Blom Philipp: Der taumelnde Kontinent

Blom Der taumelnde Kontinent

Europa 1900 - 1914 (München 2009)

+ Breaking NEWS 28.2.2026 – Der 3. Weltkrieg hat begonnen. Philipp Blom hat zwei bemerkenswerte Bücher über die Vorkriegszeiten geschrieben: + Der taumelnde Kontinent. Europa 1900 – 1914 + Die zerissenen Jahre 1918 – 1938. Es wäre spannend, welches Buch Philipp Blom über Europa 2000 – 2025 schreiben würde. Der passende Titel dafür wäre jedenfalls: „Der baumelnde Kontinent“.

(Februar 2026) Bloms Erzählungen über die ersten Jahre des 20. Jahrhunderts und die letzten Jahre vor dem Weltkrieg enden mit einem Zitat aus dem epochalen Roman „Der Mann ohne Eigenschaften“ (MoE): „War eigentlich Balkankrieg oder nicht? Irgendeine Intervention fand wohl statt; aber ob das Krieg war, er wußte es nicht genau. Es bewegten so viele Dinge die Menschheit. Der Höhenflugrekord war wieder gehoben worden; eine stolze Sache. Wenn er sich nicht irrte, stand er jetzt auf 3700 Meter, und der Mann hieß Jouhoux. Ein Negerboxer hatte den weißen Champion geschlagen und die Weltmeisterschaft erobert; Johnson hieß er. Der Präsident von Frankreich fuhr nach Rußland; man sprach von Gefährdung des Weltfriedens. Ein neuentdeckter Tenor verdiente in Südamerika Summen, die selbst in Nordamerika noch nie dagewesen waren. Ein fürchterliches Erdbeben hatte Japan heimgesucht; die armen Japaner. Mit einem Wort, es geschah viel, es war eine bewegte Zeit, die um Ende 1913 und Anfang 1914.“

Philipp Blom zitiert mehrfach aus Musils Roman, weil dieser in einer Zeit spielt, die so nicht existiert: im Jahr davor, als man nicht wusste, dass im Sommer 1914 der Weltkrieg ausbrechen würde. Heute meint jeder zu wissen, was damals jeder wissen hätte müssen. Philipp Blom wollte sich diesem Zwang entziehen und „versuchen, eine Periode aus sich selbst heraus zu erzählen und zu interpretieren, unter den Gesichtspunkten, die damals wichtig schienen, und nicht ausschließlich retrospektiv.“ (474)

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Robert Musil ist das im MoE zweifellos gelungen: der Autor war selbst Offizier im 1. Weltkrieg und hat danach bis zu seinem Tod 1942 an seinem Lebenswerk geschrieben. Aus Sicht der 2020er Jahre ist es nicht mehr vorstellbar, mit welcher Disziplin sich Musil zwei Jahrzehnte auf dieses eine Jahr konzentriert hat, als wäre die Zeit für ihn still gestanden.

Blom schreibt immerhin über 15 abwechslungsreiche Jahre, die sich durch ein bis dahin nicht dagewesenes Tempo auszeichneten. So beginnt er seine Geschichten mit einem Autorennen im Jahr 1912, von dem ein junger Fotograf ein verzerrtes Bild aufgenommen hat. Es wurde später zum Kultfoto, weil es kein statisches Objekt sondern die Bewegung selbst eingefangen hat. Das Foto findet sich nicht zufällig auf dem Umschlag des Buches, in dem der Autor versucht hat, „eine Art Kameratechnik zu benutzen, wie sie auch der junge Jacques Lartigue hatte, als er seinen Photoapparat auf den Rennwagen Nummer sechs richtete.“ (15)

Der Kreis beginnt 1900 bei der Eröffnung der Weltausstellung von Paris, die technologisch im Zeichen des Dynamos steht, ästhetisch aber nur noch historistischen Abklatsch zu bieten hat, und endet wieder in Paris. Das Kapitel des Jahres 1914 lautet „Ein politischer Mord“, behandelt aber den Auslöser des 1. Weltkriegs nur am Rande. Im Zentrum steht der Mord an dem Herausgeber der Zeitung Le Figaro, Gaston Calmette, vollbracht von der Ehefrau des französischen Finanzministers Henriette Cailloux. Grund für dieses crime de passion: die Ex-Frau des Finanzministers spielte der Zeitung Liebesbriefe zu, die Le Figaro mit dem Ziel, den Finanzminister zu ruinieren, gehässig und genüsslich ausgeschlachtet hatte. Joseph Caillaux trat sofort von seinem Amt zurück und übernahm selbst die Verteidigung seiner Frau – mit Erfolg. Seine Strategie, meint Blom, „war denkbar einfach: Frauen sind schwache, emotionale Wesen, die von ihren Gefühlen schnell überwältigt werden, argumentierte er vor Gericht. […] Die Strategie ging auf. Henriette Caillaux wurde des Mordes nicht für schuldig befunden und verließ den Gerichtssaal am Arm ihres Mannes.“ (457)

