Fuchs Ernst: Phantastisches Leben

ERLEBNISSE

„Die Masse verursacht die Vereinzelung des Künstlers und sein seltsames Hervortreten aus der Gesellschaft. Sie bringt auch das schwer zu bewertende Lob seines Werkes hervor, das über Generationen hin wirksam bleibt.“ (58)

„Der Philosoph mag sich immer wieder fragen: Wie kann das eine ohne das andere sein, wie kann das Immaterielle doch Etwas sein? Eine Antwort ist nur im Glauben an den Geist zu finden. Glaube aber gründet in der Vision, die allzu oft als Gegenwelt in Erscheinung tritt.“ (59)

„Meine Mutter war immer bei mir und der beste Spielgefährte, … Und wenn ich es später bewußt bedachte, wußte ich immer, erkannte es mit tiefer Freude, daß Gott mir keine bessere Mutter hätte finden können … Mein Vater hingegen war der Held, der alles wußte und erklären konnte, wonach ich ihn fragte. Er hatte die englische Sprache erlernt und lehrte mich, sie zu sprechen, schon in ganz jungen Jahren.“ (71) So verschiedenartig sie waren, sowenig sie zueinander paßten (wie ich viel später, als mein Vater 1939 nach Shanghai emigrierte, begriffen habe), für mich waren sie eine Person; alle ihre gegenseitigen Spannungen fühlte ich in mir“ (72)

„Ich war stolz, als Jude zu gelten, auch wenn ich darunter zu leiden hatte. Nie habe ich meine Abstammung verleugnet.“ (83)

„Als ich 1942 getauft werden sollte und Taufunterricht in der Pfarre St. Thekla erhielt, verstand ich Jesu Wesen und Leben als eminent jüdisch und war begeistert von allem, was ich über ihn hörte und lernte.“ (84)

„Mir wurde schon 1946 klar, daß ich geborener Symbolist war. Mein Interesse an Experimenten war übergroß. Technisch wie formal gab es nichts, was ich an Einflüssen nicht in mich aufgenommen und durchgemacht hätte. […] Mein Lehrer Albert Paris Gütersloh nahm dies schmunzelnd zur Kenntnis.“ (112 f)

„…meine Moral bestand in dem Bekenntnis, gefallen zu wollen, wirken zu wollen und meine Kunst auch zu verkaufen. […] Haben denn die Künstler aller Epochen nicht davon gelebt, Aufträge anzunehmen und Wünsche zu erfüllen? […] Dieser Dünkel der Moderne brachte die Kultur Europas zu Fall. Wie falsch ist doch das moralisierende Getue der Kunstgelehrten! Es strotzt vor unfreiwilliger Komik.“ (119)

„Nie wieder sollte eine Frau die Macht haben, mich zu verstoßen. Immer mußte ich auch eine andere haben, um mich vor dem Schlimmsten, dem Verlust der Geliebten, zu bewahren. Wie blöde, wie krankhaft und sinnlos war diese prophylaktische Haltung.“ (139)

„Die Rollen, die wir spielen, sind schon geschrieben. Nicht vorher, nicht nachher, sie sind da durch unser Sein im ewigen Jetzt“. (145)

„Jedes Bild ist eine Sphinx. Das Leben zu beschreiben in Erinnerung an das Einst, ist sehr verschieden vom Bilderschauen, Bildermachen, Tempelbauen. Und weil alle Künste so unvereinbar scheinen und doch dem Menschsein dienen, gilt all mein Streben und Leben dem Erschaffen des Gesamtkunstwerkes, dem Zeugnis ästhetischen Erlebens im All-Sein.“ (145)

„In den ersten Jahren in Paris hatte ich jede Verantwortung von mir gewiesen, doch mein Gewissen konnte ich nicht beschwichtigen: Die Freiheit, die ich suchte, wurde mir zum Gefängnis.“ (191)

„Die Wiener Krankheiten: Neid und Bosheit. Nirgendwo, in keiner Stadt der Welt, habe ich da, wo das Künstlervolk sich traf, soviel Eifersucht, Haß und Neid getroffen wie in der Wiener Bohème. Was das anging, war vor allem Kalifornien geradezu ein Paradies.“ (346f)