Heyden Ulrich: Mein Weg nach Russland

Erinnerungen eines Reporters

Erschienen 2024, Promedia

„Die Russen sind mir ans Herz gewachsen.“ (272) Das ist das Resümee des deutschen Journalist Ulrich Heyden, der 1992 von Hamburg nach Kiew und dann nach Moskau übersiedelte. Bis 2022 konnte er als freier Journalist für mehrere deutsche Medien über die Runden kommen. Die letzte Vertragskündigung erhielt er 2022 vom einstmals linken Wochenmagazin „Der Freitag“.

Nach links tendierte schon der junge Ulrich in seiner frühen Jugend. Psychoanalytisch verkürzt könnte man das als Gegenreaktion gegen seinen rechten Vater Wilhelm abtun, der im zweiten Weltkrieg kämpfte. Mit seinen Erzählungen über Heldentaten der deutschen Wehrmacht hat er Ulrich schon in seiner Kindheit eingeschüchtert. Doch Ulrich entwickelte mehr als nur eine Abwehrreaktion gegen die Einstellungen des Vaters.

Anders als viele Genossen, die nach der Kanzlerwahl von Willi Brands vom Lager der linken Aktivisten ins Lager der linksliberalen Karrieristen wechselten, blieb Ulrich im Widerstand. Sein Widerstand war nie der verbissene Kampf für die marxistische Ideologie, sondern immer eine tiefe innere Abwehr der herrschenden Propagandalügen und eine tiefe Sehnsucht nach der Wahrheit.

1974 begann der 20ig-Jährige bei MBB eine Lehre als Metallflugzeugbauer, wo er sich in der kommunistischen Gewerkschaft engagierte. Nach sechs Jahren gab er die Handarbeit auf und begann zu studieren. 1981 nahm er erstmals an einer organisierten Jugendreise nach Leningrad teil. Hier erlebte er erstmals, was ihm in der Heimat fehlte: „Russland, das war Emotion. Hier ließ man seine Gefühle raus. Für einen steifen Hamburger wie mich war das eine echte Überraschung.“ (99)

Das Kapitel über die Ostöffnung 1989 trägt den Titel „Eine Welt stürzt ein“ (113 f) Ulrich erlebt die hämischen Kommentare all jener, die immer schon wussten, dass der Kommunismus zum Scheitern verurteil war: „ehemalige Genossen, mit denen ich rfast zwei Jahrzehnte im Kommunistischen Bund zusammengearbeitet und gemeinsam Feten gefeiert hatte […] begannen nun plötzlich, die gemeinsame politsche Arbeit zu verhhnen und ins Lächerliche zu ziehen.“ (113)

Wie weit sich seine Ex-Genossen vom „Versuch, in der Wahrheit zu leben“ (Václav Havel) entfernt hatten, musste der Journalist bei einer Filmvorführung 2015 in Hamburg erleben, wo Heydens Film „Lauffeuer“ über den Anschlag ukrainischer Nationalisten auf ein Gewerkschaftshaus in Odessa gezeigt wurde.

Dort beschwerte sich ein Freund, weil an der Vorstellung Oleg Musyka, ein Überlebender des Anschlags, aufgetreten war. „Er forderte von mir, ich solle den Kontakt zu Musyka abbrechen, da er ‚nachweislich‘ mit Rechten zusammenarbeite. Ich erklärte, Musyka sei Antifaschist und habe in Berlin aus Unwissenheit auf einer Bühne mit Rechten gestanden. Er könne kein Deutsch und sei erst 2014 als Flüchtling nach Deutschland gekommen. Doch meine Argumente zeigten keine Wirkung.“ (251)

Dass ein Zeitzeuge, weil er an anderer Stelle mit „Rechten“ auf der Bühne stand, von „anständigen Linken“ gemieden werden müsse, als sei er damit Träger einer hochgefährlichen ansteckenden Krankheit, ist Ausdruck einer neuen Apartheid: Personen werden aufgrund oberflächlicher Merkmale oder zufälliger Sachverhalte ausgegrenzt; Inhalte, die sie vermitteln wollen, zählen nicht. Heyden geht dieser Haltung seiner falschen Freunde auf den Leim, indem er versucht, Musyka aufgrund seiner „Unwissenheit“ zu entschuldigen, anstatt für dessen grundsätzliches Recht zur Meinungsäußerung einzustehen.

Doch heute hat Heyden mit größeren Problemen zu kämpfen. Nach 36 Jahren als Kunde hat ihm die Hamburger Sparkasse sein Konto gekündigt. Damit ist er noch eine Spur besser dran als Thomas Röper, Alina Lipp, Hüseyin Doğru, die als Opfer der EU-Willkürherrschaft mit so Sanktionen belegt wurden, die ihnen alle Menschenrechte entzogen. Dieses Schicksal könnte auch Heyden noch ereilen, wenn die Zensoren in seinem Buch den Satz finden, dass „Russland inzwischen Teil meiner Identität ist.“ (270).

Dass Heyden immer differenzierte, ausgewogene Berichte brachte, dass er ablehnt „über Russland aus der Position der ‚totalen Verteidigung‘ zu berichten,“ zählt in Deutschland und in der ganzen EU nicht. Da wird schon reichen, dass Heyden heute vom russischen Onlinedienst RTde.org Aufträge annimmt. (Trotz Verbot durch die EU kann man RTde.org noch abrufen, Stand 28.8.2026)

Die EU wird heute zurecht als EUdSSR bezeichnet, genauer gesagt EUdSSR 4.0 und Apartheid all inclusive! Das ist kein Urteil von Ulrich Heyden, sondern das Urteil von HTH, der ab November 1989 in Moskau das Ende der UdSSR miterlebt hat.

SIEHE AUCH: 35 Jahre für die Kunst