Artikel von Hubert Thurnhofer, damals Vorsitzender der IG Galerien
Museumspolitik: Kassenschlager und Minenbomben
Wiener Kunsthefte, März 2005
Die Evaluierung der Bundesmuseen, fünf Jahre nach ihrer „Entlassung“ in die Vollrechtsfähigkeit, wurde von den Medien bereits ausreichend als Gefälligkeitsgutachten zum Preis von 100.000 Euro gewürdigt. Neben anonymen, aber den Häusern durchaus gewogenen Gutachtern hat das Marktforschungsinstitut FESSEL-GfK erhoben, wie bekannt und beliebt die Museen bei den Österreichern und Österreicherinnen sind. Schöne, rosarote Balkengrafiken dieser Umfrage bilden denn auch den Kern des vom bm:bwk publizierten Resümes: 27 von 47 Seiten klären uns auf über so wichtige Fragestellungen wie “Steht der heutige Museumsbesuch im Zusammenhang mit einem im Unterricht behandelten Thema?“, „Hat es dir hier im TMW / in der Albertina / im KHM gefallen?“, „Trifft die folgende Aussage zu: Die Leute, die hier im Museum arbeiten, sind freundlich und nett.“
Maximal eine Seite ist in der vorgelegten Dokumentation der Einzelevaluierung von Albertina, KHM (inklusive Völkerkunde- und Theatermuseum), MAK, MUMOK, NHM, Österreichische Galerie Belvedere (ÖGBEL) und TMW gewidmet. Warum das Leopoldmuseum nicht Gegenstand der Betrachtungen war, wird übrigens in keiner Zeile erwähnt. Ein paar Kostproben gefällig?
– „MAK zählt zu den fortschrittlichsten und avantgardistischsten österreichischen Museen mit internationaler Bedeutung.“
– „Das MUMOK ist Motor und Maßstab der österreichischen Gegenwartskunst.“
– „Die ÖGBEL hat ein wirkungsvolles Marketingkonzept.“
– „Das Prestige des KHM ist exzeptionell hoch und bedarf keiner grundlegenden Änderung. Das KHM ist ein bedeutender Ort der Bildung und des lebensbegleitenden Lernens.“
Dass in der Museumslandschaft die Fetzen fliegen, können sogar die diplomatischen Hofberichterstatter nicht stillschweigend übergehen.. Im Resümee schreiben sie: „Die Wiener Museumslandschaft ist durch Rivalität und Wettbewerb der verschiedenen Museen stärker geprägt als dies in vergleichbaren europäischen Städten der Fall ist.“ Besonders MUMOK-Direktor Edelbert Köb, für den mittlerweile Solidaritätsaktionen zu dessen Wiederbestellung organisiert werden, scheint an den Wiener Zuständen zu leiden. So heißt es in der Beurteilung seines Hauses: „Das in der Zielsetzung des MUMOK dargelegte Arbeitsfeld wird durch andere Bundesmuseen beeinträchtigt. Eine überschneidende Ausstellungspolitik durch MAK und KHM (Francis Bacon), behindert die internationale Ausstrahlungskraft des MUMOK. Innovativität (sic!) und Konkurrenz sind in Wien als Weltmetropole in allen Bereichen gefordert; von den Medien genüsslich inszenierte Konkurrenzverhältnisse schaden jedoch dem Gesamtbild.“
Ziemlich sperrig liest sich die Kritik an der Bacon-Ausstellung im direkten Kontext zum KHM: „Die Vielfalt der Ausstellungsaktivitäten des Hauses sollte nicht durch Projekte überlagert werden, die den Kernthemen der Sammlung eher fern stehen, jedoch können mutige Grenzüberschreitungen (z.B. Francis Bacon) zur Erhellung und Rezeption der eigenen Sammlung beitragen.“ Den Experten sind aber auch einige andere Widrigkeiten aufgefallen, die hier nicht unerwähnt bleiben sollen: „Während die Albertina in den Bereichen Großausstellungen, Veranstaltungen und Vermietungen äußerst erfolgreich ist, werden die nicht unmittelbar ausstellungsbezogenen wissenschaftlichen Aktivitäten sichtbar vernachlässigt. Die Ankaufspolitik ist äußerst konservativ und lässt keine klaren zukunftsweisenden Strategien erkennen.“ Ähnliche Kritik muss auch das MAK einstecken: „Der Ankaufsplan ist von Zufälligkeit gezeichnet.“
