Pellets: Science & Evidence

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Pro & Contra Holzbiomasse aus Sicht verschiedener Wissenschafter

Pellets. Kapitel 5 +++ Wissenschafter sind Menschen wie du und ich. Manche wollen nur ihrer Arbeit nachgehen – im Idealfall der Forschung und Lehre, im Realfall auch der Bewältigung ständig wachsender Bürokratie – manche aber wollen darüber hinaus etwas bewirken. Viele von ihnen schreiben dann Briefe an einen Politiker. Um die Wirkung zu erhöhen, unterzeichnen oft hunderte Wissenschafter einen Brief, den sie an dutzende Spitzenpolitiker senden und gleichzeitig den Medien zuspielen. Ob die Inhalte dieser Briefe damit wissenschaftlicher oder bedeutender werden, darf bezweifelt werden. Doch offenbar herrscht ein weit verbreiteter Glaube, dass ein Brief mit 100 Unterschriften unglaublichen Einfluss ausübt – einen mächtigen Impact hat, um es mit einem englischen Terminus zu formulieren, der zwar nichts anderes bedeutet, aber in der Scientific Community viel bedeutender klingt.

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Seit einigen Jahren engagieren sich zahlreiche Wissenschafter für oder gegen die Verwendung von Biomasse zur Energie-Erzeugung. Ohne konkreten Adressaten, gleichsam an die ganze Menschheit gerichtet, blieb das Paper „Science Fundamentals of Forest Biomass Carbon Accounting“, publiziert auf NAUFRP.org im November 2019 und signiert von 100 Wissenschaftern. Hinter dem sperrigen Akronym verbirgt sich eine Vereinigung von 80 amerikanischen Forsthochschulen und Universitäten, the National Association of University Forest Resources Programs. Auf der Webseite dieser Organisation staatlicher Universitäten werden Partnerschaften mit Interessenverbänden aus der Wirtschaft offengelegt, darunter American Forest and Paper Association, Forest Landowners Association, National Alliance of Forest Owners, aber auch National Association of State Foresters.

Im Folgenden vier Grundlagen mit welchen die Wissenschafter den Politikern objektive und glaubwürdige Entscheidungen ermöglichen wollen. (Dieses und weitere Dokumente auf Deutsch in Übersetzungen des Autors.)

Gundsätze der Vereinigung amerikanischer Forsthochschulen

„Grundlage 1: […] Die langfristigen Vorteile der Energie aus Waldbiomasse sind in der Wissenschaftsliteratur allgemein bekannt. So heißt es im vierten Bewertungsbericht des Zwischenstaatlichen Ausschusses für Klimaänderungen: ‚Langfristig wird eine nachhaltige Strategie der Waldbewirtschaftung, die darauf abzielt, die Kohlenstoffspeicher in den Wäldern zu erhalten oder zu erhöhen und gleichzeitig einen jährlichen nachhaltigen Ertrag an Holz, Fasern oder Energie aus dem Wald zu erzielen, den größten nachhaltigen Beitrag zur CO2 Verminderung leisten.‘ In den meisten Debatten über den Kohlenstoffvorteil der Energie aus Waldbiomasse geht es darum, die Zeitspanne der Vorteile zu messen, und nicht darum, ob sie überhaupt existieren.

Grundlage 2: Bei der Messung des Kohlenstoffvorteils von Energie aus Waldbiomasse müssen die kumulativen Kohlenstoff-Emissionen langfristig berücksichtigt werden. Die wirksamsten Maßnahmen zur CO2-Verminderung sind jene, die die Kohlenstoff-Ansammlung in der Atmosphäre im Laufe der Zeit reduzieren. Energie aus Waldbiomasse führt im Laufe der Zeit im Vergleich zu fossilen Brennstoffen zu einem signifikanten Nettorückgang der gesamten Kohlenstoff-Akkumulation in der Atmosphäre. Vergleiche zwischen Emissionen aus Waldbiomasse und aus fossilen Brennstoffen zum Zeitpunkt der Verbrennung und für kurze Zeit danach berücksichtigen die langfristige Kohlenstoff-Ansammlung in der Atmosphäre nicht. Sie entstellen oder ignorieren die vergleichbaren Kohlenstoffauswirkungen über einen längeren Zeitraum.

Grundlage 3: Ein genauer Vergleich der Kohlenstoff-Auswirkungen von Energie aus Waldbiomasse mit denen anderer Energiequellen erfordert die Verwendung konsistenter Zeitrahmen. Der häufigste Zeitrahmen für die Messung der Auswirkungen von Treibhausgasen beträgt 100 Jahre, wie die weit verbreitete Nutzung von 100-Jahres Potenzialen der globalen Erwärmung zeigt. Dieser Zeitrahmen ermöglicht eine genauere Erfassung der kumulativen Emissionen als kürzere Intervalle. […]

Grundlage 4: Wirtschaftliche Faktoren beeinflussen die CO2-Auswirkungen der Energie aus Waldbiomasse. Die Forschung zeigt, dass die Nachfrage nach Holz dazu beiträgt, den Wald zu erhalten und Anreize für Investitionen in neue und produktivere Wälder schafft, die alle erhebliche Kohlenstoffvorteile haben. Dies gilt insbesondere dann, wenn Grundbesitzer in Erwartung der künftigen Marktnachfrage investieren. Ebenso beeinflussen Holzmärkte sowohl die Verfügbarkeit von Holz als auch die Art von Holz, das für Energie aus Biomasse verwendet wird. So werden große Bäume, die besser für höherwertige Produkte geeignet sind, in der Regel nicht für Energie genutzt. Die Frage, wie Grundbesitzer auf die Märkte reagieren, ist von wesentlicher Bedeutung, um die langfristigen CO2-Auswirkungen der Energiegewinnung aus Waldbiomasse vollständig zu berechnen. Wenn die Auswirkungen der Märkte und Investitionen auf den CO2-Ausstoß nicht berücksichtigt werden, kann dies die Charakterisierung der Kohlenstoffauswirkungen aus der Biomasse-Energie verzerren. […]“

EASAC über CO2-Bilanz: Kohle besser als Biomasse

Besonders engagiert kämpft Professor Michael Norton, Direktor des Umwelt-Programms der EASAC, gegen den zunehmenden Verbrauch von Biomasse zur Energiegewinnung. European Academies’ Science Advisory Council vereinigt nationale Akademien der Wissenschaften der EU-Länder, sowie aus der Schweiz, Norwegen und Großbritannien. Am 22. August 2019 erschien unter Federführung von Professor Norton das EASAC-Paper „Serious mismatches continue between science and policy in forest bioenergy„.

Schon einleitend wird die Marschrichtung gegen die herrschende Klima-Politik vorgegeben: „Dieser Überblick, der auf den jüngsten Arbeiten der europäischen Akademien der Wissenschaften basiert, stellt fest, dass die derzeitige Politik unfähig ist anzuerkennen, dass die Beseitigung der Kohlenstoffspeicher in Wäldern für die Bioenergienutzung zu einem initialen Anstieg der Emissionen führt. […] Die Dauer des Anstiegs der CO2-Konzentrationen in der Atmosphäre hängt in hohem Maße von den Rohstoffen ab, und wir plädieren dafür, dass Vorschriften ausdrücklich Vorkommen mit kurzen Tilgungszeiten (english: payback periods) verlangen. Darüber hinaus beschreiben wir das derzeitige Rahmenübereinkommen der Vereinten Nationen zur Berechnung von Klimaveränderungen, das es erlaubt, importierte Biomasse zum Zeitpunkt der Verbrennung als Null-Emissionen zu behandeln, und drängen auf eine Überarbeitung, um das Risiko zu beseitigen, Anreize für den Import von Biomasse zu schaffen, die zu negativen Klimaauswirkungen führen. […] Das Konzept der ‚Kohlenstoffneutralität‘ ist eine grobe Falschdarstellung der CO2-Bilanz der Atmosphäre, da es die Laufzeit des Photosynthese-Prozesses ignoriert, die mehrere Jahrzehnte dauert, bis Bäume zur Reife gelangen. Darauf wurde wiederholt hingewiesen.“

Konkret wird auf acht Publikationen verwiesen, die von Co-Autoren dieser Dokumentation stammen. „Wie auch immer, wir konzentrieren uns in dieser Untersuchung auf die zentrale Frage, ob die industrielle Nutzung von Waldbiomasse positive oder negative Auswirkungen auf den Klimaschutz hat und ob dies in der Politik der erneuerbaren Energien angemessen anerkannt wird.“ Trotz diesem rhetorischen Bekenntnis zur Ausgewogenheit bleiben die folgenden sieben Punkte auf die negativen Auswirkungen fokussiert:

„1. Holzbiomasse enthält weniger Energie als Kohle, so dass die CO2-Emissionen für die gleiche Energieleistung höher sind (Holzpellets 9.6–12.2 GJ/m3; Kohle 18.4–23.8 GJ/m3; IEABioenergy, 2017). In Kombination mit dem Energiebedarf, der sich aus diffusen Quellen und Zwischenbehandlungen (Trocknen und Pelletieren) zusammensetzt, führt der Ersatz fossiler Brennstoffe bei der Stromerzeugung zu einem signifikanten Anstieg der CO2-Emissionen pro kWh. Der Nettoeffekt durch die Umstellung auf Biomasse besteht in der Regel darin, die Emissionen zu erhöhen und damit die CO2-Werte in der Atmosphäre zu erhöhen. Dies ist der umgekehrte Effekt zu den ursprünglichen Zielen der EU-Direktive RED, die Treibhausgas-Emissionen zu verringern.

