ERFAHRUNGEN
„Die Pariser Jahre standen unter dem Unstern einer maßlos unglücklichen Liebe: meiner Liebe zu Geri Krongold. Dieses leidvolle, peinigende Verhältnis dauerte sechs Jahre. Ihretwegen verließ ich meine Maiblume Mia. Und immer wieder versuchte ich, mich durch andere Liebschaften aus dieser unglücklichen Beziehung zu lösen. Ein Teufelskreis, den ich nicht durchbrechen konnte.“ (155)
„Auf Einladung von Michell Vian hin, in die ich verliebt war, verbrachte ich den Sommer des Jahres 1950 in St. Tropez, das damals noch ein unbekanntes Fischerdorf war.“ (157)
„Turin ist eine faszinierende Stadt. Sie kommt mir vor, als hätte Giorgio de Chirico sie erfunden, indem er an Nietzsches Delirium dachte. Über den internationalen Art Club kam 1950 in der Turiner ‚Galleria Nuova Bussola‘ eine Ausstellung zustande, in der auch Bilder von mir gezeigt wurden. Es wurde einiges verkauft, und auch die Presse nahm die Gruppenausstellung gut auf, wie schon meine Ausstellung im Jahr zuvor in der ‚Galerie du Siècle‘ in Paris.“ (158)
„In Turin lebte auch der Textilhändler und Kleiderfabrikant Franco Vallora. Er war eine Künstlernatur und spielte vorzüglich Geige. Ich malte sein Porträt. Er kleidete mich ein;“ (161)
„Im heiligen Jahr 1950 wurde Papst Pius XII. von den Schweizer Gardisten auf dem Tragestuhl hoch über die Menge getragen. Unter den Tausenden Menschen auf dem Petersplatz standen Mia und ich. Ganz benommen sahen wir dem Schauspiel zu. Das war ein Jubel, unbeschreiblich! […] Die Verkündigung des Dogmas von der lieblichen Aufnahme Mariae in den Himmel macht auf mich einen starken Eindruck. Das neue Dogma brachte der Christenheit etwas in Vergessenheit Geratenes in Erinnerung: die Auferstehung des Fleisches! Existentialismus, Kommunismus, Materialismus in allen Varianten hielten weltweit das Geistesleben des Menschen gefangen.“ (171)
„Auch in der Chronologie meines Lebensweges als Künstler war das Jahr 1950 von großer Bedeutung, denn damals hatte ich meine erste große Ausstellung in Wien. Die Buchhandlung ‚Cosmos‘ in der Wollzeile war der Schauplatz dieses entscheidenden Ereignisses.“ (173)
„Der Existentialismus war eine Seuche, eine Krankheit, der sich kaum einer entziehen konnte. […] Unsere kleine Gruppe, die Saint-Germain-des-Prés und Montparnasse ihren Stempel aufprägte, war für schaulustige Touristen und sonstige Outsider das Vorzeigesymptom des Existentialismus – obwohl wir uns kaum als dessen legitimen Auswuchs sahen.“ (219)
„Die damals jedem Kunstfreund bekannten Namen sagen der nachgeborenen Generation nichts, jedenfalls nicht das, was ihre damalige Glorie ausmachte.“ (221)
USA 1955-57: „Mein ‚Kalifornischer Sommer‘ sollte der wichtigste Abschnitt in meinem Leben werden. Die Ahnung vom Überschreiten einer Grenze sollte sich dabei auf manigfache Weise erfüllen.“ (283)
„Mit einer schriftlichen Empfehlung an den Mäzen des New Yorker Balletts Lincoln Kirstein ausgestattet, erlangte ich – was meine Schwiegereltern in höchstes Erstaunen versetzte – eine Börse von fast dreihundert Dollar monatlich. Davon konnte ich mit Frau und Kind leben. […] ‚Take it easy!‘ war das beherrschende Motto. Keine existentialistische Schwärze, sondern fatalistische Heiterkeit war en vogue.“ (287)
