Bauer-Jelinek Christine: Die helle und die dunkle Seite der Macht

Bauer jelinek Macht

Update 27. April 2025 Mut zur Macht

Podcast mit Christine Bauer-Jelinek von Thomas Stimmel

Ihre Definition: „Macht ist das Vermögen einen Willen gegen einen Widerstand durchzusetzen“.

5. September 2022 – „Kaum hat der Mensch den ersten Atemzug getan, begegnet er der Macht.“ Mit dieser Ansage eröffnet die Autorin das erste Kapitel ihres Buches, das 2009 erschienen ist. Damit tritt sie nicht in die Fußstapfen von Karl Popper („Alles Leben ist Problemlösen“) oder Martin Buber („Alles Leben ist Begegnung“), die ganzheitlich, philosophisch die Welt erklären, sondern eher in die reduktionistische Tradition der Einzelwissenschaften nach dem Motto „Alles Leben ist Chemie“ – von der Geburt bis zum Tode.

Im ersten Teil thematisiert Christine Bauer-Jelinek die Machtspiele zwischen Männer und Frauen bis zur Enttabuisierung der Sexualität durch den Kinsey-Report. Dagegen zeigte sich in den 1990er Jahren eine Art Tabuisierung der Macht, „über die Machtmechanismen wurde kaum wissenschaftlich gearbeitet“. Die Ursachen dafür verortet die Autorin in der 68er-Bewegung mit ihrem Spruch „Keine Macht für Niemand“, und sogar noch früher in der Nachkriegszeit. Sie zitiert Peter Schwarz (Die gezähmten Deutschen): „Deutschland litt an seiner Machtbesessenheit, dann fiel es für 50 Jahre in die Machtvergessenheit“. Bauer-Jelinek will die Macht wieder aus der Tabuzone holen und beschäftigt sich intensiv mit den Quellen der Macht (Materie, Herkunft, Mehrheit, Wissen, Gefühle, Funktionen/Positionen, Kontakte/Netzwerke, Überzeugungen) sowie Schauplätzen der Macht (Haus/Familie, Markt/Wirtschaft, Burg/Politik, Tempel/Religion).

Der zweite Teil zielt auf den Kern des Themas mit der Frage: „Was ist Macht?“ „Der Begriff ‚Macht‘ hat in der deutschen Sprache […] seine Wurzel in dem Zeitwort ‚vermögen‘, das in der Bedeutung von ‚können‘ zu verstehen ist. Macht haben bedeutet also, über die Möglichkeit zum Handeln zu verfügen. Entgegen vielen Behauptungen kommt ‚Macht‘ also nicht von ‚machen‘, sondern von ‚können‘. Offensichtlich gehört zum Themenkreis der Macht mehr, als bloß ‚etwas zu tun'“. Laut Max Weber bedeutet Macht „jede Chance, innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen“ und laut Hannah Arendt entspricht Macht „der menschlichen Fähigkeit, nicht nur zu handeln oder etwas zu tun, sondern sich mit anderen zusammenzuschließen und im Einvernehmen mit ihnen zu handeln“. So gelangt Bauer-Jelinek zu ihrer Definition: „Macht ist das Vermögen, einen Willen gegen einen Widerstand durchzusetzen.

Heute beruht dieses Vermögen meistens auf den finanziellen Möglichkeiten einer Person oder eines Unternehmens. Je mehr Mittel zur Verfügung stehen, umso größer die Macht. Macht bedeutet im Spiel der Kräfte innerhalb der wirtschaftlichen Prozesse meist den Sieg des Stärkeren. Vermögen im Sinne von Fähigkeit, Können (Skills, Innovationen) sind nur selten ausschlaggebend, der Slogan „der Schnellere schlägt den Stärkeren“ findet in der wirtschaftlichen Praxis nur selten Bestätigung. Wenn die Macht (=finanziellen Möglichkeiten) des Stärkeren jedoch auf einen Gegner in der Politik los gelassen wird, dann endet dies in vielen Fällen im Machtmissbrauch. Lobbying ist die offene, aber nur schwach legitimierte Form, Bestechung die verdeckte Form dieses Machtmissbrauches.

