Würde, Schrecken und Geltung eines europäischen Begriffs
Zürich, Edition Interfrom, 1990

23. Oktober 2026 – Günther Nenning (23. Dezember 1921 – 14. Mai 2006) – Zum 20. Todestag des Doktor Doktor hat sich niemand mehr an ihn erinnert. KI verweist – wie so oft irrtümlich – auf einen Artikel in furche.at; diese Seite allerdings zeigt nur eine Kurzmeldung aus dem Jahr 1966 (!) an: „Versuch einer Klimaverbesserung“. Konkret geht es um ein Buch über das Verhältnis von Richtern und Journalisten, herausgegeben von Günther Nenning.
Sein Versuch über die Wiederkehr der Nationen ist keine ernsthafte Untersuchung, wie die zwei Jahre zuvor erschienene: „Grenzenlos Deutsch. Nazion oder Nation, Starkstaat oder Geisterreich.“ Es ist eine ernsthafte Plauderei über das Ende einer Epoche, das Ende des Kommunismus. Und genau dieser „Kopfstand im Turnsaal der Weltgeschichte“ (146) ermöglichte die Wiedergeburt des Nationalen, ohne -ismus, als Nationalgefühl.
Für einen Linken besteht natürlich Erklärungsbedarf, wenn er die Nation über die Internationale stellt. Der bunte Vogel, mit eigenen Worten „rot, grün, hellschwarz christlich und unterhalb aller meiner Farben rot-weiß-rot“, zwitschert fröhlich: „Die Wiedervereinigung [Deutschlands] ist der Tod aller alten Linken. Der Tod ist die Voraussetzung der Auferstehung. Aufsteigen sehe ich eine neue Linke, die sich erinnert, daß von Marx und Engels auf- und abwärts alle alten Sozis national waren, schlimmer noch: deutschnational – und daß diese alle meinten: Das Nationale ist nicht das Gegenteil, sondern die Voraussetzung des Inter-nationalen.“ (150)
Natürlich kennt und kritisiert Nenning alle historischen Auswüchse des Nationalismus. Sein Einschreiten dagegen belegt er mit seiner Unterschrift gegen die Unterdrückung der Tibeter durch die Chinesen. In Bezug auf die Wiedervereinigung sieht er eine näher liegende Gefahr: „Die ökonomische Potenz der Deutschen wird die politische und kulturelle Verknüpfung Mitteleuropas bestimmen. … Österreich wird nicht an Deutschland angeschlossen werden, weil es doch schon längst angeschlossen ist. In manchen Bereichen der Ökonomie und der Medien liegt das deutsche Eigentum längst bei und über 50 Prozent.“ (32 und 132)
Nennings Plauderei impliziert so manche Blödelei, Wortspiele, Visionen und Prognosen – womit er aus Sicht 2026 nachweislich oft daneben lag. Beispiel: „Österreich wird nicht Mitglied von EG-Westeuropa werden, weil es EG-Westeuropa längst nicht mehr geben wird im kommenden Jahrzehnt. Sondern ein Gesamteuropa, bunt und gefährlich und deutsch.“ Statt einem Zentraleuropa träumt Nenning davon, dass Österreich seine Rolle in Mitteleuropa wieder findet. Ein Traum, den er mit Erhard Busek, teilte, der noch 2018 (gemeinsam mit Emil Brix) folgendes Buch publizierte: „Mitteleuropa revisted. Warum Europas Zukunft in Mitteleuropa entschieden wird.“
Der Großteil des Buches ist der deutschen Nation gewidmet. Österreicher erscheinen darin mit ihrer „Angstlust“ vor den besseren, selbstbewussteren, überlegeren [? Nein!] überlegeneren Deutschen [kein Wunder, wenn wir nicht einmal Deutsch können]. Darauf antwortet Nenning typisch mehrdeutig österreichisch: „Das Nationale haben die Österreicher und erst recht die Deutschen nicht hinter uns, sondern vor uns. [„… hinter sich, sondern vor sich“, würde ein Deutscher korrigieren! Nicht nur; sogar jeder österreichische Deutschlehrer müsste das machen.] Sind die Österreicher Deutsche, ist genau verkehrt gefragt. Die richtige Frage lautet: Sind die Deutschen Österreicher? Österreich steht für das alte Erste Reich, den bunten Fleckerlteppich, … in einem solchen größtdeutschen Geisterreich sind wir Österreicher nach Geschichte und Sprache kulturdeutsch und österreichischnational.“ (135)