Pointe am Rande: „Am 31. Juli, drei Tage nach dem Freispruch, erschütterte ein weiterer Mord das Land. Jean Jaurès, der Präsident der Sozialistischen Partei, der große Redner und einer der wichtigsten Verteidiger von Hauptmann Dreyfus, wurde im Café du Croissant in Paris von einem Nationalisten erschossen. […] Wieder überschlugen sich die Zeitungen mit Neuigkeiten, und in der allgemeinen Erregung über den Mord an Jaurès blieb nur sehr wenig Platz für einige kurze Nachrichten über den Tod eines Erzherzogs im weit entfernten Sarajevo.“ (459)

Die Rolle der Frauen, die in diesen Jahren beginnen, für die Gleichberechtigung und für das Wahlrecht zu kämpfen, ist eines der wiederkehrenden Themen des Buches. Während die Suffragetten – trotz großer Demonstrationen und skandalöser, medienwirksamer Aktionen – politisch keinen Erfolg hatten (erst 1918 erhielten Frauen über 30 das Wahlrecht in Großbritannien), waren die Frauenrechte in Frankreich kein großes Thema. „Trotz oder wegen spektakulärer Persönlichkeiten blieb die feministische Agitation politisch fast ohne jeden Einfluß.“ (271). Blom zählt auf: „Marie Curie hatte zwei Nobelpreise bekommen, Sarah Bernhard war ein international gefeierter Star auf der Bühne und später auch im Film, die Bildhauerin Camille Claudel hatte ein Ansehen als Künstlerin, das mit dem ihres Mentors und vormaligen Liebhabers Auguste Rodin vergleichbar war.“ (270f) In diese Reihe von Heldinnen passt auch Henriette Cailloux, deren Tat von geradezu biblischer Größe war, gestrickt nach dem Muster der Ermordung Holfernes’ durch Judit.

Indessen zählten Dekadenz und Hysterie der Frauen zu den wichtigsten Problemen in der Praxis von Sigmund Freud. Diese Symptome wurden von Freud ausschließlich auf der persönlichen Ebene (Unterbewusstsein, Kindheit, Sexualität) behandelt. Probleme aufgrund der systemischen Diskriminierung der Frauen blieben in der Berggasse 19 draußen vor der Tür. Die institutionelle Frauenfeindlichkeit war „normal“, ebenso wie Antisemitismus, Rassismus (in anderer Bedeutung als heute, da der Begriff „Rasse“ wissenschaftlich alltäglich war, bevor er nationalsozialistisch verwendet und deformiert wurde). Dazu kam das Streben nach dem Übermenschen verbunden mit politischen Utopien oder esoterischen Vorstellungen. All diese „Normalitäten“ wurden junktimiert mit Ideen der Eugenik, die Anhänger unter den bekanntesten (und bis heute anerkannten) Intellektuellen und Politikern der Zeit gefunden haben.

Blom „fotografiert“ zahlreiche Porträts, die diesen Phänomenen ihr Gesicht verleihen. Dazu kommen einige Bewegungsstudien und manche Schnappschüsse. Nur ein Porträt ist überbelichtet: „Als wohlhabende und intelligente Frau mußte Eugenie Schwarzwald einige der Männer um sich herum verunsichern. Besonders der bekennende Frauenhasser Karl Kraus hatte es auf sie abgesehen und spottete in seiner Zeitschrift Die Fackel unermüdlich über sie.“ (247) „Karl Kraus stichelte fast in jeder Ausgabe seiner Fackel gegen Frauen, die sich vergaßen und glaubten, Künstlerinnen zu sein.“ (282) Offensichtlich hat Blom die falsche Blende gewählt und Kraus in das grelle Licht der political correctness unserer Zeit gestellt. Hilde Schmölzer hat in ihrem Buch „Frauen um Karl Kraus“ (2015) darauf hingewiesen, dass er auch „Lobeshymnen“ auf manche Frauen veröffentlicht hat. Wichtiger als diese waren aber zahlreiche gute, freundschaftliche und respektvolle Beziehungen zu Frauen.

