Kunstszene und Um:Druck 2026

Nach Einstellung der „Wiener Kunsthefte“ hat ihr Chefredakteur Philipp Maurer mit der auf Druckgrafik spezialisierten Zeitung „Um:Druck“ begonnen. Hubert Thurnhofer als Präsident der IG-Galerien hat in jeder Ausgabe einen Kommentar über Kunst, Kunstpolitik oder die Kunstszene beigesteuert. Der erste Beitrag stammt vom September 2026.

Arbeitsunwillige Studenten – berufene Professoren?

Um:Druck, September 2006

Mit Erscheinen der ersten Ausgabe von UmDruck ist auch die zweite schwarz-blauorange Regierungsperiode schon wieder Geschichte – und es ist keineswegs voreilig, schon jetzt Geschichtsbücher mit dem Resümee zu verfassen, dass auch dieser Regierung die zeitgenössische bildende Kunst – mit Verlaub – scheißegal war. Fast nostalgisch erinnert man sich an den Kunst-ist-Chefsache-Kanzler Viktor Klima und seine an Platidüden unübertroffene Laudatio auf Alfred Hrdlicka anlässlich einer Ausstellungseröffnung im Wiener Künstlerhaus. Vom Schweigekanzler Wolfgang Schüssel bleiben jedoch nicht einmal Platidüden in Erinnerung. Über seinen Kunststaatssekretär wollen wir aber künftigen Generationen warnend ins Stammbuch schreiben: Traue keinem Politiker, der dir die Absetzbarkeit der Kunst verspricht.

An Hrdlicka erinnert sich übrigens auch Karlheinz Schmid, Chefredakteur der Kunstzeitung, in der August-Ausgabe: „Jahrzehnte ist´s her, da ging´s um Alfred Hrdlicka und seine An- beziehungsweise Abwesenheit als Professor in Stuttgart. Irgendein Ministeriumsmitarbeiter räumte schließlich ein, dass man auch nicht erwarten dürfte, dass solche renommierten Künstler tatsächlich in den Akademien anwesend seien. Wenn man sie beruft, so hieß es, dann doch deshalb, um die Reputation der jeweiligen Hochschule aufzuwerten. … Viele der auf dem Kunstmarkt erfolgreichen Stars geben vorzeitig auf, brechen aus, weil sie die Auflagen der Akademie-Verwaltungen fürchten oder es leid sind, rund um die Uhr den Betreuer spätpubertärer, nicht selten arbeitsunwilliger Studenten zu geben. Gerade im Auftrieb eigener Kreativität und entsprechend stürmischer Markt-Resonanz bleibt keine oder zu wenig Zeit, um sich auf den Nachwuchs, den Mitbewerber von morgen, ernsthaft einzulassen.“ (Kunstzeitung 8/2006, S. 14)

Wenn die hier angeführten “Stars” (Schmid nennt aktuelle Beispiele wie Thomas Ruff, Elke Krystufek oder Daniel Richter) nicht von “arbeitsunwilligen Studenten” belästigt werden wollen, dann sollen sie sich nicht um Professuren bewerben. Immerhin fallen Professuren nicht vom Himmel sondern werden als öffentliche Stellen ausgeschrieben. Und in einer Ausschreibung findet sich in der Regel ein Anforderungsprofil, zu dem auch der Unterricht gehört. Offenbar ist es nicht nur in Wien üblich, dass die “Stars” der Meinung sind, allein ihr Name müsse der Akademie zur höheren Ehre gereichen und (den Ausschreibungen entsprechende) Leistungen bräuchten deshalb nicht erbracht zu werden (was in jedem anderen Job sofort zum Rausschmiss führt).

Das wirft die grundsätzliche Frage auf: Wozu sind Professoren da und wozu sind Akademien/Kunstuniversitäten überhaupt da?

