Wiener Kunsthefte 2004

Artikel von Hubert Thurnhofer, damals Vorsitzender der IG Galerien

Entweder Kult oder -ur

Wiener Kunsthefte, März 2004

Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, hier mal über den österreichischen Tellerrand hinaus zu blicken und über meinen jüngsten Besuch der Finanzmetropole Frankfurt zu berichten. Dort nämlich hatte ich die Gelegenheit, das von Hollein dem Älteren geplante Museum Moderner Kunst (MMK) sowie die von Hollein dem Jüngeren geleitetete Schirn-Kunsthalle zu besuchen. Während im Schirn derzeit monumentale Arbeiten von Julian Schnabel hängen, hat das MMK einige von Warhols „Time Capsules“ – Reliquien aus den Umzugskartons des Künstlers – vor dem Publikum ausgebreitet.

Eigentlich wollte ich hier Zusammenhänge zwischen Finanzmetropolen und Kunstmetropolen herstellen, die kultischen Aspekte moderner Museumsarchitektur beleuchten, sowie die auf  Superstars reduzierte Museumspolitik hinterfragen, um schließlich vor dem Leser das brisante Resümee auszubreiten, dass zeitgenössische Museen in Wahrheit als architektonische Kultstätten den Sakralbau abgelöst haben, und die in diesen Sakralbauten ausgestellten Werke dementsprechend ausschließlich kanonisierte Reliquien des Kunstolymps sein müssen und somit diese Inszenierungen der Moderne absolut keinen Raum für einen Dialog mit der zeitgenössischen Kunst in ihrer Gesamtheit mehr übrig lassen.

Das nun wäre eigentlich der ganze Inhalt dieser Kolumne gewesen, wenn da nicht kurz vor Redaktionsschluss eine Presseaussendung der Firma Kunstkontakt auf meinen Tisch, d.h. natürlich in meine Mailbox, geflattert wäre. Titel der frohen Botschaft: „Kunstkontakt erhält Großauftrag aus Wien“. Auch wenn der Galerist in mir neidisch die Nase rümpft, so ermahnt mich doch das Gewissen eines Präsident der IG Galerien zu einer freundlichen Gratulation, die der Würde des Amtes angemessen ist. Als Steirer darf ich mich auch heimlich freuen, dass ein Vorarlberger endlich den Wienern zeigt, wo Bartl den Most holt: Nämlich im Hotel Hilton, das die Dornbirner Firma Kunstkontakt mit der künstlerischen Ausstattung des gesamten Hotel-Neubaus beauftragt hat.

„Besonders stolz ist man auf die Tatsache, dass nicht einfach nur Bilder vermittelt wurden. Wir konnten vor allem mit unserer Beratungsleistung überzeugen“, erklären die Geschäftsführer Emilio Bietti und Heinz Mathis in ihrer Aussendung. Tja, ein bisserl Lobhudeln wird in einer Pressemitteilung schon noch erlaubt sein! Aber eigentlich interessant sind die Fakten, und die sind überwältigend. Wörtlich: „Rund 1.200 Werke – von Fotografien und Fotocollagen über Gemälde bis zu Objekten – werden von Hilton angekauft. Neben Originalgemälden wie Portraits, einer Hommage an Klimt, Triptychons, zwei riesigen Deckengemälden oder einer Comic-Serie werden zumeist hochwertige Reprographien auf Leinwand – eine Spezialität von Kunstkontakt – speziell angefertigt und präsentiert. Besonders erfreulich: fast alle Werke stammen von Vorarlberger Künstlerinnen und Künstlern, die rund 70.000,– Euro an Honoraren aus dem Hilton-Auftrag erhalten.“

Wollen wir einmal davon ausgehen, dass „zwei riesige Deckengemälde“, selbst wenn sie von einem Vorarlberger stammen, die Hälfte des Künstlerhonorars verschlingen, so bleiben 35.000 Euro für „rund 1.200 Werke“, das wären dann durchschnittlich 29 Euro pro Kunstwerk als Künstleranteil. Selbst wenn – anders gerechnet – für 200 „Originalgemälde“ nochmals 50 Prozent des verbliebenen Budgets ausgegeben würden, verblieben den Künstlern für ihre Originale kaum 100 Euro. Für hochgerechnet 1.000 „Reprographien“ blieben dann noch matte 10-15 Euro Künstlerhonorar.