Kameratechnik bedeutet für den Fotografen ebenso wie für den Historiker: der Standpunkt bestimmt Perspektive und Bildausschnitt. Ebenso wichtig für das Ergebnis des Bildes sind Belichtungszeit und Blende. Die Bedeutung der Blende wird von Laien oft unterschätzt. Schärfe und Tiefe eines Bildes hängen von der Blende ab. Die Photographie dieser Zeit war schwarz-weiß; erst seit der Farbfotografie wissen wir, wie stark die Lichtverhältnisse die Darstellung eines Bildes verändern können.

Wie auch immer, ein Foto konnte noch vor 50 Jahren als Abbild der Wirklichkeit betrachtet werden. Die Sammlung eines Photoalbums konnte die persönliche Geschichte eines Menschen erzählen. Das von Blom zusammengestellte Fotoalbum wurde mit Fotos des Fin de Siècle (ein klischeebehafteter Begriff, den Blom nicht verwendet) gestaltet. Die einzelnen Aufnahmen erzählen Geschichten. Ihre Zusammenstellung – nolens volens with the knowledge of hindsight – verdichten die Geschichten zu Geschichte. Damit ist Blom nahe am Geschichtsverständnis, das Robert Musil im Kapitel 83 des MoE „Seinesgleichen geschieht oder warum erfindet man nicht Geschichte?“ implizit und Egon Friedell in seiner „Kulturgeschichte der Neuzeit“ explizit vertritt: Geschichte ist Dichtung.

INHALT (SIEHE AUCH: Der KI-Fall Blom)
Einleitung
1900: Jungfrau und Dynamo
1901: Wachablösung
1902: Oedipus Rex
1903: Ein seltsames Leuchten
1904: Seine Majestät und Mister Morel
1905: Der Sturm bricht los
1906: „Dreadnought“ und die neue Angst
1907: Träume und Visionen
1908: Neue Frauen
1909: Der Kult der Maschine
1910: „Das menschliche Wesen veränderte sich“
1911: Paläste für das Volk
1912: Übermenschen – Untermenschen
1913: Wagners Wahn
1914: Ein politischer Mord
Bibliographie
Anmerkungen

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Blom Philipp: Die zerrissenen Jahre

+ Breaking NEWS 28.2.2026 – Der 3. Weltkrieg hat begonnen. Philipp Blom hat zwei bemerkenswerte Bücher über die Vorkriegszeiten geschrieben: + Der taumelnde Kontinent. Europa 1900 – 1914 + Die zerissenen Jahre 1918 – 1938. Es wäre spannend, welches Buch Philipp Blom über Europa 2000 – 2025 schreiben würde. Der passende Titel dafür wäre jedenfalls: „Der baumelnde Kontinent“.

(April 2023) Der Historiker Philipp Blom, der 1970 in Hamburg geboren ist und seit 2007 in Wien lebt, arbeitet sich systematisch durch die Zwischenkriegszeit, chronologisch von 1918 bis 1938. Die Systematik ist die eines Puzzles, bei dem jedes Teilstück ein kleines fertiges Bild zeigt und gleichzeitig ein unabdingbarer (kein beliebiger) Teil des Ganzen ist. Die Chronologie orientiert sich stärker an der Geistesgeschichte als an der traditionellen Geschichtsschreibung als Abfolge und Verflechtung politischer (allenfalls wirtschaftlicher) Ereignisse und Entwicklungen.

Aus philosophischer Sicht kann man endlos darüber streiten, ob jede Epoche ihren Zeitgeist hat, ob ein "Zeitgeist" überhaupt existiert. Diese Frage lässt der Historiker Blom außen vor. Trotzdem gelingt es ihm mit der "Puzzle-Methode" den Zeitgeist der Zwischenkriegszeit zu rekonstruieren. "Player" der Epoche sind nicht nur "politischen Größen" wie Hitler, Stalin, Mussolini, sondern auch "Geistesgrößen" aus Kultur und Wissenschaft, aber auch viele Schicksale (Personen und Ereignisse), die in konventionellen Betrachtungen der Geschichte nicht vorkommen.