2. Biomasse wird als erneuerbar behandelt, da davon ausgegangen wird, dass das emittierte CO2 wieder absorbiert wird. Die Verbrennung von Waldbiomasse überträgt jedoch den Kohlenstoff aus dem Waldbestand innerhalb weniger Minuten in die Atmosphäre, und zwischen dieser initialen Freisetzung und der Wiederherstellung der Kohlenstoffspeicher durch Nachwachsen des Waldes gibt es eine ‚Tilgungszeit‘ für Kohlenstoff. Die Amortisationszeit kann einige Jahren betragen, wenn forstwirtschaftliche Rückstände den Rohstoff liefern. Wenn jedoch zusätzliche Bäume geerntet werden, hängen die Amortisationszeiten von den Arten und Bedingungen des Nachwachsens ab, die Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte dauern können. Gemäß einiger Szenarien kann der im ursprünglichen Waldbestand vorhandene Kohlenstoff nie zurückgewonnen werden. Das bedeutet, dass das Konzept der CO2-Neutralität sowohl unsicher als auch stark zeit- und kontextabhängig ist.

3. […] Das Übereinkommen von Paris verpflichtet sich, ‚die Bemühungen fortzusetzen, den Temperaturanstieg weiterhin auf 1,5° C zu begrenzen‘. Angesichts der Tatsache, dass der Zwischenstaatliche Ausschuss für Klimaänderungen davon ausgeht, dass die durchschnittlichen Oberflächentemperaturen zwischen 2030 und 2052 aufgrund der aktuellen Trends voraussichtlich 1,5° C überschreiten werden, erhöhen Amortisationszeiten von Jahrzehnten das Risiko, die Ziele des Pariser Abkommens zu überschreiten.

4. Die Bewertung der Nettoeffekte des Umstiegs von Kohle auf Waldbiomasse erfordert einen ganzheitlichen Ansatz, bei dem Kohlenstoffflüsse entlang des gesamten Lebenszyklus (einschließlich Verbrennungsemissionen) im Bioenergieszenario mit Kohlenstoffflüssen verglichen werden, wenn keine erhöhte Ernte für Bioenergie vorliegt (ein Referenz- oder kontrafaktisches Szenario). Diese Analysen sollten die Verringerung des Kohlenstoffspeichers der geernteten Wälder umfassen. Viele dieser Studien haben gezeigt, dass nur Rückstände aus der traditionellen Forstwirtschaft (d. h. Reste nach Verwendung für Holz, Pappe, Papier usw.) oder natürlich schnell verrottendes Holz infolge des Waldsterbens durch Krankheiten oder Feuer eine Amortisationszeit von nur wenigen Jahren haben. Im Gegensatz dazu erhöht die zunehmende Waldernte von Stammholz (ob Ausdünnung oder Kahlschlag) die atmosphärischen CO2-Werte für Jahrzehnte bis Jahrhunderte, abhängig von den kontrafaktischen Szenarien.

5. Selbst die kürzesten Amortisationszeiten sind ungünstig im Vergleich mit denen von Solar- und Windenergie, die innerhalb von Monaten bis zu einigen Jahren Netto-CO2-Emissionseinsparungen bringen. Biomasse ist daher relativ unwirksam bei der Verringerung der CO2-Emissionen; dennoch wird sie in Verordnungen gleich behandelt, und umfasst in einigen EU-Ländern den größten Teil der Subventionen für erneuerbare Energien.

6. Nachhaltigkeitskriterien in den RED-Vorschriften inkludieren Bedingungen, dass Biomasse einen vorgegebenen Prozentsatz von Treibhausgasemissionen im Vergleich zu fossilen Brennstoffen erreichen sollte. Dies kann leicht falsch interpretiert werden, in dem Sinne, dass der Wechsel von Kohle zu Holz automatisch als Klimavorteil gilt. […] Es wird selten darauf hingewiesen, dass sich diese Angaben lediglich auf die Emissionen entlang der Lieferkette beschränken (Fällung, Transport, Trocknung, Pelletierung, Schifffahrt), was geringere Emissionen als die Verbrennung von Kohle verursacht, doch die Kohlenstoff-Emissionen bei der Verbrennung des Holzes werden dabei ignoriert.

7. Die Berechnungsvorschriften der UNFCCC [Anm: Unated Nations Framework Convention on Climate Change], die es einem Einfuhrland erlauben, Emissionen aus Biomasse als Null zu zählen, basieren auf der Annahme, dass die Verringerung der forstwirtschaftlichen Biomasse in den LULUCF-Statistiken des Ausfuhrlandes berücksichtigt wird. [Anm: Land Use, Land-Use Change and Forestry, LULUCF, erfasst in der CO2-Bilanz alle Hölzer am Ort, wo sie gefällt werden.] Da die Umsetzung und Überprüfung dieser Statistiken von Land zu Land sehr unterschiedlich ist, fehlt es bei der Abstimmung zwischen der Verringerung des Kohlenstoffbestands und den Emissionen am Verbrennungsort an Transparenz. Die Emissionsberichterstattung kann daher höchst irreführend sein, da das Einfuhrland die Biomasse-Emissionen als Null und als Verringerung seines nationalen Emissionsinventars erfassen wird, auch wenn der Nettoeffekt beim Wechsel von Kohle auf Biomassepellets für Jahrzehnte darin bestehen könnte, die CO2-Werte in der Atmosphäre zu erhöhen.“

Nur wenige Wochen nach Publikation dieses Papers wird EASAC wieder aktiv und fordert „internationale Maßnahmen zur Einschränkung klimaschädlicher Bioenergieprogramme für Wälder“. Der Artikel stellt die rhetorische Frage „Forest biomass used for bioenergy – good or bad for the climate?“ und liefert Antworten, die sich weitgehend mit dem oben zitierten Paper decken. Man muss ergänzen: Die Forderungen gehen auch von den selben Fragestellungen aus, so dass keine neuen Antworten zu erwarten waren. Zwei Monate später folgt die Aussendung „Leading Scientists Warn: Wood Pellets Threat to Climate – ‚No Silver Pellet‚“ mit dem dramatischen Einstieg: „Die Verbrennung von Waldbiomasse für Strom und Wärme wird als intelligente Möglichkeit für Europa angepriesen, um seine Klimaziele zu erreichen. Aber vor allem Holzpellets setzen mehr Kohlenstoff frei als Kohle pro erzeugter Stromeinheit“, und der Beweis wird sogleich am Silbertablett serviert: „wie eine Reihe von Berichten des Wissenschaftsbeirats der Europäischen Akademien (EASAC) zeigt.“

Zuletzt hat EASAC den neuesten JRC-Report gelobt, denn er trage zur „Schärfung der Argumente für kürzere Amortisationszeiten“ bei. EASAC-Mastermind Michael Norton kommentiert persönlich: „JRC zeigt, wie die Milliarden an öffentlichen Subventionen zur Konversion von Biomasse die Kohlenstoffemissionen über viele Jahrzehnte verschlechtern. Wir müssen der Wissenschaft mehr Aufmerksamkeit schenken und sicherstellen, dass sich die öffentlichen Subventionen auf kohlenstoffarme Energietechnologien konzentrieren, die den Klimawandel tatsächlich abschwächen.“

JRC-Studie will Debatte über Biomasse entgiften

In der zitierten Studie steht wörtlich: „Dieser Bericht enthält Einschränkungen in Bezug auf Fragen der Nachhaltigkeit. […] Von allen Facetten der Nachhaltigkeit von Bioenergie aus Wäldern konzentrieren wir uns auf die beiden Themen Klimawandel und Gesundheit der Ökosysteme. Daher klammern wir viele andere Aspekte aus, die eine umfassendere Nachhaltigkeit der Bioenergie charakterisieren, wie die Rolle der Bioenergie bei der Stabilisierung des Stromnetzes; Energiesicherheit; Entwicklung des ländlichen Raums, Einkommen und Beschäftigung; andere Umweltauswirkungen wie Luftverschmutzung; andere Klimaverschärfer, die nicht relevant für die Treibhausgase sind.“

Im Januar 2021 legte das Joint Research Center (JRC) die viel zitierte Untersuchung „The use of woody biomass for energy production in the EU“ vor. Auf 180 Seiten bemühen sich die Autoren, Pro und Contra auszuleuchten. Dies eröffnet allen Seiten die Chance, genau jene Argumente herauszugreifen, welche die eigene Position verstärken, und andere unter den Tisch fallen zu lassen. Dieses Kapitel kann nur eine kleine Auswahl aus dem umfangreichen Werk bringen und soll dem Ansinnen der Studienautoren entsprechen, „die Debatte über die Nachhaltigkeit der holzbasierten Bioenergie zu entgiften.“

JRC ist das offizielle Forschungscenter der EU mit folgenden Aufgaben: „Wissen schaffen, managen und erklären um die Politik mit unabhängiger Evidenz zu versorgen; […] neu auftretende Probleme antizipieren, die auf EU-Ebene angegangen werden müssen; Know-how Transfer unter EU-Ländern, der Wissenschaft und internationalen Partnern; […] Euratom-finanzierte Forschung über nukleare Sicherheit um zum Übergang zu einer CO2-freien Wirtschaft beizutragen.“ In die vorliegende Studie sind auch Daten des ENFIN (the European National Forest Inventory Network) eingeflossen.