Um (arbeitsunwilligen?) Studenten die Illusion zu vermitteln, sie könnten sich vier, fünf Jahre kostenlos im Lichte der “Stars” sonnen und dann urplötzlich aus deren Schatten treten und wie ein Komet im Kunstmarkt einschlagen? Um “spätpubertäre” Möchtegernkünstler ein paar Jahre in eine geschlossene Anstalt abzuschieben, wo sie ihren Egotrip ausleben können? Um sie in dem Irrglauben blöd sterben zu lassen, junge Künstler könnten ohne Studium der Alten Meister jemals mehr als zu egozentrischen und selbstgefälligen Selbstdarstellern werden? Oder vielleicht doch, um bildungshungrigen Talenten kulturgeschichtliche Kenntnisse, Techniken, Erfahrungen, Enthusiasmus und vielleicht sogar Werte zu vermitteln?

Wenn da die “kaum berufenen Professoren” kündigen, dann wars vielleicht nicht ihre wahre Berufung. Ich jedenfalls habe größtes Verständnis, wenn Studenten gegen solche “Berufungen” revoltieren und lasse mich gerne von allen Professoren mit allerhöchster “Reputation” steinigen für meine Überzeugung, dass Akademien für Ausbildung und noch mehr für Bildung zuständig sind. Offenbar sehen das viele Professoren anders. Deshalb möchte ich als bekennender Realitätsverweigerer die Frage stellen: Wie finden solche Berufungen eigentlich statt?

Was immer man der verflossenen Regierung vorwerfen kann, Scheinheiligkeit sicher nicht. Noch nie wurden so unverblümt – ohne die geringsten Versuche den Schein zu wahren – Postenbesetzungen nach Regierungsbelieben vorgenommen wie in den vergangenen zwei Legislaturperioden. Die Nominierung von Monika Lindner zur ORF-Generalin war da nur die Spitze des Eisbergs. Nach der „missglückten“ Wahl ist es keinem Molterer und keinem Schüssel, auch keinem Kunst- und Medienstaatssekretär eingefallen, wenigstens zum Schein mit dem Hinweis auf die Unabhängigkeit des ORF-Stiftungsrates das Wahlergebnis anzuerkennen. Nein, da wurden koalitionäre und parteinahe Abweichler unverblümt zu Verrätern gestempelt.

Aufgrund dieser Lektion kann ich nur vermuten, dass wenigstens an den Akademien die realitätsbestimmenden, regierungsnahen Kreise noch in sich geschlossen sind. Krystufek rein, Krystufek wieder raus – das ist nur möglich, wenn inkompetente Stellen Vorentscheidungen ohne Rücksicht auf die Qualifikation des/der KandidatIn treffen. Bleibt abzuwarten, wie allfällige Grüne in der Regierung der Versuchung des Postenschachers widerstehen werden. Im übrigen bin ich der Meinung, dass Kunstakademien ohne Bildungsanspruch keine Existenzberechtigung haben!

Kritik der Kritik

Um:Druck, Dezember 2006/Jänner 2007

Noch nie war es so langweilig, das aktuelle kulturelle und politische Geschehen zu kommentieren, wie in diesem lauen Advent. Schüssel hat sich selbst übertrippelt und seine ganze Partei in Abseitsstellung gebracht bevor seine Mannschaft wieder Aufstellung nahm um langsam aber doch den Wahlausgang zur Kenntnis zu nehmen. Bei Gusenbauer erleben wir indessen die Metamorphose vom kritischen Juso zum koalitionsfähigen Kanzlerkandidaten. Und die Grünen können wieder in aller Ruhe Forderungen stellen, weil sie sicher die nächsten vier Jahre in keiner Regierung den Beweis der Durchführbarkeit erbringen müssen. Das Allesschondagewesengefühl lässt sich nicht vertreiben. Was bleibt einem da zu kritisieren? Die Kritik an sich.

Die Macht der Kritiker will nun die basis wien mit einem neuen Kritikerpreis relativieren und hat deshalb den Art Critics Award ins Leben gerufen, wobei KünstlerInnen über KritikerInnen urteilen dürfen. „Einerseits wird die Stellung des Kunstkritikers gemeinhin als eine Machtposition innerhalb des Systems Kunst verstanden und man gesteht ihm zu, über Karrieren oder Verkaufszahlen entscheiden zu können. Andererseits lässt sich ein Desinteresse von Seiten des Marktes an dieser Kennerschaft feststellen und Kritiker selbst bewerten ihren Einfluss als sehr bescheiden“, schreiben die Initiatoren des Awards (siehe http://www.artcriticsaward.com)

