Artikel von Hubert Thurnhofer, damals Vorsitzender der IG Galerien
Über die Kunstförderung – Ein Glaubensbekenntnis
Wiener Kunsthefte, März 2003
Das Thema Kunstförderung wurde durch die Budget-Streichung für das Depot neu angefacht. „JA zum Depot, NEIN zur Arbeitsplatzvernichtung“, proklamierte jüngst die IG Bildende Kunst in einem Brief an Mailath-Pokorny und an Franz Morak. Auf der Website des Depots findet der Leser das resignierte Bekenntnis der geschlagenen Depoten: „Ja irgendwie haben wir sogar Verständnis dafür, dass die öffentliche Hand entscheidet, wo das Geld notwendiger gebraucht wird. Der Ankauf von Abfangjägern ist noch lange nicht finanziert und mit dem Geld, das beim Depot gespart werden kann, ist schon wieder ein Zehntausendstel der notwendigen Ankaufssumme zugeschossen.“
Als ehemaligem Zivildiener würde mir zum Thema Landesverteidigung auch mehr einfallen als der Ankauf von Abfangjägern. Trotzdem muss ich das Argument der dupierten Depoten als Rohrkrepierer bezeichnen. Es ist nämlich genauso irrig, das Kultur-Budget gegen das Budget für Landesverteidigung auszuspielen, wie es absurd wäre, das Gesundheitsbudget gegen das Budget für Straßenbau aufzurechnen. Der Umkehrschluss der Depot-Mitarbeiter, „wir könnten zehntausend Jahre lang weiter machen, wenn Österreich auf eine Generation Flieger verzichtete“ kann da wohl nur als kabarettistische Zugabe verstanden werden.
Warum ist noch niemand auf die Idee gekommen, das Budget der Universitäten als Vergleichsmaßstab heranzuziehen? Da würde man sich intellektuell verdächtig machen, obwohl bekannt ist, dass manche Professoren den ewig gleichen Topfen Jahr für Jahr von Neuem anrühren. Und so mancher internationale Universitätskongress verdient das Prädikat „höchst überflüssig“. Das Depot dagegen hatte, wie es in seinem letzten Folder mitteilte, in neun Jahren 814 Veranstaltungen, 2.033 Vortragende und jede Menge Publikum.
Was „jede Menge Publikum“ in Zahlen heißt, wird dem geneigten Leser nicht mitgeteilt. An mir sind die 814 Depot-Veranstaltungen in den vergangenen neun Jahren jedenfalls spurlos vorüber gegangen. Und wie eine Blitz-Umfrage bei den Mitgliedern der IG Galerien zeigte, ist es anderen Galeristen nicht viel besser ergangen.
Was ist also die Moral von der Geschichte? Die Rechten dürfen jubeln und sich freuen, dass den aufmüpfigen Links-Intellektuellen der Geldhahn abgedreht wurde. Die Linken dürfen sich bestätigt fühlen, dass diese sich perpetuierende Regierung nichts für die Kunst übrig hat. Auf der Strecke bleibt eine sachliche Diskussion über die grundsätzliche Frage: Braucht Kunst Subvention, und wie sollen staatliche Förderungen verteilt werden?
Hier das Bekenntnis der IG Galerien: Wir glauben an die Notwendigkeit der öffentlichen Förderung von Kunst jetzt und in Ewigkeit, Amen! Und wir schließen die Kunst-Beiräte aller Länder und des Bundes in unser Abendgebet ein, so dass der gefüllte Kelch diesmal NICHT an uns vorüberziehe.
Halt! Da werden die Agnostiker unter uns aber nicht einverstanden sein. Also noch ein Anlauf zum Bekenntnis der IG Galerien: Wir fordern die Verankerung der Kunstförderung in unserer Verfassung, so wie die immerwährende Neutralität oder die Beseitigung des Parteienproporz durch das Objektivierungsgesetz.
Es darf gelacht werden! Fehlt nur noch eine Forderung, die in Zeiten wie diesen „Charme“ hätte, nämlich die verfassungsmäßige Verankerung der immerwährenden Kunstförderung ohne jeglichen Parteienproporz.