Als Service für Nicht-Experten liefert die Studie Basis-Informationen darüber, was eigentlich ein Wald ist (Flächen, größer als 0,5 Hektar mit Bäumen über fünf Meter Höhe und einem Kronendach über 10 Prozent) und definiert die folgenden Begriffe:

Einschlag (fellings) – das Volumen aller gefällten, lebenden oder toten Bäume aller Durchmesser, inklusive Rinde, während einer vorgegebenen Periode.

Entnahmen (removals) – das Volumen aller lebenden oder toten Bäume, die aus dem Wald entfernt wurden, inklusive Nicht-Stammholz wie Stümpfe und Äste, Schadholz und natürliche Verluste (Feuer).

Schadholzverwertung (salvage loggings) – Aufarbeitung aller Waldschäden infolge von Naturkatastrophen.

Rundholz (roundwood) – Holz, inklusive Äste, Wurzeln, Stümpfe und Rinde, das gespalten als Brennholz oder zur Herstellung von Holzkohle verwendet wird; Synonyme: Primärholz, oder primäre Holzbiomasse.

Brennholz (fuelwood) – Rundholz als Brennstoff zum Kochen, Heizen oder zur Stromerzeugung hergestellt aus Stämmen, Zweigen und anderen Teilen der Bäume; außerdem Hackschnitzel und Holzpellets.

Industrielles Rundholz (indstrial roundwood) – Rundholz zur Verarbeitung von Sägeholz, Furnierholz, Zellstoff.

Primärholz (primary wood auch: primary woody biomass) – Holzbiomasse, die direkt aus dem Wald kommt.

Sekundärholz, meist: Sekundäre Holzbiomasse (secondary wood, secondary woody biomass) – Nebenprodukte der Holzverarbeitung wie Sägespäne, Hackschnitzel oder Schwarzlauge, die bei der Erzeugung von Zellulose entsteht, sowie Rinde und Post-Consumer-Holz.

Das Kapitel „Woody biomass for energy“ verweist auf die Komplexität des Themas: „Wälder bieten eine breite Palette von Dienstleistungen für das Ökosystem, wie Kohlenstoffspeicherung und -absonderung, Bereitstellung von Lebensraum, Wasserregulierung (Qualität, Quantität, Durchfluss), Regulierung der Luftqualität, Kontrolle der Bodenerosion, Erholung, Holz und Nichtholzprodukte.“

Die gesamte Waldfläche der EU hat sich seit 1990 stetig ausgedehnt und umfasste im Jahr 2020 in den 27 EU-Ländern 159 Millionen Hektar, das sind 39,8 Prozent der gesamten Landfläche. Davon sind 17 Millionen Hektar – vorwiegend in den mediterranen Ländern – Niederwald (coppice forests). Der Ausgangspunkt im Jahr 1990 lag bei rund 141 Millionen Hektar. Die Untersuchungen ergeben einen jährlichen Brutto-Zuwachs von 1.099 Millionen m3 und ein natürliches Absterben von 134 Millionen, somit verbleiben 965 Millionen m3. Die Erklärung im Original: „The average NAI of the total above ground biomass in FAWS, which means adding the net annual increment of OWC was some 965 Mm3“.

Der Poet H.C. Artmann, der in diesem Jahr 100 Jahre alt geworden wäre, hätte wahrscheinlich gedichtet: „Die Wissenschaft und ihre Liebe zur Akronymie“, wenn er diese Zeile gelesen hätte. Hier ganz prosaisch die Übersetzungen: Net Annual Increment (NAI) ist der Nettojahreszuwachs; Forest Available for Wood Supply (FAWS) ist der für die Holzversorgung verfügbare Wald; Other Wood Components (OWC) – andere Holzkomponenten sind Baumspitzen und Äste. Zusammengefasst und auf Deutsch: Der durchschnittliche Nettozuwachs der gesamten oberirdischen Biomasse des für die Holzverarbeitung verfügbaren Waldes inklusive Ästen und Baumwipfel beträgt etwa 965 Millionen Kubikmeter pro Jahr.

Pellets Forest Stemwood

Figure 4. Increment, fellings and removals in the EU forest area available for wood supply; average values in Mm3/yr for the period 2004-2013. Source: Camia et al. 2018

Dazu die Autoren: „Nach Auswertung der von Eurostat gemeldeten Holzentnahmen [Removals] mit allometrischen Modellen sowie von Ergebnissen der Fachliteratur schätzten wir, dass in den betrachteten zehn Jahren durchschnittlich 610 Millionen m3 pro Jahr gefällt wurden, von denen 486 Millionen m3 verwertet wurden, während 124 Millionen m3, d. h. 20 Prozent, als Holzrückstände im Wald zurückgelassen wurden. Die Entnahmen umfassen 421 Millionen m3 Stammholz (87%) und 65 Millionen m3 Restholz (13%).“

Es scheint, dass die Autoren der Studie von dem positiven Ergebnis überrascht waren, offensichtlich ist, dass sie daraus keine positiven Zukunftsaussichten und entsprechende Empfehlungen an die Regierungen der EU ableiten wollten. Im Gegenteil, die Politiker werden aufgefordert, diese Zahlen mit Vorsicht zu genießen: „Wie bereits erwähnt, basiert diese Übersicht auf veröffentlichten Quellen. Es ist jedoch wichtig, daran zu erinnern, dass die Statistiken über Entnahmen und Einschläge hohen Unsicherheiten unterliegen.“

Dementsprechend ambivalent sind die Schlussfolgerungen: „Die Daten deuten auf eine zunehmende Gesamtnutzung von Holzbiomasse und eine zunehmende Nutzung von Holzbiomasse für den Energieverbrauch in der EU hin, obwohl sich der Anstieg des Energieverbrauchs seit 2013 verlangsamt hat. Primärholz (Holzbiomasse, die direkt aus Wäldern oder außerhalb von Wäldern entnommen wird, ohne weitere Behandlungen oder Umwandlungen) macht mindestens 37 Prozent des EU-Holzes für den Energieeinsatz aus. Wir schätzten, dass etwa 47 Prozent dieses Primärholzes aus Stammholz bestehen, während die restlichen 53 Prozent andere Holzbestandteile sind. Es kann davon ausgegangen werden, dass mindestens die Hälfte des für Bioenergie in der EU entnommenen Stammholzs direkt aus Niederwald [coppice forests] stammt. Sekundärholz macht etwa 49 Prozent des EU-Holzes für den Energieeinsatz aus. Die restlichen 14 Prozent des Input-Mix sind in den gemeldeten Statistiken nicht kategorisiert und können daher weder primär noch sekundär direkt zugeordnet werden. Unsere Analyse zeigt jedoch eindeutig, dass die Kategorie des nicht kategorisierten Holzes, das für Energie verwendet wird, eher aus Primärholz besteht als aus Sekundärholz.“

Eindeutig oder eher? Ist es der eindeutige Auftrag des Joint Research Center, „die Politik mit unabhängiger Evidenz zu versorgen“ oder doch eher „neu auftretende Probleme zu antizipieren, die auf EU-Ebene angegangen werden müssen“? Vielleicht können folgende Zitate aus dem Executive Summary zur Beantwortung dieser Frage beitragen.