Auch der Galerist Manfred Lang sieht im Felde der Kritik, insbesondere der Kunstkritik, Handlungsbedarf. „Sicher – jetzt haben die über Kultur Schreibenden weniger Zeilen um zu berichten. Da fügte es sich gut, dass Kulturkritik als nicht mehr zeitgemäß von der bequemeren Berichterstattung abgelöst wurde. Also wird in Zeitungen nur mehr eventgemäß berichtet, welcher Schicki was gesehen oder welcher Micki was gekauft hat – und wichtig natürlich – zu welchem Preis“, moniert er in www.artmagazine.cc artmagazine.cc sei Dank, dass nicht nur über Schicki und Micki bei der letzten Wohltätigkeitsauktion berichtet wird. Doch man darf sich nicht wundern, wenn Kritik-Müdigkeit beim Leser aufkommt wenn er immer wieder mit Leerformeln und – noch schlimmer – mit den Vorurteilen gefüttert wird, und das ausgerechnet auf Plattformen wie dem artmagazine.cc.

So schreibt Wolfgang Pichler unter dem Titel „Zeitgenossen gar nicht zeitgenössisch“: „Selten ist es geworden, dass KünstlerInnen ganz ohne ironische Brechungen mit klassischen Materialien und Techniken arbeiten. Solche Werke sind zumeist nur im Museum oder in diversen Hobbykunstausstellungen zu sehen.Umso erstaunlicher ist es, wie hier, solche Arbeiten als „contemporary“ und in einem ernstzunehmenden Rahmen präsentiert zu bekommen.“ Es geht dabei um eine Ausstellung bulgarischer Künstler im Künstlerhaus. Hier hat wieder einmal ein ganz kritischer Geist einen Blick nach Osteuropa gewagt und festgestellt, dass die Kunstproduktion in einem Land wie Bulgarien nur unter Anführungszeichen als „contemporary“ bezeichnet werden könne, arbeiten die KünstlerInnen doch mit „klassischen Materialien und Techniken“ was heute nur noch „im Museum oder in diversen Hobbykunstausstellungen zu sehen“ ist. Dieser Schwachsinn müsste denn wohl auch für jüngst alle auf der Art Cologne vertretenen Künstler und Galerien gelten. Bulgarien war dort allerdings nicht vertreten.

Vom Kunstkritiker zum Medienkritiker mutierte Rainer Metzger in einer Glosse über das zehnjährige Jubliäum der Kunstzeitung. „Sie ist gern einmal vergriffen, und sie vergreift sich schnell. In einer Zeit, in der man eine neue Wissenschaft bemühen muss, um den Unterschied von Bild und Kunst dingfest zu machen, hält sie es mit der Nivellierung dieses Unterschieds. Sie heißt Kunstzeitung, und sie ist die Bildzeitung der Kunst. Gerade ist sie zehn Jahre alt geworden, wie sie in einer Druckqualität aus anno Citizen Kane als Stapelware die Ausstellungen bevölkert. 200.000fach macht sie sich an die Menschheit heran, und in der Bananenrepublik namens Kunstbetrieb hat sie eine Verbreitung wie nicht einmal die Krone. Sie ist wüstester Boulevard, und als solcher erzeugt sie ihre eigene Welt.“

Es ist doch erstaunlich, wie sich Metzger aufplustert und offenbar völlig vernebelt nicht mehr imstande ist, den Journalismus einer Bild-Zeitung von dem Qualitätsjournalismus der Kunstzeitung zu unterscheiden. Ja, Qualitätsjournalismus, den man in den Kunstressorts österreichischer Tageszeitungen häufig vermisst. Dass die Kunstzeitung als Qualitätszeitung sogar eine Auflage schafft, die für eine Sportzeitung sensationell wäre, muss einem Kritiker im Elfenbeinturm natürlich suspekt sein. Dass „Stapelware“ zur „Bevölkerung“ von Ausstellungen beiträgt, ist immerhin eine neue Erkenntnis für einen Galeristen, der sich Tag für Tag den Kopf zerbricht, wie er seine Ausstellungen stärker bevölkern könnte.

Ein Urteil über das kulturelle Erbe

(20. Januar 2006 erschienen auf thurnhofer.cc) Politiker kommentieren den Entscheid des Schiedsgerichts …. und Karl Kraus dreht sich im Grabe um.