Bevor ich hier mit Forderungen und Bekenntnissen in völligen argumentativen Notstand gerate, sei der Versuch gestattet, die viel diskutierte öffentliche Kunstförderung von ihrem realpolitischen Stallgeruch zu befreien. Dann bleibt nur die auf das Wesentliche reduzierte Aussage: Kunstförderung ist zum Fördern da! Ja, zum FÖRDERN, nicht dazu, dass sich einzelne Künstler, Galerien, Vereine oder Museen IHRE Subvention wie unbefristete ALIMENTE von Vater Staat Jahr für Jahr abholen. Und das sollte für staatliche Kulturförderung im Allgemeinen gelten, denn es ist nicht einzusehen, dass eine „Zauberflöte“, eine „Carmen“ oder eine „Tosca“ in der Staatsoper gefördert werden müssen. Das ist längst Populär-Kultur und daher genauso wenig ein Fall für die staatliche Förderung wie andere Veranstaltungen der Pop-Kultur.
Die Frage „braucht Kunst Subvention, und wie sollen staatliche Förderungen verteilt werden?“ lässt sich damit wenig spektakulär beantworten: Solange der Staat große Künstler für sich vereinnahmt um sich mit diesen Größen international wichtig zu machen, solange ist der Staat auch verpflichtet, den AUFSTIEG seiner Künstler zu fördern. Die Kunst-Förderung müsste jedoch für alle Marktteilnehmer (amtsdeutsch: Antragsteller) gleich gelten, nämlich nach transparenten, projektorientierten Kriterien für alle Künstler, Galerien, Vereine und Museen.
Es ist mehr als grotesk, dass wir fast hundert Jahre nach Abschaffung feudal-monarchistischer Herrschaftsformen noch wie im demokratiepolitischen Kindergarten „gleiches Recht für alle“ fordern müssen. Die Realpolitik zwingt uns aber dazu. Ein aktuelles Beispiel für eine „Förderung“, die schon mit der Definition der Auswahlkriterien einen Willkürakt darstellt, ist die Subvention der Teilnahme an einer Handvoll internationaler Kunstmessen, welche im Förderantrag namentlich aufgelistet werden. Der Rest der internationalen Messewelt und ein Großteil der österreichischen Galerien wird mit dieser „Förder-Maßnahme“ ned amoi ignoriert oder ganz bewusst verarscht. So stellen wir uns Förderungen jedenfalls nicht vor. Im übrigen sind wir der Meinung, dass die steuerliche Absetzbarkeit von Kunstkäufen die beste Form der Förderung ist.
Song Contest der Elite-Künstler
Wiener Kunsthefte, Juni 2003
„Österreichs 100 beste und teuerste Künstler“ hat jüngst eine Jury im Auftrag der Illustrierten „Format“ gekürt. Nummer Eins wurde in diesem Rating Franz West mit 299 Punkten für seine künstlerische Bedeutung und 306 Punkten für seinen kommerziellen Erfolg, ergibt nach Adam Riese 605 Punkte als „Gesamterfolg“. Die Juroren haben in bester Song Contest-Manier bis zu 10 Punkte in jeder Kategorie verteilt. Damit die Wahl der Top 100 nicht zu schwierig wurde, hat man dieses Verfahren auf 135 Namen beschränkt.
Diese Beschränktheit ist symptomatisch für das Rating, bei dem 33 Galeristen und Ausstellungsmacher mit leicht durchschaubarem Kalkül – wenn man deren Programme kennt – mit gespielt haben. Damit lässt dieses Rating keine objektiven Rückschlüsse auf den vielschichtigen österreichischen Kunstmarkt zu, sondern ist lediglich ein Spiegelbild der begrenzten Wahrnehmungsfähigkeit der teilnehmenden Juroren, deren Horizont offensichtlich über die eigenen vier Galerie-Wände nicht hinaus reicht. Außerdem ist es prinzipiell unsinnig, per Jury-Entscheid den „Hermann Maier des Kunstmarktes“ zu bestimmen.
Schon bei oberflächlicher Betrachtung der Liste fällt auf, dass Namen wie Rudolf Hausner, Anton Lehmden, Arik Brauer und Ernst Fuchs (die Stadt Tulln widmet den Phantasten derzeit eine Ausstellung) konsequent ignoriert wurden. Die Erklärung dafür ist einfach: Es ist heute eben so modern die Wiener Phantasten abzuhalftern, wie es gleichzeitig in Mode ist ihre Nachfolger an den Wiener Kunsthochschulen hoch zu jubeln. In schöner Geschlossenheit finden sich diese unter den Top 50, von A wie Attersee bis Z wie Zobernig.
