Menasse Robert: Die Hauptstadt

Zusammenhänge müssen nicht wirklich bestehen, aber ohne sie würde alles zerfallen.“

Ideen stören, was es ohne sie gar nicht gäbe.“

Letztlich ist der Tod auch nur der Beginn von Folgeerscheinungen.“

Nicht nur mit diesen philosophischen Aphorismen beweist Robert Menasse, dass er in die Fußstapfen von Robert Musil getreten ist, sondern auch mit dem Fundamet und dem Gerüst, das er seinem Roman gegeben hat. Musil hat mit seinem Roman „Der Mann ohne Eigenschaften“ (MoE) Philosophie und Dichtung vereint und damit dem Zeitgeist der KuK-Monarchie, der im Fin de Siècle ein letztes Mal aufblühte um endgültig zu verblühen, ein Denkmal gesetzt. „Die Hauptstadt“ ist ein Denkmal, das der EU gewidmet ist. Es ist ein Denkmal für eine Epoche, die blüht. Derzeit noch.

Zeitbedingt ersetzt Menasse Wien durch Brüssel, KK durch EU. Und es geht auch bei Menasse um die zündende Idee für eine Jubiläumsfeier, die als Parallelaktion konzipiert ist.

Die Geburt der Idee beschreibt Musil so: „Dr. Paul Arnheim war nicht nur ein reicher Mann, sondern er war auch ein bedeutender Geist. Sein Ruhm ging darüber hinaus, daß er der Erbe weltumspannender Geschäfte war, und er hatte in seinen Mußestunden Bücher geschrieben, die in vorgeschrittenen Kreisen als außerordentlich galten. … Arnheim verkündet in seinen Programmen und Büchern noch dazu nichts Geringeres als gerade die Vereinigung von Seele und Wirtschaft oder von Idee und Macht. … Arnheim wurde entzückt, als er in Diotima eine Frau antraf, die nicht nur seine Bücher gelesen hatte, sondern als eine von leichter Korpulenz bekleidete Antike auch seinem Schönheitsideal entsprach, … 'man müßte -' hatte sie gesagt, und Arnheim unterbrach sie: Das sei ganz wundervoll; 'neue Ideen oder, wenn es erlaubt sei zu sagen (hier seufzte er leicht), überhaupt erst Ideen in Machtsphären zu tragen!' Und Diotima war fortgefahren: Man wolle Komitees aus allen Kreisen der Bevölkerung bilden, um dieses Ideen zu ermitteln. … Bis hierher hatte sich Diotima des Gespräch wörtlich wiederholt, aber an diesem Punkt löste es sich in Glanz auf; … Ein unbestimmtes, spannendes Glücks- und Erwartungsgefühl hatte sie die ganze Zeit über immer höher gehoben; nun glich ihr Geist einem ausgekommenen, kleinen, bunten Kinderballon, der herrlich leuchtend hoch oben gegen die Sonnen schwebt. Und im nächsten Augenblick zerplatzte er. Da war der großen Parallelaktion eine Idee geboren, die ihr bis dahin gefehlt hatte.“

Die Geburt der Idee beschreibt Menasse so: „Das Big Jubilee Project. … Es war Mrs Atkinsons [Generaldirektorin der DG KOMM] Idee gewesen. Fenia Xenopoulou war die Erste, die darauf reagierte – und das Projekt rasch an sich zog. Das gehörte ins Kulturressort, fand Fenia, keine Frage. Das war die Chance, auf die sie gewartet hatte, um Visibilité zu zeigen. … Mich interessiert die Sache nicht, hätte Martin am liebsten gesagt. Er beschloss, ganz einfach allen recht zu geben, um sich nicht zu exponieren. In Anbetracht der Bedeutung dieser Angelegenheit, sagte er in Richtung Fenia, sei klar, dass – und nun in Richtung Bohumil: - die Fehler der Vergangenheit nicht wiederholt werden dürfen. … Es habe keine andere Idee gegeben als diese: anlassbedingt ein Jubiläum zu feiern. Aber der Anlass allein sei eben noch keine Idee. … So war Martin Susman in die Falle getappt. Nach einigem Hin und Her sagte Fenia Xenopoulou: Schluss jetzt, der Einzige, der sich offenbar Gedanken gemacht habe, sei Martin. Es sei absolut logisch, was er gesagt habe. Das Um und Auf sei eine zentrale Idee. Sie beauftragte Martin, die Idee zu entwickeln und ein entsprechendes Papier zu schreiben.“