Das österreichische Schiedsgericht ist unter Anwendung des österreichischen Rechts – insbesondere des österreichischen Kunstrückgabegesetzes 1998 – zum Ergebnis gelangt, dass die Bilder Adele Bloch Bauer I („Goldene Adele“), Adele Bloch Bauer II, Apfelbaum, Birkenwald/Buchenwald sowie Häuser in Unterach am Attersee an Maria Altmann und ihre Familienmitglieder zu restituieren sind.

SPÖ-Vorsitzender Alfred Gusenbauer: „Jetzt sitzt man vor einem Scherbenhaufen.“

Bundeskanzler Wolfgang Schüssel: „Die Entscheidung des Schiedsgerichtes über die Rückgabe von fünf Klimt-Bildern an die Familie Altmann wird respektiert und umgesetzt.“

Kultursprecher der ÖVP Wien, LAbg. Franz Ferdinand Wolf: „Ich freue mich für Maria Altmann über den Entscheid des Schiedsgerichtes. Es sind jetzt rasch Maßnahmen gefragt, die Wien zumindest einen Teil der Bilder erhalten.“

Wiens Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny: „Die Stadt Wien ist im Bereich der Kunst-Restitution schon sehr viel weiter.“

SPÖ-Kultursprecherin Christine Muttonen: „Die österreichische Bundesregierung hat es verabsäumt, zu einer Einigung mit der Klägerin zu kommen und hat nun zu verantworten, wenn die Bilder in amerikanischen Privatbesitz kommen.“

ÖVP-Generalsekretär Abg.z.NR Dr. Reinhold Lopatka: „Weder die Bundeskanzler Kreisky, Sinowatz, Vrantitzky und Klima noch die Museumsminister Firnberg und Fischer haben diese Frage in Angriff genommen, als Frau Altmann noch jünger war.“

Wiens Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny: „Ich sehe es auch als moralische Verpflichtung an, dass Kunstgegenstände, wenn diese nicht rechtmäßig in Besitz der öffentlichen Hand sind, nicht nur rückgestellt, sondern anschließend auch angekauft werden.“

Nationalratspräsident Andreas Khol: „Da es für die Republik natürlich sehr schmerzlich ist, diese wertvollen Kunstgegenstände zu verlieren, unterstütze ich alle Anstrengungen der Bürgergesellschaft, die darauf abzielen, die Bilder weiterhin in Österreich zu erhalten.“

Wolfgang Zinggl, Kultursprecher der Grünen: „Die Erhaltung des kulturellen Erbes ist eine wichtige Aufgabe. Es gibt aber Grenzen der staatlichen Finanzierbarkeit. Wenn die Erhaltung des Erbes die Förderung des zeitgenössischen Schaffens in Frage stellt, dann sind diese Grenzen erreicht.“

Nationalratspräsident Andreas Khol: „Angesichts der enormen Summen, auf die die Bilder geschätzt werden, sehe ich keine Möglichkeit, dass sie von der Republik angekauft werden können. Das jährliche Ankaufsbudget der Bundesmuseen belauft sich gerade einmal auf sechs Millionen Euro.“

Bundeskanzler Wolfgang Schüssel: „Sollten die Gespräche über einen Ankauf durch private Sponsoren und Mäzenen erfolgreich sein, dann werden wir sicher indirekt durch steuerliche Absetzmöglichkeiten mithelfen.“

SPÖ-Kultursprecherin Christine Muttonen: „Gehrers Verhalten hat dazu beigetragen, dass die Erben nicht den Wunsch haben, die Bilder in Österreich zu belassen. Gehrer ist es völlig egal, wenn die Werke in Österreich nicht mehr öffentlich zu sehen sind.“

SPÖ-Bundesgeschäftsführerin Doris Bures: „Auch das PISA-Debakel geht auf das Konto ihrer Untätigkeit.“

SPÖ-Vorsitzender Alfred Gusenbauer: „Jedenfalls ist es nicht der Weisheit letzter Schluss, wenn der Finanzminister für zwei Bilder die Post verscherbelt.“

(Anmerkung: Alle Zitate sind wörtlich aus den Aussendungen der Parteipressedienste vom 16. bis 19. Jänner 2006 entnommen)

