Thurnhofer Hubert: Pellets

Alfred Melchert GRETA und das KLIMA

Klimawandel, Energiewende und der Wald

Drei Monate recherchierte der Autor im Frühjahr 2021 im Auftrag von proPellets das Campaigning internationaler NGOs gegen die energetische Nutzung von Biomasse, insbesondere Holzpellets, zur Energiegewinnung. Im Juli hat er dazu das Manuskript "Pellets. Klimawandel, Energiewende und der Wald" vorgelegt, das als Buch erscheinen sollte; proPellets hat das Manuskript jedoch schubladisiert. 2022 hat der Autor bereits Kapitel 1 und 3 auf ethos.at veröffentlicht. Im Jahr 2023 folgen die weiteren Kapitel. Das Manuskript ist nach wie vor aktuell, da in der EU seit September eine Richtlinie diskutiert wird, wonach Holz nicht mehr zur Energiegewinnung verwendet werden soll. Die österreichische Holzwirtschaft läuft dagegen Sturm. Ein erstes Stimmungsbild zeichnet kaernten.orf.at am 14. September 2022.

Bilder: Alfred Melchert, Watching Greta und Bleeding Greta

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Vermes Timur: Er ist wieder da

Es gehört zum Zeitgeist 2023, vielmehr zum Ungeist unserer Zeit, dass hochrangige Politiker ihre politischen Feinde mit Hitler vergleichen. Zum Programm der Vergangenheitsbewältigung, das gescheitert ist und als Vergangenheitsbewältigungskult weiter lebt, gehört, Hitler als größten Bösewicht der Geschichte und die Nazidiktatur als Unrechtsstaat zu charakterisieren. Diese Charakteristik erhebt die Nazidiktatur nolens volens zur einmaligen Ausnahmeerscheinung in der Geschichte der Menschheit, das Mantra, "es darf nie wieder passieren", somit zu einer leeren Floskel, weil ja die Einmaligkeit bereits in der Geschichtsschreibung außer Frage gestellt wurde. In diesem Kontext stellt sich die Frage, ob man Hitler mit menschlichem Antlitz darstellen darf. Der Journalist Timur Vermes hat dies in seinem ersten Roman, der 2012 sofort zu einem Bestseller geworden ist, getan. Mit gefinkelten literarischen Kunstgriffen ist ihm ein großer Wurf gelungen. Ist es ein Buch über den totalen Wahnsinn oder über einen ganz normalen Spinner? Eine Persiflage oder eine Hommage?

(Folgender Text ist erstmals im Februar 2016 auf thurnhofer.cc erschienen.) Ein Buch über Adolf Hitler, der 2011 wie vom Himmel gefallen wieder in Berlin auftaucht und eine Blitz-Karriere hinlegt. Im Medienzeitalter passend als Showmaster, der den Führer mimt (so die Sicht der Produktionsfirma Flashlight), als von der Vorsehung Auserwählter um im zweiten Anlauf den Endsieg zu erringen (so die Sicht von ihm, Adolf Hitler). „Er ist wieder da“, das Romandebüt des gelernten Historikers, Politologen und Journalisten, Timur Vermes, hat – man kann es nicht anders sagen – wie eine Bombe eingeschlagen.

Wikipedia: „Insgesamt wurden bis August 2015 über 2.000.000 deutsche Exemplare sowie über 300.000 Hörbücher verkauft. Die Auslandsrechte wurden an über 41 Länder vergeben und seit Herbst 2014 liefen die Dreharbeiten für die Verfilmung. … Er ist wieder da wurde 2015 unter der Regie von David Wnendt verfilmt, die Rolle Hitlers spielt Oliver Masucci.“

„Hitler, Adolf“ erzählt in der Ich-Form, der Autor findet den richtigen Sprachduktus, der für jede Menge Verwechslungen, Slapstick-Szenen und Kalauer geeignet ist. Aber der Autor überspannt den Bogen nie, verzerrt Hitler nie ins Groteske. Auch die Charaktere und Soziolekte der übrigen Figuren wirken authentisch. Die Menschen und Szenen sind glaubwürdig aus dem Leben, insbesondere aus der Medienwelt gegriffen. Timur Vermes geht sogar noch einen Schritt weiter: er zeichnet Adolf Hitler mit menschlichem Antlitz, der durchaus empathische Züge hat, wenn er sich den Sorgen seines Volkes, insbesondere seiner Mitarbeiter im Filmstudio widmet.