Nur damit klar wird, in welchen Kategorien die Hoteliers Soravia, nebstbei noch Miteigentümer des Dorotheum und Spender des gleichnamigen Flugdaches vor der Albertina, geplant und errichtet von Hollein dem Älteren, denken, wenn es um Kunst im Hilton geht, lässt Kunstkontakt zum Ende der Aussendung noch eine Bombe platzen. Wörtlich: „Hilton hat sogar das Budget für Pflanzen zugunsten der Kunst reduziert – eine Folge unserer überzeugenden Arbeit.“

Es gab Zeiten, in denen das Wort Kultur für eine gebildete und wohlhabende Schicht von größter Bedeutung war. Nun sind wir in unserem Ländle ebenso wie in unseren Landen verglichen zum Rest der Welt ja alle gebildet und wohlhabend, naja, zumindest wohlhabend, so dass Kultur in unserem Leben bis hin zum Geschäftsleben, und deshalb auch im Kunstgeschäft, kein Fremdwort sein sollte. Doch die Kultur hat sich mittlerweile – unbemerkt von allen Kultur-Seismographen – in zwei Pole gespalten: Entweder Kult oder –ur. So huldigen die Museumsdirektoren jener Kunst-Welt ihrem Kult, während das Fußvolk dieser Kunst-Welt sich auf sein je eigenes –ur besinnt, soweit es eben noch bei Besinnung ist.

Allgegenwärtig oder all zu gegenwärtig

Wiener Kunsthefte, Juni 2004

Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, hier mal über den österreichischen Tellerrand hinaus zu blicken und über meinen jüngsten Besuch des Vatikan zu berichten. Dort nämlich hatte ich die Möglichkeit, Kunst zu bewundern, die bereits Jahrhunderte überlebt hat und die alle Jahrhunderte überleben wird, die der Menschheit noch gegeben sind. Kunst, bei der nicht die Frage im Mittelpunkt steht, ob es sich denn eigentlich um Kunst handle. Kunst, die die Intentionen des Auftraggebers nicht in Frage stellt, sondern außer Kraft setzt, da sie das intentierte Höhere nicht repräsentiert, sondern eigentlich selbst ist. Kunst, die in ihrer obsessiven Omnipräsenz nicht zuletzt DEN blass ausschauen lässt, zu dessen Ehre sie geschaffen wurde.

Eigentlich wollte ich hier die bis in die kleinsten Nuancen vollkommenen Kunstwerke im Vatikan beschreiben, die Wechselbeziehungen zwischen Detailverliebtheit und dem Monumentalismus der Peterskirche analysieren, die diesem Monumentalismus innewohnende Hybris aufdecken und in Frage stellen, warum ein paar tausend Jahre nach Babylon die Renaissance der babylonischen Hybris nicht zum Sturz und Zerfall des Katholizismus geführt hat. Nicht zuletzt wollte ich hier dem Phänomen auf den Grund gehen, wie es möglich war, dass zu einer Zeit, als Vertreter des heliozentrischen Weltbildes für ihre Erkenntnisse verbrannt wurden gleichzeitig die damaligen bautechnischen Grenzen offenbar mit einer Leichtigkeit überwunden wurden, als hätte man alle physikalischen Gesetze dadurch außer Kraft gesetzt, dass man sie einfach nicht akzeptierte.

Schließlich wäre das Resümee unausweichlich gewesen, dass die Katholische Kirche heute als Auftraggeber künstlerischer Leistungen eigentlich nicht mehr in Frage kommt, weil das Feld der Grenzüberschreitungen dem sakralen Bereich abhanden gekommen ist, da heute Grenzüberschreitungen in allen möglichen Bereichen der Natur und des Kosmos stattfinden und von Wissenschaft und Technik vorangetrieben werden, während der Kirche nur die Bewahrung transzendentaler Phänomene der Vergangenheit bleibt und somit die eigentliche Leistung der heutigen Kirche in der Restauration und Vergegenwärtigung des Allgegenwärtigen vergangener Zeiten besteht. Denn eigentlich hat die Gegenwart – und nicht nur die Gegenwartskunst – grundsätzlich keinen Platz mehr im heutigen System der Kirche.

