Vom Scheitern der ICH-Erzähler
12.1.2016 – Zu Jahresbeginn hab ich im Ramschladen drei Romane gekauft. Ramschladen, ein wirklich bösartiger Begriff für Buchhandlungen, in denen hochwertige Bücher – nach offizieller Sprachregelung der Verlage – verramscht werden. Auf der Unterkante abgestempelt als „Mängelexemplar“. Und manche Taschenbücher erhalten sogar einen doppelten Dolchstoß verpasst, um ihre Mangelhaftigkeit nochmals physikalisch zu demonstrieren. Ich frage mich, wie die Verlage e-books verramschen, aber das ist ein anderes Thema.
Wie der Zufall – was immer das sein mag – so will (ein Zufall mit eigenem Willen?), … wie auch immer, wählte ich drei Romane, die einen gemeinsamen Nenner haben: einen, bzw. sogar jeweils mehrere Ich-Erzähler. Wikipedia schreibt über dieses „typologische Modell der Erzählsituationen“: „Diese Erzählsituation erscheint natürlich. Wenn jemand erzählt, was ihm passiert ist, spricht er ebenfalls aus der Ich-Perspektive. In der Regel ist diese Perspektive besonders geeignet, ein Identitätsgefühl mit dem Erzähler beim Leser zu wecken. Das Gefühl also, der Leser erlebe selbst, was dem Erzähler als Figur des Textes geschieht.“
In den drei Romanen, die mir also zugefallen sind, ist diese Intention nachvollziehbar. Allerdings sind die Autoren meiner Einschätzung nach daran gescheitert.
Beispiel 1: Daniel Kehlmann, „F“
F wie faszinierend. In Stil, Dramaturgie und Leichtigkeit des Erzählflusses. F wie Fatum. Was ist vom Schicksal vorherbestimmt, was entscheiden wir selbst? Und woran glauben wir (oft wider besseres Wissen)?
Diese Fragen stellen sich die Ich-Erzähler des Romans „F“, die Zwillingsbrüder Eric und Iwan, sowie ihr älterer Halbbruder Martin, Kinder der 1970er Jahre. Am Anfang steht die Show eines Hypnotiseurs, die der erfolglose Schriftsteller Arthur „F“riedland mit seinen drei halbwüchsigen Söhnen besucht. Gegen seinen Willen wird Arthur hypnotisiert, lässt daraufhin seine Söhne sitzen und kehrt als erfolgreicher Schriftsteller in die Welt, aber nicht in seine „F“amilie(n) zurück.
Danach tritt Martin als Ich-Erzähler auf. Seine verklemmten Annäherungsversuche an pubertierende Mädchen scheitern. Er flieht in die Theologie und verfettet als Priester. Während das „F“ett zunimmt schwindet sein Glaube. Als Ersatzbefriedigung bleibt der Rubik-Würfel. Was er vom Leben weiß, kann er nicht mit dem in Einklang bringen, was er glauben soll. Als nächster erzählt Eric seine Success Story. Der Karrierist scheitert an der „F“inanzkrise und findet dadurch zum Glauben. Früh verliert dagegen Iwan den Glauben an sich selbst. Er will zunächst Künstler werden, scheitert aber an der eigenen Mittelmäßigkeit. Später wird er Assistent eines mittelmäßigen Malers, den er mit klugem Kalkül und talentierten „F“älschungen an die Spitze des Kunstmarktes hievt.
Die einzige Schwäche des Romans ist der dreifache Wechsel der Erzählperspektive. Daniel Kehlmann ist ein ungewöhnlicher, vielleicht sogar ein begnadeter Erzähler, Gedanken, die er in seine Erzählungen einfließen lässt, wirken manchmal schablonenhaft, aber immer authentisch, passend zu den jeweiligen Charakteren. Durch den Kunstgriff der Ich-Perspektive werden seine Figuren in keiner Weise „authentischer“. Im Gegenteil: wenn Eric bis ins Delirium, wenn Iwan bis in den Tod in F-einst geschliFFenen F-ormulierungen innere Monologe führen, ist das einfach unglaubwürdig.
Dadurch wirkt der Roman „F“ so, als würde ein Maler seine hyperrealistischen Ölgemälde nur als Fotoreproduktionen auf Leinwand ausstellen.
Beispiel 2: Gerhard Roth, „Das Labyrinth“
Chronisch. Chronologisch. Chronikal.
Chronisch wie chronisch krank. Krank wie geisteskrank, wahnsinnig oder ganz einfach nicht von dieser Welt. Das – und eine Uhr des letzten Habsburgerkaisers Karl I. – sind die Hauptfiguren des Romans. Mehrere Ich-Erzähler berichten chronologisch in sechs Büchern und Epilogen, die die Autorenschaft der Niederschriften in Frage stellen. Aber diese Verwirrspielchen verschleiern nur mangelhaft, dass hier nur einer erzählt: Gerhard Roth. Und das in epischer Breite, chronologisch stromlinienförmig wie ein Dokumentarfilm, chronikal fehlerfrei wie ein historisches Lexikon. Und genau so spannend wie ein Chronometer, das nie stehen bleibt und dessen Zeiger ganz sicher nie in die umgekehrte Richtung laufen.