„Die Neufassung der Richtlinie über erneuerbare Energien (Richtlinie 2018/2001, bekannt als RED II), die von den Mitgliedstaaten bis Juni 2021 umgesetzt werden soll, stärkt die EU-Nachhaltigkeitskriterien für Bioenergie, indem sie ihren Anwendungsbereich auf feste Biomasse und Biogas ausdehnt, die in großflächigen Heiz-/Kühl- und Elektrizitätsanlagen verwendet werden. RED II enthält Mindestgrenzwerte für Treibhausgas-Emissionen von Biokraftstoffen, Biomasse in Wärme und Strom, sowie Mindest-Effizienzkriterien für Anlagen, die nur Biostrom produzieren.“

„Die EU-Gesetzgebung fokussiert die Definition von ökologisch nachhaltiger Bioenergie auf die Erhaltung der biologischen Vielfalt und die Eindämmung des Klimawandels, da Bioenergie an der Schnittstelle von zwei der wichtigsten Umweltkrisen des 21. Jahrhunderts steht: Biodiversität und Klimakatastrophen. Holzbasierte Bioenergie hat das Potenzial, einen Teil der Lösung für beide Krisen zu liefern, aber nur, wenn Biomasse nachhaltig erzeugt (und effizient genutzt) wird. Dies ist besonders wichtig, wenn man bedenkt, dass die Waldökosysteme in Europa im Allgemeinen nicht in gutem Zustand sind.“

„In unserer quantitativen Analyse betrachten wir holzbasierte Bioenergie als Teil der breiteren Waldbioökonomie, also im Kontext einer nachhaltigen Waldbewirtschaftung und der wachsenden Nachfrage Holz-Produkten und die Produktion von Bioenergie, obwohl zu beachten ist, dass Marktkräfte und wirtschaftliche oder sozioökonomische Faktoren nicht Teil dieser Analyse sind. […] Die Ergebnisse dieser Analyse zeigen eine zunehmende Gesamtnutzung von Holzbiomasse in der EU in den letzten zwei Jahrzehnten (etwa 20 Prozent seit 2000), mit Ausnahme eines deutlichen Tiefstands, der nach der Finanzkrise von 2008 festgestellt wurde. In ähnlicher Weise hat die Teilmenge der Holzbiomasse, die für den spezifischen Zweck der Energie verwendet wird, bis 2013 einen zunehmenden Trend verfolgt (etwa 87 Prozent von 2000-2013), danach hat sich das Wachstum verlangsamt.“

„Nach unserer Analyse basiert die Bionergie-Erzeugung auf Holzbasis zu einem großen Teil auf sekundärer Holzbiomasse (waldbasierte Industrienebenprodukte und wiederverwertetes Post-Consumer-Holz), das fast die Hälfte des gemeldeten Holzverbrauchs ausmacht (49 Prozent). [Anm: EASAC Defintion von Post-Consumer-Holz: Altholz aus Transport (Paletten), Privathaushalten, sowie Altholz, das beim Bau oder Abbruch von Gebäuden oder aus Tiefbauarbeiten entsteht, geeignet für die Verwendung als Brennstoff oder zur Herstellung von Holzpellets und Spanplatten.] Primäre Holzbiomasse (Stammholz, Baumkronen, Äste usw., die aus Wäldern geerntet werden) machen mindestens 37 Prozent des EU-Inputmixes von Holz für die Energieerzeugung aus. Die restlichen 14 Prozent sind in den gemeldeten Statistiken nicht kategorisiert, d. h. sie werden weder als primäre noch als sekundäre Quelle klassifiziert. Basierend auf unserer Analyse der Holzbiomasse-Verläufe ist die Quelle eher Primärholz. Holzpellets-Importe spielen in der EU nach dem Brexit eine untergeordnete Rolle.“

„Was die politischen Folgerungen unserer Ergebnisse betrifft, so berücksichtigen wir zunächst die geltenden Klima- und Energiegesetze und die Verflechtungen zwischen diesen, da es immer noch Missverständnisse in der wissenschaftlichen Literatur und in der öffentlichen Debatte gibt. Die Neufassung der Erneuerbare-Energien-Richtlinie (RED II-Direktive 2018/2001) geht von Nullemissionen zum Zeitpunkt der Biomasse-Verbrennung aus. Bioenergie wird im Energiesektor nicht ausgewiesen, da diese Emissionen bereits im LULUCF-Sektor (Verordnung 2018/841) als Veränderung der Kohlenstoffvorräte gezählt werden. Daher ist es falsch zu sagen, dass Bioenergie innerhalb des umfassenderen EU-Klima- und Energierahmens als „kohlenstoffneutral“ angenommen wird. Die CO2-Auswirkungen einer Änderung der Bewirtschaftung oder des Holzkonsums im Vergleich zu einem historischen Zeitraum werden im LULUCF-Sektor in Abhängigkeit zum FRL vollständig gezählt.“ [Anm: FRL: Forest Refence Level ist ein Richtwert des UNFCCC zur Bewertung der Emissionen und der Entwicklung des Kohlenstoffspeichers im Wald aufgrund von Entwaldungen, Waldschädigungen und Entnahmen aus nachhaltiger Bewirtschaftung.]

Abschließend erklären die Autoren der JRC-Studie: „Dieser Bericht und die künftigen Forschungsrichtlinien verweisen auf den Fokus zur Erweiterung der Evidenzbasis, die den Entscheidungsträgern zur Verfügung stehen soll. Unterschiede in ethischen Werten in Bezug auf die Interaktion zwischen Mensch und Natur spielen eindeutig eine Rolle bei der Definition dessen, was ’nachhaltig‘ bedeutet. Wir sind der Meinung, dass diese Werteunterschiede auch innerhalb der wissenschaftlichen Gemeinschaft ausdrücklich anerkannt und diskutiert werden sollten, um die Debatte über die Nachhaltigkeit der holzbasierten Bioenergie zu entgiften.“

Der Südosten der USA

Auf die EU-Richlinie RED II haben auch die Autoren einer Studie reagiert, die mit dem epischen Titel „Expansion of US wood pellet industry points to positive trends but the need for continued monitoring“ am 29. Oktober 2020 im Wissenschaftsjournal Nature veröffentlicht wurde. Die Studie von vier US-Wissenschaftern und Francisco X. Aguilar, Leiter der Abteilung für Forstwirtschaft an der Schwedischen Universität für Agrarwissenschaften, hatte zum Ziel, jene Gebiete im Südosten der USA zu untersuchen, die als Rohstoffquelle dienen, um die RED-Ziele der EU zu erreichen. Konkret geht es um die Waldgebiete der küstennahen Staaten Alabama, Florida, Georgia, Louisiana, Mississippi, North Carolina, South Carolina und Virginia, die in 123 Beschaffungs-Gebiete für Holzpellets-Fabriken gegliedert wurden und aus 38.000 Waldinventarflächen bestehen.

„Unsere Ergebnisse zeigen eine Zunahme an oberirdischen und unterirdischen Kohlenstoff bei lebenden Bäumen in den Beschaffungsgebieten der Holzpelletmühlen mit großer Produktionskapazität und einen umgekehrten Trend in Böden im Südosten der USA.“

„Wir fanden mehr Kohlenstoffspeicher in lebenden Bäumen, aber eine geringe Anzahl von stehenden toten Bäumen, was mit der Produktion von großen Holzpelletmühlen in Zusammenhang steht. Im Südosten der US-Küsten – wo die US-Pelletsexporte in die EU ihren Ausgang haben – gab es mit jedem Jahr der Pelletsproduktion weniger lebende und wachsende Bäume und weniger Kohlenstoff in den Böden als im Rest der östlichen USA, der den heimischen Markt beliefert. Bei Überlappung der Beschaffungsbereiche der Fabriken zeigten sich erkennbare Zuwächse bei ausgewählten Kohlenstoffspeichern. Diese Trends spiegelt wahrscheinlich eine intensivere Landbewirtschaftung wider. Die lokalisierten Auswirkungen auf den Wald im Zusammenhang mit der Holzpelletsindustrie sollten weiterhin überwacht werden.“

„Es ist wichtig zu beachten, dass die Nationalen Aktionspläne der EU (RED) nicht auf Wälder einer bestimmten Region abzielen, sondern auf die Versorgung mit US-Holzpellets, die sich organisch aufgrund von kosten- und wettbewerbsorientierten Produktionsvorteilen entwickelt haben. Vor der EU-Einführung von RED im Jahr 2009 betrug die jährliche Produktionskapazität für Holzpellets entlang der Küste des Südostens der USA nicht mehr als 0,3 Millionen Tonnen, aber bis 2017 war sie auf 7,3 Millionen Tonnen angewachsen. Nach jüngsten Schätzungen beläuft sich die jährliche Produktionskapazität in dieser Region auf 9,0 Millionen Tonnen.“

Es klingt nach exzessiver Ausbeutung, wenn man nachrechnet, dass die Pelletproduktion in knapp zehn Jahren um das 30-Fache gestiegen ist. Doch ein Vergleich mit Österreich, das ungefähr gleich groß ist wie South Carolina, zeigt, dass noch Potenzial nach oben ist. In der Alpenrepublik wurden im Jahr 2020 ausschließlich aus Sekundärholz 1,5 Millionen Tonnen Pellets erzeugt. Die Gesamtfläche der acht Staaten aus dem Südosten der USA ist 12,5 mal so groß wie Österreich, und im subtropischen Klima wachsen die Bäume deutlich schneller als im kontinentalen Klima der Alpenrepublik.