Das nun wäre eigentlich der ganze Inhalt dieser Kolumne gewesen, wenn nicht kurz vor Redaktionsschluss eine Einladung zu einer Vernissage im Stift Admont auf meinem Schreibtisch gelandet wäre. Dort hat Museumsleiter Michael Braunsteiner eine Ausstellung mit Werken des Otto-Mauer-Preisträgers von 1981, Alfred Klinkan, zusammengestellt. Das Stift hat in den letzten Jahren über 25 Gemälde des 1950 in der Steiermark geborenen und 1994 bereits 44jährig verstorbenen Künstlers für seine Sammlung erworben. Diese überwiegend großformatigen Werke aus den 70er Jahren bis in die 90er Jahre bilden den Grundstock für die Ausstellung. Leihgaben – darunter noch nie gezeigte Künstlerbücher und Zündholzschachtelbilder – ergänzen dieses Konvolut.

Beeindruckend ist aber nicht nur diese Jahresausstellung, sondern auch die Initiative des Stiftes, den Dialog mit zeitgenössischer Kunst aufzunehmen und den gesamten Museumsbereich, der mit seiner Barockbibliothek ein weltbekanntes Juwel enthält, völlig neu zu gestalten. Hier kann man nun neueste Arbeiten bekannter österreichischer Künstler finden, ein eigener Raum ist Werken von Hannes Schwarz gewidmet, sicher für viele Besucher eine Neuentdeckung. Einmalig für Admont ist, dass im Stift buchstäblich und symbolisch alte Mauern nieder gerissen wurden, um der zeitgenössischen Kunst Platz zu machen.

Spannend ist aber auch der didaktische Bereich, in dem die Geschichte der Benediktiner und ihr Selbstbild in unserer Zeit dargestellt werden. Peter Hans Felzmann hat neben der Bibliothek innovative multimediale Ensembles für die Präsentation des Stiftes eingerichtet. In drei gesonderten Räumen werden den Besuchern mittels neuester Mediatechniken Filme über das Leben und die Regel des Hl. Benedikt sowie interaktiv abrufbar die Stiftsgeschichte präsentiert. Wirklich beeindruckend ist dabei eine Spiegel-Installation, in der der Betrachter der Multimedia-Show buchstäblich in die Welt der Benediktiner eintaucht. So wie schon die Bibliothek als Gesamtkunstwerk des Spätbarock geplant war, hat Felzmann ein zeitgemäßes Gesamtkunstwerk geschaffen, das die Ideenwelt der Auftraggeber in Form und Inhalt nicht nur abbildet, sondern im besten Sinne des Wortes transzendiert.

Im Vergleich zum Vatikan ist das Stift Admont mit seinem Museum ein alpines Pfingstwunder. Während in großen Teilen Europas die Vergangenheit der Katholischen Kirche in Kunst und Kultur allgegenwärtig ist und dadurch die Gegenwart völlig ausgeblendet wird, ist in Admont ein Dialog mit der Gegenwart gelungen, in dem die Vergangenheit nicht sofort ausgeblendet wird, wie das umgekehrt in der „profanen“ Museumspolitik, die oft all zu gegenwärtig nach den neuesten Modetrends schielt, geschieht. So kann man dem Stift Admont nur viele Katholische Würdenträger als Besucher wünschen, die hier – es ist nicht übertrieben – ein katholisches Zukunftsmodell vorfinden.

Kraftlose Sekundanten

Wiener Kunsthefte, September 2004

Da Urlaube ja dafür erfunden wurden, Bücher zu lesen, für die man sonst keine Zeit hätte, hab ich mir diesmal „Musil“ vorgenommen, eine Biografie von Herbert Kraft, in der laut Klappentext „brillant geschrieben“ deutlich wird, „wie bei Robert Musil Leben und Werk einander ergänzen“. Deutlich wird bei der Lektüre dieses Buches allerdings nichts, was nicht schon längst bekannt wäre: Dass Musil nach dem Ende des 1. Weltkriegs fast ausschließlich für seinen Roman „Der Mann ohne Eigenschaften“ (MoE) gelebt hat, davon aber kaum sein Auslangen finden konnte, wohl wissend, dass sein Jahrhundertroman mehr wert sei als viele andere Romane seiner Zeit, die ihren Autoren aber größere (finanzielle) Erfolge brachten. Daraus reslutierend das gespannte Verhältnis zu Schriftstellern seiner Zeit, insbesondere zu Thomas Mann, obwohl der Nobelpreisträger und andere Dichter Musil immer wieder (auch finanziell) unterstützten – was das gespannte Verhältnis zu diesen sowie die innere Anspannung allerdings weiter erhöhte, denn wüsste die Welt, wer er sei, hätte er solche Almosen nicht nötig, war Musil überzeugt.

