Chaos & Kosmos

Die Greife

Von Ilona Lesnaia und Lutz Herrschaft

Im Umgang mit Tollkirsche, Bilsenkraut, Stechapfel und Blauem Eisenhut balancieren wir auf dem Grat zwischen Halluzination und Tod. Es sind Pflanzen, die in der europäischen Kultur- und Medizingeschichte sowohl Portal zur Magie als auch (je nach Dosis) Heilmittel sein konnten. In unterschiedlichen Überlieferungen werden Extrakte dieser Pflanzen als Ingredienzien sogenannter Hexensalben erwähnt, deren Wirkung mit Visionen, Metamorphosen und dem Gefühl des Fliegens einher gehen soll.

In der Literaturgeschichte steht dafür beispielhaft Margarita aus Michail Bulgakows Roman „Der Meister und Margarita“. Nachdem sie sich mit einer geheimnisvollen Salbe eingerieben hat, verwandelt Margarita sich und fliegt über das nächtliche Moskau. Die Salbe ist dabei nicht bloß ein magisches Requisit: Sie markiert den Übergang aus der alltäglichen Wirklichkeit in eine andere Wahrnehmungsebene, in der sich persönliche Befreiung, Mythos, Traum und kosmische Kräfte miteinander verbinden.

Diese Szene aus Bulgakows Roman bildet einen wichtigen Bezugspunkt für mein Diptychon. Die beiden Bilder greifen das Thema der Metamorphose auf und übersetzen es in eine visuelle Bewegung zwischen Körper und Raum, Erde und Himmel, Ordnung und Auflösung. Die Pflanzen spielen auf das „Rezept“ der Salbe an, zugleich aber auch auf die Geschichte der Literatur und der Kunst, in der solche Motive – Rausch, Flug, Verwandlung und die Aufhebung fester Grenzen – viele Dichter und Künstler geprägt haben (man kann auch an Ovid erinnern, passenderweise schreibe ich diese Zeilen an der Küste des Schwarzen Meeres).

In meinem Diptychon steht für diese Überlieferung das Bild des Greifen, eines chimärischen Wesens zwischen Erde und Himmel, dem Natürlichen und dem Mythischen. Die Greife bewachen die giftigen Pflanzen und damit zugleich das Wissen um deren Ambivalenz: Heilung und Tod, Materie und Vision, Wirklichkeit und Vorstellung. Sie sind Hüter eines Übergangs, an dem die geheime Rezeptur der Salbe sich in eine kosmische Bildsprache wandelt.

Kosmos und Chaos bilden keine schlichten Gegensätze, es sind je eigene Zustände des Werdens: Aus dem Ungeformten entsteht Gestalt, während jede bestehende Form für Veränderung offen bleibt. Der Flug Margaritas, ausgelöst durch die Salbe, wird so zu einem Bild für die Bewegung zwischen den Ordnungen – zwischen der vertrauten Welt und einem offenen, unberechenbaren Kosmos.

((Die Greife bewachen jenen Grenzbereich, in dem aus Materie Vision entsteht, aus Vision Mythos und aus Mythos eine neue Form.))

Am Dienstag, 17. November 2026 um 18:00 Uhr eröffnet die Ausstellung CHAOS & KOSMOS

in der Galerie Contemplor, 1170 Wien

Ilona Lesnaya wird mit 25 weiteren Künstlern und Künstlerinnen dabei sein.