Auch wenn die Experten hier wenigstens den Anflug von Objektivität vermitteln, so fließt die Untersuchung in ein banales Resümee: „Die Anhebung der Basisabgeltung ist künftig notwendig.“ Eine Forderung, der sich die Direktoren nur allzu gerne anschließen.Und siehe da, schon will die Kulturministerin eine neue, betriebswirtschaftliche Studie in Auftrag geben und stellt Anhebungen ab 2007 in Aussicht. Eine grundsätzliche Auseinandersetzung über die Zielsetzungen der einzelnen Bundesmuseen und die Einhaltung von Budgets im Rahmen der Vollrechtsfähigkeit wird dabei tunlichst vermieden. Dem grünen Kultursprecher Wolfgang Zinggl ist zugute zu halten, dass er seit Jahresbeginn versucht, diese Diskussion ins Rollen zu bringen. Zinggl meint, die Bestände der Museen müssen neu geordnet werden, da sich derzeit alle auf die gleichen Themen stürzen und in ihrer Ausstellungspolitik lediglich auf den nächsten Blockbuster (deutsch: „Kassenschlager“ aber auch: „Minenbombe“) schielen.
Die Restrukturierung der Museumsbestände sollte aber kein Selbstzweck sein, sondern mit der Aufarbeitung und Präsentation von Sammlungsteilen einher gehen, die bislang in den Archiven verstauben. Ist es tatsächlich nicht mehr oppurtun für eine Albertina, rund 70.000 Zeichnungen und mehr als eine Million Druckgrafiken aller Kunstepochen von der Spätgotik bis zur Zeitgenössischen Kunst in das Zentrum der eigenen Ausstellungstätigkeit zu stellen? Anstatt Unsummen in Transporte von „Weltkunstwerken“ zu stecken, sollten die eigenen Schätze gehoben und vermarktet werden, wie dies sonst nur mit internationalen Leihgaben geschieht. Wer bitte hat in der Saliera – bevor diese gestohlen wurde – einen Grund gesehen das KHM zu besuchen?
Ergänzung April 2016: Nachrufe auf das Essl Museum
Ergänzung 20. September 2018: Monet und Moneten
Der Anläufer und andere Erben Kakaniens
Wiener Kunsthefte, Juni 2005
Nun sind die Verfehlungen des Herrn Seipel also amtlich, nachdem der Rechnungshofbericht vorliegt, doch der Herr Direktor und seine Ministrantin sehen darin lediglich Detailfragen, also Nebensächlichkeiten, die ein Direktor mit dem großen Horizont ruhig links liegen lassen kann. Die für die KHM-Kontrolle zuständige Ministrantin will dem Steuerzahler – als politische Lösung – umgehend einen zweiten KHM-Direktor aufhalsen. Der darf dann alles aufräumen, was bislang links liegen geblieben ist. Der für das KHM unzuständige Staatsaekretär nutzte indessen die ORF-Pressestunde um klarzustellen, dass Seipels Fest zu Moraks 55-sten Geburtstag in Wahrheit eine Promotion für die El Greco-Ausstellung war, aber immerhin hat er daraus gelernt und versprochen: „Ich werde mich nie wieder von jemandem einladen lassen“.
Und unser aller Kunst-Sekretär hat bei der Gelegenheit auch gesagt: „Wir sehen Kultur nur als Kette von Skandalen, sie ist aber ein wesentliches Asset und Herr Seipel hat dazu Wesentliches geleistet. Er hat die Zuseherzahlen in astronomische Höhen getrieben. Das sind Fakten, die wir auch sehen sollen.“ Die unverschämten Redakteure wollten diese Fakten nicht sehen sondern wissen, ob es bei der steuerlichen Berücksichtigung von Mäzenatentum – „da sind Sie ja gescheitert“ – weitere Anläufe geben werde. „Diese Anläufe werde ich immer machen“, sprach Morak und outet sich damit als Stabhochspringer, der seinen Anlauf nimmt, mit voller Kraft den Stab über die Latte wirft und sich nach seiner Selbstdisqualifikation beschwert, dass er nicht beim Speerwerfen gewonnen hat. So viel zu Moraks Beitrag zur Förderung des Mäzenatentums im Allgemeinen und zur steuerlichen Absetzbarkeit von Kunstankäufen im Besonderen.