Musils „Ulrich“ heißt bei Menasse „Martin“, er ist österreichischer Beamter in der Kulturabteilung, ausgestattet mit Intelligenz, aber, so wie Ulrich, mit unterentwickeltem Karrierebewusstsein. Er bringt „die Idee“ aufs Tapet und muss für die Realisierung auch gleich die Verantwortung übernehmen. „Die Kultur“, bislang ein Abstellgleis der Kommission, erhält so eine unerwartete Aufwertung: „Jeder Mitgliedstaat der EU hatte das Anrecht auf einen Kommissar-Posten, … Als nach den damaligen Europawahlen die Ressorts neu besetzt wurden, kam das Gerücht auf, dass … Österreich … 'die Kultur' bekommen sollte. … Die österreichische Koalitionsregierung zerstritt sich, … die österreichischen Zeitungen machten Stimmung und sie konnten sich auf die Entrüstungsbereitschaft ihrer Leser verlassen: 'Uns droht die Kultur!' Oder: 'Österreich soll mit Kultur abgespeist werden!' Das scheint als Reaktion sehr erstaunlich, wenn man bedenkt, dass sich dieses Land als 'Kulturnation' – nun, vielleicht nicht 'begriff', aber doch gerne bezeichnete.“

Man könnte „Die Hauptstadt“ mit dem Wiener Grand Hotel vergleichen, dessen Fassaden stehen geblieben sind um es innen auf den alten Fundamenten völlig neu zu errichten. Doch für einen brillanten Schriftsteller wie Menasse ist die Neu-Adaptierung des MoE keine ausreichende Herausforderung. Wenn ein Plot so stark ist, dass er als Remake für jede Generation neu erfunden werden kann, dann gilt: „A Star is born!“ Eine Wiedergeburt – die Auferstehung der Parallelaktion - ohne zureichenden Grund wäre gemäß dem Prinzip des unzureichenden Grundes zwar möglich, aber nicht wirklich spannend für einen Autor mit Möglichkeitssinn.

Um seine schriftstellerischen Möglichkeiten voll auszuspielen führt Menasse einen zweiten Plot parallel, den er Dan Browns „Illuminati“ entlehnt. Und dazwischen findet noch Franz Kafkas „Die Verwandlung“ Platz. Das Personal des MoE ebenso wie der „Hauptstadt“ ist wohlhabend, wenn auch gemessen an den wirtschaftlichen Möglichkeiten ihrer Epochen nicht wirklich reich, nicht „superreich“, wie man heute sagen würde. Doch immerhin ideenreich - gemessen am jeweiligen Zeitgeist, sofern dieser nicht idealistisch als Vorläufer seiner Zeit, sondern empirisch als Spiegel seiner Zeit verstanden wird.

Die dritte Parallele zeichnet Florian, der ältere Bruder von Martin, der schon früh den Schweinezuchtbetrieb seines Vaters übernehmen musste und zu einem Schlachthof ausgebaut hat. Als Obmann der EPP, European Pig Producers, die mit EPP, European People´s Party, im Clinch liegt, ist er international viel unterwegs. Am Weg nach Ungarn – als Opfer eines Auffahr-Unfalls auf der Autobahn - zieht sich Florian Susman schwere Verletzungen zu: „Und jetzt lag er da wie ein auf den Rücken gefallener Käfer. Jetzt war er verwandelt in einen hilflosen Käfer. Plötzlich. Einfach so. Und wartete darauf, versorgt zu werden.“ Martin fliegt umgehend von Brüssel nach Wien um seinem Bruder im Krankenhaus beizustehen und vernachlässigt die Vorbereitungen zum Big Jubilee. Das Projekt der Kommission wird indessen langsam aber sicher vom Rat viviseziert.