Das Kapitel „Machtmissbrauch“ bleibt angesichts der Brisanz des Themas ziemlich oberflächlich: „Jeder, der Macht hat, kann diese missbrauchen, denn es gibt keinen sicheren Schutz davor. [….] Machtmissbrauch ist somit kein festgelegter ‚Tatbestand‘, sondern nur durch die Bewertung aller Umstände zu begreifen und durch die Legitimation zu beurteilen.“ Immerhin nähert sich Bauer-Jelinek einer Definition an, wenn sie schreibt: „Machtmissbrauch liegt vor, wenn ein Machtverhältnis entgegen seiner Bestimmung ausgeübt wird, es ohne Übereinkunft errichtet, verändert oder aufrechterhalten wird, sich jemand in der Ausübung der Macht selbst schädigt.“ Da Bauer-Jelinek Psychotherapeutin ist, muss die Frage erlaubt sein, was die Autorin verdrängt hat, dass sie an der Stelle die häufigste Form des Machtmissbrauches vergessen hat: die absichtliche Schädigung anderer Personen oder Organisationen, sowie die direkte und indirekte Selbstbereicherung!

An den Anfang jedes Abschnittes stellt Bauer-Jelinek ein Zitat, das in Form und Inhalt die jeweiligen Teile vorweg nimmt. Teil 1 ein Aphorismus von Marie von Ebner-Eschenbach: „Der Satz ‚Der Klügere gibt nach‘ bringt die Dummen an die Macht.“ Teil 2 ein Definitions-Versuch von Michel Foucault: „Die Macht ist nicht etwas, was man erwirbt, wegnimmt, teilt, was man bewahrt oder verliert; die Macht ist etwas, was sich von unzähligen Punkten aus und im Spiel ungleicher und beweglicher Beziehungen vollzieht.“ Teil 3 ein Bonmot von Abraham Lincoln: „Willst du den Charakter eines Menschen erkennen, dann gib ihm Macht“. Das ist der schwächste Teil des Buches, wo die gut gegliederte Analyse des zweiten Teils zum Ratgeber degradiert, der nicht mehr ist, als eine Interpretation des Lincoln-Zitats. „Wie Sie Ihre Ziele durchsetzen ohne Ihre Werte zu verraten„, ist der Untertitel des Buches, dessen Versprechen im letzten Teil des Buches eingelöst werden soll, der aber nicht viel mehr enthält, als Grundwissen der Krisenkommunikation.

Im Rückblick auf fast drei Jahre Corona-Herrschaft hat eine Aussage von Christine Bauer-Jelinek, die 2009 noch als Common Sense vorausgesetzt werden konnte, heute an Gewicht und Bedeutung gewonnen. Man möge das Zitat allen Mächtigen unseres Landes – in Regierungen und Oppositionen, in Exekutive, Legislative und Judikatur – ins Stammbuch schreiben: „Die Macht des Wissens wird zur Gewalt, wenn ein Absolutheitsanspruch errichtet wird, wenn geltende Auffassungen nicht mehr hinterfragt werden dürfen und die Verbreitung von kontroversen Erkenntnissen verhindert und geahndet wird.

Weiterlesen

Bezemek Christoph (Hg): Die Schönheit und Eleganz …

Manz Verfassungspoesie

… der österreichischen Bundesverfassung

ISBN: 978-3-214-26540-3

Verlag: MANZ Verlag Wien, Erscheinungsjahr: 2025

+ Die Verfassung neu erzählt: MANZ veröffentlicht literarischen Kommentar zur Schönheit der österreichischen Bundesverfassung

+ 21 literarische Stimmen und 21 juristische Perspektiven begeben sich auf eine interpretatorische Reise durch ausgewählte Bestimmungen der Verfassung und regen zum Nachdenken an.

ethos.at Resümee in einem Satz: Man lernt in dem vorliegenden Buch über Stärken und Schwächen, Mängel und Ausschweifungen der Österreichischen Bundesverfassung fast nichts, dafür umso mehr über die Juristerei.