Beispiel 3: Frédéric Beigbeder, „Windows on the World“
Ein Buch mit zwei Ich-Erzählern. Zum einen der Vater zweier halbwüchsiger Knaben („Blagen“), die zur falschen Zeit am falschen Ort sind. Zum Frühstück im Windows on the World, dem Restaurant im 107. Stock des Worldtrade Center, am 11. September 2001. (S. 63/64) Zum anderen der Autor, ein Jahr später im Ciel de Paris auf der 56. Etage des Tour Montparnasse, der darüber reflektiert, ob es angemessen sei über 9/11 einen Roman zu schreiben und – den programmierten Bestseller im Talon – damit Geld zu verdienen: „Werde ich nach der Veröffentlichung meines Romans noch in den Spiegel sehen können?“ (S. 154).
Hier geht es nicht um fundamentale moralische Fragen, die 9/11 aufwirft, sondern um die moralinsaure Selbstbespiegelung des Autors FB, dessen Phantasie nicht ansatzweise ausreicht den Horror im WTC zu beschreiben, und dessen Sprache nicht im geringsten geeignet ist, Entsetzen, Erschütterung, Panik und Sprachlosigkeit der betroffenen Menschen zu artikulieren.
Ein Buch mit zwei Ich-Erzählern. Das ist mindestens ein Ich zu viel.
Nachsatz: Kehlmanns „F“, 2013 noch „Spiegel Bestseller Platz 1“ und drei Jahre später schon verramscht. Da stellt sich die Frage: wie macht man einen Bestseller?
Gerhard Habarta über die Phantasten unter den Künstlern
15. Jänner 2015 – Samstagsreden sind „Miniaturen, die als Panoramagemälde daher kommen. Das macht ziemlich viel Arbeit und ist nach kurzem Beifall vorbei. Die Lebensdauer einer Eröffnungsrede, ist sie einmal hinausgeblasen, ist kürzer als die einer Tageszeitung“, schreibt der Autor Gerhard Habarta selbstironisch über seine vorwiegend an Samstagen gehaltenen Eröffnungsreden von Ausstellungen im Wiener PhantastenMuseum.
Die erste von 73 in diesem Band versammelten Reden wurde genau vor fünf Jahren gehalten, am 15.1.2011. Und sie ist programmatisch für die Weltanschauung, das Engagement und das Lebenswerk des Autors, der seit den 1970er Jahren Grafikeditionen heraus brachte und schon Ausstellungen organisierte, als das Wort „Kurator“ noch lange nicht in Mode war.
Habarta erinnert an die Nachkriegszeit, als die Phantasten als „Verräter an der Moderne“ galten: „Die gegenständliche Kunst war durch die Nazikunst und ihr Pendant im sowjetischen Einflussbereich desavouiert worden. So wurde das informelle als Bekenntnis zum freien Westen, als Staatskunst herausgestrichen. Die abstrakte Kunst ist gleichzeitig mit den CARE-Paketen und ERP-Krediten gekommen. Sie war nur in den Marshallplan-Ländern zu lokalisieren.“
Über Vladimir Petrov-Gladky: „Der Maler Petrov-Gladky war ein Dissident. … Wenn Sie hier die Bilder des Petrov-Gladky in ihrer barocken Detail-Fülle sehen, in ihrer scheinbar offensichtlichen Harmlosigkeit, dann bitte nehmen Sie sich die Zeit genauer hinzusehen, hinein zu sehen in die Bilder. Es war verbotene Kunst.“
Über Hubert Sommerauer: „Sommerauers Bilder sind etwas ganz Eigenständiges. … Es ist schlicht und einfach unsere Welt, abgebildet in dem kurzen Moment zwischen Gegenwart und Vergangenheit. Ein Bild der Vergänglichkeit. Es ist der längste und gleichzeitig kürzeste Moment, wenn die Gegenwart als Zukunft Vergangenheit ist. Diese Momente sind das Hauptthema im Werk des Hubert Sommerauer.“
Samstagsreden: Gedruckt wie gesprochen
fantart publishing, 2015
Habarta sagt mit wenigen, lakonischen Worten mehr als manche, die heute über die CIA-Kunst große Verschwörungstheorien konstruieren. So wie etwa der Film „Kunstmacher in Österreich“ von Martin Luksan, der es offenbar nach seiner Premiere im Kunstraum der Ringstrassen Galerien zu keiner weiteren Aufführung gebracht hat. Zumindest ist nichts davon im Internet dokumentiert.
im Kunstraum, der schönsten Galerie Wiens, das darf ich hier mal so nebenbei einwerfen als einer, der dort täglich ein und aus geht, haben auch einige Phantasten ausgestellt, obwohl hier nicht nur Phantasten ausstellen, das muss ich hier mal so nebenbei klarstellen als einer, ja sogar der einzige, der für das Programm des Kunstraums in den Ringstrassen Galerien zuständig ist. Deshalb hier ein paar Original-Habarta-Zitate über Künstler, die im PhantastenMuseum und parallel im Kunstraum vertreten waren (oder sind).
Über Ernst Fuchs: „Fuchs ist ein Event, seine Dynamik, die Vielfältigkeit seines Werkes und seiner Leaderqualität. … Viele seiner weltweiten Schüler, Lehrlinge und Assistenten studierten bei Ernst Fuchs als einziger Alternative zur akademischen Ausbildung, da die altmeisterlichen Techniken nicht mehr an den Hochschulen gelehrt werden. … Malerei-Studenten sollen machen was sie wollen, die Ausbildung lässt sie als Autodidakten im Regen stehen.“
Über Julia Hanzl: „Hätte der Cosimo de Medici sie gekannt, er hätte sie sofort eingeladen für ihn zu arbeiten. … Die Julia Hanzl befreit die Keramik als plastische Kunst aus der Geiselhaft der Kindergartenpädagoginnen, der Freizeitmodellierer und Teekannen-Ästheten.“
Evelyn Grill: Schöne Künste
Ein Museumsdirektor in einer deutschen Kleinstadt, der sich als Dandy inszeniert und seinem Museum mit Aktionskunst ein modernes Image verpassen will. Eines morgens wird seine Leiche – kunstvoll inszeniert im Fettstuhl von Josef Beuys – aufgefunden.