Selbstverständlich war sich Musil seiner persönlichen Schwächen bewusst, als er notierte „Ulrich so unsympathisch wie mich selbst zeichnen“. Es ist daher keine literaturwissenschaftliche Glanzleistung, Musil ausschließlich als undankbaren, egozentrischen Misanthropen zu darzustellen. Kraft lässt jedoch keine biografische Nebensächlichkeit aus, um sein Bild von Musil zu bekräftigen, sogar Musils Ehrgeiz Crawlen zu lernen ist in den Augen Krafts Ausdruck von Selbstüberschätzung, da er doch „eher klein und stämmig mit etwas kurzen Armen, dafür wenig Eignung besaß“ – als ob die Eignung dafür auch nur das Geringste mit der Körpergröße zu tun hätte!

Insgesamt ist diese Biografie ein mustergültiges Beispiel für das fundamentale Problem der Sekundärliteratur an sich. Kraft füllt sein Buch seitenweise mit Musil-Zitaten, ohne diese wirklich zu erhellen. Er verknüpft manche Gedanken Musils mit Zitaten aus seinem Werk, baut da und dort Brücken vom Roman zur Biografie – meist Hängebrücken ohne Fundament – folgt dabei keiner bestimmten These, sondern nur seinem im ersten Kapitel gezeichneten Bild des Menschfeinds, der seinen Alpenkönig auch in seinen letzten Lebensjahren in der Schweiz nicht finden konnte. Ein flaches Gesamturteil anstelle argumentierbarer Thesen und Gegenthesen – das ist das Fundament, auf der diese kraftlose Musil-Biografie aufbaut. Diese Art von Sekundärliteratur ist zwar typisch, geradezu prototypischen für eine Textsorte, die der Kategorie „Sekundärliteratur“ allein deshalb zuzuordnen ist, weil sie grundsätzlich nur Sekundäres von sich gibt. Dass so ein Werk überhaupt geschrieben und gedruckt wird, ist wohl nur im Kontext akademischer Pflichtübungen zu verstehen

Nachsatz für Leser der Wiener Kunsthefte, die an dieser Stelle – zu Recht – etwas Aktuelles zum österreichischen Kunstgeschehen lesen wollen: Fast alles, was wir über Literatur, Musik oder Kunst zu lesen bekommen ist dem Wesen nach Sekundärliteratur. Deshalb ist die Auseinandersetzung mit dem Original – das sich Einlassen auf das Original – immer aufschlussreicher als das Studium von sekundären Abhandlungen. Im Übrigen fällt mir zu Franz Morak nichts mehr ein.

Um es mit den Worten Musils zu sagen: „Wenn die Dummheit nicht von innen dem Talent zum Verwechseln ähnlich sehen würde, wenn sie außen nicht als Fortschritt, Genie, Hoffnung, Verbesserung erscheinen könnte, würde wohl niemand dumm sein wollen, und es würde keine Dummheit geben. Zumindest wäre es sehr leicht, sie zu bekämpfen. Aber sie hat leider etwas ungemein Gewinnendes und Natürliches. Wenn man zum Beispiel findet, daß ein Öldruck eine kunstvollere Leistung sei als ein handgemaltes Ölbild, so steckt eben auch eine Wahrheit darin, und sie ist sicherer zu beweisen als die, daß van Gogh ein großer Künstler war. … Es gibt schlechterdings keinen bedeutenden Gedanken, den die Dummheit nicht anzuwenden verstünde, sie ist allseitig beweglich und kann alle Kleider der Wahrheit anziehen. Die Wahrheit dagegen hat jeweils nur ein Kleid und einen Weg und ist immer im Nachteil.“ (MoE, S. 58f)

kunst.masturbator

Wiener Kunsthefte, Dezember 2004

Wie bastelt man eine Kunstzeitschrift? Man sucht sich ein paar Unternehmen, vorzugsweise aus dem Finanzsektor, die man mit anderen Medien des Verlags noch nicht ausreichend ausgegriffen hat, erklärt den Banken und Versicherungen, dass sie sich in einem exquisiten redaktionellen Umfeld mit dem Mäntelchen der schönen Künste schmücken können, sucht sich im Verlag ein paar Schreiberlinge, die im Stande sind das Wort „Kunst“ von vorn und von hinten zu buchstabieren, bringt den Output, den Redaktion und Anzeigenabteilung innerhalb von drei Wochen zusammen schustern in ein Layout das dem Anspruch „modern aber nicht zu zeitgeistig“ gerecht wird, presst die Arbeit der Grafikabteilung auf Hochglanzpapier und versendet das Endprodukt als „exklusiven Vorteil“ an alle WirtschaftsBlatt-Abonnenten und Abonnentinnen.

