Kollektivschuld und Vergangenheitsbewältigung

Beiträge von Václav Havel und Rudolf Burger

Am 15. März 1990 besuchte Deutschlands Bundespräsident Richard von Weizsäcker seinen Amtskollegen in Prag. Václav Havel erinnerte aus diesem Anlass an den Einmarsch der Deutschen am 15.3.1939, als „ein Wahnsinniger in Stiefeln […] in diese Burg eindrang, um der Welt zu verkünden, daß Gewalt über Freiheit und Menschenwürde siegt. Er drang hier ein als Bote des Krieges. Als Bote der Grobheit. Als Bote der Lüge. Als Bote des Stolzes und des Bösen, des Unrechts und der Grausamkeit.“ (S. 42)

Bild: Igor Leontjew, Öl auf Leinwand

„Heute, da wir am Anfang unseres zweiten Versuches der Demokratie stehen und da wir uns das ins Gedächtnis rufen, was vor einundfünfzig Jahren geschehen ist, begrüßen wir auf dieser Burge einen anderen Gast. Nämlich einen Vertreter der deutschen Demokratie. Einen Boten des Friedens. Einen Boten des Anstands. Einen Boten der Wahrheit. Einen Boten der Menschlichkeit. Einen Verkünder der Botschaft, daß Gewalt nie mehr über Freiheit siegen darf, Lüge nicht über Wahrheit und das Böse nicht über das menschliche Leben.“ (43)

Havel war bis 1992 der erste frei gewählte und letzte Staatspräsident der Tschechoslowakei, und nach der friedlichen Sezession der Slowakei bis 2003 Präsident der Tschechischen Republik. Verstorben im Dezember 2011, musste er noch die Auswüchse des Kapitalismus nach der Finanzkrise 2008 miterleben. Er konnte aber nur noch den Anfang vom Ende des Kapitalismus erleben, genauer gesagt den Beginn der finanzindustriellen Revolution; d.h. Beseitigung des Finanzmarktes als Dienstleistungsmarkt und als Teil der Marktwirtschaft; d.h. Usurpation der Wirtschaftsmacht durch monopolistische und totalitäre Hedgefonds und ihre Schattenbanken und deren Produkte, die einzig und allein der Produktion von Geld durch Geld dienen.

Damit geschah (paradoxer Weise) genau das, was Karl Marx als Ende des Kapitalismus vorausgesagt hat. Übrigens die einzige Prognose von Marx, die sich letztlich bewahrheitet hat. Und das konnte erst passieren, nachdem (paradoxer Weise) die kommunistische Sowjetunion die Prognosen des historischen Materialismus von der Diktatur des Proletariats als Übergang zur klassenlosen Gesellschaft auf beeindruckende Weise durch Selbstauflösung widerlegt hatte.

Seit 2025 hat Deutschland einen Bundeskanzler, der – wie man 2026 bereits anhand zahlreicher Auftritte beweisen kann, einzig und allein die Interessen der Finanzindustrie, konkfet von Black Rock und Co. vertritt. Und zwar kompromisslos und ohne Rücksicht auf Verluste des Volkes und der ehemals starken deutschen Wirtschaft.

Man stelle sich vor, dieser wahnsinnige Pinocchio erscheint am 15. März 2027 mit einer Liste Deutscher Waffen, die er den EU-Bündnispartnern mit alternativlosen Argumenten zum Kauf anbietet, dann kann man sicher sein, das dieses Ereignis der Geist von Havel live auf dem Hradschin miterleben wird; und wer Ohren hat zu hören, der wird deutlich Havels Worte vernehmen, dass: „ein Wahnsinniger in blankpolierten Halbschuhen […] in diese Burg eindrang, um der Welt zu verkünden, dass Gewalt über Freiheit und Menschenwürde siegt. Er drang hier ein als Bote des Krieges. Als Bote der Grobheit. Als Bote der Lüge. Als Bote des Stolzes und des Bösen, des Unrechts und der Grausamkeit.“