Heute würde man von der „Agenda der Verösterreicherung der Welt“ sprechen. Die literarische Quelle findet sich vor rund hundert Jahren im „Mann ohne Eigenschaften“ von Robert Musil: „Die Welt werde nicht eher Beruhigung finden, als die Nationen in ihr so in höherer Einheit leben, wie die österreichischen Stämme in ihrem Vaterland.“ (132) Ein weiterer Dichter legt Zeugnis ab: „Die Nation ist die mächtigste Bewegungskraft aller bisherigen Geschichte“, meinte kürzlich Martin Walser. (72)
Nenning liefert – immer mit Seitenhiebe auf den bösen [ich weiß nicht, ob man „entarteten“ schreiben darf] Nationalismus – viele Plädoyers für die anständigen Nationen. Den Nationalstaat aber lehnt er ab: „Nationen können ganz schrecklich sein. Nationalstaaten sind ganz schrecklich. … Alle Ismen sind tot, der Nationalismus lebt. Die Nationen sind die großen Kleckse im Buch der Weltgeschichte. Sie lassen sich nicht wegradieren. Ich bin gegen den häßlichen alten Nationalismus, ich bin für den ehrenwerten älteren, 1789 bis 1848, und für den jüngsten, der sich wehrt gegen vergewaltigende Zentralgewalten.“ (36 f)
Vielleicht liegt es an der Abkürzung NS, die man als Nationalstaat ebenso lesen könnte wie Nationalsozialismus, dass Nenning den Nationalstaat = Zentralstaat ablehnt. Offenbar war er ein Gegner der EU (damals noch EG). Den Beitritt Österreichs 1994 hat er (schon damals 1990) abgelehnt, das Kommen des Zentralstaats geahnt. Offenbar war er einer der wenigen, die damals aus der Geschichte (nämlich der Geschichte der UdSSR) gelernt hat. Heute übertrifft die EUdSSR die CCCP in vielen Punkten: Räte und Kommissare haben die Allmacht, das EU-Parlament besteht aus hochbezahlten Hampelmännern und Hameplfrauen, und statt einem Fünfjahresplan fordern die Räte einen Siebejahresplan, ein Budget von 2028 bis 2034!
„Wo bleibt Österreich? Jetzt ist er in voller Bewegung, jener Osten, über den wir Antikommunisten uns so freuten, weil er endlich auf ewig etabliert schien als Höllenreich des Bösen. Eben dort tut sich jetzt viel mehr als bei uns im Reich der demokratisch eing’schlafenen Füß‘, zu geschweigen von Herzen und Hirnen.“ (136)
36 Jahre nach diesem Aufbruch in der Weltgeschichte müssen wir klar erkennen, dass Österreich in den falschen Zug gestiegen ist. Jene, die in der Luxusklasse reisen (jede Altpartei in einem eigenen Luxus-Waggon, inklusive FPÖ, den lässt sie sich nicht nehmen), während sich der Rest aller Österreicher drei Waggons teilen müssen (einer für die Superreichen, der zweite für die arbeitenden Steuerzahler, der dritte für die Sozialempfänger von Kindern bis Pensionisten, von Hilflosen bis Gewaltbereiten.) Wo bleiben die Beamten? Die sitzen in ihren Ämtern, zahlreicher denn je!
Die österreichischen Parteien sind alt geworden. Altparteien (inklusive der nationalbewussten FPÖ), die weder Ideen haben noch Ideologien vertreten, verfolgen nur ein Ziel: Schutz (und nach Möglichkeit Ausbau) ihrer Pfründe. Der Zug, den Kreisky noch in manchmal zweifelhafte Richtungen gelenkt hatte, steht mittlerweile auf dem Abstellgleis der Weltgeschichte. Die Luxuswaggons, welche die Parteien besetzt halten, sind zu geschlossenen Anstalten geworden. Panzertüren und -fenster schützen sie vor Durchlässigkeit. Die Nation kommt zu ihren Repräsentanten nicht mehr rein. Aber diese kommen nicht mehr raus. Die Hoffnung auf Veränderung stirbt zuletzt. Aber die Illusion, so geht’s ewig weiter, stirbt nie.