Neben den weltberühmtesten Künstlern von ganz Wien finden sich auch ein paar Namen aus der Provinz, wie der Kärntner Cornelius Kolig (Rang 70), der Tiroler Paul Flora (78) oder der Austro-Amerikaner Gottfried Helnwein (89). Allerdings ist Helnweins „künstlerische Bedeutung“ mit 105 Punkten die geringste aller Elite-Künstler, sogar Karl Korab (Rang 100) liegt mit 107 Punkten in dieser Kategorie noch vor Helnwein. Der Rest der Top 50-100 liegt hier bei plus/minus 150 Punkten, ist also künstlerisch wenigstens halb so bedeutend wie „das ewige Kunst-Enfant-terrible“ Franz West.
Starke Diskrepanzen bringt der Vergleich der subjektiven Wertung der Juroren mit den besten Auktionsergebnissen zu Tage. Hier landet West nur auf Rang 17, mit einem Ölbild im mittleren Format erzielte er im Vorjahr 12.000 Euro. Wie aus seinen vergleichsweise mikrigen Auktionsergebnissen ein klarer „Punktesieg“ in der Rubrik „kommerzieller Erfolg“ werden konnte, bleibt das Geheimnis der Juroren. Immerhin auf 208.711 Euro kam Hundertwasser im Juni 2000 bei Christies in London, ebenfalls mit einem mittleren Format. Dies bedeutet Rang Eins auf der Auktionsliste. Hier war es denn auch nicht möglich, Ernst Fuchs (Rang 6) und Arik Brauer (Rang 13) völlig zu ignorieren.
Obwohl die zweiteilige „Format“-Reportage unter dem Motto „Kunst als Investment“ steht, eine Analyse des Kunstmarkts und Analagetipps versprochen werden, findet der Leser kein einziges Kriterium zur Bewertung von Kunst. Ein gewisser G. Kargl, Galerist, wird wörtlich zitiert: „Gute Preise eines Künstlers entstehen dann, wenn Leute an ihn glauben.“ Mit diesem Credo dürfte der zitierte Juror wohl auch seine Expertisen für die Wiener Kunstauktionen vornehmen.
Der Vergleich weiterer Einzelbewertungen („künstlerische Bedeutung“ von Muntean/Rosenblum 250, von Alfred Hrdlicka dagegen nur 181) lohnt nicht der genaueren Analyse – sowenig wie die Bewertung der Song Contest-Teilnehmer Gegenstand einer kritischen Untersuchung sein kann. Der „Kunst-Guide“ von Format ist damit zwar bestens geeignet für Gesellschaftsspiele und kann auch bei Vernissagen für Gesprächsstoff sorgen, zur transparenten Bewertung von zeitgenössischer Kunst ist er jedoch nicht geeignet.
Mangel an Substanz
Wiener Kunsthefte, September 2003
Das Künstlerhaus sperrte mit Ende September zu. Der Ausstellungsbetrieb könne nicht mehr aufrecht erhalten werden, weil nicht genügend Geld dafür da sei, heißt es von Seiten des Präsidiums. Außerdem sei das Haus sanierungsbedürftig, Präsident Manfred Nehrer hegt den frommen Wunsch, von Bund und Gemeinde Wien 50 Millionen Euro für den Umbau zu bekommen. Dies berichtete der ORF. Ja, wie das Künstlerhaus zusperrt, das schaut sich sogar die ORF-Kulturredakton an, aber das ist ein anderes Thema.
Die Bemühungen des Herrn Architekten in Ehren, doch nicht nur die Bausbstanz bröselt, sondern vielmehr die Substanz des Künstlerhauses an sich. Wenn eine Künstlervereinigung mit 500 Mitgliedern nicht mehr imstande ist, aus der eigenen Substanz qualitativ hochwertige Ausstellungen zu gestalten, dann sollte nicht nur das Haus, sondern besser gleich der ganze Verein zugesperrt werden. Offenbar ist es in Wien nicht mehr möglich, Ausstellungen zu organisieren, ohne die Eitelkeiten einzelner Kuratoren zu befriedigen und ohne auf modische Trends der Museums- und Publikumsschickeria zu schielen.