https://www.youtube.com/watch?v=34SUnc59c7Y


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So beginnt die Einleitung des Buches programmatisch mit einer Szene in einem Aufnahmestudio in New York, wo die Afroamerikanerin Mamie Smith den "Crazy Blues" einspielte. Die Platte wurde 1920 in den ganzen USA - sowohl an schwarze, als auch an weiße Amerikaner - über eine Million mal verkauft. "Einzig der Startenor Enrico Caruso und der Hit Swanee von Al Jolson hatten in diesem Jahr mehr umgesetzt." (12)

"Der Jazz kündete von allem, was anders geworden war, er verkörperte die Tatsache, dass nach 1914 nichts mehr so bleiben konnte, wie es gewesen war. Der Jazz war der Soundtrack einer Ära", so Blom. Ein Soundtrack, der von Amerika in die Großstädte Europas ausstrahlte. Ein Sound, der von einer "Subkultur" den Aufstieg in die "Hochkultur" geschafft hat. Es wäre möglich, mit hunderten weiteren Puzzlestücken dieser Art das Bild einer Ära im Aufbruch und Umbruch zu malen (beispielsweise nach dem Geschichtsbild von Jeremy Rifkin "Die empathische Zivilisation"). Doch Blom malt auch Bilder der Gewalt, des Zusammenbruchs und der Orientierungslosigkeit einer Zeit, in der die moralisch entwurzelte Kriegsgeneration nach Neuorientierung sucht.

Die Kriegsveteranen, die physisch verstümmelt waren oder psychisch am Shell Shok (Kriegszittern) litten, waren desillusioniert und an der Zukunft desinteressiert. Die "verlorene Generation" (Zitat Gertrude Stein, S 95) suchte nach neuen Werten, denn die Werte der Alten (Ehre, Treue, Kaiser, Kirche, Vaterland) wurden von den Kriegsmaschinen zerstört und von unzähligen Kriegsmassakern als Betrug entlarvt. Die Mehrheit der Suchenden fand ihre neuen Werte links (Kommunismus, Sozialismus, Anarchismus) oder rechts (Faschismus, Nationalsozialismus, Messianismus). Eine elitäre, dekadente Minderheit suchte und fand neue Werte in den Bars der Großstädte.

Die philosophische Essenz, die man aus den zahlreichen Puzzleteilchen filtern kann, ist der Begriff Rassismus. Folgt man J.M. Roberts ("Der Triumph des Abendlandes"), so ist "die Nation" eine "Erfindung" des 19. Jahrhunderts. Die weitgehende Auflösung der aristokratischen Dynastien und die Bildung von Nationen war das Ergebnis des 1. Weltkriegs, der Kampf um die Identität der neuen Nationen begünstigte den Nationalismus in den "zerrissenen Jahren". Zugespitzt: Rassismus war die Quintessenz des Zeitgeistes der 1920er und 1930er Jahre, der Schlüsselbegriff der Zwischenkriegszeit, der sich nicht nur im deutsch/österreichischen Antisemitismus manifestiert, sondern auch in der US-amerikanischen Rassentrennung, in der allgegenwärtigen Gewaltbereitschaft, in der Neigung zur Grenzüberschreitung und nicht zuletzt im Totalitarismus.

Im Folgenden Beispiele wie Blom diese Themen erörtert, Zitate, die als Puzzle im Puzzle betrachtet werden können. In der Vielfalt seiner Betrachtungen gibt es jedoch eine Einschränkung durch Fokussierung auf den Bereich, der traditioneller Weise als "Abendland" oder "der Westen" bezeichnet wird.

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Bode Thilo: Die Diktatur der Konzerne

Thilo Bode, Gründer und Direktor der Verbraucherschutzorganisation Foodwatch, hat gemeinsam mit Stefan Scheytt die Machenschaften der internationalen Konzerne unter die Lupe genommen. Ergebnis ihrer Arbeit ist das Buch „Die Diktatur der Konzerne. Wie globale Unternehmen uns schaden und die Demokratie zerstören". Die Prämisse, dass globale Unternehmen uns schaden und die Demokratie zerstören, gilt demnach als gesetzt.