Als Beweis, dass er nichts gegen Mäzenatentum einzuwenden hat, führt Morak Max Hollein ins Treffen: „Max Hollein sagt, ich lasse den Staat außen vor und gehe nur noch auf private Sponsoren.“ Max Hollein ist übrigens Moraks Beitrag zur Biennale in Venedig – soviel Staat muss sein – und auch Moraks Beitrag, dass diese Erbpacht wieder in der richtigen Familie gelandet ist – so ein bisserl Hofstaat darf´s schon sein. Schon Hollein der Ältere war Österreichs Vertreter der 36. Biennale Venedig 1972. Von 1978 – 1990 war er der österreichische Kommissär für die Biennale der bildenden Künste in Venedig, von 1991 – 2000 war er auch österreichischer Kommissär für die Architekturbiennale in Venedig, der er im Jahr 1996 auch als Gesamtdirektor vorstand. Hollein der Jüngere war bereits im Jahr 2000 Kommissär und Kurator des amerikanischen Pavillons bei der VII. Architekturbiennale in Venedig. Nun darf er endlich für sein Vaterland Kakanien den Pavillon in Venedig kommissionieren. (ANMERKUNG vom 25. 7.2007 – „der Standrad“ berichtet heute: „Lilli Hollein ist von Kulturministerin Claudia Schmied zur Kommissärin für den österreichischen Beitrag zur 7. Internationalen Biennale für Architektur in Sao Paulo ernannt worden.“ Dabei bleibt nicht unerwähnt, dass die Kuratorin die Tochter von Hans Hollein ist. Es sei hier nicht in Zweifel gezogen, dass Lilli Hollein für diesen Job qualifiziert ist – dies ist ja wohl von genetischer Evidenz! Aber ist es wirklich so, dass wir in ganz Österreich keine anderen Kuratoren haben??)
Indessen wird im Reiche Albrecht des Großen der Begriff der „Vollrechtsfähigkeit“ ganz im Sinne des absoluten Monarchen neu interpretiert. So sei es sein volles Recht, den einen oder anderen Feldhasen auf Reisen zu schicken, lässt er die Leser des Magazins „profil“ wissen. Beamte des Denkmalamtes und sonstige Haftelmacher unseres Rechtsstaates sollten ihn dabei gefälligst nicht beschränken. Vollrechtsfähig oder unzurechnungsfähig ist da die Frage, die aber nur ein Plebejer wie ich stellen kann. Dabei habe ich selbst erst kürzlich die Segnungen absolutistischer Machtausübung zu schätzen gelernt.
So bekenne ich mich hiermit schuldig, dass ich in der vorigen Ausgabe der „Wiener Kunsthefte“ meinen Kommentar über den Museumsbericht mit der Forderung abgeschlossen habe, man solle ein Tabu brechen und das absolute Verbot von Verkäufen aus den Museumsdepots überdenken. Verkäufe sollten zugelassen werden, wenn der Erlös wieder zu hundert Prozent in den Ankauf neuer Werke fließt, habe ich noch vor drei Monaten gemeint. Damit sei einer lebendigen Sammlung gedient, und auch einer neuen Profilierung der Museen, dachte ich damals ganz naiv. Doch diese Gedanken sind der gnadenlosen Zensur der „Wiener Kunsthefte“ zum Opfer gefallen, und heute bin ich heil froh über das segensreiche Wirken dieser Institution. Man stelle sich vor, diese Idee hätte ihren Weg genommen bis in die Köpfe der allmächtigen Museumsdirektoren. Was nutzt es da, dass ich gefordert habe, allfällige Verkäufe nur unter den strengsten Auflagen und in vorab definierten Grenzen zu genehmigen. Wer fragt denn in unserem Kakanien nach Genehmigungen, und wer würde denn hier strenge Auflagen erteilen!?
