Information, ja, nicht einmal eine Andeutung einer Information zu verlieren, könnte in einer literaturwissenschaftlichen Dissertation zum Thema werden. Oder auch zu einer weiteren Fußnote der jüngsten Sexismusdebatte in Deutschland.

Die erste Fußnote zur Sexismusdebatte in Deutschland lieferte kein Geringerer als Georg Baselitz. Der FDP-Politiker Rainer Brüderle wurde wochenlang durch den Medienkakao gezogen, weil er im (zugegebener Maßen) besoffenen Zustand eine Journalistin mit besoffenen Sprüchen belästigt hat. Zu später Stunde an irgend einer Hotelbar. Georg Baselitz hat – im Unterschied zu Brüderlein fein in (hoffentlich) nüchternem Zustand – in einem Interview mit der Zeitschrift „Der Spiegel“ gemeint, Künstlerinnen würden sich am Markt nicht durchsetzen, weil sie grundsätzlich schlechter malen. Dieses Zitat haben die Spiegel-Herausgeber in ihrer eigenen Zeitschrift so gut versteckt, dass es niemandem aufgefallen ist. Hier der Wortlaut:

„Spiegel: … Der Kunstmarkt ignoriert heute das künstlerische Erbe der DDR weitgehend… Späte Gerechtigkeit?

Baselitz: Der Markt hat recht, wie immer.

Spiegel: Immer? Der Markt lässt nur wenige Frauen gelten. Unter den teuersten Künstlern finden sich kaum welche.

Baselitz: O Gott! Frau bestehen nun mal die Prüfung nicht.

Spiegel: Welche?

Baselitz: Die Marktprüfung, die Wertprüfung.

Spiegel: Was soll das sein?

Baselitz: Frauen malen nicht so gut. Das ist ein Fakt. …

Spiegel: Frauen malen also angeblich nich so gut.

Baselitz: Nicht angeblich.“

Senilität oder Schwachsinn? Wenn es darum geht, Künstlerinnen zu würdigen, fällt es offenbar manchen Kunstfreunden schwer, die Grenze zu ziehen.

Reaktionen auf Baselitz siehe kunstsammler.at

Mehr Infos zur Ausstellung von Meret Oppenheim liefert Kuratorin Heike Eipeldauer.

Replik des Geschäftsführers der leisure communications Kommunikationsagentur GmbH:

19.3.2013 Sehr geehrter Herr Thurnhofer,

ich freue mich sehr, dass wir in Ihnen einen vordergründig sehr aufmerksamen Leser unserer Presseaussendungen gefunden haben. Dies verwundert mich einerseits durch Ihre Funktion beim Verbreitungsdienst pressetext.at als auch Ihre Rolle in der Agentur Temmel, Seywald & Partner allerdings nicht. 

Als eingefleischtem Medienkenner wird ihnen sicherlich nicht entgangen sein, dass Leadmedien zwischen ORF und Profil bis hin zu auflagenstarken Titeln wie Kronen Zeitung oder Heute seit mehreren Wochen das Thema der Meret Oppenheim-Ausstellung intensiv auf einem hochwertigen inhaltlichen Niveau behandeln. Von den Special Interest Medien noch gar nicht gesprochen, die der Ausstellung mehrseitige Artikel widmen. 

Wie Ihnen aber sicherlich nicht entgangen ist, hat auch die Kunst- und Kulturszene eine Erweiterung auf die Lifestyle- und Gesellschaftsseiten gefunden. Mitunter durch den budgetär bedingt abnehmenden Raum der Kulturseiten in den Printmedien. Als „PR-Berater und Kunstmanager“ ist Ihnen dieser Umstand sicherlich bekannt und Sie nutzen Eventdokumentationen von Eröffnungen (siehe http://fotodienst.pressetext.com/album/3177) auch für Ihre eigenen Kommunikationszwecke. Wenn Sie mehr zu diesem Thema erfahren wollen, empfehle ich Ihnen das Weißbuch Kulturjournalismus meines Geschäftspartners Wolfgang Lamprecht. 

In diesem Sinne bedanken wir uns für Ihre kollegialen und freundlichen Glückwünsche zur gelungenen PR für eine mehr als sehenswerte Ausstellung und freuen uns sehr, dass Sie uns sogar auf Ihrer Seite wörtlich zitieren. Ich finde es doch schön, wenn Kollegen gegenseitig für einander werben und auch Leistungen anderer medial würdigen!

Beste Grüße,

Alex Khaelssberg

Krise.Währung.Kunst

Erschienen in: UM:Druck Nr 24, Oktober 2013 (3/2013)

Kürzlich ist es mir gelungen, rund 40 KünstlerInnen des ACB Art Club Berlin zu brüskieren. Geladen war zum public discourse über das Thema „Tatort Kunstmesse“. Die Diskussion drehte sich bald um die Frage, was denn zu tun sei, um den Kunstmarkt zu beleben. Ein Sammler aus dem Publikum monierte, es gebe zu wenig „Qualität“ in der schier unüberschaubaren Berliner Kunstszene. (Schätzungen reichen von 400 bis 500 Galerien in Berlin.) Eine andere Teilnehmerin kritisierte, dass nur wenige Klüngel an die öffentlichen Förderungen ran kämen.