Wird eine Ausstellung heute nur noch besucht, wenn sie mit den reißerischen Namen Picasso, Chagall, Jawlensky wirbt? So führt es uns jedenfalls das Kunstforum derzeit vor und betreibt damit definitiv Etiketten-Schwindel. In Wahrheit zeigt das Kunstforum nämlich eine Auswahl der Sammlung von Karl und Jürg Im Obersteg. Aber wer kennt die schon? Allerdings soll niemand einwenden, dies sei „nur“ eine Auswahl der Sammlung Im Obersteg. Denn die Sammlung hat ihren Wert und ist in jeder Hinsicht sehenswert. Was auch immer der Grund sein mag, uns diese Sammlung zu zeigen, es kann wohl nicht Picasso sein, von dem ein einziges Bild – nein zwei Bilder, aber auf einer Leinwand – in der Ausstellung hängt, nein steht. Das Konzept der Ausstellung jedenfalls ist simpel, aber legitim, ihre Vermarktung jedoch ist plump, aber voll im Trend.
Wem ist das Künstlerhaus eigentlich verpflichtet, wenn es im Konzert der Eitelkeiten auch die erste Geige spielen will. Warum muss es hier überhaupt mitspielen? Es ist ja nicht so, dass das Künstlerhaus die letzte graue Maus im Chor der Subventionsempfänger wäre, und der Rubel nur rollt, wenn man sich ständig mit fremden Federn schmückt. Immerhin 298.907,57 Euro bekam die Gesellschaft bildender Künstler – Künstlerhaus Wien – im Vorjahr vom Staatssekretär Morak überwiesen und verdient sich mit Vermietungen noch die Butter aufs Brot. Zum Vergleich: Die Secession musste sich mit 200.000 Euro begnügen.
Muss tatsächlich für eine einzige Ausstellung die Summe von 400.000 Euro verbrannt werden, damit man das Ergebnis überhaupt als „Ausstellung“ bezeichnen darf? Die Subventionspolitik – nicht erst seit Morak – legt diese Vermutung nahe. Im übrigen bin ich der Meinung, dass es ein untragbarer Zustand ist, dass Peter Weibel in Moraks Kunstbeirat sitzt und sich selbst 2 x 200.000 Euro für das Projekt „In search of Balkania“ zugeschanzt hat, selbstverständlich die höchste Projektförderung, die 2002 vergeben wurde.
P.S. In der Ausgabe Dezember/2002 habe ich an dieser Stelle über die sogenannte Studie des WIFO („Ökonomische und fiskalische Effekte von Kunstsponosring“) geschrieben, dass jeder Steuercent, der dafür rausgeworfen wurde, ein Cent zuviel ist. Nach dem nun vorliegenden Kunstbericht 2002 wissen wir es ganz genau: es waren 1.201.529 Cent zuviel.
Kunst, Erregung und Soziales
Wiener Kunsthefte, Dezember 2003
Es ist kurios, wieviel Erregung eine Podiums-Diskussion zum Thema „Wieviel Erregung braucht die Kunst?“ auslösen kann. Der Vorsitzende des Galerien-Verbandes sagte seine Teilnahme ab, nachdem ihn sein Präsidium zurück gepfiffen hatte. Und der Kooperationspartner artmagazine.cc machte sich grußlos aus dem Staub, nachdem ihm der Maulkorb-Erlass des Galerienverbandes bekannt geworden war. Mit der IG Galerien setzt man sich eben nicht an einen Tisch!
Der österreichische Weg der Konfliktbewältigung ist bekanntlich der, Mitbewerber oder unerwünschte Gegner einfach zu ignorieren. Die verschärfte Wiener Variante dieser Strategie heißt: Ned amoi ignorieren. Nun, es gibt noch eine deutlich raffiniertere Strategie: Eine Kooperation vereinbaren, um damit besser die Pläne des Kooperationspartners hintertreiben zu können. Allen Widrigkeiten zum Trotz: Die Wiener Kunstgespräche wurden durchgeführt.
Dieses Jahr brachte dem Publikum ja zahlreiche künstlerische – oder wenigstens künstliche – Erregungen: Die Gruppe Gelatin lieferte eine Neuinterpretation des homo erectus und versetzte damit das Salzburger Establishment und Festspielpublikum in Aufregung. Das war zwar eine gelungene Inszenierung, aber alles andere als Kunst. Dass Plastik-Lippizaner unter dem Vorwand einer Kunst-Aktion die Wiener Innenstadt in diesem Sommer verschandelt haben, hat dagegen niemanden aufgeregt.
