Broch Hermann: Die Schlafwandler

Der Roman Die Schlafwandler

Dieser Roman hat zur Voraussetzung, daß die Literatur mit jenem menschlichen Problemen sich zu befassen hat, die einesteils von der Wissenschaft ausgeschieden werden, weil sie einer rationalen Behandlung überhaupt nicht zugänglich sind und nur mehr in einem absterbenden philosophischen Feuilletonismus ein Scheinleben führen, anderseits mit jenen Problemen, deren Erfassung die Wissenschaft in ihrem langsameren, exakteren Fortschritt noch nicht erreicht hat. Der Besitzstand der Literatur zwischen dem „Nicht mehr“ und dem „Noch nicht“ [Eschweiler verweist auf die Quelle: Robert Musil] der Wissenschaft

ist solchermaßen eingeschränkter, aber auch sicherer geworden und umfaßt den ganzen Bereich des irrationalen Erlebens und zwar in dem Grenzgebiet, in welchem das irrationale als Tat in Erscheinung tritt und ausdrucksfähig und darstellbar wird. Es ergibt sich daraus die spezifische Aufgabe, aufzuweisen, wie das Traumhafte die Handlung bestimmt und wie auch das Geschehen immer wieder bereit ist, ins Traumhafte umzukippen. Das Schriftstellerische ist zu dieser Aufgabe legitimiert, da die dichterische Methode zum Unterschied von der Wissenschaft nicht mit den Worten vollzogen wird, die tatsächlich niedergeschrieben sind, sondern in der Herstellung einer Spannung zwischen Worten und Zeilen besteht, in einer Spannung, in der ihr eigentlicher Ausdruck liegt.

[…] Als Symbol dieses ganzen Aufbaus erweist sich die Person Bertrands, der als der eigentliche Held des gesamten Romans zu gelten hat. Bertrand, Vorläufer der Zeitentwicklung, hat den Hiatus (wenn auch nicht in einer Desertion, so doch in der Quittierung des Dienstes) bereits im Jahre 1888 vollzogen gehabt. Sein äußeres Leben ist daher das des modernen Menschen, Finanzmann großen Stils.

[…] Der Roman bemüht sich, diese choreographische Symmetrie auch in den Nebenfiguren, wie im ganzen Geschehen und in den Stimmungslagen zum Ausdruck zu bringen. Nicht zuletzt auch im Stil, der andererseits wieder von den drei Zeitepochen bestimmt ist. Nebenbei ergab sich hieraus die Notwendigkeit, jeden der drei Teile als abgesonderte Einzelerzählung aufzubauen – es versteht sich, daß die naturalistische, resp. Naturalistisch-psychologische Darstellung durch dies Architektonik, die aber sicherlich wesentlich ist zur Methode des Unausgesprochenen, nicht leiden durfte.

[Anm. HTH:  Brochs Darstellungen der Sachverhalte und Tatsachen der gewählten Zeitfenster 1888, 1903, 1918 erlauben tiefe Einblicke in die einzelnen Charaktere; dabei greift er aber nie zu tiefenpsychologischen Interpretationen.]