AUF DEN TOD EINES TSCHECHISCHEN HUMORISTEN
Von Egon Erwin Kisch (aus seinem Tagebuch, Nr. 3/2023)
Die Lokalreporter haben ihn vorgestern begraben. Die Literaturkritik hat ihm kein Wort geweiht, denn er war kein seriöser Mensch. Bei Gott, das war er nicht! Noch über seinen jungen Tod hinaus muß man über ihn lachen.
Vor allem: Jaroslav Hasek war beinahe immer betrunken. Der Rausch löste seine Zunge, und er begann in den Schankstuben den Leuten verschiedene Dinge zu erzählen. Dabei blieb sein feistes Gesicht, das eine frappante Ähnlichkeit mit dem Balzacs hatte, immer ganz ernst, nur seine Schweinsäuglein schienen ironisch zu blinzeln — aber das konnte auch Täuschung sein. Er erzählte das Unwahrscheinlichste, die Einwände seiner Zuhörer widerlegte er, und dann nahm er ein Briefpapier, schrieb alles nieder und trug die Geschichte in die nächstgelegene Redaktion, das Honorar zu vertrinken. Bekam er — mit Hinweis auf seine Vorschüsse — keins, so pumpte er den Redaktionsdiener Sefrna an und schrieb dann für die politischen Gegner oder die journalistische Konkurrenz ein Feuilleton, daß die Mitarbeiter des „Ceske slovo“ genötigt seien, sich vom Redaktionsdiener Sefma Geld auszupumpen. Oder er verdingte sich als Arbeiter und lud vor dem Redaktionslokal Eis ab. Dabei hielt er Reden, bis sich Leute ansammelten und die Redaktion ihn hinaufholen lassen mußte. Reden hielt er überhaupt gern. Seine Partei hieß „Partei des gemäßigten Fortschrittes in den Grenzen des gesetzmäßig Erlaubten“, und er hielt für sie über tausend Wählerversammlungen ab. Am Schluß einer jeden sammelte er für den Wahlfonds, über dessen Zweck er jeden Zweifel ausschloß. Er versoff ihn an Ort und Stelle.
Seine tausend begangenen und geschriebenen Streiche aufzuzählen ist so unmöglich wie bei Mark Twain. Aber eine Figur hat er geschaffen, die geradezu von historischer Bedeutung ist: den „guten Soldaten Schwejk“, den tschechischen Soldaten, der als dumm gilt und so folgsam ist, daß er den ganzen Dienstbetrieb vernichtet. In seiner aktiven Resistenz steckt er als Wachposten das Pulvermagazin in Brand (daß er nicht rauchen dürfe, wurde ihm vom Wachkommandanten nicht eingeschärft) und verwehrt mit geladenem Gewehr der Feuerwehr die Einfahrt. Vom Leutnant geschickt, eine Flasche Klostemeuburger Weins zu holen, setzt er sich in die Eisenbahn und fährt nach Klosterneuburg. An diesen Soldaten Schwejk, der im Frieden von Hasek geschaffen wurde, mußte die österreichisch-ungarische Monarchie zugrunde gehen. Im Weltkrieg wird Schwejk verhaftet, als er vor dem Plakat der Kriegserklärung Rumäniens (1916, als es schon in ganz Prag nur noch Defätisten gab!) in Hochrufe auf den Kaiser Franz Joseph ausbricht. Die Passanten lachen, aber der Festgenommene (als HÖhner Festgenommene) muß freigelassen werden — er hat’s in aller Unschuld ernst gemeint. So macht er’s von Tag zu Tag, stiftet immer größere Verwirrung und trägt (mehr als viele heroische Gesten offener Hochverräter) zur Vernichtung der Staaten bei. Diese Gestalt ist echt und ewig, wenn sie auch im Inhalt den Politikern, in der Form den Literarhistorikern mit niederen und höheren Weiten nicht gefallen mag. Und ihr lustiger Schöpfer wird zu Grabe getragen, wie der junge Werther — Handwerker trugen ihn, kein Geistlicher hat ihn begleitet.