Die Impertinenz der „Österreich-Retter“

Publiziert in WirtschaftsBlatt, 26. Janaur 2006, Seite 12

Die Retter der „österreichischen Identität“ haben eines gemeinsam: Sie machen sich damit wichtig, längst kanonisierte Werte zu verteidigen und die österreichische Identität damit ausschließlich als Produkt unserer Vergangenheit abzustempeln. Tatsache ist: Wenn fünf Klimt-Bilder außer Landes gebracht werden, hat das überhaupt keine Auswirkung auf unsere Identität, zumal dutzende Werke dieses Künstlers im Lande bleiben.

Die Argumente von WirtschaftsBlatt-Redakteur Gerhard Marschall ebenso wie von Hannes Androsch implizieren, dass es selbstverständlich sein müsste die Bilder von Gustav Klimt zurück zu kaufen. Jeder, der mit zeitgenössischer Kunst zu tun hat, muss sich wundern, mit welcher Larmoyanz da plötzlich Summen da sein sollen, die für die zeitgenösssiche Kunst in Jahrzehnten nicht aufgebracht werden.

Die IG Galerien würden jedenfalls begrüßen, wenn die Identitätsfindung eine stärkere Zukunftsorientierung bekäme, anstatt den Entscheid des Schiedsgerichts dadurch wieder zu konterkarieren, indem man die Klimt-Bilder geradezu impertinent für „Österreich“ bzw. die „österreichische Identität“ vereinnahmt.

Hasta la Vista Amigos de ARCO!

Bei der Vorstellung des Österreich-Schwerpunktes auf der Madrider Kunstmesse ARCO heute, Montag, den 30. Januar 2006 in Wien, wurde folgende Gleichung aufgestellt:

1.000 qm Messefläche umsonst = Nichts

Hintergrund: Die ARCO in Madrid hat in diesem Jahr Österreich als Gastland auserkoren, was Franz Morak insbesondere freut, weil wir neben 250 Jahren Mozart nun auch 25 Jahre ARCO für Österreich verbuchen können. „Im Auftrag des Staatssekretärs für Kunst und Medien, Franz Morak, wurde ein breites und vielfältiges Begleitprogramm mit der Zielrichtung, Österreich umfassend darzustellen, erarbeitet“, lässt Morak seine Presseabteilung texten. Als Teil dieses Begleitprogramms, für das in Summe 500.000 Euro zur Verfügung gestellt wurden, dürfen „22 der bedeutensten Galerien für zeitgenössische Kunst aus ganz Österreich“, bzw. „22 bedeutende Österreichische Galerien“ – da war sich die Pressestelle nicht ganz sicher – umsonst auf der Kunstmesse von 9. bis 13. Februar ausstellen.

Kurier-Redakteurin Henriette Horny wollte wissen, wie diese Auswahl zustande gekommen ist und hat erfahren, dass es dazu ein zweistufiges Verfahren gab. In der ersten Stufe wurden von einer Jury, der u.a. Ricky Renier angehörte, 16 Galerien ausgewählt. Danach war noch Platz frei, so dass „der Verband“ gebeten wurde, „sich etwas zu überlegen“, so Renier. Auf deutsch: Zuerst hat eine Jury 16 Galerien aus dem Einzugsbereich des Verbandes ausgewählt, danach wurde der Verbandsvorstand aufgefordert, weitere sechs Galerien aus dem Verband direkt zu nominieren.Hasta la Vista Amigos de ARCO!

Und obwohl alles fest in Verbandshand war, hat die für die ARCO auserkorene Ursula-ich-bin-nicht-beim-Verband-Krinzinger eine „Schande für Österreich“ ausgemacht, weil Heike Curtze als eine von zwei Galerien ihren Stand auf der ARCO selbst bezahlt. Und Grita Insam, ebenso eine der 22 geladenen Galerien, beeilte sich mitzuteilen: „Wir bekommen nichts von dem Geld.“ So lichtet sich nun das arithmetische Geheimnis der eingangs zitierten Formel. Einen Stand, der regulär 182 Euro/qm kostet, geschenkt zu bekommen, das ist „nichts“. Wenn 22 Galerien insgesamt rund 1.000 qm auf der ARCO belegen, so gehen gut und gern 200.000 Euro vom ARCO-Budget des Bundes an diese Galerien.

