Kundera Milan: Unsterblichkeit

Imagologie

Was Geste und Gesicht für die Poetik von Milan Kundera sind, das ist die „Imagologie“ für seine Politologie. Dem voraus geht „das elfte Gebot“ und die  Frage: „Wer ist, nebenbei, der erinnerungswürdigste Journalist der letzten Zeit?“ Es sind gemäß Kundera nicht Hemmingway, nicht Orwell, nicht Kisch, es ist „Oriana Fallaci, die zwischen 1969 und 1972 in der italienischen Zeitschrift Europeo eine Serie von Gesprächen mit den berühmtesten Politikern jener Zeit veröffentlichte.“

Fallaci verwandelte den Journalismus von einem Handwerk mit Bleistift und Notizblock (um in jeder Ausgabe der Zeitung ein Stück der neuesten Wirklichkeit abzubilden), in eine „Methode, Macht auszuüben. Ein Journalist ist nicht jemand, der  Fragen stellt, sondern jemand, der das heilige Recht hat, Fragen zu stellen, wem auch immer und wonach auch immer. … Ich möchte meine Behauptung präzisieren: die Macht des Journalisten beruht nicht auf seinem Recht, Fragen zu stellen, sondern auf seinem Recht, eine Antwort zu verlangen.“ Damit stellt sich „der“ Journalist über „den“ Gott, denn „Gott hat niemandem das Recht gegeben, vom andern eine Antwort zu verlangen.“ Das „elfte Gebot“ prägnant: du sollst keine Frage unbeantwortet lassen. Diese Methode, angewandt von zwei amerikanischen Journalisten, führte 1974 zum Rücktritt von Richard Nixon.

Es kam Francis Fukuyama und vollendete das „Ende der Geschichte“ (1989), während Milan Kundera die Unsterblichkeit verewigte. Wahrscheinlich die letzten großen Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts, wenn auch nicht die „erinnerungswürdigsten“. Es kamen zahllose Trendsetter und Game Changer, die mittels Disruption und Agenda Setting das Ende zur Endlosschleife transformierten. Die ewige Wiederkehr des Gleichen.

In den Worten Kunderas: „Die Ideologien haben zur Geschichte gehört, während die Herrschaft der Imagologie dort beginnt, wo die Geschichte aufhört.“  Das Ende der Geschichte war auch das Ende der Ideologien. „Alle Ideologien haben ausgespielt: ihre Dogmen wurden schließlich als Illusionen entlarvt und von den Leuten nicht mehr ernst genommen. … Die Wirklichkeit war stärker als die Ideologie. Die Imagologie schließlich hat die Wirklichkeit aus dem gleichen Grund überwunden: sie ist stärker als die Wirklichkeit.“

Was hat man unter Imagologie („Wer hat sich diesen großartigen Neologismus ausgedacht? Paul oder ich? Das tut nichts zur Sache.“) zu verstehen? „Meinungsumfragen sind ein entscheidendes Instrument der imagologischen Macht, die dank solcher Umfragen in perfekter Harmonie mit dem Volk lebt. … Da die Wirklichkeit ein immer seltener besuchtes und zu Recht ungeliebtes Terrain geworden ist, sind die Ergebnisse dieser Umfragen eine Art höherer Wirklichkeit geworden, oder anders gesagt: sie sind zur Wahrheit geworden. Meinungsumfragen sind ein permanent tagendes Parlament, das die Aufgabe hat, die Wahrheit herzustellen, und zwar die demokratischste aller Wahrheiten, die es je gegeben hat.“

Damit hat Kundera vor fast vier Jahrzehnten den Zeitgeist charakterisiert, der sich bis heute behauptet; alternativlos, gnadenlos und ergebnislos. Zum besseren Verständnis vergleicht Kundera nochmals Ideologie und Imagologie: „Die Ideologien waren wie riesige Räder hinter der Bühne, die sich drehten und Kriege, Revolutionen und Reformen auslösten. Die imagologischen Räder drehen sich ebenfalls, jedoch ohne die Geschichte zu beeinflussen. Die Ideologien haben einander bekämpft, und jede von ihnen konnte mit ihrem Denken eine ganze Epoche prägen. Die Imagologie hingegen organisiert von sich aus eine friedliche Ablösung ihrer eigenen Systeme im fließenden Rhythmus der Jahreszeiten.“

Aus Sicht des Jahres 2026 gilt noch immer, was Kundera über die Macht der Meinungsmacher geschrieben hat. Auch die scheinbar friedliche Ablösung von Modetrends lässt sich nachvollziehen, wenn man der Liste von KI  folgt (siehe Anhang). Allerdings kann man von „friedlicher Ablösung der Systeme“, so wie die vier Jahreszeiten, nur dann reden, wenn die Formel gilt:

KRIEG BEDEUTET FRIEDEN

FREIHEIT IST SKLAVEREI

UNWISSENHEIT IST STÄRKE

Ach wo, davon kann keine Rede sein, denn: davon muss die Rede sein.

Nachsatz: KI ChatGPT (Status 10.10.2026)

Die 15 „erinnerungswürdigsten“ Buzzwords seit 2000

ZeitraumSchlüsselbegriffWas dahintersteckte
2000New EconomyDas Internet verändert die Wirtschaft
2001–2005GlobalisierungWeltweite Arbeitsteilung und offene Märkte
2000erShareholder ValueRendite und Unternehmenswert für Aktionäre
2008Too Big to FailSystemrelevanz und staatliche Rettung
2009–2010erQuantitative EasingZentralbanken stabilisieren die Wirtschaft
2010erBig DataDaten als wirtschaftlicher Wettbewerbsvorteil
2010erDisruptionNeue Geschäftsmodelle verdrängen alte
2010erPlattformökonomieDigitale Vermittler dominieren Märkte
2010erAgilitätSchneller auf Veränderungen reagieren
2015–2020Digital TransformationDigitalisierung etablierter Unternehmen
2020ResilienzKrisenfestigkeit und Anpassungsfähigkeit
2021–2023InflationKaufkraftverlust und Zinswende
2022–2025De-riskingKritische wirtschaftliche Abhängigkeiten reduzieren
2023–2026Generative AIAutomatisierung von Wissensarbeit
2024–2026SovereigntyTechnologische und wirtschaftliche Souveränität

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