Nenning Günther: Die Nation kommt wieder

Nation Österreich

Im Kapitel „Die Nation und ihre Österreicher“ hat der Doktor Doktor sein Mutter- und Vaterland gewürdigt. Im Fahrwasser von Francis Fukuyamas „Ende der Geschichte“ (1989) schreibt Nenning [Hervorhebungen und Kürzungen von HTH]:

(S 116 – 123)

„Die Nachkriegsvor- und -nachdenker verdämmern, sie verstehen die Welt nicht mehr. Ihr geistiges Gepäck – die Ologien der Nachkriegszeit (Sozi-, Polit-, Psych-); die moderne Kunst; der demokratische Westen; der Technik- und Fortschrittsglaube; die Gleichsetzung aller Geschichte mit zwölf kriminellen Hitlerjahren – das alles gelangt jetzt in die große Aufb(ew)ahrungshalle der Ideengeschichte.

Das Neue – an Personal und an Ideen – ist erst recht undeutlich. Ein Quantensprung nach vorwärts, zurück und hinauf in Philosophie, Mythos, Religion; eine neue Romantik; Absterben des Parteienstaates [Anm HTH: aus Sicht 2026 ein unerträglich langsamer Tod] und unordentlich wimmelnde Demokratie von unten [Anm HTH: ja, die Demokratie von unten wimmelt, aber noch viel mehr wimmert sie. Mehr als 1000 Parteien werden finanziell ausgehungert, während die Altparteien immer noch Fett ansetzen wie Maden im Speck. Die Demokratie als Säule unserer Verfassung demonstriert ihr Leben nicht auf tausenden Füßen auf Straßen und in Foren, sondern ist verfassungsjuristisch zur „repräsentativ-demokratischen“ Säule einzementiert worden.]; wertkonservative Verhöhnung der Todbringer Technik und Fortschritt; und ein Hinab in die ganze Tiefe der eigenen Geschichte. […]

Der Intellektuelle hat es schön in solchen Zeiten. Er hat nicht Ruhe und Ordnung als Aufgabe, sondern im Gegenteil. Er ist nicht gehalten zu gewinnen, sondern zu denken – das Seine zu behaupten. Das Meine ist einfach genug: gegen die Macht und für den Geist. Gegen die Machtnation und für die Geistnation. Es lebe das größtdeutsche Geistreich. […]

Wir Österreicher brauchen keine Deutschen, die uns kritisieren, und schon gar keine die uns lieben. […]

Das deutsche Geisterreich ist eine zu ernste Angelegenheit, um es den Deutschen zu überlassen. Wir müssen die Deutschen an Österreich anschließen.

Ob die Österreicher Deutsche sind, ist eine No-na-Frage. Natürlich sind sie es. Ob die Deutschen Österreicher sind, das ist die Rätsel- und Lebensfrage der Deutschen. Ob  sie so bunt, so schizophren, do dezentral, so unkonzentriert, so effizient schlampig sein können wie wir, die wir dieses Deutschland vier Jahrhunderte lang als Vormacht regierten und sorgten, daß aus ihm nichts wird.

Die Gemeinsamkeit der Deutschen und der Österreicher ist ihr Unterschied – in Sprache, Kultur, Geschichte. Das ist ein aktuelles Modell: Nun, da den Deutschen so deutlich wie nie zuvor die Dominanz zufällt in Europa – müssen sie begreifen, daß die europäische Gemeinsamkeit aus lauter Unterschieden besteht. Deutsche, werdet Österreicher!

Der Kern einer Kulturnation ist die Gewissheit des eigenen Wertes. Das ist die Lunge, mit der die Kulturnation atmet. Die Deutschen aber haben an der Stelle, wo die anderen Nationen ihr selbstverständliches Selbstgefühl haben, eine Kaverne in der Kulturlunge, ein großes schwarzes Loch mit der Aufschrift ‚Wir mögen uns selber nicht‘. [Anm HTH: 20 Jahre später, 2010, erschien das Buch „Deutschland schafft sich ab“ von Thilo Sarrazin. Weitere 20 Jahre will der Knazler Merz (was für ein gelungener Tippfehler!) Deutschland in den Krieg und damit in den endgültigen Untergang führen.]