Während die Parallelführungen zu Musil und Kafka beweisen, dass, wenn es einen Wirklichkeitssinn gibt, es auch einen Möglichkeitssinn geben muss, beweist die Parallele zu Dan Brown, dass jedem Autor einmal die Phantasie durchgehen kann. Bei dieser Parallelaktion geht es um einen ungeklärten Mord. „Dass das Vertuschen des Mords im Hotel Atlas nicht bloß auf einen belgischen Staatsanwalt zurückging, sondern dass die Nato da irgendwie die Finger im Spiel hatte, war für [den Kommissar] Émile Brunfaut tatsächlich 'zu groß'.“ Die Brüssler Untersuchungsbehörden und die Nato als finstere Mächte, die eine Aufklärung verhindern wollen, sind dem Autor offenbar nicht genug, denn aus Sicht von Émile Brunfaut „wetteifern die Geheimdienste mit allen Mitteln um die Gunst des Vatikans, um Zusammenarbeit und Austausch mit der Kirche. Das war im Kalten Krieg so, und das ist mittlerweile nicht einmal mehr ein Gehemnis. Jetzt gibt es einen anderen Feind. Es ist nicht mehr der gottlose Kommunismus, der Feind heute heißt Islam.“

Dass alle Parallelen, die durch die Hauptstadt laufen, sich im Unendlichen treffen, lässt sich literaturwissenschaftlich nicht beweisen. Anders als Musils MoE bleibt „Die Hauptstadt“ nämlich nicht unvollendet und somit unendlich, sondern wird mit Seite 459 beendet. Leider aber nicht vollendet.

Robert Musil unterscheidet zwischen Schriftsteller und Dichter. Der Schriftsteller ist ein Meister seines Handwerks, dessen Leistungen sich im Markterfolg spiegeln. Der Dichter ist Denker, der imstande ist den für viele unfassbaren Zeitgeist in Worte zu fassen und zu einem Roman zu verdichten. Robert Menasse ist ein Dichter, und zweifellos einer der besten unserer Zeit. Meiner subjektiven Einschätzung nach: der Beste! Diese Einschätzung konnten, seit ich vor zwei Jahrzehnten seinen Erstlingsroman „Sinnliche Gewissheit“ gelesen habe, ein paar schwächere Titel wie „Schubumkehr“ und „Don Juan“ nicht erschüttern. Nach der Lektüre des Romans „Die Vertreibung aus der Hölle“ ist dieses Urteil für mich allerdings endgültig. Über „Die Vertreibung“ könnte ich keine Rezension schreiben, für diesen Roman gibt es nur einen Begriff: epochal.

Allein aufgrund dieser Lese-Erfahrungen ist die Erwartung an einen „wahren“ Menasse, der seinen Möglichkeitssinn literarisch vollkommen auslebt, entsprechend hoch. Und allein aufgrund dieser Erwartungshaltung wirkt „Die Hauptstadt“ wie das Auftragswerk eines Schriftstellers: gekonnt, ja sogar perfekt, besser als viele andere aktuelle Werke des Literaturbetriebs, aber doch nur Handwerk eines Schriftstellers mit Wirklichkeitssinn.

Robert Menasse

Die Hauptstadt

Suhrkamp Verlag Berlin 2017

Video: Robert Menasse über die Vorgeschichte dieses Buches 

Mitterlehner Reinhold: Haltung

Reinhold Buch

VORBEMERKUNG 20.9.23: Mit Lektüre dieser Rezension sparst du dir den Besuch von drei flachen Filmen über Sebastian Kurz, die im September 2023 in die Kinos gekommen sind. Wie viel ist dir diese Zeitersparnis wert? Sag es uns via SPENDE

Wer immer schon den Verdacht hatte, dass Sebastian Kurz nichts anderes als Parteipolitik gelernt hat, findet eine Bestätigung in dem Buch „Haltung“ von Reinhold Mitterlehner. Darüber hinaus lassen Mitterlehners Memoiren aber den Schluss zu: man kann Kurz nicht zum Vorwurf machen, dass er das Einzige, was er in seinem Leben gelernt hat, besser beherrscht als alle anderen. Am aller wenigsten kann ihm sein Vorgänger als ÖVP-Chef eine Vor-Haltung machen, auch wenn der jüngere den älteren aus seinem Amt gemobbt hat.