Doch es nichtet nicht nur in den Köpfen der Subventionsempfänger, es nichtet auch im Kopf des Staatssekretärs, der einmal mehr bewiesen hat, dass er absolut nichts mit der Kunst am Hut hat. Auf die Frage von Henriette Horny, wieviel ansonsten für Messeförderung ausgegeben werde, quetsche Morak ein „mh-äh-mh“ aus dem Hals und blickte verlegen in die Runde, bis ein Vertreter der IG Galerien, der zufällig vor Ort war, erklärte: „200.000 Euro pro Jahr steht auf der Website des Staatssekretärs“.

200.000 Euro, die übrigens seit Jahren unter den Teilnehmern folgender Messen aufgeteilt werden: ARCO, Art Basel, Liste 05 Basel, Frieze Art Fair London, Art Brussels, Art Cologne und Art Basel Miami Beach. Da diese, und nur diese Messen, gefördert werden, stellt sich längst die Frage, inwiefern die Messeförderung von Morak dem Gleichheitsgrundsatz gerecht wird.

Saliera-Nachahmungstäter sucht Kunstraum heim

Wien (05.02.2006) Der „Denker“, eine Bronzeskulptur des jungen Wiener Bildhauers Alex Jiresch, wurde Opfer eines Kunstdiebstahls. Ausgestellt im Kunstraum in den Ringstrassen Galerien, hat der Täter vergangene Woche zugeschlagen. „Der Medienhype um den Saliera-Dieb Robert Mang hat offenbar einen Nachahmungstäter stimuliert, sich in unserer Galerie zu bedienen“, vermutet Hubert Thurnhofer, Leiter des Kunstraums und Präsident der IG Galerien, und verweist darauf, dass gerade im Umfeld der laufenden Berichterstattung der erste Kunstdiebstahl in seiner 11-jährigen Galeriegeschichte passiert ist. 

Der Kunstrechtsexperte Dr. Andreas Cwitkovits äußert ähnliche Befürchtungen: „Unser Gentleman-Ganove wird wohl kaum mehr in Museen einsteigen. Doch kann ich mir vorstellen, dass andere schon an einschlägigen Planungen arbeiten. Es muss ja nicht unbedingt das Kunsthistorische sein, schlimm genug, wenn Dorfkirchen ausgeräumt werden.“ Wenn Medien Verbrecher mit Attributen wie „Meisterdieb“ (Kronen Zeitung) oder „Gentlemen-Lover“ (News) hochjubeln, so stellt sich auch die Frage nach der Verantwortung der Zeitungsmacher. Sogar das sonst seriöse Wirtschaftsmagazin trend (Ausgabe 2/2006) hat Robert Mang zum „Mann des Monats“ gewählt und der Republik empfohlen, eine „Robert-Mang-Task-Force“ einzurichten, „um Schwachstellen besser sichtbar zu machen.“

Rechtsanwalt Cwitkovits plädiert daher für mehr Sachlichkeit in der Berichterstattung: „Ich bin dafür, dass man die moralisch-politisch-journalistische (und humoristische) Seite strikt von der juristischen trennt: Unser demokratischer Staat hat sich ein Strafrecht gegeben, das Stehlen verbietet und das Ausmaß der Strafe an den eingetretenen oder drohenden Schaden knüpft. Bekanntlich trägt Justitia eine Augenbinde als Symbol dafür, dass die Rechtsprechung sich nicht von Sympathie oder Antipathie beeinflussen lassen darf. Deshalb mag die offenbare Humorlosigkeit des Herrn Staatsanwalts zwar auch wenig cool sein, aber in der Sache hat er schon recht. Es kann gut sein, dass gerade die Sicht vieler Medien, es handle sich im Grunde um ein Kavaliersdelikt, zu besonders intensiven generalpräventiven Überlegungen der Strafrichter und zur Verhängung einer ungewöhnlich strengen Strafe beitragen. Mein Mitgefühl für den „Mann des Monats“ ist trotzdem begrenzt.“ 