„Schöne Künste“ von Evelyn Grill, laut Verlag ein Kriminalroman, ist mehr ein fein gestrickter Familienroman, beschreibt ein Beziehungsgeflecht im gut bürgerlichen Milieu, das Ausflüge in sexuelle Subkulturen nicht scheut. Der ermittelnde Kommissar tritt in dem Roman nur selten in Erscheinung, Escher, der reiche Schwager des Ermordeten, ist eigentlich die Hauptfigur, seine Nobelvilla die Drehscheibe der Ereignisse. Mit Carlo, dem ermordeten Museumsdirektor, war er seit seiner Jugend befreundet, später verfeindet, da er als Direktor zahlreiche von der Familie Escher gestiftete Gemälde aus dem Museum entfernen ließ um für die Moderne Raum zu schaffen.
Gemäß dem Credo von Carlo „klecksten heute nur noch Hausfrauen und Studienräte Leinwände voll; die Ergebnisse könne man dann an den Wänden von Kliniken, Altersheimen und psychosomatischen Anstalten bewundern. Er hatte … den Tod des Tafelbildes verkündet und blieb mit seiner Überzeugung, zumindest in seiner Stadt, weitgehend unwidersprochen.“
Im Roman finden sich jede Menge Anspielungen auf den Wiener Aktionismus, Nitsch und Phettberg werden aber namentlich nicht erwähnt, auch wenn ihre Aktionen unverkennbar thematisiert werden. Obwohl ganz ordentlich Blut fließt, bleiben die Figuren des Romans blutlos. Stilistisch drückt sich das in der Dominanz der indirekten Rede aus. Bei der Lektüre festigt sich der Eindruck, dass Stil und Inhalt nicht wirklich korrelieren, so als würde Hermann Nitsch ein Orgien Mysterien Theater im Stile von Arik Brauer inszenieren oder Arik Brauer mit feinem Pinsel ein Schüttbild malen.Evelyn Grill
(geboren in Garsten in Oberösterreich, lebt als freie Schriftstellerin in Freiburg im Breisgau)
Schöne Künste
Haymon Verlag; Auflage: 1 (25. Februar 2016)
Onkel Toms Hütte – Inszenierung im Werk X
1852 ist der Roman von Harriet Beecher Stowe erschienen, der sofort zum Bestseller wurde und nicht wenig zur Abschaffung der Sklaverei 1865 beigetragen hat. Dann hat Amerika nochmals 100 Jahre gebraucht um die Apartheid zu beenden. Es wäre Nostalgie nun eine sentimentale „Negergeschichte“ auf die Bühne zu bringen. Deshalb legt der Regisseur Harald Posch seiner Inszenierung nicht nur die Romanhandlung zugrunde, sondern verfasst eine Collage, in der Romanfragmente mit Grausamkeiten unserer Zeit verwoben werden. Immerhin leben rund 30 Millionen Menschen auch heute noch wie Sklaven und rund 200 Millionen sind von Sklaven-ähnlicher Ausbeutung bedroht.
„Es griffe zu kurz, ‚Onkel Toms Hütte‘ nur als moralische Empörung über Rassismus bzw die Anmaßung rassischer Suprematie zu lesen. Dass sich das Machtgefälle zwischen Herr und Knecht gerne – und auch heute noch – mit rassistischen Vorurteilen wappnet, sollte nämlich den Blick auf die ökonomischen Rahmenbedingungen der Sklaverei nicht trüben“, schreibt der Regisseur.
Eine Collage ist immer eine Schnipselarbeit, und welche Schnipsel auf die Bildfläche kommen und welche unter den Tisch fallen, unterliegt auch ein bisschen dem Zufall. So springt die Inszenierung von kreischenden Weibern, die sich am Strand um den Liegestuhl streiten, zur Kinderarbeit in Textilfabriken von Bangladesch, zurück zu den Lüstlingen, die um Onkel Toms Preis schachern. Ein xenophober Wiener findet ebenso seinen Auftritt wie Donald Trump im Kreise von Generälen internationaler Konzerne, die sich beim Präsidenten einschleimen.
Die drei Schauspieler Wojo van Brouwer, Tom Feichtinger, Sören Kneidl und zwei Schauspielerinnen Zeynep Buyraç und Katharina Knap bewältigen nicht nur ein enormes Tempo in den einzelnen Szenen und beim Szenenwechsel, sondern auch ein ziemlich dichtes Textbuch. Dass sie dabei die Erregung, die allein schon die Inhalte beim Publikum auslösen sollten, auch noch durch schrilles Schreien, Springen und Spucken darstellen, ist leider eine zu häufig geübte theatralische Übertreibung. Und auch die einzige Schwäche dieser Inszenierung. Die Schauspieler selbst zeigen unglaublich viele Facetten ihres Könnens, aber die einzelnen Figuren schaffen es nicht, einen Charakter zu entwickeln. Dazu fehlt einfach die Zeit. Dafür müsste das Bühnenstück zweieinhalb statt eineinhalb Stunden dauern.