Der Ex-Vizekanzler Mitterlehner (geboren 1955) und der 31 Jahre jüngere Ex-Kanzler Sebastian Kurz haben klassische österreichische Polit-Karrieren hinter sich: ausgestattet mit einem Parteibuch und etwas höherem IQ als das durchschnittliche Parteimitglied, finden solche Personen immer einen der hinten anschiebt oder vorauseilt und die Türen öffnet. Mitterlehner beschreibt das Phänomen so: „Über die Hochschülerschaft und den Cartellverband lernte ich die gesamte spätere wirtschaftspolitische Elite Oberösterreichs kennen. Ich schloss Bekanntschaften, die für mich prägend waren und sich auf mein späteres Leben auswirkten.“ (S. 54) Noch vor Studienabschluss wusste der CV-ler, dass ihm „mit meinem Abschlusszeugnis in der Hand“ (S. 59) die Türen bei vielen Unternehmen offen stehen würden,namentlich bei Raiffeisen und bei der WK-Oberösterreich, wo er schließlich als Sekretär von Präsident Rudolf Trauner begonnen hat. Sicher eine gute Kaderschmiede, wo Mitterlehner mit der Kammer-Reform seine „Meisterprüfung in der Wirtschaftskammer“ ablegen konnte und nicht zuletzt eines gelernt hat: „Politik ist nichts anderes als Informationsmanagement.“

40 von 200 Seiten umfasst die Auseinandersetzung mit Kurz,insbesondere mit der Frage: wer macht den Sprengmeister? Christian Kern hat im Mai 2016 das Ruder in der Regierung übernommen und Mitterlehner schreibt: „Von all dem, was bis Mai 2016 hinsichtlich Machtübernahme geplant und vorbesprochen worden war, wusste ich nichts.“ Er meint damit die Machtbestrebungen des damaligen Außenministers Sebastian Kurz und präzisiert: „All das, was von Mai 2016, also vom Zeitpunkt des Rücktritts von Werner Faymann, bis Januar 2017 von Kurz und seinen Vertrauten unternommen worden war, war nicht mit mir abgesprochen worden.“

Siehe auch: Rudi Anschober über Basti Kurz

Das spricht weder für ihn noch gegen ihn. Es spricht aber eindeutig dafür, dass an Mitterlehners Erinnerungen vor allem das interessant ist, an was er sich nicht erinnert. So erinnert er sich nicht, wer Kurz als Jung-VPler in ein Regierungsamt gehievt hat. Welche Rolle Erwin Pröll für die Karriere von Kurz gespielt hat, wird mit keinem Satz erwähnt. Zur Erinnerung: seine bundespolitische Karriere begann Kurz als Staatssekretär unter Innenministerin Johanna Mikl-Leitner, der Statthalterin des NÖ-Landesfürsten in der Bundesregierung. Erwin Pröll selbst kommt in Mitterlehners Buch gerade drei Mal vor. Immerhin so oft wie Peter Pilz, Karl Popper und Elvis Presley zusammen genommen. Der mächtige Landeshauptmann war demnach für Mitterlehner so wichtig wie der Oppositionspolitiker mit dem ihn „so etwas wie Freundschaft...“ verbindet, wie ein berühmter Philosoph, den er „in Alpbach erlebte“ und ein Rockstar, „in Anlehnung“dessen Mitterlehner seinen Scheitel mit Föhnwelle designte.

Dass Kurz aus der Position des Integrationsstaatssekretärs nach einem gelungenen Vorzungsstimmenwahlkampf 2013 besser als der damalige Parteichef Michael Spindelegger abgeschnitten hatte, „löste in der Partei zwar keine Führungsdiskussion aus, nutzte Kurz jedoch sehr, weil er so ein für sich gewichtiges Ministeramt einfordern konnte.“ Im Gegensatz zu Kurz übte sich Mitterlehner in vornehmer Zurück-Haltung: „Ich selber wurde damals, für mich eher überraschend, zusätzlich zu den Agenden als Wirtschaftsminister mit dem Wissenschaftsressort bedacht.“

Zur Erinnerung: Es war Spindelegger, der nach der Wahl bei den Koalitionsverhandlungen den Finanzminister sofort für sich reklamierte, in der irrigen Meinung ein ÖVP-Vizekanzler könne die angebliche Wirtschaftskompetenz seiner Partei nur in dieser Position voll ausspielen. Wider besseres Wissen, denn diese Selbsteinschätzung haben zuvor bereits Wilhelm Molterer und Josef Pröll beeindruckend widerlegt.