EU und MPWG für Nachhaltigkeit

Dass eine intensive Forstwirtschaft nicht der Grund für exzessive Ausbeutung sein muss, sondern umgekehrt, zur Bewahrung der Wälder beitragen kann, das erklärt ein anderer Wissenschafter, der umstrittene Rechtsprofessor Blake Hudson, in dem bereits zitierten Paper „To keep forests intact, we must use them„:

„Der Süden der USA produziert mehr Industrieholz als jedes andere einzelne Land. Das Gebiet ist mit fast 20 Prozent des Gesamtverbrauchs die größte Import-Quelle der EU für Holzbioenergie. Holzbioenergie macht 2,7 Prozent des im Süden der USA geernteten Holzes aus und ergänzt die Primärwald-Produkte wie Sägeholz, Papier und die weiterverarbeitende Industrien für Baustoffe, Möbel und Papier. Im Süden der USA befinden sich 86 Prozent der Wälder in Privatbesitz. Die Grundbesitzer erwarten wirtschaftliche Erträge, und für den Fall, dass Märkte für Forstprodukte wegbrechen, wird es wahrscheinlicher, dass sie Waldflächen in landwirtschaftliche, industrielle, gewerbliche oder private Nutzungen umwandeln. Dies würde nicht nur zu neuen Emissionen in die Atmosphäre führen, sondern auch zum Verlust einer massiven Kohlenstoffsenke, die in Zukunft der Atmosphäre Kohlenstoff entziehen kann. Tatsächlich geht der US Forest Service davon aus, dass bis zu 13 Prozent der südlichen US-Wälder in den nächsten 50 Jahren vor allem durch Urbanisierung verloren gehen könnten. Die Märkte haben in der Vergangenheit eine entscheidende Rolle bei der Wiederherstellung der US-Wälder gespielt und werden in Zukunft noch wichtiger sein, um die Entwaldung zu vermeiden.“

Nicht nur die EU, auch die USA haben strenge Forstgesetze, die einen Raubbau verhindern. So wie die USA sind Kanada, Mexiko, Argentinien, Chile, Uruguay, Russland, China, Japan, Korea, Australien und Neuseeland Mitglieder der Montreal Process Working Group (MPWG), die 1994 gegründet wurde, um Standards zur Bewahrung der Wälder und ihrer nachhaltigen Bewirtschaftung zu entwickeln, sowie ihre Einhaltung zu kontrollieren. In diesen zwölf Mitgliedsstaaten befinden sich 90 Prozent der gemäßigten und borealen Wälder der Welt, sowie einige tropische Wälder. Insgesamt decken diese Länder 60 Prozent des weltweiten Waldbestandes ab.

Doch es gibt nicht nur die EU und die Mitgliedsländer der MPWG. Es gibt auch eine bittere Tatsache: „Seit der Jahrtausendwende hat die Welt jährlich rund fünf Millionen Hektar Wald verloren, 95 Prozent davon in den Tropen; fast die Hälfte aller Entwaldungen findet in Brasilien und Indonesien statt. Drei Viertel davon wird von der Landwirtschaft getrieben. Die Rindfleisch-Erzeugung ist für 41 Prozent der Entwaldung verantwortlich; Palmöl und Sojabohnen machen weitere 18 Prozent aus; weitere 13 Prozent des Holzeinschlages gehen an die Industrie, vor allem für die Papier-Erzeugung.“ Diese Zahlen publizierte Hannah Ritchie im Februar 2021 auf ourworldindata.org in dem Artikel „Cutting down forests: what are the drivers of deforestation?

Die Umweltwissenschafterin konzentriert sich auf zwei Probleme: „Wenn wir die Entwaldung bewältigen wollen, müssen wir zwei Schlüsselfragen verstehen: wo verlieren wir Wälder und was sind die treibenden Kräfte?“ Brasilien und Indonesien haben zusammen die Hälfte des Waldverlustes zu verantworten. „Die Ausweitung der Weideflächen für die Rindfleisch-Erzeugung, die Anbauflächen für Soja und Palmöl sowie die zunehmende Umstellung des Primärwaldes auf Baumplantagen für Papier und Zellstoff waren die Haupttreiber. Die Ausweitung von Weideland hatte auch erhebliche Auswirkungen auf die Landnutzung außerhalb Brasiliens, etwa ein Fünftel der Entwaldung entfiel auf Lateinamerika. Die Ausweitung der landwirtschaftlichen Flächen in Afrika machte rund 17,5 Prozent der Entwaldung aus.“

An erster Stelle der treibenden Kräfte ist die Ausweitung von Weideland für die Rinderzucht. Jährlich 2,1 Millionen Hektar Tropenwald fallen diesem Wachstumsmarkt vorwiegend in Brasilien zum Opfer. Palmöl, in geringem Ausmaß auch Sonnenblumen, Raps und Sesam sind Verursacher für 18 Prozent der Entwaldung, vorwiegend in Indonesien, aber auch in Malaysia. In Lateinamerika expandiert der Anbau von Soyabohnen. „Während viele Menschen sofort an Lebensmittel wie Tofu oder Sojamilch denken, wird der größte Teil der weltweiten Sojabohnenproduktion als Futter für Vieh oder Biokraftstoffe verwendet. Nur 6 Prozent werden für direkte menschliche Nahrung verwendet.“ Neben Rindern und Öl ist der Bedarf an Holzprodukten die dritte treibende Kraft für die Zerstörung von Tropenwäldern, wobei die Autorin die Waldbewirtschaftung in Nordamerika explizit ausnimmt.

Zur ökonomischen Einordnung der Biomasse-Energie abschließend einige Zahlen der Internationalen Energie Agentur (IEA), die für das Jahr 2021 globale Energie-Investitionen in Höhe von 1,9 Billionen Dollar erwartet, das ist eine Zunahme von 10 Prozent nach dem Einbruch im Corona-Jahr 2020. Die weltweite Energienachfrage werde 2021 um 4,6 Prozent steigen und damit den Rückgang um 4 Prozent im Jahr davor laut Schätzungen der IEA mehr als ausgleichen. Strom nimmt weiterhin den größten Anteil an den gesamten Investitionen ein, angeführt von hohen Ausgaben für erneuerbare Energien. Laufende Investitionen in bestehende Kraftwerke sollen 2021 um rund 5 Prozent auf über 820 Milliarden Dollar steigen, für Neuanlagen (davon 70 Prozent Erneuerbare) sind 530 Milliarden Dollar geplant. Den Rest machen Investitionen in Netze und Speicher aus. „Dank rascher technologischer Verbesserungen und Kostensenkungen führt ein Dollar, der heute für den Einsatz von Wind- und Photovoltaik (PV) ausgegeben wird, zu viermal mehr Strom als ein Dollar, der vor zehn Jahren für dieselben Technologien ausgegeben wurde“, so der Report „World Energy Investment 2021„.

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Peter Rosegger: der Dichter der Naturschönheit und des Mitgefühls

Peter Rosegger 800

Von Manfred Stangl

Wie gern verachtet man noch immer Peter Rosegger (1843-1918). Wie hurtig wird ihm das Mäntelchen des Naturpoeten ohne Tiefgang umgeworfen, oder er gar zum verdächtigen Blut und Boden- jedenfalls Heimatdichter herabgewürdigt. Und das ohne dem Begriff Heimat nur ansatzweise neutral gegenübertreten zu wollen. Meist kennen die Rosegger-Verhöhner kein einziges seiner Bücher. Vom Überblick seiner Werke ganz zu schweigen. Was dann nämlich an Weltfreundschaft, an Natur- und Tierliebe und an Menschenglaube zum Vorschein käme würde all die heutigen Propheten des Negativen (die Modernedichter) durch Charme und Wohlklang foltern. Den potenziellen Rosegger-Lesern aber erschlösse sich eine stimmungsvolle Welt, in der Sinn und Schönheit zugegen sind. Und alles trotz der unmittelbaren Nähe zu gesellschaftskritischen Aussagen über menschliche Not und karger bäuerlicher Realität. Dem verkitschten Rosegger Bild – dessen Rahmen wohl die Nazis vorgeätzt hatten – würde schnell eine Not-Aufnahme in die Ahnengalerie des Weltschriftstellertums folgen. Und Leser und Autorenschaft könnten sich an diesen Romanen erfreuen und sich an ihnen seelisch bereichern.

In Weltgift etwa wird Roseggers sozialkritische Seite deutlich sichtbar. Ein von wohl narzisstischem Hass und Depression angekränkelter Unternehmersohn will nicht mehr in der Firma des Vaters arbeiten… er verschmäht die Konventionen, das falsche, diplomatische Getue seines Vaters mit den Kunden… Hadrian möchte etwas erleben, sehnt sich nach intensivem Lebensgefühl. Und er möchte Bedeutendes leisten. Die Gelegenheit bietet sich, als der Vater nach einem bissigen Streit ihn enterbt, Hadrian aber mit dem Pflichtanteil sich leicht das heruntergekommene Schloss Finkenstein kaufen kann, wo er im großen und modernen Stile Landwirtschaft zu betreiben beabsichtigt.

Nach dem schmählichen Scheitern des agrikulturellen Abenteuers kauft er ein kümmerliches Gebäude abseits des Lindwurmhofs. Der Lindwurmbauer benötigt Geld, zwei seiner Söhne schickte er in die Stadt zum Studieren. Der eine Philosoph, der andere Arzt – beide ohne „passende“ Posten – tauchen in kurzem Abstand wieder am heruntergekommenen elterlichen Hof auf; dramatische Diskussionen stören den Frieden der Abgeschiedenheit.