Im Roman startet Hitler seine TV-Karriere mit einem Auftritt in der Sendung des Comedian Ali Wizgür: „Aufgrund genetischer Vermischung paarte sich hier welsches, ja asiatisches Aussehen mit tadellosem, wenn auch in schwer erträglichen Dialekt gefärbtem Deutsch. Diese Mischung gerade schien es, die jenem Wizgür seine Funktion ermöglichte. Sie entsprach in etwa der jener weißen Schauspieler, die sich in den USA schwarz schminkten, um Rollen als Darsteller für dümmliche Neger zu erhalten.“ (S. 150, O-Ton Hitler). Seine erste Ansprache löst eine heftige Kontroverse im Produktionsteam aus, doch die Quote gibt ihm recht. Bald bekommt Hitler eine eigene Sendung, in der er Missstände, insbesondere bei den parlamentarischen Parteien, schonungslos anprangert. Dass er auch die Schlappschwänze der NSDAP-Parteizentrale in Köpenick vorführt, bringt Hitler die höchste Anerkennung in der Medienindustrie, den Grimmepreis, aber auch eine Tracht Prügel von rechten Recken, die ihn krankenhausreif schlagen.

Die literarische Qualität des Romans ist überragend. Somit bleibt nur die moralische Frage offen: darf man Hitler ein menschliches, allzu menschliches Antlitz geben? Anders als der Film von Dani Levy, „Mein Führer“, der 1945 spielt und klar als Persiflage auf Hitler und den Nazismus angelegt ist, ist der Roman von Vermes keine Persiflage auf „meenen Führa“ (so die Wortwahl von „Fräulein Krömeier“, der dem „Führer“ zugeteilten Sekretärin), sondern in Wahrheit eine Persiflage auf den aktuellen Zustand unserer Gesellschaft im Allgemeinen und der Medienwelt im Besonderen.

Dass ausgerechnet ein Hitler dieser Welt den Spiegel vorhält und dabei gut eingespielte Mechanismen und Seilschaften entlarvt, und zwar glaubwürdig entlarvt, das ist die tiefere Wahrheit dieses Romans. Oder vielleicht doch die infame Doppelbödigkeit des Buches! Denn Hitler kommt hier nicht monströs, nicht grotesk, sondern tatsächlich menschlich rüber. Das ist ein Bruch mit der bisherigen Form der Vergangenheitsbewältigung, den viele als Affront oder Verharmlosung sehen werden.

Man kann darin allerdings aber auch einen moralischen Appell des Autors sehen: warten wir nicht darauf, bis uns ein neuer Hitler mit seiner Wahrheit von den Übeln dieser Welt zu befreien verspricht. Ziehen wir – nachdem alle Gräueltaten der Nazis detailliert dokumentiert, aufgearbeitet und von der Mehrheit der Deutschen bewältigt sind – einen Schlussstrich unter die Vergangenheitsbewältigung und beginnen wir „Babyboomer“ endlich mit der Zukunftsbewältigung! Und die kann nicht gelingen, wenn sich alles um die Frage dreht, ob es in Deutschland einen neuen Hitler geben kann, und wie der wohl auftreten wird. Die zentrale Frage zur Bewältigung der Zukunft lautet: wann werden wir endlich lernen zu durchschauen, welche Systemzwänge und Ideologien unser Denken heute dominieren und welche (demokratisch nicht legitimierten) Kräfte die Systemzwänge und die wachsende Anzahl von Systemmängeln schon längst für sich instrumentalisieren um uns alle zu manipulieren.

Weniger sperrig formuliert, hier die Antwort auf die eingangs gestellte Frage: „Er ist wieder da“ ist ein Buch über den ganz normalen Wahnsinn unserer Gesellschaft im 21. Jahrhundert und eine Persiflage auf die weitgehende Kritikunfähigkeit der heutigen Medien, die sich dem totalen Diktat der Quote unterworfen haben; Ergänzung 2023: und den Herrschaften unserer Regierungen, denen sie aus der Hand fressen, weil sie von diesen ausgesprochen gut gefüttert werden.

Timur Vermes

Er ist wieder da

Voltaire: Über die Toleranz

Spätestens seit dem Scheitern der „Willkommenskultur“ ist es nicht mehr populär, wenn man über Toleranz spricht, geschweige denn, sie verteidigt. Trotzdem, oder gerade deshalb ist es angebracht einmal nachzuschlagen, was „einer der meistgelesenen und einflussreichsten Autoren der Aufklärung“ (Quelle: wikipedia) dazu zu sagen hat: Voltaire.