Wenig Erregung löste auch die Kulturhauptstadt Graz in diesem Jahr aus, aber wenigstens internationale Aufmerksamkeit hat sie erregt: Von Jänner bis September 2003 konnte die Grazer Hotellerie 143.000 Übernachtungen mehr als 2002 verbuchen. Die Auszeichnung des Projektes „0003“ (ich hab übrigens nie verstanden, wie die dritte Null zu interpretieren ist) mit dem „Globe Award“, dem Preis für das weltweit beste Tourismusprojekt, war da wohl der legitime, krönende Schlusspunkt.
Und was bleibt neben Friendly Alien, Uhrturmschatten, Marienlift und Acconci-Insel von Graz 2003? Der „Maler der Dämonen“ – so der Titel einer dreiseitigen Format-Reportage über Wolfgang Lorenz, der just in seiner Funktion als Hauptstadt-Manager auch sein „Outcoming als Künstler“ zelebrierte. Selbstverständlich hat nicht nur das Format, das dem Thema Kunst maximal zwei mal im Jahr seine Aufmerksamkeit schenkt, Lorenz ausführlich gewürdigt, sondern auch alle anderen Medien, für die die „Seitenblicke“ der Maßstab des Kultur-Journalismus sind. In einem Land, in dem die Kumulation von Unvereinbarkeiten bereits zum guten Ton gehört, wird diese Peinlichkeit aber nicht einmal als Skandal wahr genommen.
Einen halben Tag der Erregung, zumindest in den Wiener Amtsstuben, provozierte Ulrike Truger mit der nicht bewilligten Aufstellung ihres Omofuma-Denkmals vor der Wiener Oper. „Als Gefährdung für die Allgemeinheit und zudem illegal“ bezeichnete FP-Stadtrat Johann Herzog (ja, sowas gibt es im roten Wien!) das Denkmal. „Kunst soll das im Menschen schlummernde Wissen erregen“, sagte Alfred Biber bei der oben erwähnten Diskussion. In diesem Sinne ist Trugers Kunstwerk und ihre Aktion wohl die bemerkenswerteste Erregung dieses Jahres.
Während Trugers Stein neben seiner künstlerischen Kraft auch eine klare soziale und politische Stellungnahme gegen die derzeitige Asylpolitik zum Ausdruck bringt, ist die diesjährige „soziale Kunst-Aktion“ von Herold Business Data ein billiger Werbegag. Demnach soll ein Bild aus der Aktion „Ganz Österreich malt“, bei der Menschen mit Behinderung und Kinder für Kinder in Not malen, für die Titelseite der kommenden Auflage des Telefonbuches ausgewählt werden.
Herold hätte die Chance gehabt, mit den „superpages“ langfristig Künstlern aller Bundesländer einen öffentlichen Raum zu schaffen. Statt dessen hat Herold das Projekt, das mit der Akademie der Bildenden Künste vor zwei Jahren vielversprechend begonnen hat, nun an die Soziallokomotive „Licht ins Dunkel“ angekoppelt. Angesichts der derzeitige Lage am Kunstmarkt ist es absehbar, wieviele Künstler demnächst wieder zum Sozialfall werden – vielleicht kommen sie ja dann doch noch in den Genuss der Herold-Aktion.
Kunstmediator 2003: Helmut A. Gansterer
Wien (03. Dezember 2003) – Die IG Galerien hat Helmut A. Gansterer mit dem Award „Kunstmediator 2003“ ausgezeichnet. Der Award in Form einer Skulptur von Franz Wieser wurde gestern, Dienstagabend im Rahmen der Wiener Kunstgespräche verliehen. Gansterer bedankte sich mit dem Hinweis, dass diese Auszeichnung neben zahlreichen Prämien aus Wirtschaft und Politik für ihn eine besondere Ehre sei, da er in den vergangenen 15 Jahren eine intensive Beziehung zur Kunst aufgebaut hat. Sein Lebensmotto fand Gansterer in den Worten des Nobelpreisträgers Joseph Brodsky: „Am Ende unserer Tage wird uns die Kunst das Wichtigste gewesen sein.“
Laudatio Sie haben im profil dieser Woche den lieben Galeristinnen und Galeristen ein paar Watschen ausgeteilt. Aufgrund meiner katholischen Sozialisation bin ich gerne bereit, Ihnen hier auch meine andere Wange hin zu halten. Sie haben in Ihrem Kommentar „Wir basteln eine Galerie“ darauf hingewiesen, dass „Galeristen“ im Wiener Slang „Unterweltler“ sind – mit Tante Jolesch möchte ich hier ergänzen: Noch ein Glück, wenn Sie keine Hinterweltler sind.