Hell trifft Schönborn
Hubert Thurnhofer, Präsident IG Galerien in: Wiener Kunsthefte, September 2005
Ein Lehrstück der Kulturkritik lieferte jüngst Cornelius Hell, seines Zeichens Ressortleiter Feuilleton der katholischen Wochenzeitung „Die Furche“. In einem Rundumschlag macht sich hier (Ausgabe 11.8.2005) ein Schreiberling, der „in der Kunstszene völlig unbekannt“ ist (was Hell seinerseits dem Kunstbeauftragten der Diözese Wien vorhält) zum obersten Kunstrichter der Nation.
Zunächst kreidet er Kardinal Schönborn an, dass er positive Worte und Emotionen bei der Ausstellung von Joseph Führich (laut Hell: „Fürich“) in der Albertina findet. Das ist ungefähr so passend wie den Staatsoperndirektor dafür zu schelten, dass ihm die Netrebko gefällt. „Spüren und fühlen konnte man dabei die bekannten Vorurteile des Kardinals gegen abstrakte Kunst.“ Hell der Spürhund oder Hell der Übersinnliche, der fühlt, was der Kardinal denkt? Wie auch immer, wird hier eine Diskussion angerissen, die seit Jahrzehnten (Stichwort Postmoderne) abgehakt ist. Das ist an den Scheuklappen von Hell aber spurlos vorüber gegangen, denn für ihn ist offenbar immer noch das, was in den 60ern Avantgarde war, der Maßstab für Kunst. Und so macht sich Hell zum Rächer eines fiktiv und posthum von Schönborn gekündigten Otto Mauer, war er doch „der große Förderer der Avantgarde“. Seine Schützlinge – Nitsch in der Staatsoper, Rainer in der Kapelle des Landhauses St. Pölten, Mühl in allen wichtigen Sammlungen inklusive Mumok – sind heute längst kanonisiert. Welchen Kampf führt Hell da eigentlich?
Solchermaßen die Fronten abgesteckt, weiß Hell jedenfalls, wen es gilt abzuhalftern. Es ist die Fleischwerdung der „Vorurteile“ des Kardinals, die „Imago“-Gruppe, die der Gnade Hells nicht würdig erscheint: „keines ihrer Mitglieder hat Rang und Namen, aber sie arbeiten alle gegenständlich und sind christlich, das ist die Hauptsache.“ Wie kommt der Höchstrichter über Rang und Namen zu seinem Urteil? Sicher nicht aus eigener Anschauung, denn an meiner Galerie, die einige Imago-Künstler vertritt, und zu deren Ausstellungen Hell mehrfach eingeladen war, ist er bislang nicht vorüber gekommen.
Nun, so wird sich Hell sein Urteil – Vorurteile wollen wir ihm ja nicht unterstellen – wohl angelesen haben, z.B. aus Magazinen wie Format, das sich ja in Kunstfragen außerordentlich hervortut, wenn schon nicht durch regelmäßige Berichterstattung, geschweige denn durch kritische Berichterstattung, so wenigstens mit der Jahr für Jahr wiederkehrenden Veröffentlichung der Kunstweltmeister von Wien-Schillerplatz und Umgebung im sogenannten Rating der „Top 100 Künstler von Österreich“. Übrigens: 15 der sogenannten „Top 100“ sind Frauen. Das Format-Rating als Spiegel des realen Kunstmarktes? Warum sind dann bei den Mitgliedern der IG Galerien 50 Prozent aller ausgestellten Arbeiten von Künstlerinnen? Aber das ist eine andere Frage und der Rest sind Vermutungen, und ich will hier nicht „spüren und fühlen“ was Hell meint, sondern bloß hinterfragen, was er sagt.