Um die Notwendigkeit der Toleranz zu begründen folgt der Philosoph historischen Spuren der Intoleranz. Dabei geht er zurück bis ins Alte Testament und stellt die Frage: „War die Intoleranz dem göttlichen Rechte im Judentum gemäß, und ist sie stets in Ausübung gebracht worden?“ In seiner Beantwortung verweist Voltaire auf zahlreiche Bestialitäten der Juden, die in den Büchern Mose akribisch aufgezeichnet wurden. Angesichts der teilweise schonungslosen Abrechnung des Christen mit dem Judentum klingt Votaires Resümee fast wie die Absolution eines Priesters: „Wenn man das Judentum in der Nähe betrachtet, so erstaunt man über die größte Toleranz unter so vielen Greueln. Freilich ein Widerspruch; aber die meisten Völker sind von Widersprüchen regiert worden. Glücklich der Widerspruch, der sanfte Sitten erzeugt, wo man blutige Gesetze hat.“

Voltaires Auslegung der schlimmsten im Alten Testament geschilderten Greueltaten als Allegorien klingt plausibel, wenn man den Hinweisen glauben kann, dass die Fünf Bücher Mose (der Pentateuch) erst viele Jahrhunderte nach Mose niedergeschrieben wurden. So könnten diese Geschichten nicht als Aufzeichnung historischer Fakten, sondern zur Abschreckung von Abrahams Nachkommen und seiner Feinde gedient haben.

Einen fundamentalen Widerspruch kann der aufgeklärte Philosoph und gläubige Christ, der 1694 in Paris geboren, viele Jahre im Dienste verschiedener Herrscher Europas gestanden und 1778 verstorben ist, jedoch nicht auflösen: das Gebot der Anbetung des einen, allmächtigen Gottes und das Verbot der Anbetung anderer Götter (Götzendienst) ist seinem Wesen nach intolerant. Mehr noch: der Begriff „Toleranz“ kommt in der Bibel an keiner einzigen Stelle vor, auch wenn viele Stellen der Evangelien von aufgeklärten Christen und sogar von Theologen heute gerne als Aufforderung zu tolerantem Verhalten interpretiert werden.

Doch zurück zum Kern von Voltairs Schrift, die er als „Bittschrift, welche die Humanität ganz untertänig der Macht und der Einsicht vorlegt“ bezeichnet, zu seinem Essay „Über die Toleranz; veranlaßt durch die Hinrichtung des Johann Calas im Jahre 1762“. Einleitend erinnert der Autor daran, dass auch mehr als ein Jahrhundert nach dem Westfälischen Frieden immer noch Glaubenskonflikte zu letalem Ausgang für diejenigen führen können, die dem „falschen“ Glauben anhängen. Hier die Geschichte kurz gefasst:

„Johann Calas, ein Mann von achtundsechzig Jahren, lebte seit länger als vierzig Jahren zu Toulouse als Handelsmann, und alle, die ihn kannten, hielten ihn für einen guten Vater. Er war Protestant und seine Frau und Kinder gleichfalls, außer ein Sohn, der die Ketzerei abgeschworen hatte und dem der Vater ein kleines Jahresgeld auszahlte. … Aus Verdruß beschloss er [der Sohn], seinem Leben ein Ende zu machen, und ließ sich dies auch merken gegen einen seiner Freunde. … Endlich, als er einmal sein Geld im Spiel verloren hatte, wählte er gerade diesen Tag zur Ausführung seines Vorhabens. … Irgendein fanatischer Kopf aus dem Pöbel rief, Johann Calas hätte seinen eigenen Sohn Mark-Anton erhängt. Im Augenblick wiederholte dies ein einstimmiges Geschrei. … Der Capitoul oder Bürgermeister David, den dieser Lärm in Bewegung brachte, wollte sich durch eine schnelle Exekution in Kredit setzen und verfuhr gegen Regel und Gesetz. Er ließ die Familie Calas, die katholische Magd und den [Freund des Selbstmörders] Lavaisse in Fesseln legen. … Dreizehn Richter versammelten sich täglich, um den Prozeß zu beendigen. Man hatte keinen Beweis gegen die Familie. Man konnte keinen haben. Aber die betrogne Religion diente an Beweises statt.“

Dass Voltaire den Protestantismus unverhohlen als „Ketzerei“ bezeichnet, zeigt, wie stark auch unabhängige Denker in ihrer Zeit und in ihrem Milieu verhaftet sind. Abgesehen davon zeigt er akribisch auf, dass die Glaubensfanatiker sich in zahlreiche Widersprüche verwickeln und vernünftigen Argumenten nicht zugänglich sind. Dazu gehört auch, dass uns Voltaire erzählt, dass der seelisch geschundene Vater schließlich unter Beifall des Mobs gerädert wurde und dabei Gott um Vergebung für seine Peiniger gebeten hat. Aber keine Kritik, nicht einmal ein Nebensatz über die Abscheulichkeit dieser mittelalterlichen Foltermethode!