Zur Erinnerung: Mitterlehner war 2013 bereits fünf Jahre Wirtschaftsminister, Kurz erst zwei Jahre Staatssekretär! Dass er mit dem Wissenschaftsministerium überraschender Weise „bedacht“ wurde, während sich Kurz das Außenministerium selbstbewusst unter den Nagel gerissen hat (Sichtweise Mitterlehner!), ist kein Zeugnis für die Stärken von Kurz sondern ein Zeugnis für die katastrophalen Schwächen der ÖVP.

Zur Erinnerung: Es war die ÖVP, die einen Politlehrling ohne geringste Qualifikation in Zeiten internationaler Krisen für geeignet hielt den Posten des Außenministers zu übernehmen. Und nach der Koalitions-Entscheidung die Anzahl der Ministerien zu kürzen, war es die ÖVP, die das Wissenschaftsministerium an das Wirtschaftsministerium angedockt hat, anstatt – wie von allen Bildungsexperten seit Jahrzehnten gefordert – an das Unterrichtsministerium. Aber das „gehörte“ ja der SPÖ, der man nicht einfach, mir nix dir nix, mehr Macht zugestehen konnte. Indessen konnten die gewichtigen Anliegen der Frauen keine schwarze und die der Familien keine rote Ministerin übernehmen.

Man kann der türkis-blauen Regierung zugute halten: sie hat politische Inhalte, die logisch zusammen gehören, ministeriell neu strukturiert, neben Bildung, Wissenschaft und Forschung auch Familie, Frauen und Jugend, und weiters Wirtschaft mit Digitalisierung, sowie Justiz mit Deregulierung und Verfassungsreform aufgewertet. Parteibuchwirtschaft der übelsten Sorte wurde durch einigermaßen plausible Parteiinteressen, die das Wahlergebnis spiegelten, abgelöst.

Zurück zu Mitterlehner, der schon 2011, nachdem Josef Pröll hingeschmissen hatte, „als Kandidat in Diskussionen gewesen war und letztlich nicht zum Zug gekommen war.“ Wie bitte? War Wirtschaftsminister Mitterlehner bei diesen Diskussionen nur passiver Zuhörer? Seine vornehme Zurück-Haltung geht offenbar so weit, dass er aus der Zeitung erfahren musste, „dass Spindelegger der designierte Obmann der ÖVP wäre.“ Von wem designiert? Die Frage bleibt unbeantwortet.

Mit dem Medienliebling Kurz hat Mitterlehner schließlich 2014, bei der Übernahme des Ruders aus der Hand von Spindelegger, die Fronten geklärt: „Ich sagte Kurz also, dass ich vorhatte, meine neue Aufgabe bis zum Jahr 2018 mit vollem Elan auszufüllen und wir dann 2018 beurteilen würden, wer von uns beiden besser positioniert sei, wenn es um die Rolle des Spitzenkandidaten ging.“ So klingt ein Gentlemen's Agreement. Kein Wunder, dass Mitterlehner nach dem Rücktritt von Faymann (2016) bass erstaunt war, dass Kurz bereits einen Masterplan für Neuwahlen in der Schublade hatte. Mehr noch, er hat hinter dem Rücken Mitterlehners auch schon bei wichtigen Parteileuten für sich Stimmung gemacht und bei wichtigen Wirtschaftskapitänen um Wahlkampfspenden angefragt „Die Rolle des Sprengmeisters sollte ich übernehmen, … Kurz hatte das Grand Design im Mai 2016 schon im Kopf, das er dann im Jahr 2017 auch umsetzte. Ich sollte für ihn die Koalition aufkündigen und den Schwarzen Peter nehmen, damit er unbefleckt in Wahlen gehen könne.“