„Barmherzigkeit“, rief der erregte Doktor (der Philosophie) und schlug die Hände zusammen. Barmherzigkeit sei ein Krebsschaden. Sie päppele die Kranken und Krüppel auf, wodurch das Menschengeschlecht immer mehr herabkomme. Die Geduld sei ein Unding, weil sie der Unzulänglichkeit Vorschub leiste. Alle sogenannten Wohltätigkeitsorganisationen seien von Übel, weil sie den Menschen beugen nach etwas das nicht der Mühe wert ist. Das sogenannte allgemeine Menschenrecht sei eine Torheit, weil nur der ein Recht habe, der etwas leistet. Der Starke sei im Recht, und der allein, und sein Recht und seine Pflicht sei, die Schwachen auszurotten und sich nur mit Starken zu verbinden. So sei es, und er hätte da was gesagt, das jeder Gebildete längst wisse. – Bei dieser Preisrede auf die Kraft hatte er sich in so eine nervöse Aufregung hineingeredet, dass seine Hände zitterten. Wie ein Gifthauch schauerte es durch den ganzen jungen Menschen.

Weitere Streitgespräche folgen. Der Religionsfeind Nietzsche und der große Versöhner Tolstoi stehen in ihren Ideen auf dem Bauernhof einander schroff gegenüber. Rosegger fasst die menschenverachtende Ideologie Nietzsches, der auch heute von Linken wie Rechten geschätzt wird, erschreckend klar zusammen. Was auf Nietzsches Größenphantasien folgte, darf als bekannt, wenn auch nicht aufgearbeitet, vorausgesetzt werden. Doch es ist Rosegger, der als Naivling verspottet wird, als Waldbauernbub und Romantiker – gar als reaktionärer Ideologe. Dabei lugen in seinen Büchern stets fruchtbare Erde und das Grün des Lebens aus den Schutthaufen und dem Grau der Städte, die gerade zu seiner Zeit das Land und die Bauern gierig verschlingen. Die Industrie frisst die Bauernhöfe, die Wälder, verdaut die Knechte und spuckt Proletariat und Heimatlose aus. Und naiv ist Rosegger nie: Er bekennt sich allerdings selbst in den schlimmsten Zeiten zu einer Literatur, die erbaut, die nicht Mistkübel des Schriftstellers ist, der dem Leser hochtrabend übergestülpt wird, sondern zu Wachstum und moralischer Anleitung der Leute dient. Die Schichten aus Staub, Ziegeln und Asphalt, die dazumal schon die Seelen der Menschen erstickten, klopft er ab, lässt sie im frischen Wind in den Hochtälern erschauern, in der Sonne über den Smognebeln leuchten. In „Erdsegen“, wo ein Journalist aufgrund einer Wette die Schreibstube mit der Einschicht tauscht, unterweist er den Leser in ehrliche bäuerliche Arbeit, berichtet von Anstrengung, Mut, Zuversicht, Aufrichtigkeit, Anstand und Liebe. Und das in derart liebevoll humorvollem Ton – der aber edler Würde und Schönheit weicht, wo Witz nur der Distanz zum Leben diente –, dass der moderne Leser nur so ins Staunen und Schwärmen gerät (wenn er denn dazu überhaupt noch fähig ist). Dergestalt liebevolle Beschreibung der Protagonisten, deren Schwächen und gar Eitelkeiten, ohne diese jedoch zum notwendig narzisstischen Wesen der Handelnden zu erklären, erscheint mir einmalig.

Selbst wo die Protagonisten schwerlich liebevoll zu schildern sind, wie in „Weltgift“, gibt Rosegger nicht billig-eitler Verachtung derselben nach. Wenn auch so etwas wie Hoffnungslosigkeit und Bitterkeit mit dem entwurzelten Stadtmenschen durchscheint, was in der Bemerkung gipfelt, „dass ein Mensch, dessen Seele von Weltgift zerfressen ist, nicht in die ländliche Natur zurückkehren kann und soll.

Bemerkenswert auch eine Stelle in „Das ewige Licht“, in der der Protagonist über den vermeintlichen Wohlstand eines durch einen Großindustriellen aufgekauften Ortes Torwald spricht, wo ein Armenhaus errichtet werden soll, für die auf den Straßen Lungernden – mit hübschen Giebelchen und Erkern, auf dass Armut sich nett ansehen lasse.

Im vielgescholtenen Buch „Waldheimat“ findet der offenherzige Leser keine verkitschte Sicht auf Natur und Landleben, wie sie Rosegger gern angedichtet wird. Der Tod ist steter Begleiter der ärmlichen aber doch meist zufriedenen Landbevölkerung. Was Rosegger vollbringt, ist, den Bauern und andern Landbewohnern, die heute eher aus dem Heimatmuseum bekannt sind – Pecher, Ameiser, Kohlenbrenner, Kräuterer – eine Stimme zu verleihen, Identität und Persönlichkeit. Die Menschen aus den abgelegenen Provinzen holt er somit ins Blickfeld, ins Bewusstsein der Stadtmenschen: eine vornehme Aufgabe, würde ich meinen. Dass später andere Schriftsteller, Franz Innerhofer beispielweise, eine weitere Schicht der Landbevölkerung literarisch erschließen, nämlich die Knechte und Mägde, deren Leben sich sicherlich extrem mühevoll gestaltete, (was aber ist zu den Knechten oder verarmten Bauern zu sagen, die jeweils zu Dutzenden in Kellerlöchern in der Stadt hausten, wo sie als Industrieproletariat bis aufs Blut ausgebeutet wurden – was Rosegger in Weltgift ja ebenfalls thematisiert) stellt die logische Fortsetzung in der Literaturgeschichte dar: Keine der Sichtweisen ist die richtigere.

Allerdings haben bei Innerhofer Depression, Trübsinn, Kälte und Distanz die Oberhand gewonnen – vielleicht zurecht – aber die modernistische Sicht der Dinge ist aus ganzheitlicher Haltung zumindest hinterfragbar. Was Rosegger vermag, gelingt modernen Dichtern nimmermehr. Das sage ich voller Überzeugung eingedenk einer Stelle aus „Erdsegen“, in der er die allgewaltige Natur dem Protagonisten das Numinose unendlich mal eindringlicher predigen und vor allem begreifen lässt, als jemals von einer Kanzel gehört.

„Jakob der Letzte“ ist wohl die bitterste Abrechnung mit dem Ausverkauf des Bauernstandes. Zu Roseggers Zeiten grassierte ein seuchenartiges Bauernsterben – in der Steiermark (inklusive Untersteiermark) sind zwischen 1860 und 1890 etwa 50.000 Bauernhöfe aufgegeben worden, in Roseggers engerer Heimat betraf dies etwa ein Drittel aller Höfe. Durch den Freihandel und die dadurch gestiegenen Importe verfielen die Agrarpreise. Die dramatischen Folgen bildeten die Basis für Industrialisierung und Proletarisierung, was er speziell in jenem 1887 erschienen Roman darlegte. Bei diesem aus dem eigenen Herzblut geronnenen Thema fehlt selbst einem Peter Rosegger die Kraft für die Aussöhnung. Ein Bauernhof nach dem andern wird aufgekauft, Legenden bilden sich um den Reichtum, der so rasch erworben ist und leicht wie Papierscheine gegen die Mühe und oftmals Plage des harten Bauernlebens eintauschbar scheint. Doch die Realität erwies sich als eine grausame. Das Geld war in der teuren Stadt rasch aufgezehrt, die Bauerntöchter gingen in den „Herrendienst“. Mühten sich von aller früh bis in die Nacht ab, und aßen, was vom Herrentisch übrigblieb. Die Knechte schufteten in Walzwerken und anderen Fabriken, hofften auf die Befreiung durch den Sieg übers Kapital, denn der Lohn war zu schmal, um bloß ein wenig durchzuatmen. Der Wirt, der sein Gasthaus ebenfalls verkauft hatte, um in der Stadt eine kleine Schenke zu eröffnen, stellte bald fest, dass den Stadtleuten das Ausgeschenkte nicht mundete – und ging Straßenkehren. Ein Leben ohne eigenen Grund und Boden, ohne den Hof, der den Kindern Heimat bot, Arbeit, die im Dienste Reicher verrichtet wurde – das kränkte die Landbevölkerung zutiefst und etliche gingen nicht nur seelisch, sondern auch körperlich zugrunde. „Derlei und anderlei war von den Ausgewanderten zu erfahren. Der Jakob wollte nichts davon hören. In Altenmoos, wie war das anders gewesen, wie könnte es noch so sein! Kein Herr und kein Sklave, keiner reich und keiner arm, war Altenmooser Art. Nun, sie sollen liegen, wie sie sich gebettet hatten. Selbst getan, selber gelitten. Wem nicht zu raten, dem ist auch nicht zu helfen! Ach, was nutzen die guten Sprichwörter! Das Weltgift haben sie getrunken. Dem Jakob blutete das Herz.“

Erstaunlich Aktuelles liest sich in diesen Romanen. Wer kennt nicht das Dilemma, dass auf auspendelnde und arbeitsemigrierte Landbevölkerung das Sperren des Wirtshauses folgt. Dass Kommunikation durch geschlossene Postämter und ausdünnenden öffentlichen Verkehr weiter zerstört wird (bei allen Lippenbekenntnissen der wahlkämpfenden Politiker, die ja nun allesamt den Klimawandel zu stoppen auf ihre Wetterfahnen „branden“ und klimaschonende Alternativen auf Schiene zu bringen versprechen). Trotz aller Beteuerungen, den ländlichen Raum zu stärken, geschieht genau das Gegenteil. Und da wundern sich Regierungen und Sozialpolitiker über die Hoffnungslosigkeit und den Zorn der Dörfler, der sich wohl auch wahltechnisch niederschlägt.