Zur Erinnerung, die CDU im Verbund mit der grünlinken SPD schafft es, die Partei der einzigen Politikerin, die nicht vorsätzlich lügt, als verfassungswidrig einstufen zu lassen; sie schafft es, Bürger die nicht mehr tun, als offen ihre Meinung zu publizieren, ohne Gerichtsurteil zu enteignen und alle Menschen zu Kriminellen zu erklären, die diesen Bürgern helfen wollen; sie schafft es, Patrioten, die die deutsche Flagge hissen, zu Nazis zu stempeln. Diese Partei erhebt den Anspruch, aus Tradition demokratisch zu sein, obwohl sie täglich beweist, dass ihre politische Praxis autoritärer, totalitärer und bösartiger ist als die der Tschechoslowakei, bevor die „zärtliche, freundliche, friedliche, liebevolle Revolution“ (22) den Kommunismus überwältigen konnte.

Mit dem Versuch, alle Gegner mundtot zu machen, geht das Mantra „nie wieder“ einher, sowie die Suggestion, dass „nie wieder“ wiederkehren würde, wenn die Partei von Alice die Mehrheit oder gar die absolute Mehrheit im Bundestag erlangen würde. Wer noch Augen hat, kann nicht übersehen, dass dieses Täuschungsmanöver davon ablenken soll, dass nie wieder schon längst wieder zurück ist. Man trägt jedoch nicht mehr Stiefel, sondern blankpolierte Halbschuhe, zu jeder Jahreszeit!

Die Keywords der nie-wieder-Agenda lauten: Vergangenheitsbewältigung und Kollektivschuld. Beide Begriffe, allein und im Verbund, füllen Bibliotheken historischer Abhandlungen.

Václav Havel hat sich in seiner Ansprache an Richard von Weizsäcker – vermutlich naiv, in Unkenntnis des deutschen Kollektivschuld-Kultes – weit aus dem Fenster gelehnt. Die anwesenden Deutschen bekamen die Übersetzung vermutlich verzögert erst vom Rowohlt-Verlag geliefert. So blieb Havel ein Prager Fenstersturz erspart, der seit 1419 zum Prager Brauchtum zählt und auf Tschechisch den liebevollen Namen „defenestracia“ trägt.

Havel: „Sechs Jahre nazistischen Wütens haben ausgereicht, daß wir uns vom Bazillus des Bösen anstecken ließen, daß wir uns gegenseitig während des Krieges und auch danach denunzierten, daß wir – in gerechter, aber auch übertriebener Empörung -uns das unmoralische Prinzip der Kollektivschuld zu eigen machten. Anstatt al die zu richten, die ihren Staat verraten haen, verjagten wir sie aus dem land und blegten sie mit einer Straffe, die unsere Rechtsordnung nicht kannte. [Anmerkung HTH: Beneš-Dekrete] Das war keine Strafe, das war Rache. Darüber hinaus verjagten wir sie nicht auf der Grundlage erwiesener individueller Schuld, sondern einfach als Angehörige einer bestimmten Nation. Und so haben wir in der Annahme, der historischen Gerechtigkeit den Weg zu bahnen, vielen unschuldigen Menschen, hauptsächliche Frauen und Kindern, Leid angetan.

Und wie es in der Geschichte zu sein pflegt, wir haben damit nicht nur ihnen Leid angetan, sondern mehr noch uns selbst: wir haben mit der Totalität so abgerechnet, daß wir ihren Keim in das eigene Handeln aufgenommen haben und so auch in die eigene Seele, was uns kurz darauf grausam zurückgezahlt wurde in der Form unserer Unfähigkeit einer anderen und von anderswoher importierten Totalität entgegenzutreten.“ [Anm. HTH: statt „Totalität“ wäre der Begriff „Totalitarismus“ angebracht.] (44 f)