Mag sein, dass mein Kommentar nicht angemessen ist, aber es wäre besser gewesen, wenn die jungen Schauspieler sich nicht so sklavisch an die Regieanweisungen gehalten hätten. Und wenn ich schon dabei bin, unangemessen zu kritisieren, so wäre es besser gewesen, die Fragmente aus „Onkel Toms Hütte“ mit Auszügen aus „Reich und Arm“ von Joseph Stiglitz zu kontrastieren und zu aktualisieren. Dann wäre die Inszenierung zwar nicht so breit, aber dafür deutlich tiefer geraten.
Weitere Termine im WERK X (jeweils 19.30 Uhr): Sa 17.03.2018 Fr 23.03.2018 (Publikumsgespräch im Anschluss) Sa 24.03.2018 Di 17.04.2018 (Stückeinführung um 19.00 Uhr) Mi 18.04.2018
Buch-Empfehlung: Achille Mbembe, „Kritik der schwarzen Vernunft“ – Rezension von Gaby Mayr
Video vom 1.9.2020 auf youtube: Restaurant „Zum Mohrenkopf“: Besitzer wünscht sich unverkrampftere Rassismus-Debatte
(Ergänzung 13.6.2020: NZZ berichtet über Sklavenhandel – das blutige Kapitel des britischen Wohlstandes.)
Vom Lauf und Stillstand der Zeit
James Cox (1723-1800), der wohl berühmteste Uhrmacher des 18. Jahrhunderts, hat ein Produktions- und Handelsimperium mit bis zu 1.000 Mitarbeitern aufgebaut und neben Uhren auch Automaten produziert und an alle Herrscher der damaligen Welt verkauft. Auch an den Kaiser von China, Qianlong (1711-1799). Dies inspirierte Christoph Ransmayr zu seinem Roman „Cox oder: Der Lauf der Zeit“, erschienen 2016.
Im Roman reist Alister Cox gemeinsam mit Jacob Merlin (historisch: Joseph Merlin) auf Einladung von Qianlong, dem „Herrn über zehntausend Jahre“, nach China um im Auftrag des Kaisers noch nie da gewesene Uhren zu erfinden. Zunächst baut Cox mit seinen drei Gehilfen das Silberschiff (historisch: der Silberschwan). „Der Allmächtige hatte ihm die Wahl gelassen. Daß der Kaiser eine Wahl nicht selber traf, sondern einem anderen überließ, noch dazu einem ausländischen Gast bei Hof, sagte Kiang, einem Gast, der eines Tages wieder verschwinden und sich damit jeder Verantwortung entziehen konnte, sei etwas, von dem weder er noch irgendeiner, der je einen Fuß in die Verbotene Stadt hatte setzen dürfen, gehört habe. … Cox würde also als erstes Beispiel für den vielfältigen Lauf der Zeit seinem Auftraggeber eine Uhr bauen, die das wellenförmige Gleiten, das an und abschwellende Rauschen, die Sprünge, Stürze, Gleitflüge und selbst den Stillstand der Lebenszeit eines Kindes spürbar machen und messen konnte.“ (S. 86)
Im Gegensatz dazu stand der zweite Auftrag: „Eine Uhr für Todgeweihte, für Sterbende, sagte Kiang, solle Cox nun entwerfen und bauen, einen Zeitmesser für zum Tode Verurteilte und alle, die das Datum ihres Todes kannten, das Ende ihres Lebens unabweisbar kommen sahen und sich nicht mehr mit der Hoffnung auf eine Art dehnbarer, vorläufiger Unsterblichkeit besänftigen durften, mit der doch die meisten Lebenden sich über die Endlichkeit ihrer Existenz täuschten.“ (S. 106)
Während dieser Auftrag noch nicht vollendet war, kam der dritte, letzte, die Zeit selbst zum Stillstand bringende Wunsch des Kaisers: „Der Kaiser befahl nicht. Er wünschte. Es war ja Sommer. Und im Sommer sollte kein Teil des Lebens dem Leben in der Verbotenen Stadt und dem Rest des kühleren, schattigeren Jahres gleichen. Es gab keine Befehle in Jehol.“ (S. 208). „Was Qianlong nun als seinen Wunsch, nein: als seinen unabweisbar gewordenen Traum vortrug, war so maßlos und gleichzeitig so vertraut, als hätte er in den vergangenen Jahren gemeinsam, ja!, gemeinsam mit Alister Cox und dessen Gefährten geträumt, gemeinsam mit ihnen das Unmögliche gedacht, um es irgendwann über die Grenzen aller Vernunft und Logik hinaus Wirklichkeit werden zu lassen: ein Uhrwerk, das die Sekunden, die Augenblicke, die Jahrhunderttausende und weiter, die Äonen der Ewigkeit messen konnte und dessen Zahnräder sich noch drehen würden, wenn seine Erbauer und alle ihre Nachkommen und deren nachkommen längst wieder vom Angesicht der Erde verschwunden waren.“ (S. 213)
Wie Cox dieses Perpetuum Mobile realisiert, damit aber die Allmacht des Herrn über zehntausend Jahre in Frage stellt und gleichzeitig sein eigenes Leben riskiert, diese Geschichte erzählt Christoph Ransmayr in einer fein geschliffenen Sprache, die nicht aus unserer schnell- und kurzlebigen Zeit ist, aber umso mehr in die Epoche dieser zeitlosen Geschichte passt, die vom ewigen Traum erzählt, die Grenzen unserer Welt zu überschreiten, wobei die Grenzgänger aber mit jenen paktieren müssen, die der Welt ihre Grenzen gesetzt haben.
Christoph Ransmayr
Cox oder: Der Lauf der Zeit
Kennen Sie Herzog? Sollten Sie aber!
Hubert Herzog
Kennen Sie Proust?