Stein des Anstoßes wurde das neu überarbeitete Regierungsabkommen zwischen Mitterlehner und Kern. Kurz wollte Kern keinen schnellen Erfolg gönnen und daher zunächst Nachverhandlungen und dann die Unterschrift unter das Relaunch-Programm verweigern. Als „Sprengmeister“ stand schließlich der Innenminister von Prölls Gnaden, Wolfgang Sobotka, bereit. Mitterlehner resigniert: „Dass die eigene Arbeit kritisiert oder schlecht geredet wird, ist für einen Parteiobmann eine fast alltägliche Erfahrung, vor allem dann, wenn andere Interessen ins Spiel kommen. Dass die eigene Arbeit jedoch schon in der Entstehung torpediert wird, damit Erfolg nicht einmal ansatzweise entstehen kann, war ein Novum.“

Dieses Novum hat einen Namen: Kurz. Dieses Novum ist zwar neu für einen traditionellen, sozialpartnerschaftlichen, bünde-orientierten Parteipolitiker, für den „Politik nichts anderes als Informationsmanagement“ ist, aber es ist nicht prinzipiell neu, sondern nur in Nuancen. Das Novum ist in Wirklichkeit nur der jugendliche Elan, mit dem die behäbigen Altvorderen von den Jungen überrumpelt wurden. Doch seinem Wesen nach ist Kurz ein Parteipolitiker wie Mitterlehner, von einem Landesfürsten ins Amt gehoben, ohne Hindernisse die Karriereleiter höher geklettert, der irgendwann, aber jedenfalls zu früh, zur Überzeugung gelangen musste, das Zeug zum ÖVP-Kronprinzen zu haben. Und den Kanzler macht ein Kronzprinz halt so nebenbei.

Der Klubzwang

War da noch was? Aja, es geht bei Nationalrats-Wahlen nicht um den Kanzler sondern um die Parteien, ihre Programme und den fairen Kampf um die besten Ideen für dieses Land. Und natürlich, wie unser Herr Präsident sich wünscht: um die Wiederherstellung des Vertrauens in die Politiker und -innen. Dazu möge man allen, die demnächst für das Amt eines Nationalratsabgeordneten kandidieren werden, ins Stammbuch schreiben, was Reinhold Mitterlehner noch zu sagen hat: „Wer mit der Vorstellung ins Parlament kommt, er kann sofort mitgestalten, wird von der Praxis schnell eines anderen belehrt. Da geht es zuerst einmal um das Erlernen von Disziplin und Unterordnung, und zwar in jedem Klub.“

„Es wird viel vom freien Mandat gesprochen, tatsächlich ist jedoch der Klubzwang sehr stark. Kaum einer getraut sich, in der Klubsitzung aufzuzeigen und auszusprechen, dass er etwa bei diesem oder jenem Beschluss nicht mitgehen würde. Im ÖVP-Klub hat sich ein fein gesponnenes, bewährtes Meinungsdämpfungssystem entwickelt. Die Klubarbeit ist in drei Arbeitsgemeinschaften (Bauern, Arbeitnehmer und Selbstständige) organisiert, dort können Kritiker Dampf ablassen, bevor eine Materie überhaupt in den Klub kommt. Vor allem für die Abgeordneten aus den Ländern, die nur für die Sitzungen nach Wien reisen, ist das praktisch. In der Arbeitsgemeinschaft ist ihr erster Zorn meist verpufft und im Klub sagen sie dann manchmal gar nichts mehr.“

Hier der für alle Abgeordneten zentrale Verfassungs-Artikel, der den Schluss zulässt, dass der übliche Klubzwang verfassungswidrig ist: „Artikel 56. (1) Die Mitglieder des Nationalrates und die Mitglieder des Bundesrates sind bei der Ausübung dieses Berufes an keinen Auftrag gebunden.“

Reinhold Mitterlehner

Haltung. Flagge zeigen in Leben und Politik

Ecowin, 2019

Siehe auch Kommentare auf fischundfleisch.

SIEHE AUCH: Wie die türkise Clique den Aufstieg von Sebastian Kurz orchestriert hat - Lobbying & Korruption - derStandard.at (9.10.2021)

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Moegling Klaus: Neuordnung

Klaus Moegling

Eine friedliche und nachhaltig entwickelte Welt ist (noch) möglich

Die 3. Auflage des Buches ist bereits vergriffen. Der Autor stellt die aktuelle Fassung 2025 jedoch frei auf seiner Webseite klaus-moegling.de zur Verfügung. Der Autor schreibt:

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