Hinterweltlerisch sind tatsächlich sehr viele Galeristen, die in ihrem Elfenbeinturm eine Gegenwelt aufbauen und meinen, im Olymp der Kunstwelt zu hause zu sein. Das Publikum findet Eintritt in diesen Olymp nur über sehr hohe Schwellen. In der weihevollen Aura des Kunst-Olymps sind scheinbar banale Fragen unerwünscht: Von wem stammt das Bild? Wer ist das? Warum kostet das soviel?
Die scheinbare Banalität dieser Fragen ist aber die Brücke zu dieser Welt, in der nicht das Kunstwerk an sich ein Eigenleben führt, sondern das Kunstwerk zu einem Objekt der Begierde, zu einem Prestigeobjekt, zu einem Wertgegenstand oder einfach zu einer wunderschönen Bereicherung des täglichen Lebens wird. Sie, Herr Gansterer, schaffen es immer wieder in Ihren Wirtschaftsessays die Brücke zu dieser Welt herzustellen.
In Ihrem Essay „Die Kunst, die Kunst zu verstehen“ weisen Sie darauf hin, dass in der Wirtschaft „Gold und Kunst als Sachanlage“ mittlerweile „in hohem Ansehen stehen“. Kunstkritiker und Vertreter der reinen Kunsttheorie rümpfen bei solchen Ausführungen ihre hoch erhobene Nase – bestenfalls könnten Sie dafür ein mitleidiges Lächeln ernten. Wir glauben aber, dass Sie mit solch einfachen, aber keinesfalls banalen, Zusammenhängen Brücken zwischen zwei Welten bauen, die einander brauchen: Die visionäre Welt der Künstler und die pragmatisch-gewinnorientierte Welt der Unternehmer.
In diesem Essay kommen Sie auch zu dem Schluss, dass für viele Firmen die Kunst bereits „ein unverzichtbarer Teil der Unternehmenskulur“ ist, und dass sich „die Qualität der Kunst, mit der sich Firmen umgeben und beschäftigen, deutlich erhöht“ hat. Auch hier würde der klassische Kunstkritiker wahrscheinlich bemängeln, diese Diagnose habe zu wenig Tiefgang. Wir halten dem entgegen: Welchen Tiefgang braucht eine Brücke? Sie braucht vielmehr ein stabiles Fundament.
Wir finden dieses Fundament in Ihren Essays immer wieder in Form eines felsenfesten Optimismus, sowohl Wirtschafts-Optimismus als auch Kultur-Optimismus, der natürlich dem tendenziell innewohnenden Kultur-Pessimismus der Kunstkritik diametral entgegen steht.
Mit dem Award „Kunstmediator 2003“ wollte die IG Galerien darauf hinweisen, dass Sie, eine Brückenfunktion einnehmen, die für den Kunstmarkt von enormer Bedeutung ist. Wobei sich der Titel „Mediator“ nicht nur auf Ihre Position als Medienprofi und Herausgeber des trend bezieht, sondern natürlich auch auf das Thema „Mediation“, das ja in der Wirtschaft als außergerichtliche Streitbereinigung zunehmend an Bedeutung gewinnt.
Auch in diesem Sinne sind Sie aus Sicht der IG Galerien ein hervorragender Mediator, der auch immer wieder in die Rolle eines Aufklärers schlüpft. Wenn Sie Ihre Leser auch mal mit einer Schlagzeile wie „Geiz ist geisteskrank“ provozieren, so ist das eine Kampfansage gegen eine stupide, für viele aber zur Weltanschauung gewordene Spargesinnung. Wir hören ja auch von der Politik als Alternative zur sinnlosen Geldvergeudung immer nur die Parole: Sparen, sparen und nochmals sparen. Warum hören wir nie von seiten der Politik: Wir müssen das Geld sinnvoll investieren, richtig investieren, nachhaltig investieren?
Wir hören es zwar nicht von den Politikern, wir lesen es aber immer wieder mit großem Vergnügen in Ihren Essays. Die IG Galerien hat sich daher einstimmig dafür entschieden, Ihnen Herr Gansterer, den Award „Kunstmediator 2003“ in Form dieser Skulptur von Franz Wieser zu überreichen.