Havel spitzt seine Argumente weiter zu: „den Gedanken der Kollektivschuld zu akzeptieren, bedeutet, direkt oder unwillkürlich die individuelle Schuld und Verantwortung zu schwächen. Und das ist etwas sher Gefährliches. Denken wir nur daran, wie viele von uns noch unlängst sich ihrer individuellen Verantwortung mit dem Hinweis darauf entzogen, wir Tschechen seien eben so oder so, und anders würden wir wohl nie sein. Diese Art von Überlegungen sind der unauffällige Keim von moralischem Nihilismus.“ (48 f)

Das gilt auch für die Deutschen: „Die Schuld einiger Deutscher dem deutschen mVolk anzulasten, bedeutet, si von ihrer Schuld zu entbinden und sie mit pessimistischer Fatalität in die verantwortungslose Anonymität zu tauchen. Und sich selbst die Hoffnung zu nehmen.“ (49)

In Anbetracht der Aufbruchstimmung des Jahres 1990 ist der neue Präsident optimistisch, man werde „bald den Tag erleben, auf den Europa schon lange sehnsüchtig wartet, nämlich den Tag, an dem feierlich der letzte Strich unter den Zweiten Weltkrieg gezogen wird und all seine unseligen Folgen, einschließlich der, daß Europa in zwei Hälften geteilt ist, und daß diese Hälften zwei Riesenpyramiden von Waffenarsenalen sind. Wenn alles vernünftig und in der Atmosphäre gegenseitigen Verständnisses verläuft, kann dieser Strich vielleicht schon im übernächsten Jahr gezogen werden, und eer wird sicherlich besser sein als es damals der von Versailles war. Dann kann sich Europa endlich auf den Weg zu seinem lang ersehnten Traum machen: ein freundschaftlicher Bund freier Völker und demokratischer Staaten zu sein, die auf dem gemeinsamen Respekt vor allen Menschenrechten begründet sind.“ (46 f)

Abschließend äußert Václav Havel die „Hoffnung auf eine Welt, deren Mittelpunkt das einzigartige menschliche Wesen ist, das seinen forschenden Blick zum Himmel erhebt, um von dort jene geheimnisvolle Kraft zu schöpfen, die allein imstande ist, die sittliche Ordnung in unsere Seelen zu tragen.“ (50)

Anmerkung: Alle Zitate Havels aus dem Sammelband „Angst vor der Freiheit. Reden des Staatspräsidenten“ (Rowohlt 1991)

Resümee: Wird jemals ein Strich unter den Zweiten Weltkrieg gezogen werden? 36 Jahre nach Havels Rede hat Deutschland keinen Friedensvertrag, aber einen Kanzler, dessen tägliches Geschäft die Kriegshetze ist. Auf einen Frieden in Europa können wir nicht mehr hoffen; mehr noch, wir müssen befürchten, dass der Zweite Weltkrieg im Dritten seine Fortsetzung finden wird, so wie anno dazumal der Erste im Zweiten. Dass 81 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs die Rituale der Vergangenheitsbewältigung und Wiedergutmachung zelebriert werden, ist nach rationaler Betrachtung ein Beweis für das Scheitern dieser Strategie der Geschichtsaufarbeitung. Spekulativ betrachtet kann es nur zu einem weiteren Krieg führen, denn Menschen, denen man Wiedergutmachung zukommen lassen könnte, wird es bald nicht mehr geben. Zynisch gesagt: die ewige Wiederkehr der Gedenkpolitik braucht frische Opfer! Diese Problematik hat der österreichische Philosoph Rudolf Burger vor genau 25 Jahren analysiert. ethos.at bringt seinen Diskursbeitrag aus dem Jahr 2001.