Im Falle des Diebstahls der Skulptur „Der Denker“ von Alex Jiresch könnte eine Verwechslung vorliegen. Der „Denker“ ist eine Reminiszenz auf die weltberühmte, längst zur Ikone gewordene Skulptur von Auguste Rodin, die Jiresch in die Formensprache von Fritz Wotruba übersetzt hat. Auch in anderen Arbeiten erinnert der Stil des 1972 geborenen Künstlers, der 1995 bis 2001 Assistent des New Yorker Bildhauers Roland Tandafir war, an Fritz Wotruba. „Es kann leicht sein, dass ein mäßig informierter Langfinger die Skulptur von Jiresch für eine Wotruba-Plastik gehalten hat“, vermutet der geschädigte Galerist und bittet um zweckdienliche Hinweise.

Kunstmediator 2006: Lindinger + Schmid

(Köln, 3. November 2006) Vor zehn Jahren haben sich die beiden kunstbegeisterten Medienprofis bzw. medienbegeisterten Kunstprofis Gabriele Lindinger und Karlheinz Schmid in den Kopf gesetzt, die Kunst einem breiten Publikum nahe zu bringen. In einem anständigen Verlag würde so eine Idee sicher schnell von Controlling-Abteilungen zu Tode gerechnet werden. Nicht so bei Lindinger+Schmid. Hier hat man einfach die Ärmel hoch gekrempelt und zum damals schon bestehenden Verlagsprogramm noch eine Zeitung aus der Taufe gehoben. So hat der für Insider produzierte Informationsdienst KUNST eine durchaus massentaugliche Schwester bekommen, die KUNSTZEITUNG.

Die Auflage von 200.000 Exemplaren, günstiges Zeitungspapier anstelle von Hochglanz, die Finanzierung über Werbung – dieses Konzept hat von der ersten Stunde an eingeschlagen. Ein paar Jahre später hätte man allein mit dieser Idee, gegossen in einen optimistischen Businessplan, illustriert mit vielen bunten Tortengrafiken, Millionen scheffeln können. Es wäre gar nicht notwendig gewesen, die KUNSTZEITUNG auch noch zu produzieren. Gott sei Dank ist die KUNSTZEITUNG aber vor der Geburt der New Economy entstanden und hat diese auch unbeschadet überlebt.

Zehn Jahre lang Monat für Monat eine Zeitung zu produzieren ist schon eine Kunst, zehn Jahre eine Kunstzeitung zu produzieren ist demnach Kunst zum Quadrat. Damit hat sich die KUNSTZEITUNG im Prinzip selbst ausgezeichnet und es bedürfte eigentlich nicht der IG Galerien um ihr einen Orden umzuhängen und nochmals zu sagen: Gut gemacht, weiter so! Da es aber auch eine andere Sicht der Dinge gibt – so hat ein gewisser Rainer Metzger gemeint, die KUNSTZEITUNG “ist wüstester Boulevard…. Sie heißt Kunstzeitung, und sie ist die Bildzeitung der Kunst” – sei hier doch erlaubt, etwas ausführlicher zur begründen, WARUM die KUNSTZEITUNG und ihre Herausgeber Lindinger+Schmid den Award KUNSTMEDIATOR 2006 verdient haben.

Die Auflage von 200.000 Exemplaren übertrifft alle anderen Kunstmagazine und auch viele Tageszeitungen, bei denen freilich in einem Monat in Summe wesentlich weniger über Kunst geschrieben wird als in der KUNSTZEITUNG. Da kann der Vertreter des Elfenbeinturms nur unterstellen, dass eine Redaktion sehr tief sinken muss, um solche Massen zu erreichen. “200.000fach macht sie sich an die Menschheit heran”, empört sich Metzger. Grund für die große Verbreitung ist allerdings nicht billiger Boulevard-Journalismus, sondern ein intelligentes Vertriebsmodell. So erhalten Museen und Galerien die KUNSTZEITUNG in 100er-Paketen zur Weiterverteilung.