Ich stellte dazu zwei harmlose Fragen: Wer von den Anwesenden kauft Kunst? Und wer sammelt Kunst? Es waren jeweils zehn, zwei Mal dieselben zehne! Das versteht sich nicht von selbst, denn insbesondere KünstlerInnen könnten ja Kunst auf dem Tauschwege erwerben und sammeln. Jedenfalls fühlte sich die Mehrheit vorgeführt, als ich darauf hinwies, dass von 100 Prozent derer, die sich für Kunst interessieren, nur 25 Prozent kaufen. „Wir sind ja selbst Produzenten“, empörte sich die bis dahin schweigende Mehrheit. Was mich nicht beeindruckte, denn: hat schon jemand einen Schriftsteller kennen gelernt, der öffentlich erklärt, er kaufe keine Bücher, weil er selbst welche schreibe?

„Die Mehrheit will Kunst nicht kaufen, sondern konsumieren“, stellte eine Teilnehmerin klar. Ich gestehe, diesen Unterschied kannte ich bislang nicht. Der Konsument zieht sich also mal Kino mal Kunst, mal Kaffee mal Kokain rein um vorübergehend high zu sein, aber er weiß, was ihn heiß macht, kann er nicht besitzen. Oder will er es nicht besitzen? Ich habe den Verdacht: der Kunst-Konsument ist grundsätzlich darauf eingestellt, Kunst nicht zu kaufen.

Die Krise des Kunstmarktes beginnt somit schon beim Kunstproduzenten. Viel wird über Kunst als Anlage diskutiert. Besser wäre es über Kunst als Währung zu diskutieren, als alternative Währung zu Geld. Wer die letzten fünf Jahre nicht völlig verschlafen hat, dürfte mittlerweile wissen, dass Geld von den Banken aus Luft geschaffen wird und nur noch deshalb in der heutigen Form in Umlauf ist, weil immer noch die Mehrheit darauf vertraut. Blind vertraut. Die Vertrauensbasis wird aber zunehmend dünner. Für die Sehenden eröffnet die Kunst ungeahnte Möglichkeiten, denn genauso wie Geld kann man Kunst aus Luft schaffen, ausgerüstet lediglich mit Ideen und Kreativität. Und das völlig legal!

Jede Währung basiert auf zwei Prinzipien: Vertrauen und Umlauf. 1000 Euro im Sparstrumpf sind genauso wertlos wie 1000 Milliarden Simbabwe-Dollar, dem aufgrund der Hyperinflation kein Mensch mehr vertraut, nicht einmal die eigene Regierung. Da ist es meines Erachtens keine utopische Idee, wenn Künstler selbst beginnen auf Tauschbörsen ihre ureigenste Währung in Umlauf zu bringen. Vom Tausch können sich die beteiligten Künstler zwar noch nichts kaufen, aber sie erhöhen die Chance, dass sie etwas im Atelier haben, das der Eigentümer dessen will, was sie gerade brauchen, aber nicht mit normalem Geld zahlen können. Diversifizierung heißt das in der Realwirtschaft. Und Bartergeschäfte sind auch in anderen Branchen üblich.

Dafür ist ein Bewusstseinswandel notwendig, und eine Basisbewegung. Zum Bewusstseinswandel gehört die Erkenntnis – richtiger: das Bekenntnis – Künstler, die keine Werke anderer Künstler besitzen sind Banausen, so wie Schriftsteller, die keine Bücher anderer Autoren besitzen! „Tauschen tu ich schon, aber das hat ja nichts mit Sammeln zu tun“, sagte mir eine Künstlerin nach der erwähnten Diskussion. Auch hier ist ein Bewusstseinswandel notwendig. Die Vorstellung, dass nur unsere Liaunigs und Essls „echte“ Sammler sind, ist zu überdenken. „Echte“ Sammler sind eben nicht jene, die ihre Schätze horten, sondern jene, die sich von alten Stücken trennen, um für neue Ideen Platz zu bekommen.

Besonders für DruckgrafikerInnen eröffnen sich mit dieser „Währungsreform“ neue Perspektiven. Dies soll kein Aufruf zur Produktion von Blüten sein, sondern eine Aufforderung, die eigenen Produktionen zum Blühen zu bringen. Noch eine letzte Aufforderung zum Bewusstseinswandel: Vergesst eure komplexbeladene Unschuldsformel „Ich will ja niemanden etwas aufdrängen“. Nur mit ein bisserl Druck können wir die ewigen Schauer, die nur konsumieren wollen, zu Käufern machen, die Kunst auch gerne nach Hause mitnehmen wollen.