Und Hell sagt, es sei „eh vorbei mit der Moderne. Jetzt müssen die Nazarener wiederentdeckt werden. Da war halt noch Kunst, die für Verkündigung brauchbar war.“ Wenn er ernsthaft die Wiederentdeckung der Nazarener kritisieren wollte, müsste Hell die Frage stellen, warum in diesem Frühjahr in den heiligen Hallen der Frankfurter Schirn die Nazarener gewürdigt wurden, anstatt ausgerechnet dem Kardinal ans Bein zu pinkeln, weil er die Renaissance dieser Gruppe für „hoch an der Zeit“ hält. Ist dem Kunstkritiker die Ausstellung in Frankfurt nicht zur Kenntnis gelangt, oder darf man das, was Hollein „der Allmächtige“ (Kunstzeitung 6/2005) für diskussionswürdig hält, keiner Kritik unterziehen? Eine spannende kunsthistorische Frage wäre jedenfalls auch, wie sich die Nazarener in den aktuellen Kunsttrends wieder finden. Da hat sich nämlich ausgehend von Norbert Bisky und der Leipziger Schule eine Art Neo-Biedermeier in konzentrischen Kreisen auf ganz Europa ausgebreitet, was auf der vorigen Art Cologne in einer frappanten Weise zu sehen war.
Ich glaube nicht, dass Gerard Goodrow als Leiter der Art Cologne einen Erlass an die 250 teilnehmenden Galerien heraus gegeben hat, wonach nur Neo-Biedermeier gezeigt werden darf. Deshalb ist die Sehnsucht nach Figuaration, die offenbar den Zeitgeist spiegelt, zumindest ein interessantes Phänomen. Und dabei nur ein Phänomen unter dutzenden anderen Phänomenen im aktuellen Kunstgeschehen, wobei Figuration, Abstraktion, Konzeption, Installation oder auch Fotografie sich längst nicht mehr gegeneinander ausspielen lassen. Nur wer den Diskurs der vergangenen zwanzig Jahre verschlafen hat, kann derart lächerliche Argumente bringen und jemandem mit Vorliebe für die gegenständliche Malerei automatisch ein „Vorurteil“ gegen abstrakte Malerei unterstellen.
Bleibt ein Untergriff Hells gegen „Kunst, die für Verkündigung brauchbar war“. Wofür die Kunst gebraucht wird oder wofür sie sich gebrauchen oder missbrauchen lässt, das muss jeder Künstler mit seinem Publikum, das muss jede Kunst mit ihrer Zeit ausmachen. Über Jahrhunderte war die Kirche die treibende Kraft als Auftraggeberin der Kunst. Dass dabei die Verkündigung eine Rolle spielte, wird man dieser Auftraggeberin hoffentlich nicht verübeln. Verübeln kann man der Kirche bestenfalls, dass sie diese Mission Jahrhunderte lang den Künstlern zugetraut hat, heute aber offenbar das Vertrauen in die Künstler/innen verloren hat, überhaupt eine Mission erfüllen zu können. Anstatt der zeitgenössischen Kunst ihren Raum in einer lebendigen Kirche zu geben (so wie das Jahrhunderte lang geschehen ist), verbraucht die Kirche heute ihre gesamte Energie (und auch finanziellen Mittel) dafür, das vor Jahrhunderten Geschaffene zu erhalten. Restauration statt Innovation ist das Motto.
Was könnte man tun, um diese Stagnation zu überwinden? Ich würde mir wünschen, dass eine Zeitung mit Rang und Namen wie „Die Furche“ in diesem weitgehend unbeackerten Felde pflügt, anstatt abstrakte Scheingefechte gegen figurative Kunst zu führen und Künstler in Grund und Boden zu stampfen, indem man „Rang und Namen“ zum Kriterium einer höchst dubiosen Werteskala einer höchst fragwürdigen Kunstanschauung erhebt.
Der Kardinal und seine Kunst
Kommentar von Cornelius Hell in „Die Furche“, 11. August 2005
Es sei „hoch an der Zeit“, dass die Nazarener neu entdeckt würden, meinte Kardinal Schönborn bei der Eröffnung der Ausstelung der Kreuzweg-Zeichnungen von Joseph Fürich in der Albertina; Voruteile habe es gegen sie gegeben, die überwunden werden müssten. Wenn ein Kardinal gegen Vorurteile auftritt, kann man schwer widersprechen. Klaus Albrecht Schröder machte auch gleich den Ministranten und konnte das zutiefst christliche Weltbild des Künslters „spüren und fühlen“.