Metzger hält ihr deshalb vor, dass “sie in einer Druckqualität aus anno Citizen Kane als Stapelware die Ausstellungen bevölkert.” Dass Stapelware zur “Bevölkerung” einer Ausstellung beitragen kann, ist schon eine eigenwillige Wahrnehmung. Dass man sich mit dieser “Bevölkerung” aber auch noch die Hände schmutzig macht, ist eine Zumutung für einen Kunstkritiker, für den das Lesen zur Arbeit zählt. Eine Arbeit, die uns aber bitteschön nicht an unsere proletarischen Vorfahren erinnern soll. Auch ich mache mir Monat für Monat die Hände schmutzig, wenn ich mein KUNSTZEITUNGs-Paket auspacke und in kleinere Einheiten für meine Kollegen der IG Galerien aufteile. Aber als Galerist ist man da nicht so zimperlich, denn schließlich sind wir ja gewohnt, Bilder und andere Objekte der Kunst von einer Ausstellung zur anderen zu schleppen und dabei auch selbst ordentlich anzupacken um bei den Fremdkosten zu sparen.

Neben hoher Auflage und billigem Papier ist die Werbefinanzierung die dritte intelligente Innovation im Segment der Kunstmedien. Eine Innovation, mit der man sich bei einem Metzger verdächtig macht: “Bekanntlich finanziert sie sich über das untere Drittel jeder Seite, in dem die Häuser ihre knappen Etats strapazieren und Werbung schalten.” Das kann nur unseriös sein, seriöse Kunstmedien werden nämlich entweder “in die Pleite getrieben oder in den Elfenbeinturm”, weiß Metzger. Dabei hat die KUNSTZEITUNG für ihre Finanzierung auch ein überzeugendes Layout gefunden das dem Leser völlig transparent vermittelt: Zwei Drittel Redaktion werden mit einem Drittel Werbung finanziert.

Der Zwischenrufer aus Wien soll nicht überbewertet werden, kann aber auch nicht unerwähnt bleiben, weil hier nicht mit gezielten, aber wohlwollenden Stichelein, die dem Wiener Schmäh eigen sind, sondern mit durchaus bösartigen Schmähungen polemisiert wird, die jeglicher Grundlage entbehren. So eine “Gratulation” hat die KUNSTZEITUNG wirklich nicht verdient. Verdient hat sie hingegen aus Sicht der IG Galerien nicht nur den Award KUNSTMEDIATOR 2006, sondern auch, dass sie mit ihrem Geschäftsmodell gutes Geld verdient. Die ursprüngliche Intention des Kunstmediator war es ja, nicht die pragmatisierten Kunstvermittler und -kritiker in Museen oder Redaktionen zu prämieren, sondern jene Personen und/oder Unternehmen, die der Kunst neue Plattformen schaffen, die mit ihren Aktivitäten neue Zielgruppen erschließen. Und das ist Lindinger+Schmid mit der KUNSTZEITUNG zweifelsfrei gelungen. Dass die KUNSTZEITUNG gut ist, beweist auch die Tatsache, dass bereits Nachahmungstäter zu finden sind. Und damit die KUNSTZEITUNG noch möglichst lange in ihrer gewohnten Qualität die Kunstszene in allen ihren Facetten beleuchten kann, dafür wünschen wir ihr auch jeden erdenklichen wirtschaftlichen Erfolg.

Da mir die Medienbranche auch nicht ganz fremd ist, möchte ich abschließend noch eine grundätzliche Frage erörtern. Wer mit Kunst zu tun hat, hört ständig die Frage: Was ist Kunst? Ebenso oft hört man mehr oder weniger gescheite Antworten auf diese Frage. Wer mit Medien zu tun hat, hört aber relativ selten die Frage: Was ist Journalismus? Auch wenn Sie sich diese Frage bisher gar nicht gestellt haben, ich sag Ihnen trotzdem die Antwort. Journalismus ist eine Gratwanderung zwischen Kriegsberichterstattung und Hofberichterstattung. Und was ist Qualitätsjournalismus? Das ist die Kunst, auf dieser Gratwanderung weder auf der einen noch auf der anderen Seite abzustürzen. Man muss dafür wahrscheinlich die Charaktereigenschaften eines Dienstmannes und eines Supermanns in sich vereinen. Oder vielleicht verlangt es auch nur die perfekte Arbeitsteilung. In diesem Sinne: danke Dienstmann, danke Superwoman.

Die Auszeichnung in ihrer künstlerischen Ausformung kommt übrigens so wie immer auch in diesem Jahr wieder vom steirischen Künstler Franz Wieser.