20. Oktober 2026 – Elfriede Jelinek feiert heute ihren 80. Geburtstag.
„NEID (mein Abfall von allem)“ publizierte Elfriede Jelinek nach der Debatte über die Verleihung des Literaturnobelpreises 2004 als „Privatroman“ auf ihrer eigenen Webseite, wo er bis heute kostenlos abrufbar ist. „Sie selbst wies das als Ausdruck der eigenen Distanzierung vom Literaturbetrieb aus“, so ORF.at (19.10.206)

Hier die erste Seite original.elfriedejelinek.com
„1. Kleine Lebenswelten stürzen nach außen, die dazupassenden kleinen Lebensweisheiten nach innen. In der Mitte treffen sie einander. Touristische Aktivitäten zur Vermarktung von Kultur und Geschichte sollen, ausgerechnet an so einem Ort, plötzlich zusammengefügt werden wie kurzgeschlossene Drähte, bis sie, nicht einmal ein Auto in Gang setzend, funkensprühend, zischend zurückschlagen, um den Einzug in unser Fassungsvermögen ordentlich vorzubereiten, was bedeutet: Spaßfaktor! Spaßfaktor! Der wird gesucht, bitte, ich verdiene ja nichts daran, und Sie verdienen es nicht besser. Lesen Sie, daß ich dem Substandard zuzurechnen bin, das heißt, mir wird faktisch nichts mehr zugerechnet, denn ich habe schon alles und brauche nichts. Meine Größenordnung ist nicht alarmierend, aber ich bin doch ziemlich groß geworden, und ich sehe derzeit keine Nachfolgerin. Nein, ich sehe nur noch Nachfolgerinnen und bekämpfe sie entschlossen. Aber diese Gegend und diese Menschen brauchen ihre stille Reserve (ich brauche sie nicht!), die Größenordnungen dessen, was fehlt, sind nicht allzu alarmierend, und man muß ja bedenken, daß ein funktionierender Markt auch eine Mobilitätsreserve in Form von zeitweilig Arbeitslosen und/oder zeitweilig leerstehender Wohnungen benötigt, denn man muß die Arbeitslosen ja irgendwo hineintun, wo es noch leer ist, sonst stehen sie im Eck oder am Eck und spielen Geige, nur schlechter als ich oder Brigitte, von der die Rede ist, …“
ORF.at: „Spätestens mit dem Roman „Die Klavierspielerin“ (1983), der von Michael Haneke 2001 verfilmt wurde, ist Elfriede Jelinek zu einer der bekanntesten und streitbarsten Schriftstellerinnen im deutschsprachigen Raum avanciert. … Die Stadt Wien, deren Ehrenbürgerin Jelinek ist, hat jüngst einen Teilvorlass ihres Werks um 600.000 Euro erworben – Manuskripte, Korrespondenzen und Lebensdokumente gehen an die Wienbibliothek im Rathaus.“
[Anmerkung HTH: Vermutlich war ich 1989 der erste Deutsch-Lektor in Moskau, der ein Buch von Jelinek in der Sowjetunion eingeführt hat. An der Linguistik Universität stellte ich meinen Studenten Jelineks „Klavierspielerin“ gemeinsam mit Bernhards „Untergeher“ vor. Laut Jelinek-Forschungszentrum gibt es erst seit 2006 russische Übersetzungen ihrer Texte. Meine Vorliebe galt immer Thomas Bernhard. Ich erlaube mir die subjektive Einschätzung, dass Jelinek ohne die Haneke-Verfilmung vom Nobelpreis-Komitee gar nicht bemerkt worden wäre.]
KI schreibt: Die Klavierspielerin erzählt von der Klavierprofessorin Erika Kohut, die unter dem Einfluss ihrer kontrollsüchtigen Mutter lebt und eine zutiefst unterdrückte, von masochistischen Neigungen geprägte Persönlichkeit entwickelt. Der Film beeindruckt mit Isabelle Hupperts präziser und gnadenloser Darstellung, Michael Hanekes kühler Inszenierung und einer intensiven Verbindung von Musik und psychologischer Tiefe. Die vielfach preisgekrönte Adaption von Elfriede Jelineks Roman erhielt in Cannes den Großen Preis der Jury sowie Darstellerpreise und wird von Kritikern als provokantes, visuell elegantes Psychodrama gewürdigt.
Trailer DIE KLAVIERSPIELERIN – Michael Haneke /// 2001 /// Drama
Milan Kundera schrieb 1990: „Heutzutage stürzt man sich auf alles, was je geschrieben worden ist, um es in einen Film, eine Fernsehsendung oder einen Comic zu verwandeln. Da das Wesentliche in einem Roman aber das ist, was sich nicht anders als durch einen Roman ausdrücken lässt, bleibt in jeder Adaption nur das Unwesentliche enthalten. Wenn jemand verrückt genug ist, heute noch Romane zu schreiben, muss er sie, wenn er sie schützen will, so schreiben, dass sie sich nicht adaptieren lassen, mit anderen Worten, dass man sie nicht erzählen kann.“ (Unsterblichkeit, S. 289)