140 Jahre Sonnblick Observatorium
Seit 140 Jahren wird auf dem Hohen Sonnblick in Rauris Wetter- und Klimageschichte geschrieben. Was einst als kleine Wetterstation begann, zählt heute zu den bedeutendsten hochalpinen Mess- und Forschungsstationen der Welt. Der Tourismusverband Rauris informiert.

Foto © Hermann Scheer: Das Team des Sonnblick Observatoriums im Juni 2026
Zwischen Wetter und Wissenschaft
Draußen liegt die Welt im Weiß. Eis umklammert Geländer, Antennen und Messgeräte. Der Wind schlägt gegen die ziegelrote Fassade, fährt heulend um die Kanten und treibt feinen Schnee über den Felsgrat. Drinnen leuchten Bildschirme. Pumpen ziehen Luftproben ein, Sensoren erfassen winzige Teilchen, Messwerte laufen Sekunde für Sekunde in Datenbanken. Der Techniker öffnet die Tür, tritt hinaus und blickt in den Himmel. Wie weit reicht die Sicht? Was fällt vom Himmel – Schnee, Regen oder Graupel? Wie stark drückt der Wind?
Es sind Beobachtungen, die auf dem Hohen Sonnblick seit 1886 gemacht werden. Damals wurden Temperatur, Luftfeuchtigkeit und Sonnenscheindauer mit wenigen Instrumenten gemessen. Heute ist das Sonnblick Observatorium auf 3.106 Metern Seehöhe ein internationales Forschungszentrum, in dem Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus aller Welt untersuchen, wie sich Atmosphäre, Wolken, Gletscher, Permafrost und Ökosysteme verändern.
Wer dafür sorgt, dass dieser außergewöhnliche Arbeitsplatz rund um die Uhr funktioniert, ist Christian Maier. Dem Sonnblick Observatorium ist er seit acht Jahren verbunden, Anfang 2026 hat er die Leitung übernommen. Gemeinsam mit dem elfköpfigen Kernteam stellt er sicher, dass hier oben rund um die Uhr geforscht, gemessen und gearbeitet werden kann. Während vier Techniker wochenweise direkt am Berg leben, wechseln sich weitere Kolleginnen und Kollegen in Bereitschaft und Infrastruktur ab. Für Christian Maier ist die Arbeit auf dem Sonnblick weit mehr als ein Beruf: „Es ist schon etwas Besonderes, ein Observatorium zu leiten, das seit 140 Jahren besteht. Im ganzen Team spürt man, dass wir Teil von etwas sind, das Generationen überdauert hat. Das macht große Freude, aber es bringt auch Verantwortung mit sich.“

Foto © Hermann Scheer: Das Observatorium
Die Geschichte des Sonnblick Observatoriums
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wussten Meteorologen bereits, dass ihnen ein entscheidender Teil des Wetters entging. Die meisten Messstationen standen in Städten und Tälern. Doch Hoch- und Tiefdruckgebiete, Föhn, Wolken und Luftströmungen ließen sich nicht allein von unten verstehen.
Beim Internationalen Meteorologenkongress 1879 in Rom wurde deshalb ein ehrgeiziges Ziel formuliert: In Europa sollten Forschungsstationen im Hochgebirge entstehen. Einer jener Wissenschaftler, die diese Idee vorantrieben, war Julius Hann, einer der bedeutendsten Meteorologen seiner Zeit. Er suchte nach einem Ort, an dem die Atmosphäre möglichst frei von lokalen Einflüssen beobachtet werden konnte. Hoch sollte er liegen. Abgelegen. Und dennoch irgendwie erreichbar sein.
Dass die Wahl auf den 3.106 Meter hohen Sonnblick fiel, hatte viel mit dem Rauriser Goldbergbau und einem Mann zu tun, ohne den das Observatorium wohl nie entstanden wäre: Ignaz Rojacher. Der Bergwerksbesitzer aus Kolm Saigurn verfügte über etwas, das in dieser Höhe selten war: Wege, Unterkünfte, erfahrene Knappen und eine für die damalige Zeit außergewöhnliche technische Infrastruktur. Zum Bergwerk gehörten unter anderem der erste elektrische Generator im heutigen Bundesland Salzburg sowie ein Schrägaufzug bis auf über 2.000 Meter Seehöhe. Von dort musste alles weitergetragen werden.
Aus dem kleinen Wetterturm ist ein Gebäude voller Technik geworden. In den Räumen stehen Messgeräte, Leitungen und Computer dicht an dicht. Auf dem Dach drehen sich Instrumente zur Strahlungsmessung in Richtung Sonne. Andere Anlagen sammeln Wolkenwasser, untersuchen Aerosole oder registrieren Spurengase.
Mit 3.106 Metern Seehöhe ist das Sonnblick Observatorium die höchstgelegene dauerhaft bemannte Wetterstation Europas. Das Sphinx-Observatorium am Jungfraujoch liegt zwar noch höher, viele Messungen laufen dort jedoch automatisiert. Am Hohen Sonnblick hingegen lebt und arbeitet an 365 Tagen im Jahr rund um die Uhr ein Team direkt am Gipfel. Außerdem ist der Sonnblick einer der wenigen Orte im Hochgebirge, an denen der Tourismus kaum Spuren hinterlässt. Genau das macht ihn für die Forschung so wertvoll.
Im Rauriser Talmuseum erzählen historische Einblicke und ein Modell von 1886 die Geschichte des Sonnblick Observatoriums.
MEILENSTEINE
1886: Eröffnung des Sonnblick Observatoriums und Beginn der kontinuierlichen Wetterbeobachtung
1890: Fertigstellung des Zittelhauses
1892: Gründung des Sonnblickvereins zur Sicherung des Fortbestands
1896: Beginn des Gletschermonitorings
1912: Victor Franz Hess erforscht am Sonnblick die kosmische Strahlung; 1936 erhält er dafür den Nobelpreis für Physik
1927: Aufbau eines Schneepegelnetzes
1946/47: Errichtung der ersten Materialseilbahn
1958: Beginn kontinuierlicher Strahlungsmessungen
1965: Beginn systematischer Lawinenbeobachtungen
1980er-Jahre: Anschluss an das öffentliche Stromnetz und umfassende Modernisierung des Observatoriums
1983/84: Beginn der Messungen von Niederschlagschemie und Radioaktivität
1988: Ausbau der Luftchemie- und Spurengasmessungen
1994: Beginn systematischer Ozon- und UV-Messungen
2003: Geologische Stabilisierung des Gipfelbereichs
2004: Beginn des Aerosolmonitorings und der Messung langlebiger Schadstoffe
2017: Ausbau der Ökosystemforschung und Beginn der Mikroplastikforschung
2018: Inbetriebnahme der neuen Werksseilbahn und Aufnahme in die europäische Forschungsinfrastruktur ACTRIS
2024: Beginn des operativen Betriebs des europäischen Wolkenzentrums ECCINT
2025: Auszeichnung als europäische ACTRIS-Referenzstation für spezielle Wolkeneigenschaften
WEITERE DETAILS: raurisertal.at