18. März 2026 - Zwei handliche Figuren, die rund 2.000 Kilometer von einander ausgegraben wurden und deren Schöpfungen vielleicht 2.000 Jahre trennen, sehen sich ähnlich wie leibliche Schwestern. Wenn zwei "Venusfigurinen" (siehe Wikipdia) vor 20.000 bis 25.0000 Jahren in tausenden Kilometern Entfernung von einander geschaffen wurden, dann muss man daraus schließen, dass ähnliche Figurinen stark verbreitet waren, über lange Zeiten und weite Räume hinweg.

Die Besonderheiten der beiden Figurinen: Der Kopf erinnert an einen Bienenkorb, die Arme und Beine sind in Relation zum fetten Körper stark reduziert. Die Geschlechtsmerkmale sind nicht (schamhaft) versteckt, sondern signifikant ausgeprägt. Man könnte meinen, die Figuren symbolisieren eine Königin, die ähnlich wie die Bienenkönigin nur zur Zeugung von Nachkommen da ist. Eine Gesellschaft, in der die Frauen die Rollen der Bienen und die Männer die Rollen der Drohnen übernehmen, ist denkbar. Die beiden "Venusfigurinen" zeugen davon, dass solche Gesellschaften im heutigen Europa existiert haben.
Das Naturhistorische Museum schreibt: „Das bedeutendste Sammlungsobjekt des gesamten Hauses und zugleich einer der berühmtesten archäologischen Funde der Welt ist die ca. 29.500 Jahre alte Venus von Willendorf. Sie wurde am 7. August 1908 bei Ausgrabungen unter der Leitung von Josef Szombathy, dem damaligen Kurator der Prähistorischen Sammlung des k. und k. Naturhistorischen Hofmuseums, und den mit der Durchführung der Ausgrabung betrauten Prähistorikern Hugo Obermaier und Josef Bayer im niederösterreichischen Willendorf in der Wachau gefunden. Die 11 cm hohe, mit Rötel gefärbte Frauenfigur wurde beim vorsichtigen Untersuchen eines Fundhorizontes vom Arbeiter Johann Veran entdeckt.
[…] Figuren vom Typ der Venus von Willendorf sind von Frankreich bis Russland verbreitet. Stilistisch steht die Venus von Willendorf den osteuropäischen Venusfiguren am Nächsten. Die meisten russischen Frauenfiguren stellen reife Frauen mit großem Bauch und großen Brüsten dar. Viele von ihnen tragen Bänder auf ihrem Körper. Der Kopf ist nach vorne geneigt wie bei der Venus von Willendorf. Mit ihrer halbsitzenden Haltung entspricht die Venus von Willendorf den Figuren von Gagarino [Oblast Lipezk am rechten Ufer des Don]. Die Darstellung des Schmucks – die Venus von Willendorf trägt Armreife – hat sie mit den Figuren aus Kostenki gemeinsam. Ebenso wie bei der Venus von Lespugue liegen bei der Venus von Willendorf die Arme über der Brust.“
Ziemlich primitiv fällt die Deutung der Venus aus: „Für die Menschen vor ca. 29.500 Jahren hatten die Figuren eine ganz bestimmte Bedeutung. Wie die weite Verbreitung nahelegt, waren sie Zeichen, die überregional verstanden wurden. „Venus“ werden diese Frauendarstellungen von der Forschung heute noch genannt, weil 1864 die erste Figur als „Venus impudique“ (=unkeusche Venus) bezeichnet worden war. Durch die genaue Darstellung der Geschlechtsmerkmale brachte man sie bald mit Fruchtbarkeit in Zusammenhang.
Hinter den Venusfiguren stand offensichtlich eine ganz bestimmte Vorstellung, die für die Menschen der Altsteinzeit durch das Bildnis einer Frau ausgedrückt wurde. Der Schöpfer bzw. die Schöpferin der Venus von Willendorf stellte keine fettleibige Frau um ihrer selbst willen dar, sondern hat das, was er oder sie darstellen wollte, als fettleibige Frau geformt. Welche Gedanken, Wünsche und Vorstellungen einst mit den Venusstatuetten verbunden waren, wissen wir nicht. Die Häufigkeit der Darstellung sagt nichts über die Rolle der Frau in der Altsteinzeit solange wir die genaue Bedeutung der Figuren nicht kennen.“
Darf das wahr sein? Der Schöpfer hat das, was er darstellen wollte, als fettleibige Frau geformt. "Welche Gedanken, Wünsche und Vorstellungen einst mit den Venusstatuetten verbunden waren, wissen wir nicht.“ Dass überhaupt individuelle „Gedanken, Wünsche und Vorstellungen“ für die Gestaltung der Venusstatuetten von Bedeutung gewesen sein sollen, ist eine Projektion ins 20. Jahrhundert. Eine Denkungsart, die wohl allen zeitgenössischen Künstlern bekannt ist, die aber nichts mit der Denkungsart der Steinzeit zu tun hat. Die Deutung des NHM vernünftelt in einer Art und Weise, die erst seit der Neuzeit entwickelt wurde. Dass die Häufigkeit der Darstellung „nichts über die Rolle der Frau in der Altsteinzeit“ aussagen soll, ist allerdings vernunftswidrig, angesichts der historischen Fakten.
