Kollektivschuld und Vergangenheitsbewältigung

Beiträge von Václav Havel und Rudolf Burger

Am 15. März 1990 besuchte Deutschlands Bundespräsident Richard von Weizsäcker seinen Amtskollegen in Prag. Václav Havel erinnerte aus diesem Anlass an den Einmarsch der Deutschen am 15.3.1939, als „ein Wahnsinniger in Stiefeln […] in diese Burg eindrang, um der Welt zu verkünden, daß Gewalt über Freiheit und Menschenwürde siegt. Er drang hier ein als Bote des Krieges. Als Bote der Grobheit. Als Bote der Lüge. Als Bote des Stolzes und des Bösen, des Unrechts und der Grausamkeit.“ (S. 42)

Bild: Igor Leontjew, Öl auf Leinwand

„Heute, da wir am Anfang unseres zweiten Versuches der Demokratie stehen und da wir uns das ins Gedächtnis rufen, was vor einundfünfzig Jahren geschehen ist, begrüßen wir auf dieser Burge einen anderen Gast. Nämlich einen Vertreter der deutschen Demokratie. Einen Boten des Friedens. Einen Boten des Anstands. Einen Boten der Wahrheit. Einen Boten der Menschlichkeit. Einen Verkünder der Botschaft, daß Gewalt nie mehr über Freiheit siegen darf, Lüge nicht über Wahrheit und das Böse nicht über das menschliche Leben.“ (43)

Havel war bis 1992 der erste frei gewählte und letzte Staatspräsident der Tschechoslowakei, und nach der friedlichen Sezession der Slowakei bis 2003 Präsident der Tschechischen Republik. Verstorben im Dezember 2011, musste er noch die Auswüchse des Kapitalismus nach der Finanzkrise 2008 miterleben. Er konnte aber nur noch den Anfang vom Ende des Kapitalismus erleben, genauer gesagt den Beginn der finanzindustriellen Revolution; d.h. Beseitigung des Finanzmarktes als Dienstleistungsmarkt und als Teil der Marktwirtschaft; d.h. Usurpation der Wirtschaftsmacht durch monopolistische und totalitäre Hedgefonds und ihre Schattenbanken und deren Produkte, die einzig und allein der Produktion von Geld durch Geld dienen.

Damit geschah (paradoxer Weise) genau das, was Karl Marx als Ende des Kapitalismus vorausgesagt hat. Übrigens die einzige Prognose von Marx, die sich letztlich bewahrheitet hat. Und das konnte erst passieren, nachdem (paradoxer Weise) die kommunistische Sowjetunion die Prognosen des historischen Materialismus von der Diktatur des Proletariats als Übergang zur klassenlosen Gesellschaft auf beeindruckende Weise durch Selbstauflösung widerlegt hatte.

Seit 2025 hat Deutschland einen Bundeskanzler, der – wie man 2026 bereits anhand zahlreicher Auftritte beweisen kann, einzig und allein die Interessen der Finanzindustrie, konkfet von Black Rock und Co. vertritt. Und zwar kompromisslos und ohne Rücksicht auf Verluste des Volkes und der ehemals starken deutschen Wirtschaft.

Man stelle sich vor, dieser wahnsinnige Pinocchio erscheint am 15. März 2027 mit einer Liste Deutscher Waffen, die er den EU-Bündnispartnern mit alternativlosen Argumenten zum Kauf anbietet, dann kann man sicher sein, das dieses Ereignis der Geist von Havel live auf dem Hradschin miterleben wird; und wer Ohren hat zu hören, der wird deutlich Havels Worte vernehmen, dass: „ein Wahnsinniger in blankpolierten Halbschuhen […] in diese Burg eindrang, um der Welt zu verkünden, dass Gewalt über Freiheit und Menschenwürde siegt. Er drang hier ein als Bote des Krieges. Als Bote der Grobheit. Als Bote der Lüge. Als Bote des Stolzes und des Bösen, des Unrechts und der Grausamkeit.“

Zur Erinnerung, die CDU im Verbund mit der grünlinken SPD schafft es, die Partei der einzigen Politikerin, die nicht vorsätzlich lügt, als verfassungswidrig einstufen zu lassen; sie schafft es, Bürger die nicht mehr tun, als offen ihre Meinung zu publizieren, ohne Gerichtsurteil zu enteignen und alle Menschen zu Kriminellen zu erklären, die diesen Bürgern helfen wollen; sie schafft es, Patrioten, die die deutsche Flagge hissen, zu Nazis zu stempeln. Diese Partei erhebt den Anspruch, aus Tradition demokratisch zu sein, obwohl sie täglich beweist, dass ihre politische Praxis autoritärer, totalitärer und bösartiger ist als die der Tschechoslowakei, bevor die „zärtliche, freundliche, friedliche, liebevolle Revolution“ (22) den Kommunismus überwältigen konnte.

Mit dem Versuch, alle Gegner mundtot zu machen, geht das Mantra „nie wieder“ einher, sowie die Suggestion, dass „nie wieder“ wiederkehren würde, wenn die Partei von Alice die Mehrheit oder gar die absolute Mehrheit im Bundestag erlangen würde. Wer noch Augen hat, kann nicht übersehen, dass dieses Täuschungsmanöver davon ablenken soll, dass nie wieder schon längst wieder zurück ist. Man trägt jedoch nicht mehr Stiefel, sondern blankpolierte Halbschuhe, zu jeder Jahreszeit!

Die Keywords der nie-wieder-Agenda lauten: Vergangenheitsbewältigung und Kollektivschuld. Beide Begriffe, allein und im Verbund, füllen Bibliotheken historischer Abhandlungen.

