Graz Stadt der HerzensbrecherInnen

Von Anton Edler

Ein Stadtspaziergang am letzten Maientag 2026. Mir bricht das Herz. Ich komme mit dem Zug am Hauptbahnhof Graz an und will meine Landeshauptstadt an diesem Sonntag erbummeln. Kaum betrete ich die Bahnhofshalle, schlägt mir der Duft dehydrierter Seelen entgegen. Ich wundere mich, da sehe ich sie schon: Menschliche Wesen, gedemütigt vom Leben; arbeitslos, obdachlos, würdelos. Sie sitzen am Bahnhofsgelände wartend innen und außen, Männer wie Frauen. Einer steht auf, geht auf mich zu und fragt um 50 Cent. Ich habe mehrere dieser Münzen bei mir, wegen der Benützung von öffentlichen WC-Anlagen. Ich gebe, denn heute werde ich das neue WC am Bahnhof Graz nicht benützen.

Das Pissoir befindet sich in der Auslage. Jeder Bahnhofsgast kann mir beim Urinieren zuschauen. Das ist mir unangenehm, wähne mich in meiner Würde verletzt. Der Sinn dieser öffentlichen Zur-Schaustellung erschließt sich mir nicht. Ich betrete den Europaplatz und sehe sie direkt vor mir: die Grenzlinie. Sie trennt den ÖBB-Besitz vom Gemeindebesitz. Bis gestern (30. Mai) wusste ich nicht, dass falsches Gehen, Sitzen und Liegen auf der einen Seite (ÖBB) ‚Herumlungern‘ ist und ich des Platzes verwiesen werden kann, während auf der anderen Seite (Stadt Graz) dies durchaus erlaubt, wenn nicht sogar zu Erholungszwecken erwünscht ist. Ich sinniere, da steht eine verwahrloste junge Frau vor mir, trägt ihre letzten Habseligkeiten in einer großen Tasche mit sich. Mir bricht das Herz.

Es strömt zu viel Leid auf mich ein. Ich fahre mit der Straßenbahn zum Roseggerhaus. Ein Menschenfreund, Philanthrop im Sinne G.E. Lessings: „Der wahre Mensch ist der, der menschlich handelt.“ Schlendernd bewege ich mich Richtung Hauptplatz. Dort angekommen, springt mir scharfer Geruch entgegen: eine Urinlacke. Ich schaue und sehe eine dünne Menschen-Gestalt mit einem Mützenpullover über dem Kopf. Wahrscheinlich hat er nicht mehr halten können. Ich leide, da kommt ein junger Mann mit dick geschwollenen Händen auf mich zu und fragt um eine Zigarette. Leider, kann nicht dienlich sein, bin Nichtraucher. Eine Frau, Mitte vierzig, bietet ihm eine Zigarette und ein Gespräch am Brunnenrand an. Ich beobachte die Szene. Mir bricht das Herz.

Ich überquere die Gleise und komme bei der Haltestelle ‚Hauptplatz‘ vorbei. Da sehe ich sie wieder: Die junge Frau vom Bahnhof mit den dünnen Beinen, die Spazierstöcken gleichen. Mir bricht das Herz. Ich beschließe zur Erholung zum Schloss Eggenberg zu fahren. Dort angekommen, lese ich, dass für den Eintritt drei Euro zu bezahlen sind. Es würde dem Land Steiermark gehören, erklärt man mir und es müsse ja auch die Pflege der Parkanlage finanziert werden. Ein gebrochenes, vom Leben dehydriertes Herz, steht wieder vor verschlossenen Türen. 

Mitte Juni begibt sich der Autor wieder in seine hochgeschätzte Landeshauptstadt, um zu sehen, ob sich etwas verändert hat. Die öffentliche WC-Anlage beim Hauptbahnhof ist jetzt nicht mehr ganz frei einsehbar. Es wurde eine blickdichte Glasscheibe eingezogen. Ein kleiner Spalt bleibt, wer die Männer beim Urinieren beobachten will, kann das immer noch tun. Ich beschließe, den Metahofpark zu besuchen, hab da einiges gelesen

Tatsächlich: die Zeltplanen sind noch da, viele ausländische Kinder mit Erwachsenen Mitte 40, eine einzige WC-Anlage. Ob sie funktioniert, ich weiß es nicht. Als ich sie testen will, eilt ein Junge, etwa 12 Jahre alt, der Anlage entgegen. Ich deute, lasse ihm den Vortritt. Unangenehmer Geruch verbreitet sich, als die WC-Türe geöffnet wird. Ich gehe zum Ausgang, plötzlich lautes Wehgeschrei, ein ca. 4-jähriges Kind ist kollabiert. Die Eltern versuchen verzweifelt mit Wasser aus Plastikflaschen das reglose Kind zu beleben. Daneben befindet sich eine angesehene Firma, Leute eilen heraus und helfen den ausländischen Campern.

Die Lage beruhigt sich, zurück bleiben die Wasserflasche und Kinderschuhe (s. Foto). Ich bin geschockt, gehe zum Bahnhof zurück, sehe einen Mann mit Blindenstock auf die Bahnhofstüre zugehen. Er folgt dem Blindenleitsystem – eine Erfindung aus Graz, welche in die ganze Welt exportiert wurde – plötzlich bleibt es stehen, rudert mit dem Stock, geht weiter und läuft gegen die Glaswand neben der Eingangstür. Ein kurzes Zucken, eine schnelle Drehung und die Türe ist bezwungen. Ich staune, was ist da los? Ich sehe, dass das Blindenleitsystem vor der Türe nahezu 1,5 m lang jäh unterbrochen wird (s. Foto). Mich plagt die Frage nach dem Warum?

An diesem Tag beschließe ich, den Besuch zu beenden und fahre wieder nach Hause.

(Der Autor bürgt für die Richtigkeit der Angaben.)