ISBN: 978-3-96443-108-0
karinaverlag.at, 2018
Buchpräsentation
am Montag, 19. November 2018
um 18:30 Uhr im Kunstraum
„Sie schlief schlecht in dieser Nacht und so kam es ihr am nächsten Morgen vor, als wäre sie erst kurz vor dem Morgengrauen in den Schlaf gesunken. Sie fühlte sich müde und erschöpft. Ihr Gewissen war schneller wach geworden als sie selbst und mahnte sofort den heutigen Tag unbedingt der Beschäftigung mit den vorliegenden Problemen zu widmen und diesmal keinen Aufschub zu dulden.“
„Sie“ – die Frau, von der Hubert Herzog in seinem Debüt-Roman erzählt, hat offenbar einiges zu erledigen und noch mehr zu bewältigen. Bei der Reise in die Tiefen ihres Ich begegnet ihr eine Frau „mit großen, etwas müde wirkenden Augen, in denen ein Feuer zu erkennen war“. Diese Frau „um die 30 Jahre alt“ setzt sich im Cafe an den Tisch zu ihr und eröffnete das Gespräch mit der ungewöhnlichen Frage: „Kennen Sie Proust?“
Mit dieser Steilvorlage beginnt ein Roman, der schon im gleichnamigen Titel verrät, dass der Autor ambitioniert ist und keinen Vergleich scheut. In dieser Erzählung finden sich keine Hinweise auf die Schnelllebigkeit unserer Zeit und die sensationslüsternen täglichen Nachrichten, die verraten würden, in welchem Jahr wir uns befinden, sondern nur Eindrücke und Erlebnisse aus jener Welt, die seit Sigmund Freud dem Revier der Tiefenpsychologie zugeordnet werden: Enttäuschungen, Hoffnungen, Selbstzweifel, Erwartungen, Vertrauen, Misstrauen, Trauer und fallweise sogar Freude.
Der ganz normale Alltag beherrscht diese Welt, doch Sie, die Hauptfigur des Romans, will sich nicht mit der Oberflächlichkeit der Alltagsnormalität abfinden: „Smalltalk – die grausamste Form der Kommunikation. Erzwungene Freundlichkeit und vorgegaukeltes Interesse an Themen und Personen, die den Tiefgang einer Regenlache kurz vor dem Verdunsten haben.“
Sie und ihre neue Freundin verbringen viele Stunden gemeinsam auf Spaziergängen und in Gesprächen versunken. Und sollten sich doch später wieder aus den Augen verlieren, mehr noch: verlieren. Dies ist der rote Faden eines Buches, das Marcel Prousts „Suche nach der verlorenen Zeit“ für die Internet-Generation wieder entdeckt hat, „Proust 2.0“ sozusagen.
Im Gegensatz zu Prousts 7-teiligen Epos mit 5.300 Seiten (Taschenbuchausgabe Suhrkamp) findet die Erzählung von Herzog auf 100 Seiten Platz. Damit ist dem Autor etwas ungewöhnliches gelungen: Formal bewegt er sich auf den Spuren von Marcel Proust und motiviert den Leser – wie beste Sekundärliteratur – einmal im Original zu schmökern. Inhaltlich erzählt Hubert Herzog eine eigenständige Geschichte – somit authentische Literatur – nicht bloß Hommage oder Montage, nicht fixiert auf Proust sondern fokussiert auf eine Person unserer Zeit: Sie. Oder Er? Jedenfalls eine Figur, die Platz für unsere Projektionen und Reflexionen bietet – für sie und ihn, für dich und mich.
Thomas Glavinic: Der Jonas-Komplex
1. 4. 2019 – In der vergangenen Woche bin ich jede Nacht mit Thomas Glavinic ins Bett gegangen. Soll mir keiner vorhalten, dass ich nicht treu bin. Wenn ich mal einen Roman aufgerissen habe, dann bleib ich dabei, selbstlos dem Autor gegenüber, bis zur letzten Seite. Auch wenn ich mich dabei verzehre und jede Nacht bei der Lektüre einschlafe. Nicht aus Langeweile, sondern weil mich der rücksichtslose Autor nicht los lässt, bevor mir die Augen vor Erschöpfung zufallen. Das Licht mach ich aus, wenn ich das erste mal zum Pinkeln aufstehe.
Der Ich-Erzähler säuft, kokst und fickt sich durch den Roman. Er lebt in Wien und bereist die Welt von Berlin über Carlisle bis Punta Arenas (die südlichste Stadt der Welt) und findet nicht zuletzt auf der Insel Krk eine Art Zuhause. Ich musste nicht erst auf wikipedia nachschlagen um zu kapieren, dass der ich-Erzähler starke autobiografische Züge hat. Schon auf Seite 6 stellt sich die Frage: wie lange hält er das durch?