„Bald danach landeten wir [mit dem Baby, auf der Suche nach Geri] in Phonix, Arizona. Die kurze Zwischenlandung wirkte auf mich wie der Besuch eines anderen Planeten. Der klare, tiefblaue Himmel, Weltraumstille, trockene Luft …“ (291)
„Unterdessen wuchs mein amerikanischer Freundeskreis zu einer Fangemeinde heran. Ich hatte wieder zu malen begonnen: Miniaturgemälde von einzigartiger Rein- und Feinheit, die allseits Bewunderung erregten.“ (304)
„Es sprach sich herum. Ich wurde in alle magischen Zirkel eingeladen. Es gehörte zu den Gepflogenheiten in Los Angeles, Mystisches zu besprechen – denn, wie gesagt, es war dem Existentialismus nicht gelungen, ins neue Heilige Land Kalifornien vorzudringen.“ (315)
„Aus Paris erreichten mich positive Nachrichten. Madame Metzger hatte einiges Geld von meinen Schuldnern einfordern können und sandte es mir, so daß meine Heimkehr nahe bevorstand.“ (333)
„So kam der Tag heran, an dem ich in Richtung Quebec aufbrach, um mich auf der ‚Arosa Star‘ einzuschiffen. Kanada, das ich für einen Tag und einige Stunden sah, machte mir einen riesigen, menschenleeren Eindruck. […] Diese Dimensionen kosmischer Art, die dem nordamerikanischen Kontinent eigen sind, waren hier noch stärker zu spüren.“ (335)
„Die Galerien des Quartier Latin [in Paris] hatten sich allesamt einer Art Neodadaismus verschrieben; was da geboten wurde, war in meinen Augen keine Kunst. Vor allem war es die Galerie ‚Iris Clair‘, die sehr geschickt Künstler kreierte. Ihr bestes Zugpferd war Yves Klein. […] Eine Farce jagte die andere, und das ging noch eine Weile so, bis ‚Pop-art‘ aus Amerika Paris eroberte.“ (338 f)
„Kurz darauf fuhr ich nach Wien – in eine freies Wien, denn während meiner Abwesenheit hatte Österreich den Staatsvertrag unterzeichnet, und die Besatzungsmächte waren abgezogen. Ein Aufschwung folgte, der wieder einmal alles veränderte.“ (342)
„Fred Adlmüller wußte, daß er mir mit der Bezahlung seines Porträts die Reise nach Israel finanzierte. So machte ich mich 1957 auf in das ‚wahre‘ heilige Land. Erste Station des Schiffes war Brindisi.“ (348)

„Damals war ich 28 bis 29 Jahre alt und dachte keineswegs daran, meine zweifelhaften Erfolge [Auftrag für ein großformatiges Altarbild in der Rosenkranzkirche, Wien] als entscheidenden Durchbruch zu bewerten. Meine gesamte Situation veränderte sich aber mit ungeheurer Geschwindigkeit.“ (394) „Die Bilder der Rosenkranzkirche waren von Anfang an heftig umstritten – vor allem schieden sich die Geister im Bereich des Klerus.“ (393)
„Nun sollte Eva-Christina mich immer begleiten. Auf meine erste Reise, die mich kurz zum Besuch der Biennale 1960 nach Venedig führte, wo Hundertwassers Gesamtwerk im österreich-Pavillon gezeigt wurde, durfte sie mich aber noch nicht begleiten.“ (402)
„Eva-Christina wurde im Spätsommer 1961 meine Frau und brachte, kaum daß das neue Jahr begonnen hatte, unseren Sohn Emanuel zur Welt. Wien sollte unser Hauptquartier werden.“ (407)
[Anm. HTH: für die kommenden 40 Jahre im Leben und Schaffen von Ernst Fuchs bleiben dem Autor genau 40 Seiten.]