DETAILS SIEHE: B-VG BVG Verfassung: Schönheit und Eleganz?

9. Dezember 2025 (Mitteilung des Manz-Verlages) – Bundespräsident Alexander Van der Bellen beschrieb die österreichische Verfassung vor ein paar Jahren als „schön und elegant“. Mit der gleichen Feststellung nimmt der soeben beim MANZ Verlag erschienene literarische Kommentar seinen Ausgangspunkt. Das Werk „Die Schönheit und Eleganz der österreichischen Bundesverfassung“ bringt zwei Zugänge zusammen, die normalerweise getrennt nebeneinanderstehen – die verfassungsrechtliche Analyse und die literarische Interpretation – und bietet so einen gänzlich neuen Blick auf das normative Fundament der Republik Österreich.

Nach einer fundierten Einleitung durch den Herausgeber interpretieren 21 namhafte Schriftsteller:innen im Duett mit 21 renommierten Juristinnen und Juristen ausgewählte Bestimmungen der Bundesverfassung. Die einzelnen Bestimmungen werden dadurch in paarweisen Beiträgen sowohl aus verfassungsrechtlicher als auch aus sprachlich-literarischer Perspektive beleuchtet. Das Buch behandelt grundlegende Prinzipien und Rechte, wie etwa die Rechtsstaatlichkeit, den Gleichheitssatz oder die Eigentumsfreiheit, und ermöglicht es, Themen des Verfassungsrechts abseits juristischer Dogmatik auch als gesellschaftliche und sprachliche Fragen zu lesen. Die Beiträge verbinden literarische Ausdruckskraft mit juristischer Präzision und schaffen dabei Raum für Fantasie, Humor und kritische Reflexion.

Die Literat:innen:

Anna Baar, Franzobel, Laura Freudenthaler, Valerie Fritsch, Natascha Gangl, Karl-Markus Gauß, Sabine Gruber, Maja Haderlap, Elias Hirschl, Vea Kaiser, Gertraud Klemm, Elke Laznia, Robert Schindel, Ferdinand Schmalz, Stefan Schmitzer, Clemens J. Setz, Cordula Simon, Thomas Stangl, Dirk Stermann, Marlene Streeruwitz, Daniel Wisser.

Die Jurist:innen:

Wilhelm Bergthaler, Maria Bertel, Peter Bußjäger, Harald Eberhard, Anna Gamper, Christoph Herbst, Michael Holoubek, Clemens Jabloner, András Jakab, Benjamin Kneihs, Georg Kodek, Barbara Leitl-Staudinger, Matthias Lukan, Michael Mayrhofer, Katharina Pabel, Jürgen Pirker, Karl Stöger, Harald Stolzlechner, Stefan Storr, Ewald Wiederin, Bernd Wieser.

Das Buch:

Christoph Bezemek (Hrsg): Die Schönheit und Eleganz der österreichischen Bundesverfassung. MANZ Verlag Wien. Broschiert, 360 Seiten. € 48,00. ISBN: 978-3-214-26540-3.

Über MANZ:

Der Verlag MANZ ist ein führender Fachverlag für juristische Inhalte mit einer über 175-jährigen Tradition. Seit seiner Gründung im Jahr 1849 hat MANZ kontinuierlich innovative Lösungen für die Rechtsbranche entwickelt und setzt dabei auf die Kombination von erstklassigen Inhalten und modernster Technologie. Mit dem neuen KI-Tool für die Rechtsrecherche MANZ Genjus KI setzt MANZ seine Tradition der Pionierarbeit fort und gestaltet aktiv die Zukunft der Branche mit.

