Allerheiligen und Allerseelen + Friedhof + Sterbebegleitung
29.10.2026 – Ethischer Kommentar vorweg: Der Begriff „Sterbehilfe“ ist irreführend, denn dem Sterbenden kann man nicht mehr helfen. Dem Tod ist man ausgeliefert, würden Existenzialisten sagen.

Die medizinische Hilfe ist darauf ausgerichtet, das Überleben zu gewährleisten. Wenn nichts mehr hilft, dann beginnt der Therapierückzug – so heißt das, wenn alle Behandlungen eingestellt werden und nur noch Schmerzmittel und Sauerstoffzufuhr das Leiden mildern.
In Memoriam Hermine Thurnhofer (1935-2025)
und Ernst Thurnhofer (1930-2026)
Mein Vater erlebte diese Phase in den letzten fünf Tagen seines Lebens im Krankenhaus, meine Mutter zuhause. Aber wichtiger als die Sterbehilfe in dieser für die Angehörigen schweren Phase, ist die Sterbebegleitung, Monate oder auch Jahre vor dem ewigen Frieden.
Eine Phase, in der den Patienten nicht ununterbrochen geholfen werden muss, aber eine Phase, in der sie Nähe und Zuneigung suchen und brauchen. Diesen Zustand kann man den Angehörigen nicht per Gesetz verordnen und den Sterbenden nicht vom Arzt verschreiben lassen. Die Voraussetzung für eine menschenwürdige Begleitung ist die Haltung der Angehörigen. Haltung ist eine Frage der Moral.
Bei allen sozialen Leistungen wie Pflegestufe und Pflegeheime, die rechtlich geregelt werden können und müssen, steht im Kern der Sterbebegleitung die Moral. Somit ist die Sterbephase ein Lebensbereich, in dem Moralitätsprinzip über dem Legalitätsprinzip steht (gemäß Moral 4.0)
Aktuelle Diskursbeiträge
Vor Allerheiligen taucht unweigerlich das Thema Sterbehilfe in den Medien auf. „In Österreich kann sich die Mehrheit vorstellen, Sterbehilfe für sich selbst in Anspruch zu nehmen. Laut einer am Donnerstag veröffentlichten Umfrage des Gallup-Instituts ist das für 53 Prozent der Befragten vorstellbar“, berichtet ORF.at (29.10.2026)
Niki Glattauer, Ex-Lehrer und „Heute“-Kolumnist, hat seinen unterstützten Freitod im Sommer 2025 angekündigt: Sein Vermächtnis: „Ich möchte die Menschen darüber informieren, dass man auch in Österreich selbstbestimmt sterben kann, wenn man unheilbar krank ist. Ich habe eine Krebsdiagnose, Gallengangkrebs, mir bleibt nicht viel Zeit. … Ich hatte ein glückliches Leben, das Leben war gut zu mir. Und jetzt fangen die schweren Krankheiten an. Ich stehe vor einer Hüftoperation, auf die ich ein Jahr lang warte, weil es eine Zweiklassenmedizin gibt. Und ich bin ein Holzklasse-Patient. Ich habe ein Herzproblem. Und jetzt kommt der Krebs dazu. So will ich nicht leben. Ich habe mein Konzert zu Ende gespielt.“ (Heute.at 2.9.25)
Nicht HEUTE, sondern der FALTER wurde für ähnliche Berichte am 9.7.2026 vom Presserat verurteilt:
„Nach Auffassung des Senats 3 des Presserats verstoßen die Titelseite mit der Überschrift „Ich will in Würde sterben“ sowie der dazugehörige Artikel gegen Punkt 12 des Ehrenkodex für die österreichische Presse (Suizidberichterstattung). … Mehrere Leserinnen und Leser, Hörerinnen und Hörer sowie Userinnen und User beanstanden das Interview mit Glattauer als reißerisch und sensationell. Es liefere eine Anleitung zum Suizid und es bestehe Nachahmungsgefahr. Darüber hinaus kritisieren sie insbesondere, dass der Artikel mit der Ankündigung des assistierten Suizids vor dessen Durchführung erschienen sei. Der Artikel lege zudem den Schluss nahe, dass der assistierte Suizid im Falle einer schwerwiegenden Krankheit die einzige Möglichkeit sei, in Würde zu sterben.“
Letzte Hilfe – Verein für selbstbestimmtes Sterben – vertritt die Meinung, „dass die zwei wichtigsten Organisationen im Lager der Sterbehilfegegner, nämlich die ÖVP und die Katholische Kirche, das Vertrauen jener Menschen, die sie vorgeben zu repräsentieren, missbrauchen. Selbst bei der Tötung auf Verlangen, die sowohl die ÖVP als auch die Katholische Kirche per Verfassungsgesetz verbieten möchten, vertreten die jeweiligen Entscheidungsträger eine Position, die dem Mehrheitswillen in den eigenen Reihen entgegengesetzt ist.“
Historische Diskursbeiträge
Im Zusammenhang mit Eugenik („Erbgesundheitslehre“ bzw „Rassenhygiene“) wurde die Euthanasie („guter Tod“) zur Zeit des Nationalsozialismus euphemistisch gebraucht, um die „Vernichtung lebensunwerten Lebens“ zu beschönigen. Doch in Nazi-Deutschland war Eugenik ein weit verbreitetes Thema.
„Viele Angehörige der gesellschaftlichen Eliten in den Ländern des Westens waren begeisterte Eugeniker. In Großbritannien zählte das Galton Institute, benannt nach dem Eugeniker Sir Francis Galton, nicht nur den Ökonomen John Maynard Kenes zu seinen Mitgliedern, sondern auch den zukünftigen Premierminister Arthur Neville Chamberlain…“ Die Liste führt weiter bis zu Intellektuellen wie G.B. Shaw, Virginia Woolf und den Kriegsgegner Bertrand Russell.
Diese Namen zitiert Philipp Blom in seinem Werk „Die zerrissenen Jahre 1918 – 1938“; nicht um die Gräueltaten der des Nazis zu verharmlosen, sondern um zu zeigen, dass extreme Auswüchse aus weit verbreiteten Phänomenen erwachsen. So auch die Positionen eines internationalen Kongresses in Amerika: „Die Eugenik sprach diejenigen an, die ihre Privilegien verteidigen wollten, aber auch Menschen, die wirklich die Gesellschaft verbessern wollten, sie entsprach einer sehr amerikanischen Hoffnung auf persönliche und gesellschaftliche Transformation durch Technologie und einem großen Narrativ der Geschichte der Vereinigten Staaten.“ (S. 210)
Hundert Jahre später finden sich die Verfechter einer gesellschaftlichen Transformation durch Technologie bei den Transhumanisten, die ernsthaft von Möglichkeiten des ewigen Lebens phantasieren und dabei geflissentlich übersehen, dass dies nur unter diktatorisch-totalitären Bedingungen für eine kleine Elite umsetzbar wäre. Für den „Rest der Welt“ bliebe dann der „schöne Tod“, wie er schon von Aldous Huxley in „Schöne Neue Welt“ beschrieben wurde.