Ordnung im Chaos der Beziehungen – Chaos & Kosmos
Text und Grafiken von Michael Bottig
Chaos und Kosmos sind nicht voneinander zu trennende Zustände. Ordnung entsteht im Ungeordneten, wird von ihm bedroht, geht aus ihm hervor und kann jederzeit wieder darin zurückfallen. Der Kosmos ist keine endgültig befestigte Ordnung.
Die Arbeiten (Grafiken, 70×100 cm, Bleistift auf Papier, 2000) verbinden Zeichnung und Schrift. Die Texte stammen einerseits aus der Genesis, andererseits aus Märchen. Dabei greife ich in die überlieferte Sprache ein: Männliche Bezeichnungen, Personen und grammatische Formen werden durch weibliche ersetzt. Dieser Eingriff verändert erst im zweiten Lesen erstaunlich viel. Satzbau, Erzählstruktur und vertrauter Sprachrhythmus bleiben bestehen, doch die jahrhundertelang gewohnte Ordnung ihrer Bedeutungen gerät ins Wanken. Wo das Männliche selbstverständlich gesetzt war, erscheint nun das Weibliche. Das Bekannte bleibt lesbar und wird dennoch fremd.

Gerade darin verbindet sich Sprache mit dem Ausstellungsthema. Auch kulturelle Ordnung ist ein Kosmos: Sie besteht aus Begriffen, Rollen, Überlieferungen und scheinbaren Selbstverständlichkeiten. Wird nur ein Element verändert, kann sich das Bedeutungsgefüge verschieben. Aus Ordnung entsteht Irritation; aus Irritation möglicherweise eine andere Ordnung. Chaos bedeutet hier deshalb nicht bloß Formlosigkeit. Es bezeichnet jenen offenen Zustand, in dem bestehende Zuordnungen ihre Eindeutigkeit verlieren und neue Beziehungen möglich werden.
In „Urformen – Genesis“ wird dieser Gedanke auf seinen elementarsten Ursprung zurückgeführt. Große leere Flächen stehen kompakten, dunklen und gestisch bewegten Formen gegenüber. Rechteckige Felder treffen auf offene, organisch ausgreifende Bewegungen; Verdichtung und Leere, Begrenzung und Entgrenzung halten einander in Spannung. Die Zeichnung illustriert die Schöpfungsgeschichte nicht. Sie übersetzt vielmehr deren grundlegendes Prinzip in eine bildnerische Konstellation: Aus einem noch nicht eindeutig Geordnetem treten Unterschiede, Formen und Räume hervor. Die Veränderung des Geschlechts in der Sprache greift zugleich in eine der ältesten kulturellen Vorstellungen von Schöpfung und Schöpfer ein.
In „Menschen“ verlagert sich diese Frage auf die menschliche Figur. Vereinzelte, gegenständlich erkennbare Menschen treffen auf lineare, teilweise mehrfach gegliederte und wiederholte Figuren. Körper werden weniger zu Porträts als zu Zeichen innerhalb eines Beziehungssystems. Nähe und Abstand, Individualität und Typisierung, Geschlecht und gesellschaftliche Zuschreibung geraten miteinander in Konflikt. Die aus Märchen übernommenen und sprachlich veränderten Texte verstärken diese Verunsicherung. Märchen besitzen eine besonders feste Rollenordnung: König und Königin, Held und Heldin, Vater und Mutter, Teufel, Erlöser oder Erlöste scheinen ihre Plätze zu kennen. Durch den Wechsel vom Männlichen zum Weiblichen wird diese scheinbar natürliche Ordnung als kulturell erzeugte sichtbar.
In „Gefäße“ schließlich treten die menschlichen Figuren weitgehend zurück. Schalen, Öffnungen, Verdichtungen und ausgesparte Formen bestimmen die Bildfelder. Das Gefäß ist dabei mehr als ein Gegenstand. Es bezeichnet Innen und Außen, Aufnahme und Abgabe, Fülle und Leere, Schutz und Verletzlichkeit. Zugleich verbindet es sich mit Körperlichkeit und insbesondere mit Vorstellungen des Weiblichen. Die Märchentexte Das Totenhemdchen und Das Wasser des Lebens führen zusätzlich die Pole von Tod und Leben ein. Auch hier entsteht kein stabiles Gegensatzpaar: Leben trägt den Tod in sich, Leere ermöglicht Füllung, eine Begrenzung schafft erst jenen Innenraum, den sie zugleich von einem Außen trennt.
So bewegen sich die drei Arbeiten vom kosmischen Ursprung über den Menschen zum Gefäß, von Schöpfung über gesellschaftliche Ordnung zu elementaren Vorstellungen von Innen und Außen. Gemeinsam untersuchen sie, wie Ordnungen entstehen und wodurch sie instabil werden. Linie, Fläche, Leere, Verdichtung und Sprache übernehmen dabei vergleichbare Funktionen: Sie grenzen ab, verbinden, gliedern und lösen Grenzen wieder auf.

„Chaos & Kosmos“ bedeutet für diese Arbeiten deshalb nicht die Gegenüberstellung von Unordnung und Ordnung. Entscheidend ist das Dazwischen: jener Augenblick, in dem eine Ordnung ihre Selbstverständlichkeit verliert und gerade dadurch eine andere denkbar wird.
Am Dienstag, 17. November 2026 um 18:00 Uhr eröffnet die Ausstellung CHAOS & KOSMOS
in der Galerie Contemplor, 1170 Wien
Michael Bottig wird mit 25 weiteren Künstlern und Künstlerinnen dabei sein.