Weiterlesen

Bierling Stephan: Die Unvereinigten Staaten

Bierling UnVereinigte Staaten

Das politische System der USA und die Zukunft der Demokratie

Erschienen am 19.9.2024 im Verlag C.H. Beck

Verlagsinformation: „E pluribus unum“, aus vielem eines: So lautet der Wappenspruch im Siegel der USA. Doch davon ist nicht mehr viel übrig. Die Vereinigten Staaten sind in einem Ausmaß zerstritten und verfeindet wie seit dem Bürgerkrieg nicht mehr. Die Hauptursache dafür ist die parteipolitische Polarisierung, die mittlerweile alle Akteure, Institutionen und Verfahren der amerikanischen Demokratie erfasst hat. Dieses Buch erklärt, wie das politische System der USA funktioniert und woran es liegt, dass es immer weniger funktioniert – mit dramatischen Auswirkungen nicht nur für die USA, sondern auch für die Zukunft der Demokratie und uns alle. Es könnte nicht aktueller sein.

Das Buch im Detail

Ältere Einführungswerke in das politische System der USA besitzen im Grunde nur noch historischen Wert – so dramatisch haben sich die Zustände in der Supermacht in den letzten drei Jahrzehnten verändert. Dass den Parteien eine geschlossene Programmatik fehlt, sie regional sehr unterschiedlich sind, das Mehrheitswahlrecht moderate Politiker bevorzugt, Präsident und Kongress oft über Parteigrenzen hinweg zusammenarbeiten, Bundesrichter überparteilich agieren, checks and balances Angriffe auf die Demokratie wirksam verhindern: All das ist längst überholt oder steht auf der Kippe.

Stephan Bierling, einer der besten deutschen Kenner der USA, stellt in diesem grundlegenden Werk Aufbau und Funktionsweise des politischen Systems dar, erklärt die Aufgaben der Institutionen und Besonderheiten wie das Impeachment, Gerrymandering oder Filibuster, aber zugleich geht er dabei stets der Frage nach, warum die Mechanik des Regierens sich so stark verändert hat und wie sich Demokratie heute in den USA real vollzieht. Sein Buch ist eine unerlässliche Lektüre für alle, die besser verstehen wollen, was eigentlich los ist mit den USA und woran es liegt – nicht erst seit Donald Trump.

Vorab die vielversprechende Inhaltsangabe

DEMOKRATIE IN AMERIKA

1. MÄSSIGUNG ALS KERNPRINZIP: DIE IDEEN DER VERFASSUNGSVÄTER

2. VON DER KONSENS- ZUR KULTURKAMPFNATION: DIE GESELLSCHAFT

3. BRANDBESCHLEUNIGER DER POLARISIERUNG:

DIE NICHT-STAATLICHEN AKTEURE

4. STAMMESKRIEGER STATT WAHLVEREINE: DIE PARTEIEN

5. SIEGEN UM JEDEN PREIS: DIE WAHLEN UND WAHLKÄMPFE

6. AUFSTIEG ZUR DOMINANTEN REGIERUNGSGEWALT: DER PRÄSIDENT

7. VOLLZUGSORGAN ODER TIEFER STAAT: DIE BÜROKRATIE

8. KONFRONTATIONS- STATT KOMPROMISSMASCHINE: DER KONGRESS

9. VOM SCHIEDSRICHTER ZUM MITSPIELER: DIE GERICHTE

10. DIE UNVEREINIGTEN STAATEN: DER FÖDERALISMUS

11. TODESKAMPF ODER NEUBELEBUNG:

DIE ZUKUNFT DER DEMOKRATIE IN AMERIKA

SIEHE AUCH: „Die Gespaltenen Staaten von Amerika. In den USA scheint sich die politische Mitte aufzulösen. Auf beiden Seiten werden die Positionen härter. Was wurde aus der Gründungsidee der USA – der Gemeinsamkeit?“ Ein Stimmungsbild von Frank Herrmann in derStandard.at (10.11.2024)

Weiterlesen