Spüren und fühlen konnte man dabei auch die bekannten Vorurteile des Kardinals gegen abstrakte Kunst. Darum hat er ja auch die „Imago“-Gruppe gefördert – keines ihrer Mitglieder hat Rang und Namen, aber sie arbeiten gegenständlich und sind christlich, das ist die Hauptsache. Doch der Kampf wird immer mit feiner Klinge geführt. Nur nicht offen sagen, Monsignore Otto Mauer, der große Förderer der Avantgarde, habe sich geirrt – auch wenn man ihm liebend gerne einen postumen Kündigungsbrief unter die Türmatte legen möchte.
… Impulse zur Auseinandersetzung mit der Gegenwartskunst kommen von Östertreichs größter Diözese nicht, und ihr Kunstbeauftragter ist in der Kunstszene völlig unbekannt. Aber jetzt ist es eh vorbei mit der Moderne. Jetzt müssen die Nazarener wiederentdeckt werden. Da war halt noch Kunst, die für Verkündigung brauchbar war.
Der Himmel beginnt an der Himmelpforte
Wiener Kunsthefte, Dezember 2005
Kürzlich im Himmel. Erzengel Gabriel spricht mit Gott:
– Hey God, there are troubles on Earth, what shall we do?
– Send Katrina, she will clear it.
Plasphemie? Bloß ein Scherz? Nein, historische Wahrheit, an der man nicht rütteln kann, denn Tatsache ist, dass man im Himmel nun Englisch und nicht mehr – so wie früher – Latein spricht.
So wie im Himmel geht man auch im Hause Habsburg mit der Zeit. Englisch und nicht mehr Deutsch spricht man nun an der Himmelpforte. Zumindest hat uns das Franziska, pardon, Francesca Habsburg (sprich: hä:bsö:rg) jüngst lang und breit, oder vielmehr langweilig aber bereitwillig, vorgeführt. Die Mäzenin ließ ihre Wortspenden jenen unerschrockenen Österreichern und Österreicherinnen, die sich montags ab 22.30 untertänigst dem „Treffpunkt Kultur“ ergeben, vom Englischen simultan ins Deutsche übersetzen. So cool war das Interview, dass es nun im „Club Ö1“ zum Download angeboten wird.
Und in der Beweihräucherung dieses Beitrags schreibt der ORF ehrfürchtig auf seiner Website: „Wie einst Peggy Guggenheim fördert und sammelt die Artrebellin Kunst des 21. Jahrhunderts. Allein in den letzten zwei Jahren hat Francesca von Habsburg mehr als 200 richtungsweisende Kunstwerke erworben und folgte dabei dem Rat ihres Vaters, selbst einer der wichtigsten Kunstmäzene des 20. Jahrhunderts: Folge keinem Trend, sondern setze ihn selbst.“
Da kann wirklich niemand mehr behaupten, dass Kultur nicht unterhaltsam sei. Ich hab selten so gelacht wie über den Ausdruck „Artrebellin“. Mit solchen Maßstäben wird Erzherzog Johann posthum zum Ziehvater von Che Guevarra und Fidel Castro. Damit hat der ORF sicher einen wichtigen Beitrag zum Geschichtsverständnis aller ÖsterreicherInnen geliefert. Vorzuhalten ist den Redakteuren nur, dass sie in einem Punkt der journalistischen Sorgfaltspflicht nicht nachgekommen sind. Wem denn weisen „200 richtungsweisende Kunstwerke“ die Richtung? Welche Richtung weisen sie? Und weisen alle 200 in die gleiche Richtung?