Václav Havel hat sich in seiner Ansprache an Richard von Weizsäcker – vermutlich naiv, in Unkenntnis des deutschen Kollektivschuld-Kultes – weit aus dem Fenster gelehnt. Die anwesenden Deutschen bekamen die Übersetzung vermutlich verzögert erst vom Rowohlt-Verlag geliefert. So blieb Havel ein Prager Fenstersturz erspart, der seit 1419 zum Prager Brauchtum zählt und auf Tschechisch den liebevollen Namen „defenestracia“ trägt.

Havel: „Sechs Jahre nazistischen Wütens haben ausgereicht, daß wir uns vom Bazillus des Bösen anstecken ließen, daß wir uns gegenseitig während des Krieges und auch danach denunzierten, daß wir – in gerechter, aber auch übertriebener Empörung -uns das unmoralische Prinzip der Kollektivschuld zu eigen machten. Anstatt al die zu richten, die ihren Staat verraten haen, verjagten wir sie aus dem land und blegten sie mit einer Straffe, die unsere Rechtsordnung nicht kannte. [Anmerkung HTH: Beneš-Dekrete] Das war keine Strafe, das war Rache. Darüber hinaus verjagten wir sie nicht auf der Grundlage erwiesener individueller Schuld, sondern einfach als Angehörige einer bestimmten Nation. Und so haben wir in der Annahme, der historischen Gerechtigkeit den Weg zu bahnen, vielen unschuldigen Menschen, hauptsächliche Frauen und Kindern, Leid angetan.

Und wie es in der Geschichte zu sein pflegt, wir haben damit nicht nur ihnen Leid angetan, sondern mehr noch uns selbst: wir haben mit der Totalität so abgerechnet, daß wir ihren Keim in das eigene Handeln aufgenommen haben und so auch in die eigene Seele, was uns kurz darauf grausam zurückgezahlt wurde in der Form unserer Unfähigkeit einer anderen und von anderswoher importierten Totalität entgegenzutreten.“ [Anm. HTH: statt „Totalität“ wäre der Begriff „Totalitarismus“ angebracht.] (44 f)

Havel spitzt seine Argumente weiter zu: „den Gedanken der Kollektivschuld zu akzeptieren, bedeutet, direkt oder unwillkürlich die individuelle Schuld und Verantwortung zu schwächen. Und das ist etwas sher Gefährliches. Denken wir nur daran, wie viele von uns noch unlängst sich ihrer individuellen Verantwortung mit dem Hinweis darauf entzogen, wir Tschechen seien eben so oder so, und anders würden wir wohl nie sein. Diese Art von Überlegungen sind der unauffällige Keim von moralischem Nihilismus.“ (48 f)

Das gilt auch für die Deutschen: „Die Schuld einiger Deutscher dem deutschen mVolk anzulasten, bedeutet, si von ihrer Schuld zu entbinden und sie mit pessimistischer Fatalität in die verantwortungslose Anonymität zu tauchen. Und sich selbst die Hoffnung zu nehmen.“ (49)

In Anbetracht der Aufbruchstimmung des Jahres 1990 ist der neue Präsident optimistisch, man werde „bald den Tag erleben, auf den Europa schon lange sehnsüchtig wartet, nämlich den Tag, an dem feierlich der letzte Strich unter den Zweiten Weltkrieg gezogen wird und all seine unseligen Folgen, einschließlich der, daß Europa in zwei Hälften geteilt ist, und daß diese Hälften zwei Riesenpyramiden von Waffenarsenalen sind. Wenn alles vernünftig und in der Atmosphäre gegenseitigen Verständnisses verläuft, kann dieser Strich vielleicht schon im übernächsten Jahr gezogen werden, und eer wird sicherlich besser sein als es damals der von Versailles war. Dann kann sich Europa endlich auf den Weg zu seinem lang ersehnten Traum machen: ein freundschaftlicher Bund freier Völker und demokratischer Staaten zu sein, die auf dem gemeinsamen Respekt vor allen Menschenrechten begründet sind.“ (46 f)

Abschließend äußert Václav Havel die „Hoffnung auf eine Welt, deren Mittelpunkt das einzigartige menschliche Wesen ist, das seinen forschenden Blick zum Himmel erhebt, um von dort jene geheimnisvolle Kraft zu schöpfen, die allein imstande ist, die sittliche Ordnung in unsere Seelen zu tragen.“ (50)

Anmerkung: Alle Zitate Havels aus dem Sammelband „Angst vor der Freiheit. Reden des Staatspräsidenten“ (Rowohlt 1991)

Resümee: Wird jemals ein Strich unter den Zweiten Weltkrieg gezogen werden? 36 Jahre nach Havels Rede hat Deutschland keinen Friedensvertrag, aber einen Kanzler, dessen tägliches Geschäft die Kriegshetze ist. Auf einen Frieden in Europa können wir nicht mehr hoffen; mehr noch, wir müssen befürchten, dass der Zweite Weltkrieg im Dritten seine Fortsetzung finden wird, so wie anno dazumal der Erste im Zweiten. Dass 81 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs die Rituale der Vergangenheitsbewältigung und Wiedergutmachung zelebriert werden, ist nach rationaler Betrachtung ein Beweis für das Scheitern dieser Strategie der Geschichtsaufarbeitung. Spekulativ betrachtet kann es nur zu einem weiteren Krieg führen, denn Menschen, denen man Wiedergutmachung zukommen lassen könnte, wird es bald nicht mehr geben. Zynisch gesagt: die ewige Wiederkehr der Gedenkpolitik braucht frische Opfer! Diese Problematik hat der österreichische Philosoph Rudolf Burger vor genau 25 Jahren analysiert. ethos.at bringt seinen Diskursbeitrag aus dem Jahr 2001.