Rudolf Burger

Diskurs

Die Irrtümer der Gedenkpolitik

Wider die Rede von der „Verdrängung der Nazizeit“ – Ein Plädoyer für das Vergessen

20. Juni 2001

Bilder: Nikolaj Postnikow, 1991

Eugen Kogon, der selbst von 1936 bis 1945 im Konzentrationslager Buchenwald inhaftiert gewesen war, kam in der ersten Nummer der von ihm mitbegründeten Frankfurter Hefte (April 1946) zu folgendem Urteil:

„Noch während es halb betäubt um die erste Besinnung rang, stürzte ein Chor von anklagenden Stimmen des Abscheus und der Erbitterung über das deutsche Volk her. Es bekam nichts anderes zu hören als den tausendfachen Schrei: Ihr, ihr allein seid schuld! Ihr Deutschen seid schuldig! Da verwirrte sich das Herz des Volkes, in vielen verhärtete es sich. Wegen des argen Geschreis um sie und wegen der eigenen Blindheit wollten sie vom Insichgehen nichts mehr hören. Die Stimme des Gewissens ist nicht wach geworden … Die Kräfte der Besinnung im Deutschtum zu wecken, war die Aufgabe einer weitreichenden Realpolitik der Alliierten. Sie fasste sie in dem Programm der ,re-education‘ zusammen. Und sie wurde eingeleitet durch die ,These von der deutschen Kollektivschuld‘. Der Anklage-,Schock‘, dass sie alle mitschuldig seien, sollte die Deutschen zur Erkenntnis der wahren Ursachen ihrer Niederlage bringen. Man kann heute, fast ein Jahr nach Verkündigung der These, nur sagen, dass sie ihren Zweck verfehlt hat … Die ,Schock‘-Pädagogik hat nicht die Kräfte des deutschen Gewissens geweckt, sondern die Kräfte der Abwehr gegen die Beschuldigung, für die nationalsozialistischen Schandtaten in Bausch und Bogen mitverantwortlich zu sein. Das Ergebnis ist ein Fiasko.“

Seither ist mehr als ein halbes Jahrhundert vergangen, neue Generationen sind herangewachsen, die mit dem Geschehen von damals absolut nichts mehr zu tun haben. Wenn die älteren unter den Nachgeborenen noch drückende politische Erinnerungen haben, dann solche an die Zeit des Kalten Krieges, den sie als Kinder und Jugendliche unter akuter atomarer Bedrohung durchlebten. Aber auch diese Zeit ist vorbei und sagt den Jüngeren emotional nichts mehr.

Selbst der Kalte Krieg ist heute schon weitgehend vergessen, mit all seinen Krisen und Peripetien, in denen buchstäblich die Existenz der Gattung auf dem Spiel stand. Wer weiß heute noch, dass damals „Megadeath“ eine strategische Maßeinheit war und „Bonus kill“ ein Effizienzkriterium – und da redet man von „Verdrängung der Nazizeit“?

Tatsächlich gehören die Nachfolgestaaten des Dritten Reichs heute zu den historisch aufgeklärtesten und politisch stabilsten Demokratien Europas. Das Fiasko, das Kogon 1946 beklagte, war also nur das einer naiven Pädagogik, real war es keines, der „Wiederaufbau“ war nicht, wie lange und von vielen befürchtet, der Ersatz für „Vergangenheitsbewältigung“, sondern diese selber. Eine andere war und ist praktisch auch nicht möglich, Völker haben kein Gewissen.

Und sie haben deshalb keines, weil man von ihnen als Subjekten nur tel quasi reden kann und es daher kein kollektives „Über-Ich“ und kein „kollektives Unbewusstsein“ gibt, an denen die Rede von einem kollektiven Schock oder von einer Kollektivschuld hängt, die in einem tiefenpsychologischen Sinn „aufgearbeitet“ werden könnten. Selbstverständlich wurde die Nazizeit „aufgearbeitet“ im historiographischen Sinn, intensiver und kritischer wohl als jede andere Epoche der Geschichte, aber mit einem kathartischen Prozess kollektiver Schuldverarbeitung, die nach bald sechzig Jahren ohnehin Züge einer „unendlichen Analyse“ (Freud) trüge, hat das gar nichts zu tun. Historiographische Desiderata freilich gibt es immer, auch aus der Geschichte der Punischen Kriege.