„Die Schriften des Waldschulmeisters“, Roseggers erster Roman, wuchert voll schwellender Naturbeschreibungen. Erdmann, ein vielgereister Lehrer, flieht vor Stadtekel und Schicksalsschlägen in die Einsamkeit eines Bergbauerndorfes. Von dort treibt ihn seine Sehnsucht immer wieder und steiler in die Berge, „ins Licht.“ Die Naturbeschreibungen Roseggers erreichen mystische Tiefen. Die verpestete Stadtluft wird der reinen Luft der Bergwälder entgegengestellt. Liest man heute das Buch „Der Biophilia Effekt“ von Clemens G. Arvay (2o15!) erahnt man, dass sich sehr wenig an der Dringlichkeit und Bedeutung Roseggers Geschichte geändert hat. Man erkennt den Einfluss Adalbert Stifters auf den „Waldpoeten“. Doch die saftige Lebendigkeit seiner prallen Naturbeschreibungen, vor allem eben im „Waldschulmeister“, wirkt wie ein archaischer Berg-Urwald gegen Alleen am Stadtrand und eine bunte Blütenwiese Stifters.

Die konkrete Sehnsucht des Waldschulmeisters erfüllt sich wohl nicht, aber in der Schönheit der Sprache Roseggers ist ein Pfad durch die kahlen Gebirge der Hochhäuser und Aktienkurse gehauen. Die lebendige Fülle, die wie ein gesunder Trunk aus seinen Sätzen quillt, die Quelle sind und Fluss immerfort bereit in einen Ozean der Stille und Schönheit zu strömen, sind ein heilendes Geschenk an uns unvoreingenommene Leser.

„Die irdische Wahrheit ist ernst genug, aber sie verträgt es recht gut, vom Sonnenschein der Poesie beleuchtet zu werden, ohne dass sie unwahr wird. Die Welt ist reich an Niedertracht, und sie ist reich an Größe und Schönheit. Nur darauf kommt es an, was wir Poeten liegen lassen oder auflesen“, heißt es im Vorwort des Erzählbands „Sonnenschein“ im Sommer 19o1, als Einführung in Roseggers ästhetisches Credo.

Rosegger schrieb unglaublich viel. Zum Teil beruht die Anzahl seiner Romane und Novellen auf den Umstand, den „Heimgarten“ herausgegeben zu haben. Eine Literaturzeitschrift bezahlt durch den Leykam-Verlag, in dem alle seine Bücher erstmals als Fortsetzungsgeschichten abgedruckt wurden. Da der Heimgarten monatlich erschien, forderte dies den Vielschreiber zusätzlich. Ausgaben des Heimgartens sind heute gebunden erhältlich, wie auch Tagebücher Roseggers, die aufschlussreich wirken. Sein literarisches Schaffen ist für mich allerdings so gewaltig, dass ich wenig Lust verspüre, es auf sein (untadelhaftes) Leben herunterzubrechen. Ein großer Makel würde dem Dichter anhaften, der ihm angeblich den Literaturnobelpreis 1913 gekostet hätte. Zu einer Einweihung einer Heinrich Heine Statue irgendwo in Deutschland hätte Rosegger einen Lobgesang verfassen sollen. Er lehnte das ab, was man ihm als antisemitische Haltung interpretierte. Auch ich würde dem Modernisten Heine, der meiner Meinung nach wesentlich die Ästhetik der Moderne mitkreierte (und damit letztlich die modernen Konflikte mitheraufbeschwor), kein Loblied singen wollen – wenngleich er natürlich (vor allem während seiner Zeit als Romantiker) Beachtliches schrieb. Den Nobelpreis erhielt Rabindranath Tagore für Gitanjali: ach, wären alle Literaturnobelpreisträger derart große Seelen, wie Tagore. Rosegger wird vorgeworfen „konservativer Utopist“ zu sein. Nun, er hat wenigsten Utopien. Und diese sind nach 15o Jahren der Zerstörung und Verschmutzung der Umwelt und Mitwelt höchst bedeutsame. Seltsam zumal, dass er gar als reaktionär gilt, während nicht wenige der 68iger vom Leben auf dem Land schwärmten, Landkommunen gründeten, die menschenentwürdigende Stadt hinter sich zu bringen, und Autoren wie Gary Snyder, Jack Kerouac, Henry D. Thoreau, Alan Ginsberg, Hermann Hesse Würdigung als geistige Mentoren der Hippies zukam. Jegliche Bewegung, die den Wert der Natur anerkennt, an vorderster Stelle die Grünen, müsste Peter-Rosegger-Häuser einrichten, in denen Liebe zur Natur und Herzensbildung gelehrt wird.

Dass die Neue Rechte ihn zu vereinnahmen trachtet, was ja bereits in den unsäglichen Zeiten des Nationalsozialismus geschah, sollte uns umso mehr zur Wachsamkeit gemahnen. Überlässt ihn die hochnäsige und naseweise Literaturwelt den rechten Ideologen, wird seine kraftvolle, lebensnotwendige und zeitgemäße Literatur instrumentalisiert werden, um die Bedürfnisse der Menschen nach Schönheit, Natur, Einfachheit, Reinheit (im Sinne von Kraft, Licht und Echtheit – nicht von steriler und asexuellerer Reinlichkeit) für ihre finsteren Ziele zu missbrauchen.

Lesenswert als Ergänzung finde ich den Eintrag über ihn in Wikipedia. Dort widerfährt ihm Gerechtigkeit, was seine politischen Absichten betrifft. U.a. wird dargestellt, dass Rosegger von der deutschnationalen Presse als „Judenknecht“ beschimpft wurde. Ein faires sekundarliterarisches Werk liegt mit: „Man kommt sich vor wie in der Wüste“, vor, in dem Christian Teissl 2018, anlässlich des Hundersten Todesjahrs des Dichters, mit der Mär aufräumt, Rosegger hätte sich im ersten Weltkrieg als Scharfmacher betätigt. Auch weitere der fiesesten Vorurteile werden kundig ausgeräumt.

Rosegger vermag mittels seines Humors, seiner geistreichen Einfälle mit wenigen Sätzen einen Leser in die Erzählung hineinzuziehen. Jedes seiner Werke sprüht vor Witz und heiterer innerer Wärme. Die Schönheit Roseggers Sprache kann nicht geleugnet werden, weil er angeblich keine Lösungen für die Probleme der heutigen Zeit anzubieten hätte. Die hat die heutige Zeit ja auch nicht. Vielmehr wachsen in seinen Büchern Bäume, Gräser, Bergwiesen, Älpler so üppig, dass des Dichters Sprache vermag unser oftmals leeres Inneres zu erfüllen. Rossegers Werk ist Lebensmittel für die Seele. Nach Sinn, Schönheit und Natur dürstende Menschen finden darin die Kraft, sich den aktuellen akuten Nöten der Moderne zu stellen, und vielleicht gar manches zu lösen.

Wir leben in einer drolligen Zeit. Da behaupten Sekundärliteraten, wie müßig es sei, heute Poesie zu verfassen, da diese abgehoben und hehr daherkomme, aber erst der Dichter der Abgründe der menschlichen Seele könne so richtig die Tiefen des Menschseins begreifen. So sei endlich zeitgenössische Poesie am Zenit moderner Literatur angelangt (als hätte es Baudelaire nie gegeben, der selbiges von wegen Abgründen schon vor 15o Jahren vollbracht hat – der übrigens zu seiner Zeit völlig ignoriert wurde). Andere wollen an jeglicher Form ganzheitlicher Kunst den Gestank des fauligen Kellernazitums wittern; wieder andere meinen ein Buch von Peter Rosegger zu empfehlen wäre eine Qual, die man Freunden nicht antun dürfe.

Letzteres äußerte Marlene Streeruwitz in einer Beilage der Kleinen Zeitung zum Rosegger-Gedenkjahr (2o18), wobei das witzigste an der ganzen Sache ist, dass sie Peter-Rosegger Preisträgerin ist. Auch eine weitere honorige Preisträgerin empfiehlt den Namenspatron des eingeheimsten Preisgeldes besser nicht weiter, stattdessen ein sekundärliterarisches Werk über ihn. Nicht einmal „Erdsegen“ kann sie empfehlen. Sicher las sie das Buch nie. Sie würde über den warmen Humor, die Menschenliebe, den mitfühlenden Umgang mit den Protagonisten, die Selbstironie nur so staunen. Und endlich bedeutende Literatur zu lesen bekommen.