Nun wurde Thyssen Bornemisza Art Contemporary, kurz TB A21, zwar erst vor zwei Jahren gegründet, doch wer in zwei Jahren 200 richtungsweisende Kunstwerke angesammelt hat – z.B auf der Art Basel Miami, wie uns der ORF, Bussi Bussi, auch brühwarm berichtet hat – wer sich also zwei richtungsweisende Kunstwerke pro Woche einverleibt, die/der/das muss vom ORF einfach in den Himmel gelobt werden. Anders als beispielsweise ein einfacher Maurer, der sich zwar nicht alles kaufen kann, was ihm gerade gefällt, der aber seit zwei Jahrzehnten (wahrscheinlich mehr als 200) KünstlerInnen in einer kleinen Galerie und in seinen Kunstheften Raum und Öffentlichkeit gibt – so ein Maurer wird den Fernsehkulturredakteuren auch in den nächsten 50 Jahren nicht einmal auffallen. Der könnte da nicht einfach auftreten und dem Publikum erzählen, dass Druckgrafik zur Demokratisierung der Kunst mehr beigetragen hat als Guggenheim und Bornemisza. Der könnte da nicht einfach über KünstlerInnen wie Gutruf, Mlenek, Schlinke, Stoilov, Waeger oder Ungersbäck sprechen, um nur ein paar Beispiele aus der vorigen Ausgabe der Kunsthefte zu nennen. So ein Maurer ist schlicht und einfach zu proletarisch für den Kulturauftrag, den der ORF zu verfolgen hat. So bleibt zu hoffen, dass diese Ausgabe der Wiener Kunsthefte nicht die letzte bleibt oder zumindest einen würdigen Nachfolger findet, um der Druckgrafik und anderen Themen abseits vom Mainstream weiterhin ein Forum zu bieten.
Kunstmediator 2005: Lioba Reddeker
Wien (18.10.2005) – Zum dritten Mal vergibt die IG Galerien in diesem Jahr den Award für besondere Verdienste in der Vermittlung von Kunst. Der Kunstmediator 2005 geht an Lioba Reddeker, die Geschäftsführerin der basis wien. Der Award – auch in diesem Jahr wieder ein Unikat des steirischen Metallbildhauers Franz Wieser – wird am 25. Oktober in der Galerie Alpha (1010 Wien, Stubenbastei 12/14) verliehen.
Lioba Reddeker hat das Dokumentationszentrum der basis wien in ihrer Zeit als Bundeskuratorin von 1997 bis 1999 aufgebaut und danach konsequent an dem Projekt weiter gearbeitet. Bereits seit 1999 ist das basisarchiv:kunst unter im Internet abrufbar. Seither wurde der Datenbestand durch kontinuierliche Datenpflege verzehnfacht und die Zugriffe verfünffacht. So sind derzeit ca. 3.000 in Österreich wohnhafte und ca. 9.000 in anderen Ländern lebende KünstlerInnen verzeichnet und die Informationen durch eine relationale Datenbank vernetzt.
Mit der Gründung des europäischen Netzwerkes VEKTOR durch die basis wien im Winter 1999/2000 wurde deutlich, dass die Datenbank zu einem wissenschaftlichen Instrument der Dokumentation von kulturellem Erbe weiterentwickelt werden muss. Die neue Datenbank von basisarchiv:kunst implementiert internationale Standards und Normen wie etwa das Dublin Core Element Set zur Erhebung von Metadaten. Damit konnte die Zugänglichkeit von aktuellen Materialien zu künstlerischen Positionen deutlich verbessert werden.
Ende des Vorjahres musst die basis wien ihre Infostelle im Museumsquartier räumen, weil ihr sowohl Staatssekretär Franz Morak (ÖVP) als auch Wiens Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny (SPÖ) die weitere Unterstützung entzogen haben. Trotz dieser Widrigkeiten ist es Lioba Reddeker gelungen, die Basisarbeit der basis wien fortzusetzen und wenigstens zum Teil durch private Sponsoren zu kompensieren. So ist Reddeker seit einem Jahr zuständig für die Koordination des Kunstprogrammes HangART-7 des Hangar-7 von Red Bull in Salzburg.
„Wir wollen mit der Verleihung des Kunstmediator 2005 nicht nur die enorme Aufbauarbeit von Lioba Reddeker würdigen, sondern auch ihr Durchhaltevermögen. Sie hat es geschafft, ihre Arche Noah der Kunstschaffenden über Wasser zu halten, obwohl sie von Politikern aller Coleurs nass im Regen stehen gelassen wurde. Der wohl größte Award von ganz Österreich (die 70cm hohe Skulptur von Franz Wieser) soll deshalb für alle sichtbar machen: Die österreichischen Galerien und Künstler brauchen die basis wien in ihrer täglichen Arbeit und sehen darin eine unverzichtbare Plattform der Kunstvermittlung. Wir unterstützen die Arbeit von Lioba Reddeker und der basis wien und verlangen dafür eine adäquate öffentliche Unterstützung“, begründet Georg Haslinger die Entscheidung der IG Galerien.