Vergangenheitsbewältigung“ im sozialpsychologischen Sinn ist ein empirisch leerer Begriff, das gilt für politische Kollektive allgemein, und also auch für Österreich, wo der Vorwurf ihres Ausbleibens heute noch lauter erhoben wird als in Deutschland, das zumindest in diesem Punkt hierzulande als Vorbild hingestellt wird; und es gilt unabhängig davon, wie man die Frage des „Anschlusses“ beurteilt.

Aus politischen Gründen blieb Österreich der Vorwurf einer Kollektivschuld erspart, doch ist aus den gleichen Gründen die österreichische Vergangenheitspolitik komplexer und enthält eine ironische Pointe: Hier wurde die Geschichte, entgegen dem üblichen Klischee, nicht einmal in einem rhetorisch-plakativen Sinn „verdrängt“, sondern sie wurde legitimatorisch benützt!

Und das ist auch durchaus verständlich, denn es war schließlich die vordringlichste Aufgabe der politischen Eliten nach 1945, eine spezifisch österreichische Identitätsgeschichte in Differenz zur deutschen historiographisch überhaupt erst zu schaffen und den Glauben an sie massenpädagogisch durchzusetzen; eine auf den Staat bezogene historische Gemeinschaftsideologie und damit eine österreichische Nation als „kollektives Bewusstsein“ theoretisch zu formieren, das sich erst nach der Annexion und während des Krieges emotiv gebildet hat.

Weit davon entfernt, verschwiegen oder „verdrängt“ worden zu sein, wurden ganz im Gegenteil die Nazizeit und ihre Verbrechen in den ersten Jahren der Zweiten Republik von offizieller Seite massiv thematisiert, um durch deren politische und moralische Negation eine Staatsnation zu konstituieren, die vor 1938 im Bewusstsein der Bevölkerung noch gar nicht existiert hatte. Was es allerdings gab, war eine überproportionale Zahl von Nazitätern, die aber wurden in den frühen Jahren der Zweiten Republik, deren erste Regierung zu zwei Dritteln aus ehemaligen KZ-Häftlingen bestand, auch massiv verfolgt.

Hier fehlt also schon der nationalideologische Ansatzpunkt für eine Kollektivschuldthese, deren theoretische Legitimation bezeichnenderweise von C. G. Jung, also von einem Autor stammt, dessen völkische Tiefenpsychologie ihn 1934 über das „kostbare Geheimnis des germanischen Menschen, seinen schöpferisch-ahnungsvollen Seelengrund“ hatte schwafeln lassen.

Als das Blatt sich gewendet hatte und nach 1945 dieses „kostbare Geheimnis“ in Form von Leichenbergen vor aller Augen lag, lehnte er, im Rahmen seiner Lehre durchaus konsequent, „jenen beliebten gesinnungsmäßigen Unterschied zwischen Nazis und Gegnern des Regimes“ ab, denn alle seien „bewusst oder unbewusst, aktiv oder passiv, an den Gräueln beteiligt gewesen“. Und Jung fuhr fort: „Die Tatsache der Kollektivschuld ist … für den Psychologen eine Tatsache, und es wird eine der schwierigsten Aufgaben der Therapie sei, die Deutschen zur Anerkennung dieser Schuld zu bringen!“

Das nationaltherapeutische Ideologem „Vergangenheitsbewältigung“ hat also seinen Ursprung in genau jener völkischen Denkweise, die mit dem Nazismus zur Kritik steht. Es ist der Jungsche Obskurantimus, welcher der Rede von der „Verdrängung der Nazizeit“ zugrunde liegt, denn nach Freud hätten allenfalls die unmittelbaren Opfer als Individuen traumatisiert sein können, keineswegs die Täter. Ein Schuldtrauma ist empirisch nicht nachweisbar und seine hypothetische Annahme vollkommen unplausibel, ganz abgesehen davon, dass dieses, wenn überhaupt, nur den individuellen Tätern selbst zugeschrieben werden könnte; es über eine transgenerative Volksseele der dritten Nachfolgegeneration zuzumuten und als Sujet einer „Aufarbeitung“ anzuempfehlen, ist vollends absurd.

