Kundera Milan: Unsterblichkeit

Der Roman Nesmrtelnost erschien 1990 in Paris unter dem Titel L’Immoralité und in Wien (Kremayr & Scheriau) unter dem Titel „Die Unsterblichkeit“, übersetzt aus dem Tschechischen von Susanna Roth.

7. Oktober 2026 (Beginn der Frankfurter Buchmesse mit Tschechien als Gastland) – „Die“ Unsterblichkeit braucht keinen Artikel; nicht weil das tschechische Original Nesmrtelnost so wie Tschechisch prinzipiell ohne Artikel auskommt, sondern weil „die“ Unsterblichkeit „von“ jemandem Bestimmten nahelegt. Geradezu brüskiert, glaube ich, hätte Kundera den Gedanken von sich gewiesen, dass diese Übersetzung die Deutung „meine Unsterblichkeit“ zulassen würde; sogar die Andeutung davon hätte er abgelehnt (aber vorausgesetzt).

Der Roman „Unsterblichkeit“ erschien 1990, Kundera war jugendlich 61 Jahre alt und hatte bis zum Rubikon der Ewigkeit noch 33 Jahr vor sich – also das ganze Leben eines Erlösers. Doch sein Gott war kein Erlöser, sondern ein Schöpfer. „Ich glaube an den Computer des Schöpfers.“ So die Antwort von Agnes‘ Vater als sie noch ein Kind war. „Agnes sagte sich: Der Schöpfer hat eine Diskette mit einem detaillierten Programm in dem Computer gelegt und ist weggegangen.“ Die Diskette war der Gipfel der Möglichkeiten eines Schöpfergottes im Jahre 1990. Drei Jahrzehnte später hätte er seine Daten, von denen die Programme nur noch einen Bruchteil ausmachen, in der Cloud hinterlassen.

Die Vorstellungskraft geht der Schöpfungskraft voraus; beide verhalten sich zueinander wie Lebenskraft und Liebeskraft, wie Gesicht und Geste. Der erste Teil des Romans trägt den Titel „Das Gesicht“, handelt aber mehr von der Geste. Die Geste ist das eigentliche Gesicht, das eigentliche Ich, könnte man sagen: „Die Herstellungsnummer des menschlichen Exemplars ist das Gesicht, eine zufällige, unwiederholbare Zusammenstellung von Gesichtszügen.“ Eine Geste dagegen lässt sich „weder als Ausdruck des Individuums noch als dessen Schöpfung betrachten (kein Mensch kann eine vollkommen originelle und nur ihm gehörende Geste kreieren), ja nicht einmal als dessen Instrument; im Gegenteil: es sind die Gesten, die uns als ihre Instrumente, ihre Träger Verkörperungen benutzen.“

Einen anonymen Gast, der Agnes besucht, fragt sie:

„Ihnen wird diese Frage töricht vorkommen. Haben die, die dort leben, ein Gesicht?“

„Nein. Das Gesicht existiert nur hier, bei Ihnen.“

„Und wodurch unterscheiden sich die, die dort leben?“

„Dort sind alle ihr eigenes Werk. Jeder, wenn ich so sagen darf, erfindet sich selbst.“

Später aber konfrontiert ihr Gast sie mit der Frage, ob sie im nächsten Leben auch mit ihrem Mann Paul zusammenbleiben möchte oder nicht.

„Agnes wusste, dass diese Frage kommen würde, und das war der Grund, weshalb sie mit dem Gast hatte allein sein wollen. Sie wusste, dass sie in Pauls Gegenwart nicht würde sagen können: ‚Ich will nicht mehr mit ihm zusammen leben.‘ Sie konnte es nicht vor ihm und er konnte es nicht vor ihr sagen, … gerade das können die beiden unmöglich laut aussprechen, denn ihr ganzes gemeinsames Leben war auf der Illusion der Liebe aufgebaut, einer Illusion, die beide sorgfältig hegten und pflegten. Und so weiß sie, dass sie, wenn sie sich diese Szene vorstellt und es zur Frage des Gastes kommt, jedesmal kapitulieren und entgegen ihren Wunsch, entgegen ihrer Sehnsucht sagen wird: ‚Ja. Selbstverständlich. Ich möchte, dass wir auch im nächste Leben zusammen sind.‘“

Die vielfache Überlagerung von Zeit- und Raum-Ebenen, von Vorstellungen, Erlebnissen und Zukunftsvisionen, von existierenden und erfundenen Personen, von ich und Ich, von Poetik und Philosophie schafft Kundera mit einer unerträglichen  Leichtigkeit des Seins, so dass man als Leser immer wieder nostalgisch an den Titel des gleichnamigen Romans denkt; aber nicht vergeblich.

Der Ich-Erzählers entwickelt seine Theorie des Romans: „Das das Wesentliche in einem Roman aber das ist, was sich nicht anders als durch einen Roman ausdrücken lässt, bleibt in jeder Adaption nur das Unwesentlichen enthalten. Wenn jemand verrückt genug ist, heute noch Romane zu schreiben, muss er sie, wenn er sich schützen will, so schreiben, dass sie sich nicht adaptieren lassen, mit anderen Worten, dass man sie nicht erzählten kann.“

… „Wenn ich dich so reden höre“, sagte Professor Avenarius schüchtern, „fürchte ich, dein Roman könnte langweilig sein.“

„… Ein Roman soll kein Radrennen sein, sondern ein Festmahl mit vielen Gängen. Ich freue mich schon riesig auf den sechsten Teil. Dort wird nämlich eine völlig neue Figur auftauchen. Und am Ende wieder so verschwinden, wie sie gekommen ist, ohne eine Spur zu hinterlassen. Sie ist die Ursache von nichts und hat keine Folgen. Und gerade das gefällt mir. …“

Verlegen schwieg Avenarius eine Weile und fragte mich dann freundlich: „Und wie wird dein Roman heißen?“

„Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“

„Ich glaube, das hat schon jemand geschrieben.“

„Ich! Aber ich habe mich damals mit dem Titel geirrt. Dieser Titel sollte dem Roman gehören, den ich gerade schreibe.“

… Nach längerem Schweigen wiederholte Avenarius: „Mir scheint, du arbeitest zu viel. Du solltest an deine Gesundheit denken. … Das ist gefährlich, Der Schlag könnte dich treffen.“

„Genau das befürchte ich“, sagte ich und dachte an Robert Musil. „Es gibt keinen Romancier, der mit teurer wäre als Robert Musil. Er starb eines Morgens, als er Hanteln stemmte. Wenn ich das tue, beobachte ich ängstlich meinen Puls und fürchte mich vor dem Tod, denn mit den Hanteln in den Händen zu sterben wie der von mir verehrte Autor, wäre in seiner Epigonalität derart unglaublich, krass und fanatisch, dass mir dies augenblicklich eine lächerliche Unsterblichkeit garantieren würde.“

1942 starb Robert Musil mit 61 Jahren. 2023, also 61 Jahre später, starb Milan Kundera. Wenn das nicht unerträglich lächerlich ist, dann sollte es für „die“ Unsterblichkeit reichen.

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