Auch die treibenden Kräfte der Französischen Revolution haben sich oft und gern auf Voltaire berufen, und in seinem Geiste die Todesstrafe „humanisiert“. Denn die Todesstrafe überhaupt in Frage zu stellen, war offenbar für die ersten aufgeklärten Menschen Europas undenkbar. Man war lediglich bereit, die stückweise, langwierige Zertrümmerung der Gliedmaßen des Verurteilten zu ersetzen durch eine fortschrittliche Maschine: die Guiolltine – die „humane Hinrichtung“ war damit schmerzfrei - Kopf ab ganz ohne Qualen. 30 Jahre nach Calas' Hinrichtung wurde von der Pariser Nationalversammlung die Guillotine als einziges Instrument zur Hinrichtung eingeführt.

Wie Chronisten akribisch zusammengezählt haben, wurden vom Revolutionstribunal 1579 Todesstrafen verhängt. Hingerichtet wurde – so wie zu besten Zeiten der Glaubenskriege – nicht aufgrund nachweislicher Straftaten, sondern aufgrund der „falschen“ Glaubensinhalte, oder auch der falschen Anstandsregeln, die sich vom jeweiligen Stande ableiteten. Und später auch die „Verräter“ der „reinen Glaubenslehre der Revolution“. Die brühmtesten Opfer waren Marie Antoinette, Georges Danton und der Revolutionsführer Robesbierre selbst.

Dieser fortschrittliche Humanismus hat in Frankreich 200 Jahre überlebt, erst 1981 hat Präsident Francois Mitterand die Todesstrafe abgeschafft, seit 2007 ist sie verfassungsmäßig verboten. Doch zurück zu Calas. Das Oberste Gericht in Paris („die Einsicht“) hat mehrere Jahre später das Urteil aufgehoben und die Familie inklusive der mitangeklagten katholischen Hausgehilfin vollständig rehabilitiert. Der König selbst („die Macht“) hat den Hinterbliebenen 36.000 Livres ausbezahlt. So konnte die „Bittschrift“ eines Philosophen („die Humanität“) zu Beginn der Aufklärung noch etwas bewirken, während philosophische Schriften im Zeitalter der „Messagecontrol“ durch die Parteien nicht die geringste Chance haben bis zu jenen Mächtigen durchzudringen, die zu wichtigen politischen Einsichten im Geiste der Humanität gelangen sollten.

Der Suhrkamp-Verlag hat diese Schrift nach den Anschlägen auf „Charlie Hebdo“ (Paris im Jänner 2015) publiziert und bewirbt sie bis heute mit dem knalligen Slogen „Der Bestseller aus Frankreich“. Und etwas subtiler: „Voltaires 1763 erschienenes Plädoyer für Toleranz zwischen den Religionen war nie so aktuell wie heute.“ Löst das Buch dieses Versprechen ein? Nach wie vor gültig sind aus heutiger Sicht zumindest zwei bedenkenswerte Stellen. Im Vorspann zu seiner „Bittschrift“ definiert Voltaire Toleranz und Intoleranz (= Fanatismus):

„Was ist Toleranz? Sie ist Menschlichkeit überhaupt. Wir sind alle gemacht aus Schwächen und Fehlern; darum sei es Naturgesetz, daß wir uns wechselseitig unsere Dummheiten verzeihen.

„Der Fanatismus verhält sich zum Aberglauben wie der Wahn zum Fieber oder die Raserei zum Zorn. … Alle Fanatiker sind Schurken mit gutem Gewissen und morden in gutem Glauben an eine gute Sache. … Wir wollen uns darauf beschränken, Gott morgens und abends zu bitten, uns von den Fanatikern zu erlösen.“

Man muss an der Stelle daran erinnern, dass nicht der Glaube an sich (das ist nach Immanuel Kant der Bereich, der sich dort öffnet, wo die Vernunft an die Grenzen der Erkenntnis stößt), sondern die „Glaubenswahrheit“, das ist der dogmatische Anspruch auf universelle Gültigkeit eines Glaubensinhaltes (z.B. die Überzeugung es gebe nur ein richtiges Gottesdienstritual) zur Intoleranz führt, nein genauer gesagt: die Intoleranz bereits im Kern der Aussage impliziert! Im Übrigen sollte klar sein: es gibt keine Toleranz für die Intoleranz. Das ist kein Paradoxon, sondern die Logik der Toleranz.

Voltaire

Über die Toleranz

Suhrkamp Berlin, 2015

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