Soviel zu den organisatorischen Herausforderungen, denen der Verlag mit dem programmatischen Namen „How to spend it“ gegenüber gestanden ist. Fehlen noch ein paar inhaltliche Richtlinien, die man schlauer Weise aber nicht weiter definiert, denn das würde mindestens eine Redaktionssitzung erfordern, in der solche Kriterien diskutiert werden, die mangels Chefredakteur aber nicht einberufen werden kann und abgesehen davon nur Zeitverschwendung wäre. Statt dessen ruft man 10 Leute an, die in der Kunstszene – auch wenn man sie unter keinen Umständen sehen will – nicht zu übersehen sind und holt diese als Jury an Bord, die dann auch gleich „Die 100 Mächtigen“ der österreichischen Kunstszene wählt. Wie gnadenlos selbstkritisch dieses Ranking durchgeführt wurde beweist die Tatsache, dass nicht alle 10 Juroren unter den „Top 10“ zu finden sind, sondern manche der 10 Juroren erst auf den Rängen 11-100, wobei diese allerdings nicht mehr numerisch, sondern etwas unverfänglicher alphabetisch gereiht wurden.

„>Hinter den üblichen Verdächtigen Essl, Weibel, Köb und Leopold schafft es Gabriela Gantenbein auf Platz fünf unter den „Top 10“. Nun ist Gantenbein eine umtriebige, höchst sympatische und für österreichische Verhältnisse erfreulich unbefangene Kunstexpertin. Doch Österreichs Szene hat sie erst vor wenigen Monaten als Leiterin der im April 2005 erstmals stattfindenden „ViennAfair Kunstmesse Wien“ betreten. Im Vergleich dazu ist ein gewisser Kurt Jirasko, der im Oktober zum zehnten Mal die Kunst Wien durchgeführt hat, oder eine gewisse Johanna Penz, die heuer zum achten Mal die Art Innsbruck erfolgreich über die Bühne gebracht hat, den Juroren nicht einmal eine Erwähnung wert. Dass die gesamte Chefpartie des Galerienverbandes von der Kunst Wien zur ViennAfair gewechselt ist und sich dort umgehend im Beirat eingenistet hat, wird damit wohl kaum etwas zu tun haben!

Soweit die wesentlichen Inhalte einer Jubelbroschüre, die sich das Erscheinungsbild einer Zeitschrift verpasst hat, womit dem Leser unverblümt eine periodische Wiederkehr angedroht wird. Fehlt zu guter letzt noch der passende Titel. „Die Grand Dame der österreichischen Galerienszene“ hielt kunst.aktionisten für geeigent, während die „Galeristin, die aus der Wirtschaft kam“ für kunst.gewerbe plädierte. „Der Mann mit den besten innerösterreichischen Netzwerken zu Unternehmen und Medien“ schlug kunst.lab vor. kunst.siemens, kunst.evn, kunst.strabag, kunst.asfinag, kunst.bawag, kunst.kommunalkredit und kunst.frankstronach waren Vorschläge, die aus der Wirtschaft gekommen sind. Von dieser Seite wollten sich die Nummer 7 und die Nummer 10 der Top 10 jedoch nicht vereinnahmen lassen. Top 7, seines Zeichens „einer der aktivsten und engagiertesten Galeristen“, der jene Künsterlin im Programm führt, die seit „der inzwischen legendären Masturbationsshow 1994“ nicht mehr aus der österreichsichen Szene weg zu denken ist,  sowie Top 10, der „mit der Künstler-Boygroup Gelatin einen hochkreativen Aktivposten im Programm“ hat – nicht nur hochkreativ sondern auch hocherektiv – diese beiden Topgaleristen haben sich schnell auf einen Titel geeinigt: kunst.masturbator.

Und dabei wäre es aufgrund der damit gefundenen Mehrheitsverhältnisse (2 gegen 1 gegen 1 gegen 1 gegen 1 …)  geblieben, wäre nicht kurz vor Start der Druckmaschinen der Herausgeber aus seinem Koma erwacht. Geweckt hat ihn ein Anruf aus der Chefetage des WirtschaftBlattes, die anfragen ließ, wann denn das „einzigartige Produkt“, das gerade „in enger Zusammenarbeit mit dem WirtschaftsBlatt“ entstehe, die „schon lange offene Lücke am Markt“ nun endlich schließen werde. Denn schließlich sei es höchst an der Zeit, den WirtschaftsBlatt Abonnenten und Abonnentinnen „Anregungen zu geben und Möglichkeiten zu präsentieren, die ihr Kunst-Investment wirklich lohnenswert machen“. So also ist es zu erklären, dass Ende Oktober alle WirtschaftsBlatt-Abonnenten die Zeitschrift „kunst.investor“ in ihrem Briefkasten gefunden haben, darin jedoch keinen einzigen Artikel, der auch nur ansatzweise einen Bezug zum Thema der Zeitschrift hergestellt hätte.