Eine Erbschuld ist in Freuds Theorie gar nicht formulierbar, und selbst wenn man dieser als Placebo einen gewissen therapeutischen Wert für das neurotische Individuum zuerkennt, ist sie unbrauchbar zur Erklärung der diskursiven Dauerkonjunktur der „Nazizeit“: Diese ist undenkbar als „Wiederkehr des Verdrängten“, weil es aus kategorialen wie aus empirischen Gründen keine Verdrängung gibt. Das Gerede ist daher keine analytische Kur mit kathartischer Wirkung, sondern eine politische Erpressungsstrategie mit moralischen Mitteln.

Tatsächlich hat die dauerhafte Memorierung von Großverbrechen seit unvordenklichen Zeiten Folgeverbrechen nicht verhindert, sondern diese im Gegenteil oft genug hervorgerufen und legitimiert: Dass die Erinnerung an das Böse vor dessen Wiederholung schützt, ist also eine höchst fragwürdige These, auf historische Erfahrung stützen kann sie sich nicht.

Und doch ist die Formel in verschiedenen Fassungen gebetsmühlenartig wiederholt, und ihre Kritik kommt einem moralischen Tabubruch gleich. „Wer die Geschichte vergisst, ist dazu verurteilt, sie zu wiederholen“ – dieser Satz hat fast schon die Würde eines Axioms, und er nimmt die Gestalt eines kategorischen Imperativs zum erinnernden Gedenken an, wenn es um die monströsen Untaten des Nationalsozialismus geht. Jeder, der ihn bestreitet oder auch nur in Zweifel zieht, setzt sich dem Verdacht aus, die Verbrechen zu verniedlichen und ihrer Wiederholung Vorschub zu leisten.

Gleichwohl kann die These sich weder auf apriorische Evidenz noch auf eine theoretische Begründung oder historische Erfahrung berufen, nicht einmal auf Plausibilität: Zu allen Zeiten erschien den Menschen das Gegenteil richtig, und das Vergessenkönnen als moralische Leistung, welche die Kette des Unheils durchbrach. Das Gebot ist daher selbst ein historisches Novum, zumindest seit dem Ausgang der Menschheit aus mythischer Vorzeit: Jeder Mythos ist ein genealogischer Schuld/Opfer-Zusammenhang, dessen narrative Weitergabe im Bewusstsein der Generationen ein „kollektives Gedächtnis“ schafft, das das Unheil fortwälzt. Es war eine zivilisatorische Leistung ersten Ranges, als es der griechischen Philosophie gelang, das mythische Erinnerungsgebot zu durchbrechen und an seine Stelle dessen Negation zu setzen: das Gebot, nicht zu erinnern. Aus dem Griechischen stammt auch jenes Wort, das ursprünglich einfach „Nichterinnern“ heißt: Amnestie. Es taucht als normativer Begriff in der hellenistischen Kultur des zweiten vorchristlichen Jahrhunderts auf und meinte nicht einen individuellen Straferlass, sondern eine kollektive Verpflichtung, an zugefügtes Leid nicht mehr zu erinnern. So sollte der Hass besänftigt und der Frieden gesichert werden.

Wie der Althistoriker Christian Meier gezeigt hat, ist in der Geschichte nach Kriegen und Bürgerkriegen immer wieder beschlossen worden, der vielerlei Untaten, der Verbrechen, Morde, Massaker und Vertreibungen, die in ihnen verübt wurden, nicht mehr zu erinnern, und zwar unabhängig vom Ausmaß und der Qualität dessen, was jeweils angerichtet worden war. Natürlich kann Vergessen nicht auf Beschluss erfolgen, Nichterinnern aber kann man sehr wohl um des Friedens willen beschließen, und man kann sich um das Vergessen bemühen.

