Gegen blinde Loyalität

Von Werner Rydl @WernerRydl

19. Oktober 2026 via X.com

Österreich ist politisch noch nicht dort, wo persönliche Loyalität wichtiger geworden ist als die kritische Prüfung eines Politikers. Und genau deshalb sollten die Össis aufmerksam bleiben.

In Brasilien kann man beobachten, wie schnell Politik zu einer Frage der Zugehörigkeit wird. Man ist nicht mehr einfach Wähler einer Partei oder Unterstützer eines Kandidaten. Man verteidigt eine politische Person fast unabhängig davon, was sie sagt, tut oder versäumt.

Genau an diesem Punkt beginnt Demokratie ihre wichtigste Schutzfunktion zu verlieren. Denn Demokratie lebt nicht davon, dass wir Politiker lieben. Sie lebt davon, dass wir ihnen Macht nur unter Bedingungen geben.

Ein Politiker muss kritisiert werden dürfen. Er muss Fehler eingestehen können. Er muss sich an Gesetze, Institutionen und demokratische Regeln halten. Und vor allem muss er akzeptieren, dass Zustimmung niemals ein persönlicher Besitz ist.

Österreich besitzt durch seine Geschichte eine besondere Erfahrung damit, wohin es führen kann, wenn politische Identität stärker wird als individuelle Urteilskraft. Trotzdem wäre es falsch zu glauben, dass so etwas heute unmöglich geworden ist. Führerkult beginnt nicht erst mit Uniformen, Aufmärschen oder großen Porträts. Er beginnt viel früher:

+ Wenn Kritik am eigenen politischen Lager als Verrat empfunden wird.

+ Wenn Fehler des eigenen Politikers entschuldigt werden, die man beim Gegner niemals akzeptieren würde.

+ Wenn die Frage „Hat er recht?“ durch die Frage „Gehört er zu uns?“ ersetzt wird.

+ Und wenn ein Politiker wichtiger wird als die Prinzipien, die er eigentlich vertreten soll.

Österreich ist heute noch weit davon entfernt, einem einzelnen Politiker uneingeschränkte Loyalität entgegenzubringen. Aber Demokratie ist kein Zustand, den man einmal erreicht und dann besitzt. Sie muss ständig verteidigt werden – vor allem durch Menschen, die bereit sind, auch die eigene politische Überzeugung immer wieder zu überprüfen.

Ein mündiger Bürger erkennt man nicht daran, wen er wählt. Sondern daran, dass er bereit ist, jeden Politiker nach denselben Maßstäben zu beurteilen. Denn der gefährlichste Satz in einer Demokratie lautet nicht: „Ich unterstütze diesen Politiker.“

Sondern:„Was auch immer er tut – ich stehe hinter ihm.“

Genau dort endet politische Überzeugung. Und dort beginnt blinde Loyalität.