Ethische Konstruktion in den Schlafwandlern
Ethische Werte sind dem Inhalt nach relativ. Das „Göttliche“ ist soweit absoluter Wert als es Form ist, Form des mystischen Erlebens. Seine Realisationen dagegen, Realisationen des Glaubens in Formen von Kirchen und Kulten oder sonstigen Werthaltungen, sind relativ und sind dem Wandel des Empirischen und des Zeitlichen unterworfen; d.h. die können und müssen absterben. Überall dort, wo eine Realisation mit dem Anspruch auf Absolutheit auftritt, schlägt das Ethische ins Dogmatische-Moralische um. Der Mensch, der sich dem Dogmatischen unterwirft, kann alle guten moralischen Eigenschaften besitzen, aber er wird sich je weiter von einer wahrhaft ethischen Befreiung entfernen, je abgestorbener und dogmatischer die Werthaltungen sind, unter deren Herrschaft er sich begeben hat. Oder von anderer Seite her beleuchtet: ethische Werte gehen mit zunehmender Dogmatisierung und Moralisierung in ästhetische über – alles Revolutionäre ist ethisch, aber in seiner Äußerung unästhetisch, ja antiästhetisch, alles Konservative ist moralisch-dogmatisch, aber ästhetisch. Die „Freiheit“, auf die es letzten Endes in allem wahrhaft Ethischen Immer ankommt, nimmt auf überkommene Werte keine Rücksicht, der Begriff der Autonomie, in dem die Freiheit ihre logische Begründung erfährt, hat mit moralischen Haltungen nichts zu tun: gewiss ist diese Autonomie noch nicht die Erfüllung des letzten göttlichen Wertes, aber sie ist die alleinige Form, in der er sich erfüllen kann. (Alles weitgehend bei Kant vorbereitet, natürlich auch bei Platon und bei Augustinus; aber Belege kann ich mir ersparen.)