S. 14 f: „Ich lege mich zu ihr. Sie bläst mir einen. Ohne entscheidenden Durchbruch. Irgendwie schaffen wir es dann doch. Während ich in einem etwas verkrampften Rhythmus in sie hineinstoße, schwitze ich, ich schwitze Schnaps und Koks. Es ist nicht das erste Mal, dass ich mich beim Sex frage, wieso um alles in der Welt ich gerade Sex habe.“
S. 121: „In den vergangenen sieben Tagen habe ich nach meiner Zählung mit vier oder fünf Frauen geschlafen, was ungefähr fünfzehn Gramm Koks und vier Cialis bedeutet. Wer diese Frauen waren, weiß ich nicht genau, jedenfalls weiß ich es nicht bei allen.“
S. 638: „Ich habe keine Ahnung, was für Leute ich vor mir habe. Das passiert mir selten. Wenn ich etwas kann, dann ist es Menschen lesen, das konnte ich schon mit fünf. Solche wie die hier sind nie zuvor auf meinem Radar aufgetaucht. Cynthia greift mir in die Hose. Da drin spielt sich nicht viel ab. Überhaupt bin ich mittlerweile mehr an dem Regal interessiert, in dem der Rest des Crystal liegt, als an einem Dreier mit dem undurchsichtigen Gangbangpärchen. Doch sie ist hartnäckig. Sie nimmt meinen Schwanz in den Mund und saugt, als wollte sie ihn als Ganzes verschlucken.“
Die Frage, wie groß das Ego eines Autors ist, der 748 Roman-Seiten lang ich, ich, ich, ich, ich, …. ich, mir, mich … ich… wiederholt, wird auf den ersten Seiten überlagert von dem voyeuristischen Bedürfnis, dem Autor beim … Nein!. Die tragische Figur des verkoksten ich-Erzählers beim Sex interessiert mich nicht die Bohne! Was mich interessiert ist der Exhibitionismus des Autors, der freiwillig seine Hirnwindungen frei legt, Blatt für Blatt hauchdünn aufschneidet und jedem x-beliebigen Leser auf dem Silbertablett serviert. Ich weiß nicht, wer der größere Freak ist: der Autor, der sich exhibitioniert, oder der Voyeur, der Blatt für Blatt dieser Extrawurst verschlingt.
Spätestens ab Seite 82 findet sich der Leser aber in einer anderen Welt und in einer anderen Zeit: der ich-Erzähler als 13-jähriger Schüler in der Weststeiermark:
S. 82: „Zum Frühstück schneide ich mir ein Stück Milchbrot ab und pule die Rosinen heraus.“
Dass der ich-Erzähler als 13-jähriger massenweise Milchbrot verschlingen muss, wo es zu der Zeit in der Weststeiermark mit Sicherheit nur Striezel gegeben hat, und dann auch noch die Rosinen „heraus pult“, wo jeder normale Steirer, der „Dörrobst generell nicht ausstehen kann“, die Rosinen rauskletzelt, ist eine Anbiederung an den deutschen Geschmack, die der Roman nicht nötig gehabt hätte.
Damit quittiere ich meine Dienste bei der Sprachpolizei. Denn so abstoßend der exzessiv koksende ich-Erzähler mit 40+ ist, so liebenswürdig ist sein 13-jähriges Alter-Ego Mitte im Jahr 1985. Dieser 13-jährige braucht keinen Polizisten, der ihn zurecht weist. Der hat genug Grips um sich zu artikulieren, genug Mut um seine Grenzen auszuloten und genug Gespür, um seine Umwelt und Mitmenschen richtig einzuschätzen.
Sowohl das alte Ego als auch das junge Ego erzählt in der Gegenwart. Der ich-Erzähler ist damit allgegenwärtig. Ein Attribut, das üblicher Weise dem lieben Gott zugeschrieben wird. Oder einem Genie. Und so könnte man die beiden Erzählstränge deuten: hier der ausgepowerte, zur Selbstzerstörung neigende Erfolgsschriftsteller, der die Banalität des Alltags durch Übersteigerung (Koks) und Verdichtung (das Schreiben) zu bewältigen sucht, da die Entdeckung des Schachspiels, in dem sich das verborgene junge Genie entfalten kann, das naturgemäß in anderen Bereichen des (Schul)Alltags als Versager da steht, genauer gesagt: sich als Versager fühlt. Insbesondere beim Versuch, die Flamme seiner Tagträume, deren Name dezent nur mit „M.“ angedeutet wird, zu erobern.
M. wie Marie? Diese Frage drängt sich beim dritten Erzählstrang auf, der vorwiegend in Tokio spielt und aus einer Beobachter-Position sowie in der Vergangenheitsform erzählt wird. Der Exzentriker Jonas, der nach dem Tod seines Paten, der offenbar eine Art Mafiapate war, zu Vermögen gekommen ist, betritt die Roman-Bühne schon auf Seite 29. Mit einem Geschlechtsakt, naturgemäß.
„Im Morgenlicht, das schwach ins Zimmer fiel, sah er allmählich die Umrisse von Maries Rücken vor sich, der durch seine Stöße vor und zurück geworfen wurde. Der Anblick trieb ihn noch mehr an, bis er etwas hörte, das er, würden sie sich nicht so gut kennen, für Schmerzenslaute gehalten hätte. Kein Gefühl machte ihn leichter als jenes, das von ihrem krampfartigen Pulsieren beim Höhepunkt ausgelöst wurde.“
Wie der Roman aber zu seinem Titel kommt, das erklärt uns der ich-Erzähler an seinem 13. Geburtstag am Neujahrstag 1985 in der Weststeiermark.