Genau das ist in unzähligen Fällen geschehen. Die Beispiele, die Meier nennt, reichen von der Attischen Amnestie 403 vor Christus, welche einen Bürgerkrieg beendete, über eine Rede Ciceros, die er zwei Tage nach der Ermordung Cäsars im römischen Senat hielt, um einen Bürgerkrieg zu verhindern („Alle Erinnerungen an die mörderischen Zwistigkeiten sind durch ewiges Vergessen zu tilgen“), über das Edikt von Nantes, in dem Heinrich IV. „erklärt und verordnet“, die Erinnerung an das Geschehene soll „ausgelöscht und eingeschläfert“ sein, bis zu einem Gesetz Ludwig XVIII., welches das Gedenken an den Terror der Revolution untersagte und sogar das Vergessen der Königsmörder, der Mörder seines Bruders, befahl, „um die Kette der Zeiten neu zu knüpfen“, wie es hieß.

In der Regel war also alles, was in Kriegen, Bürgerkriegen und Revolutionen an Gewalttätigkeiten und Gräueln geschah, mit dem Friedensschluss abgetan und erledigt. Dass mit dem Friedensschluss auch die Amnestie verbunden sei, liegt schon im Begriff desselben, heißt es bei Kant. Umgekehrt galt in der gesamten europäischen Zivilisationsgeschichte die Maxime „Niemals vergessen!“ nicht als Mahnung, eingedenk des vergangenen Schreckens seine Wiederholung zu verhindern, sondern als militante Kollektivverpflichtung, unter günstigeren Bedingungen wieder zu mobilisieren; nicht als Friedensformel, sondern als Kampfparole: Was wäre den Völkern am Balkan nicht alles erspart geblieben, hätten die Serben die Schlacht am Amselfeld irgendwann einmal vergessen . . .

Erst das mythogene zwanzigste Jahrhundert, das auf der Spitze technologischer Modernität und bürokratischer Rationalität Verbrechen tellurischen Ausmaßes im Namen quasireligiöser, eschatologischer Heilslehren hervorgebracht hat, hat auch mit der zivilisierenden Tradition des Nichterinnerns gebrochen und das archaische „Niemals vergessen!“ als moralische Verpflichtung wieder in Geltung gesetzt. Das beginnt schon mit den Friedensverträgen von 1919, in denen von den Siegermächten eine Entschuldigung für die Ereignisse von 1914-1918 ausdrücklich zurückgewiesen wurde, und steigert sich nach 1945 zum Pathos eines elften Gebotes: Du sollst niemals vergessen! Damit aber bleiben die Geister lebendig.

Real ist die Nazizeit so versunken wie Karthago, das mumifizierende Gedenken verzaubert sie zum Mythos. So erbt sich das Unheil fort, als Kleingeld der Politik und als schamloses Geschäft. Die Beschwörung der monströsen Verbrechen der Nazis hat heute für die dritte Generation nach der Katastrophe weder eine kathartische Funktion noch die Wirkung eines Apotropaion, vielmehr macht sie aus dem Gebannten ein morbides Faszinosum. Welcher Schläger, der nie ein Buch gelesen hat, käme schon auf die Idee, sich als Jungnazi zu kostümieren, läge man ihm nicht dauernd in den Ohren mit der Nänie über die alten?

Die Grenze zwischen Warnung und Werbung ist hauchdünn, und sie ist schon lange überschritten. Trauer als echtes Gefühl ist nach einem halben Jahrhundert nicht mehr möglich, ihr Simulakrum eine moralische Ausbeutung der Toten. Die Hyperkritik geht über in Hypokrisie, und von da ist es nicht mehr weit bis zum Schuldstolz und zur Lust am Tabubruch. Wie die Dinge liegen, wäre Vergessen nicht nur ein Gebot der Klugheit, sondern auch ein Akt der Redlichkeit; und es wäre eine Geste der Pietät. Schlimme Folgen hätte es keine, nur vielleicht für das Geschäft.

Rudolf Burger, Jg. 1938, ist Professor für Philosophie an der Universität für angewandte Kunst in Wien. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 9./10. Juni 2001)