Ein Pflichtverteidiger der Konzerne müsste festhalten: Pharmakonzerne entwickeln und produzieren viele Medikamente zum Wohle der Menschheit und verkaufen nicht alle zu überhöhten Preisen, Energiekonzerne sichern Tag für Tag unsere Stromversorgung und blasen nicht nur C02 in die Luft, Luftfahrtkonzerne bringen uns billiger denn je an alle Ziele dieser Welt, Handelskonzerne sorgen für effiziente Verteilung der Waren, Telekomkonzerne leisten einen Beitrag zur Meinungsfreiheit indem sie diesen Artikel jedem Menschen dieser Welt zugänglich machen, usw. Aber! Es folgt eine subjektive Auswahl von Kritikpunkten, die laut Bode einem klar definierten Ziel dient: „Ich möchte Alarm schlagen.“

Aber: „Die Lebensmittelkonzerne … schafften es, ihre flüssigen Süßigkeiten als akzeptierten Ersatz für Wasser selbst für Kinder zu etablieren. … Sie gewannen politische Macht, wie wenige Branchen je zuvor. Sie hatten sogar einen Staatspräsidenten: Vicente Fox. Er leitete Coca-Cola Mexiko, wurde Coca-Cola-Chef für ganz Lateinamerika und schließlich Mexikos Staatspräsident. … Und weil Soda-Getränke und Fast Food stets als Zwillinge kommen, … gehören Mexikaner heute zu den dicksten Menschen weltweit. 2016 waren fast 30 Prozent der Bevölkerung krankhaft fettleibig...“

Aber: „Tausende Amazon-Beschäftigte sind für das milliardenschwere Lebensmittelhilfe-Programm SNAP berechtigt, … Im Bundesstaat Arizona beziehen 30 Prozent der Amazon-Mitarbeiter staatliche Essenshilfe, in Pennsylvania und Ohio etwa zehn Prozent...“

Aber: „Eine Studie der Entwicklungsorganisation Oxfam zeigte 2017, dass die 50 größten US-Konzerne im Jahr 2015 1,6 Billionen Dollar in Steueroasen schafften; und Oxfam stellte klar: alles im legalen Rahmen. Die Steuereinnahmen, die den Ländern dadurch weltweit entgehen, bezifferte die Organization for Economic Cooperation and Development vor drei Jahren auf 240 Milliarden Dollar. … Auf die Spitze trieb es Apple der wertvollste Konzert der Welt, der 2017 einen Gewinn von 48 Milliarden Dollar einstrich. … im Jahr 2003 lag der effektive Körperschaftssteuersatz bei einem Prozent und ging bis 2014 weiter auf 0,005 Prozent zurück.“

Resümee: „Seit dem Fall der Mauer ist eine neue Qualität des Lobbyismus entstanden aufgrund der dramatischen gewachsenen Markt- und Finanzmacht der Konzerne. Diese Markt- und Finanzmacht ist zu einer politischen Macht geworden. Es hat sich ein industriell-politischer Komplex herausgebildet, in dem Konzerne und Politik zum gegenseitigen Nutzen eine Zweckgemeinschaft bilden, die keine Entscheidungen mehr gegen Konzerne trifft. Das hat verheerende Auswirkungen auf die Demokratie und verursacht gewaltige Schäden.“

„Eine Handvoll Konzerne verfügt über eine nie dagewesene Marktmacht, die sie offen als Erpressungspotential einsetzt. Ihr Reichtum erlaubt es ihnen, Kartellstrafen in Milliardenhöhe aus der Portokasse zu zahlen und sich buchstäblich alles zu kaufen, auch die Politik, ...“

„Anschlusskarrieren für ehemalige Politiker in der Wirtschaft sind so gang und gäbe, dass ihre grundsätzliche Problematik kaum noch wahrgenommen wird. … Die 'Drehtüre' zwischen Politik und Wirtschaft laufen auf Hochtouren: … Joschka Fischer, … Gerhard Schröder … Sigmar Gabriel [uvm] … Noch schneller drehen sich die Türen zwischen Politik und Wirtschaft in Brüssel, ...Laut TI-Report wechselte jeder Dritte der 171 EU-Abgeordneten, die seit der Europawahl 2009 aus dem Parlament ausgeschieden sind und nicht in den Ruhestand gingen, zu einer im Lobbyregister der EU verzeichneten Organisation.“

„Die Justiz … stößt an Grenzen, wenn es um die Geschäftsmodelle der Konzerne geht – Rechtsprechung kann nicht Regulierung durch Rechtsetzung ersetzen. … Wenn wir die Konzerne für die immensen Schäden, die sie verursachen, haftbar machen wollen, dann muss die Politik mit gesetzlicher Regulierung in die Geschäftsmodelle der Konzerne eingreifen, und zwar bevor die Schäden überhaupt erst entstehen. Das heißt, heute noch legale Geschäftsmodelle müssen illegal werden.“

Thilo Bode
Die Diktatur der Konzerne
Wie globale Unternehmen uns schaden und die Demokratie zerstören
S. Fischer, 2018

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