S. 82 f: „Seit fünf Stunden bin ich dreizehn, und je früher ich aufwache, desto länger habe ich Geburtstag. Mein Geburtstag ist einer jener Tage, an denen ich mich freue, dass es mich gibt. Meine Geburt hätte mir allerdings den Gefallen tun können, sich einen Tag im Frühjahr auszusuchen und nicht den 1. Januar. Ganz egal, was einem die Erwachsenen sagen: Da bekommt man weniger Geschenke. Wegen Weihnachten so kurz davor. … Ich denke an die Schule. Jetzt schon, obwohl sie erst in einer Woche wieder losgeht. … Die schlechten Noten sind mir in Wahrheit egal, Fahrradunfall hatte ich noch keinen, Gespenster belagern mich, haben mir aber nicht nichts Böses zugefügt, und im Schach kann ich vermutlich alles erreichen, was ich will. Ich bin so. Überall sehe ich die Gefahr, nicht die Chance. Ich habe gelesen, das nennt man den Jonas-Komplex.“
In der großen Welt des Romans mit dem Titel „Der Jonas-Komplex“ lässt sich der exzentrisch-asketische Abenteurer und Weltbürger Jonas von seinem Anwalt regelmäßig betäuben, damit er sich irgendwo auf dieser Welt ganz allein zurechtfinden muss. Sein letztes Abenteuer besteht aber darin, es gemeinsam mit Marie zu bewältigen: der Fußmarsch zum Südpol. Die gemeinsame Reise führt von Tokio über Santiago de Chile und Punta Arenas in die Antarktis. Dass der ich-Erzähler zu einer Lesereise nach Südamerika eingeladen wird und diese Reise für einen Abstecher nach Punta Arenas nutzt, löst beim Leser die Suggestivfrage aus, ob sich diese beiden unabhängigen Erzählstränge am Ende kreuzen werden, ob M. und Marie identisch sind, ob der ich-Erzähler seine Jugendflamme M. wieder trifft. Doch diese Frage bleibt am Ende offen.
S. 748: „Das finde ich irgendwie gut.“
Mehr als das. Ich finde das grandios! Thomas Glavinic balanciert immer an der Grenze zwischen Kolportage und Literatur, ohne ein einziges Mal in das Fettnäpfchen der Kolportage zu treten. Genau dafür liebe ich ihn! Übrigens feiert Thomas heute, am 1. April, seinen 47. Geburtstag. Happy Birthday, ich-Erzähler, auch wenn du uns mit dem 1. Januar ganz schön zum Narren gehalten hast!
Thomas Glavinic
Der Jonas-Komplex, 2016
„In welchen Himmel kommen tote Sonnen – Literarische Antworten auf philosophische Fragen“
Henri „Huhki“ Edelbauer liest aus seinem Buch sowie aus anderen Werken. Kurzgeschichten und Gedichte sind teils statirisch humorvoll und regen zum Nachdenken an.
Dienstag, 7. Mai 2019, 18:30 Uhr
VHS Donaustadt, Wien 22,
Bernoullistraße 1
Der Eintritt ist frei!
Eine Produktion der Wiener Festwochen in Kooperation mit den Büchereien Wien und den Wiener Volkshochschulen. Das gesamte Programm von Festwochen into the city finden Sie auf www.festwochen.at Anmeldungen erbeten in der VHS Donaustadt, telefonisch 01-89 174 122 110 oder per mail an donaustadt@vhs.at P.S. Wer mit den Öffis kommt fährt mit der U1 bis Kagran und kann zu Fuß via Donauzentrum die VHS Donaustadt erreichen.
Dr. Henri Edelbauer absolvierte eine Laufbahn als Tierpfleger (Schönbrunn), Liedermacher, Opernsänger (Wiener Kammeroper/opera mobile Basel), Gentechnikreferent (GLOBAL 2000), Wissenschafts-, Kultur- und Wissenschaftsjournalist und ist derzeit als Universal-Freischaffender in der Hinterbrühl tätig.
Er studierte Philosophie, Physik, Mathematik sowie Ethnologie an der Uni Wien und promovierte mit einer Arbeit über Logik&Ökologie. 1984 gründete er mit Günther Nenning den „Chor der Menschen und Tiere“. Zwischen 1997 und 2013 hielt er zahlreiche Vorträge beim Internationalen Wittgenstein-Symposium in Kirchberg am Wechsel.
2005 begründete er die Zyklen „Philobrunch“, „Philonight“ und „Philowalk“ („Wiener Philosophischer Stadtspaziergang“). 2011 initiierte er die Kabaret&Lesungs-Gruppe „Literatourette“. 2012 erschien sein erstes Buch „In welchen Himmel kommen tote Sonnen? Literarische Antworten auf philosophische Fragen in Prosa und Lyrik“ im Verlag Edition Roesner. 2014 erfolgte die Mitgestaltung der Veranstaltungsreihe „Wunderkammer der Quantenphysik“ mit Tanja Traxler und Melanie Wurth.
Kürzlich erschien ein weiteres Buch „Grammatik des Verstummens“, das derzeit neu überarbeitet wird. Edelbauer ist seit 2006 ständiger Redakteur von auflagenstärksten philosophisch-politischen Zeitschrift BRENNSTOFF, herausgegeben von Heini Staudinger. Derzeit ist ein Buch in englischer Sprache über die Rolle der Zeit in der Physik in Vorbereitung: „Re-Presecing Change. A brief history of timelessness“.
Camus Kolleritsch Köhlmeier
5. 8. 2020 – Was haben Albert Camus, Alfred Kolleritsch und Michael Köhlmeier gemeinsam? Wie hätte Karl Kraus darauf geantwortet?
Außer dass ihre Namen auf K beginnen, wenn man sie phonetisch liest, vereint die drei Autoren eine Reise nach K. als Sommerlektüre im Koffer neben meinen Badesachen. Camus‘ „Die Pest“ in Zeiten wie diesen war geradezu zwingend. Von Kolleritsch war ein am 27.2.1980 signiertes Exemplar von „Die grüne Seite“ im Gepäck, ein Roman, den ich schon als Gymnasiast gelesen habe und wieder aus dem Regal holte, als mich Anfang Juni die Todesnachricht des 1931 geborenen Autors erreichte. Von Köhlmeier warteten bereits seit längerer Zeit „Die Abenteuer des Joel Spazierer“ darauf, von mir gelesen zu werden.