Marlene Streeruwitz wiederum schimpft den „Idylle verherrlichenden“ Dichter auch gleich einen Antisemiten. Was ich nicht begreif ist, warum sie den Peter Rosegger Preis angenommen hat. Verabscheue ich jemanden dermaßen, wie es in den wenigen kühlen Zeilen der Zeitgeistautorin herauskommt, lehne ich doch alles von ihm ab – jedenfalls einen Preis in seinem Namen. Nun, wir leben in einer ulkigen und verqueren Zeit. Die Menschen sind zerfressen von Selbsthass und Dauer-Zweifel: vielleicht erklärt dies das Paradoxon Streeruwitzischer Schizophrenie.

Wenigstens ahnt Alfred Kolleritsch die Ehrlichkeit in Roseggers Sprache. Eine „Lichtungen“-Autorin schmiert hingegen Elfriede Jelinek Honig ums Maul, die sie zur „echten, richtigen“ Literaturpreisträgerin erklärt.

Nun, für mich ist Jelinek das keinesfalls. Wie schon so oft von mir geschrieben (und immer wieder gern wiederholt), stellt für mich Jelinek den Typus eines Autors dar, der nicht Literatur als „Kafkas Axt“ verwendet, um „das gefrorene Meer in uns aufzuhacken“, sondern scharrend und kratzend den Schnee am Eis zusammenschiebt, um daraus ein Iglu zu bauen, in dem es sich ziemlich behaglich wohnen lässt (ist man selbst bloß unterkühlt genug).

Die Krux an solchen Schneewörtern ist, dass sie nicht rein und weiß auf den Wiesen liegen oder gewichtig und ehrlich die Äste der Bäume biegen, sondern wie so fast alles in der Großstadt, schmutzig und brachial den Zeitgeist mehr beschwören als bloßstellen. Im Hamsterrad zu rasen bringt nicht mehr an Erkenntnis, sondern wiederholt die larmoyante Litanei von der Trostlosigkeit des Daseins. Typisch modern halt – und 2oo Jahre alt, wie wir ja durch die Beschwerde Schlegels wissen. Den Mut sich den Abgründen wirklich zu stellen, haben die Modernen und Postmodernen selten. Sie projizieren lieber alles Schlechte in die Welt hinaus, finden in sich nicht den wunden Punkt – hier zu schürfen könnte heilen, dadurch das Schöne und Positive reaktivieren. Und dann könnten das Wundervolle sowie Wachstum die Welt verändern. Negativ-Kitsch Marke Jelinek und Streeruwitz (die beide auch ihre achtenswerten Seiten haben, denn ihr politisches Engagement ist wichtig), hilft der Welt nicht wirklich. Die immerwährende Hoffnungslosigkeit in der Sprache schuf einen Duktus der Destruktion, welcher als heute gültige Literatursprache nur die Formulierung des Hässlichen, Bösen, Niederträchtigen erlaubt; damit den Menschen präkonfiguriert – nach dem Motto: der Mensch ist voller Abgründe, Niedertracht und Bosheit. Ja – das kann er auch sein, aber er kann ebenfalls mitfühlend, liebend und ehrlich sein. Es liegt ein fataler Irrtum in der Annahme einer prinzipiellen Bösartigkeit der Menschen. Natürlich scheint der moderne Narzissmus und die Eitelkeit und Dummheit vieler den Skeptikern rechtzugeben.

Allein: Bis zu den Abgründen ist nicht tief genug. Unter den Abgründen, den Schichten aus Schutt, Torf, Plastik und dem Asphalt der Zivilisation liegen die Wurzeln. Erst einmal gilt es, eigenen Narzissmus aufzuarbeiten, um die Mechanismen wirklich zu durchschauen anstatt Betonblöcke in die Sätze zu gießen und Aluminiumsprache zu verbreiten. Und zweitens sind wir Autoren und Autorinnen schon selbst schuld an der Misere, wo in der Nachfolge der Aufklärung erst Gott, dann das Gute und Wahre, dann das Gute im Menschen und schließlich in der Postmoderne gleich der Mensch selbst abgeschafft wurde. Mittäter ist die Wissenschaft, die den Menschen zu einem seelenlosen funkenden Haufen aus elektrischen und neuronalen Impulsen zusammenschmolz.

Eines scheint sicher: Peter Rosegger würde heute den in seinem Namen gestifteten Preis nicht bekommen. Sowenig wie Christine Busta ihren, da zu schöne Metaphern und zu grüne Baumwörter in ihren Gedichten funkeln, während gegenwärtig nur 5o Schattierung von Grau erlaubt sind.

Warum glauben wir nicht an die schöne Hälfte der Wahrheit? An das Wundervolle, Verzückende, Beseligende? Lasst uns wenigstens ans Wunderbare glauben, es feiern und zelebrieren, es schreiben, beten und dichten – wenn dieses die Welt schon nicht erfüllt. Stellen wir Literaten und Dichter doch einen Gegenentwurf in die Welt. Einen der Schönheit, der Naturliebe, der Freude und Glückseligkeit. Verachten wir nicht die Welt, wie es die christliche Philosophie tat, welche das Heil im Jenseits suchte. Seien wir nicht die zeitgeistigen Vollstrecker einstiger freudloser Religion, indem wir die Welt weiter zum Jammertal erklären. Schaffen wir eine Bergsprache, eine Pflaumensprache – schreiben wir Granatapfelwörter, fabrizieren wir Granatsätze, tiefrot und mysteriös und klar und schön zugleich. Windsätze, Erdsegen, Wasserwörter, Bergwerke, Singsilben tun der Welt Not – nicht Grauschleier, Frankensteinwörter und Nebelhorn. Von den Machenschaften der Mächtigen zu warnen – ja: das soll hohe Aufgabe der Literatur sein (bleiben); bloß wer seiner Verhöhner las wirklich Peter Rosegger und erkennt im Verfasser von „Weltgift“ oder „Jakob der Letzte“ den Mahner und Propheten, der die Misere einer hochtechnisierten, die Natur und ihre Wesen zerstörende Welt vorausahnte? Und das im Versuch, nicht dem Leser den Schuttkübel des eigenen Weltschmerzes überzustülpen (was ihm den Ruf eines idealisierenden Romantikers einbrachte – von den Glasscherbenschreibern). Eine Ulli Olvedi ist für mich legitime Nachfolgerin Peter Roseggers, die ans Wertvolle, ans Suchende, an das Entwicklungswillige im Menschen appelliert, nicht an dessen allseits bekannte Fähigkeit zum Abgrund. Nach 2oo Jahren Moderne, nach zwei Weltkriegen seit ihrem Anbruch und einer Erde, die sich bald einmal der Menschen entledigen könnte, wenn wir unseren Technikglauben und Fortschrittswahn nicht endlich zähmen, wäre es höchst an der Zeit, Wolkenwörter, Waldsätze, Wildkatzen und Blumenbouquettexte der instrumentalisierten Welt mit ihrem Zeitgeist der Flüchtigkeit und Oberflächlichkeit entgegenzuschreiben.

In: Manfred Stangl: „Ästhetik der Ganzheit“ edition sonne und mond 2o2o

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Film: Der Raxkönig

ServusTV Raxkönig

Von Sturschädeln und Visionären

2. Februar 2023 – Nach fast dreijähriger Planung ist gestern endlich bei Servus TV der Film über den Raxkönig Georg Hubmer gesendet worden! Der Film ist noch ca. eine Woche in der Mediathek von Servus TV zu sehen:

Vor über 180 Jahren errichtet Georg Hubmer, der Raxkönig, mitten in der Wildnis eine protestantische Enklave im katholischen Österreich. Doch als Pionier des Holzabbaus und wichtiger Hoflieferant hatte er den Kaiser auf seiner Seite.

Das Raxgebiet zwischen Niederösterreich und der Steiermark hat einen Monarchen vorzuweisen: den Raxkönig. Vor mehr als 180 Jahren lebte und wirkte Georg Hubmer hier als Pionier der Holzgewinnung und protestantischer Vorkämpfer. Aus einfachsten Verhältnissen stammend, gründet er mit seinem Bruder im Höllental den Ort Nasswald. Eine evangelische Enklave im tief katholischen Österreich, die viel Empörung auf sich zieht. Doch der Kaiser selbst stärkt Hubmer den Rücken: „Lasst meinen Raxkönig in Ruhe“, sagt er über einen seiner wichtigsten Holzlieferanten. Denn Hubmer schwemmt unter schwierigsten Bedingungen dringend gebrauchtes Holz aus dem Tal. Eine Dokumentation über einen Mann, der allen Hindernissen zum Trotz nie den Mut verlor – und Großes erreichte. 

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