Kunstmediator 2004: Die Wiener Linien

Wien (12. Oktober 2004) – Zum zweiten Mal hat die IG Galerien in diesem Jahr den Award „Kunstmediator“ verliehen. Ausgezeichnet werden damit Personen oder Organisationen für besondere Verdienste in der Vermittlung von Kunst. Preisträger dieses Jahres sind die Wiener Linien. Heute, Dienstagabend, hat Michael Lichtenegger als Vertreter der Geschäftsführung der Wiener Linien den Award aus den Händen von Helmut A. Gansterer, Kunstmediator 2003, entgegen genommen. Der Award in Form einer Edelstahlskulptur ist jedes Jahr ein Unikat des steirischen Bildhauers Franz Wieser.

„Die Wiener Linien entsprechen in der Form, wie sie Kunst in den Bau der U-Bahnlinien integrieren, voll und ganz den Zielen der IG Galerien. Sie vermitteln Kunst im besten Sinne des Wortes auf Schritt und Tritt. Sie bringen nicht nur indirekt das Publikum zur Kunst sondern auch direkt die Kunst zum Publikum. Der Kunstmediator 2004 ist daher ein Preis für ein Unternehmen, das bewiesen hat, dass Kunst überall dort statt finden kann, wo man ihr bewusst und gezielt Raum gibt“, erklärte Georg Haslinger, Kurator der IG Galerien, in seiner Laudatio. http://www.ig-galerien.org/

Allein an Adolf Frohners Arbeit „Circa fünfundfünzig Schritte durch Europa“ (U3 Westbahnhof) eilen täglich 100.000 Menschen vorbei, etwa 40.000 Menschen kommen täglich durch die Westpassage der U-Bahn-Station Landstraße, wo Oswald Oberhubers Permanent-Graffiti Farbe in den grauen Alltag bringt, nicht weniger als bei der U-Bahn-Station Volkstheater, wo Anton Lehmden mit einem monumentalen Mosaik „Das Werden der Natur“ nachzeichnet. Aber nicht nur arrivierten Künstlern haben die Wiener Linien Raum gegeben, in der U-Bahnstation Schottentor bei der Universität wird eine Glasvitrinie regelmäßig von Kunststudenten neu gestaltet.

Und auch internationale Größen der Kunst haben in der Wiener U-Bahn ihre Spuren hinterlassen. Der renommierte koreanische Videokünstler Nam June Paik, oft als „Picasso der Videokunst“ bezeichnet, schuf für die Station Schweglerstraße eine seiner berühmten Videoinstallationen. Das Motto des Kunstwerkes: Tele-Archäologie. Die 3×13 Monitore, die in die Skulptur eingebaut sind, zeigen gleichzeitig drei verschiedenen Programme.

„Speziell die Linie U3 präsentiert sich als eine Kunstlinie, in deren Stationen archäologische Funde ebenso integriert sind wie zeitgenössische Werke der bildenden Kunst, die eigens für dieses Bauwerk geschaffen wurden. Wir hoffen, dass dieser kunstsinnige Geist auch den weiteren Ausbau der U-Bahn prägen wird“, schloss Georg Haslinger seine Laudatio.

Von der Geschäftsführung der Wiener Linien nahm Michael Lichtenegger den Award entgegen. Er bedankte sich mit den Worten. „Die U-Bahn ist Teil des urbanen Lebensraums. Ihre Bedeutung reicht weit über die reine Funktionalität hinaus. Sie ist geradezu prädestiniert dafür ein Schauplatz zu sein, an dem sich zeitgemäße – durchaus auch kontroversielle – Formen der Kunst einem größeren Publikum präsentieren. Die Wiener Linien freut es besonders, dass dieses bei vielen U-Bahn Stationen realisierte Konzept der Einbindung von Kunst und Kreativität in den Öffentlichen Raum auch von berufener Stelle entsprechend gewürdigt wird. (Bild: Michael Lichtenegger, GF Wiener Linien)