Im Unterschied zur weltweiten „Corona-Pandemie“ beherrscht die Pest in Camus Roman nur eine algerische Hafenstadt, die entsprechend unter Quarantäne gestellt wird. Ansonsten finden sich viele Parallelen der Ereignisse, die „sich 194‘ in Oran zugetragen“ haben, zu heute: Ratlosigkeit der Politiker, Panik, Galgenhumor, Lethargie, Statistiken und nicht zuletzt die Suche nach dem Serum. Im Unterschied zu heutigen Journalisten, die als Synthese von Hof- und Kriegsberichterstattern nicht einmal die Oberfläche des Phänomens „Corona-Pandemie“ objektiv abbilden, geht der fiktive Berichterstatter in Camus Roman als teilnehmender Beobachter in die Tiefen des Geschehens; und, wie bei Camus nicht anders zu erwarten, bis an den Rand und über den Rand unserer Existenz hinaus.
„… einige … schafften es offensichtlich sogar, sich einzubilden, dass sie noch als freie Menschen handelten, dass sie noch wählen könnten. Tatsächlich aber konnte man zu jenem Zeitpunkt, Mitte August, sagen, dass die Pest sich über alles gelegt hatte. Es gabe damals keine individuellen Schicksale mehr, sondern eine kollektive Geschichte, nämlich die Pest und von allen geteilte Gefühle. Am stärksten waren das des Getrenntseins und des Exils, mit allem, was dies an Angst und Auflehnung mit sich brachte.“ (S. 189)
„Aus einleuchtenden Gründen wütete die Pest besonders unter jenen, die die Gewohnheit hatten, in Gruppen zu leben, unter Soldaten, Mönchen oder Gefangenen. … Vom höheren Standpunkt der Pest aus waren vom Direktor bis zum letzten Sträfling alle verurteilt, und zum ersten Mal vielleicht herrschte im Gefängnis absolute Gerechtigkeit.“ (S. 192)
„Viele dieser zuerst amtlichen, dann provisorischen Totengräber starben an der Pest. Welche Vorkehrungen man auch traf, irgendwann wurden sie doch angesteckt. Aber wenn man es genau bedenkt, war das Erstaunlichste, dass es während der gesamten Epidemie nie an Männern fehlte, die diese Arbeit taten. … Bis Ende August konnten unsere Mitbürger also mehr schlecht als recht zu ihrer letzten Ruhestätte gebracht werden, wenn auch nicht anständig, so doch geordnet genug, damit die Verwaltung den Eindruck behielt, sie erfülle ihre Pflicht.“ (S, 200 f)
„Der Erzähler weiß genau, wie bedauerlich es ist, dass er hier nichts wirklich Aufsehenerregendes berichten kann, etwa von irgendeinem tröstlichen Helden oder irgendeiner großartigen Tat, wie sie in den alten Geschichten vorkommen. Nichts ist nämlich weniger aufsehenerregend als eine Seuche, und schon durch ihre Dauer sind große Unglücke eintönig. In der Erinnerung jender, die sie miterlebt haben, erscheinen die schrecklichen Tage der Pest nicht als grandiose und grausame hohe Flamme, sondern eher als ein endloser Leerlauf, der alles zermalmte.“ (S. 204)
Im Gegensatz zu den lebendigen Charakteren und abwechslungsreichen Dialogen in Camus‘ Roman, gelingt es Kolleritsch nicht seinen hölzernen Figuren Leben einzuhauchen. Der Titel erinnert wohl nicht zufällig an Gottfried Kellers „Der grüne Heinrich“, doch „Die grüne Seite“ kann als Bildungsroman nicht reüssieren. Außer, der Leser sucht in einem Bildungsroman Antworten auf Fragen, die er sich noch nie gestellt hat und so auch niemals stellen würde.
„Ich fühle mich draußen frei. Ein Baum ist wirklich etwas! Haben Sie sich schon einmal die Mühe gemacht, die Jahresringe eines gefällten Baumes zu zählen? … ‚Warum fließt der Strom nicht zurück?‘, soll ich als Kind zu meinem Vater gesagt haben. ‚Warum fällt die Blume, die ich wegwerfe, nicht hinauf in die Baumkrone?‘ Nach solchen Fragen spürte ich in meinem Kopf einen Schmerz, der wie eine große Scheibe aus dem Kopf ragte.“ (S. 168)
Zuletzt zu Michael Köhlmeier. Der „Schelmenroman“ über Joel Spazierer lässt ein sehr kurzes Urteil zu: hätte das Nobelpreisglücksrad im Vorjahr nach der Endausscheidung Österreichs statt bei H, beim Buchstaben K gehalten, dann hätte die Welt einen weitaus besseren Literatur-Nobelpreisträger bekommen.
Albert Camus
Die Pest
rororo, 94 Auflage (Anmerkung: man erfährt darin zwar die Namen der Grafiker, die das Cover gestaltet haben, nicht aber den/die Namen des/der Übersetzer)
Alfred Kolleritsch
Die grüne Seite
suhrkamp, 1. Auflage 1976 (Anmerkung: und vielleicht auch die letzte. Jedenfalls findet man Kolleritsch nicht mehr in der Autorenliste des suhrkamp-Verlages)
Michael Köhlmeier
Die Abenteuer des Joel Spazierer dtv, 3. Auflage 2016 (Anmerkung: stand demnach bei mir schon etwas länger in der Warteschlange)