In der Tat muss jede Nation sich ständig fragen, ob sie eine anständige Nation ist. Genug oft muß die Antwort lauten: Nein, eigentlich nicht. Da haben sich die Deutschen nichts vorzuwerfen. Sie waren brav und gründlich 45 Jahre lang Nationalmasochisten.

Keine Nation spielt permanent Schuld und Sühne. Jetzt ist Schluß. Jetzt habt ihr Deutschen Revolution gemacht. Jetzt kommt die Wiedervereinigung Deutschlands und die Wiederverunreinigung Europas. [Anm HTH: Die ewige Wiederkehr der Vergangenheits-Bewältigungs-Rituale hat auch 80 Jahre nach dem Ende des WK2 kein Ende gefunden. Auch Rudolf Burgers Essay „Die Irrtümer der Gedenkpolitik“, erschienen 2001, konnte die 12-jährige Nazigeschichte nicht bewältigen.]

[…] Österreicher zu werden ist der Deutschen letzte Chance. Wenn schon Anschluß, dann an uns!“

Johannes Urzidil: „Österreich war immer hinternational.“ (126)

„Die österreichische Nation ist eine späte Erfindung – der halbe, einheimische Faschismus 1934 ff. bastelte an ihr als Abwehrwaffe gegen die großdeutsche Nation des ganzen, auswärtigen Faschismus Hitlers. Erst dank diesem gedieh dann die österreichische Nation so richtig.

Ach, wie unwahr, daß alle Österreicher keine Nazis und keine Antisemiten waren. Unwahrer ist nur noch, daß alle Österreiche Nazis und Antismeiten waren, sind, sein werden.“ (129)

„Die Österreicher sind unsterblich“ (S. 130 – 131)

„Dem Österreicher Albert F. Reiterer ist [1988] ein neues, gründliches Werk über europäischen und sonstigen Nationalismus zu danken, mit dem resignativen Titel ‚Die unvermeidbare Nation‘. Er nennt als Merkmale der Nation: ‚Selbstbewußtsein … Wir-Gefühl … nationale Identität … Bewußtsein der Zusammengehörigkeit … Bezug auf gemeinsame, miteinander geteilte Werte, auf eine gemeinsame Vergangenheit …‘

An diese Merkmalen mißt der Österreicher Reiterer auch die österreichische Nation. In der ersten Republik 1918 – 1938 war sie das ‚Paradoxon, … daß eine Nation ausgesprochen gegen den erklärten Willen der politischen Führer des Staatsvolkes entsteht‘. Tatsächlich waren die drei großen Parteien der ersten Republik – Sozialdemokraten, Christsoziale, Deutschnationale – zunächst einmal allesamt für den Anschluß an Deutschland.

In den Jahren des österreichisch-einheimischen Faschismus 1934 – 1938 wurde dann, zur Abwehr des deutschen Faschismus, die österreichische Nation gepflegt und gehegt – der schwache Damm brach mit dem triumphalen Einzug Hitlers.

Erst die NS-Diktatur hat den Österreichern, den vorschnell jubelnden, das Deutsche ausgetrieben und das Österreichische ans Herz gelegt, so gründlich, wie es sonst nichts und niemand zustande gebracht hätte.

Reiterer meint dennoch: „Erst ‚zwischen 1965 und 1980‘ habe ‚eine regelrechte Umkehr im Bewußtsein der eigenen nationalen Selbständigkeit stattgefunden‘. Bruno Kreisky mit seiner erfolgreichen Innen- und Außenpolitik 1970 ff. hab wie ‚kein anderer Politiker seit Gründung der Republik zur Bildung des österreichischen Nationalbewußtseins beigetragen‘.“

Leopold Kohr: „Die Natur hat die Tendenz, alles was zu groß ist, zu vernichten, und alles, was sie vernichten will, zu groß werden zu lassen … Die  Vereinigung zur Größe ist der vorletzte Schritt zum Verfall.“ (137)

Nenning: „Dabei ist alles so einfach. Das neue Europa müßte nicht viel anders ausschauen als das alte Österreich.“ (138)