„Die 30.000 Jahre alte Venus von Willendorf ist nur eine, die Venus vom Hohle Fels, mit 40.000 Jahren älteste bekannte Menschenfigur, eine zweite: Nur wenig bekannt ist, dass die Darstellungen von Menschen im Paläolithikum aller Regel nach weiblich waren. Aus dem Zeitraum bis zum Ende der Kaltzeit vor 10.000 Jahren wurden weltweit – von Indonesien bis Österreich – insgesamt 700 Menschendarstellungen gefunden, darunter nur 70 vermutlich männliche. Die Mehrheit: 630 oft selbstbewusste, teils üppige, eindeutig als Frauen erkennbare Figurinen.“ ORF.at (10.2.25)
Es ist richtig, wenn wir aus heutiger Sicht keine vorschnellen Schlüsse über die Menschen und ihre „Gesellschaftsformen“ in der Steinzeit ziehen. Aber angesichts der Häufung von Funden, (insbesondere in Костёнки / Kostjonki / Kostenki im Umfeld des Don) nichts aussagen zu können, „solange wir die genaue Bedeutung der Figuren nicht kennen“, ist widersinnig: jede Aussage über die Bedeutung der Figuren impliziert eine Aussage über die Rolle der Frauen in dieser Zeit.
EINE LEGENDE (im Sinne von Robert Musil und Egon Friedell: Geschichtsschreibung ist Dichtung)
Die „Zwillinge“ Venus von Willendorf und von Kostjonki sagen uns: diese Figuren sind nicht alltäglich (es ist unmöglich, dass ihre Körperformen die „Normgröße“ der Jungsteinzeit-Frauen waren). Sie sind zweifellos außergewöhnlich. Auch wenn über Jahrtausende tausende dieser Figurinen existierten, waren sie doch begehrte Einzelstücke. Sie waren keine Kunststücke in großer Auflage („Art Multiple“ nach heutigen Begriffen), sondern singuläre (religiöse, rituelle) Gegenstände, weit verstreut in Europa und in vielen Variationen weltweit.
Vorstellbar sind Sippen, die keine Trennung zwischen dem Sinnlichen und Übersinnlichen kannten, in denen eine gewählte oder auserwählte Königin als leibhaftige Göttin verehrt wurde. Verehrung bedeutet Ehrfurcht und Distanz, aber gleichzeitig auch die Sehnsucht, dem verehrten Wesen näher zu kommen – bis hin zur sexuellen Vereinigung mit dem „Objekt der Begierde“.
Der Königin durften sich nur auserwählte Männer (z.B. Priester, Stammesführer, Schamane) nähern. Diese sind es, die die Königin geistig und körperlich versorgen. Diese sind es, die sie geistig und körperlich befruchten. Jede polygame Königin kennt auch ihre Grenzen: nur jener Priester darf „zu ihr eingehen“, der im Besitz ihres Abbildes ist. Ihr Abbild ist die Figurine. Das erklärt auch, dass sie weltweit nicht größer als eine Faust ist, denn sie muss in einer Faust Platz haben. Wie sonst sollte der Besitzer die Figurine – und damit sein Privileg – vor anderen Verehrern der Königin schützen? Mit dem Verlust der Figurine ging der Verlust des Privilegs einher.
So wie die Königin-Göttin begehrt wurde, war ihr Abbild Gegenstand der Begehrlichkeiten. Jeder junge Mann wollte sie haben und das Abbild erobern um in die unmittelbare Nähe des Originals zu gelangen. Vermutlich gab es keine ritterlichen Turniere zu der Zeit, aber sicher rituelle Formen der Aneignung.
Offenbar gab es einzelne Mitglieder einer Sippe mit der seltenen Fähigkeit, naturgetreue Abbilder ihrer Götttin zu schaffen. Diese waren nicht kräftig genug, dieses Abbild selbst zu behalten, das bedeutet: ständig in den eigenen Händen zu halten, mit denen sie ja etwas Besseres tun konnten und sicher auch taten. So entstanden neue Abbilder der Göttinnen vielleicht sogar schneller, als die Lebensdauer der leibhaftigen Königinnen. Es ist plausibel, dass sich Mitglieder der Sippe, die keine Chance hatten in den Kreis der Auserwählten zu glangen, verbündeten um die alte Sippe zu verlassen; ausgestattet mit einer neuen Königin – leibhaftig und als Symbolon, das als Schlüssel diente, der alle Türen zu Ehrfurcht und Sehnsucht öffnete.
Die Sippe konnte man verlassen, aber die (rituellen, religiösen) Sitten konnte man nicht aufgeben.
Diese Legende kann erklären, warum seit allen Zeiten viele Menschen den Schutz ihrer Sippe aufgegeben haben und das Risiko eines Neuanfangs wagten. Die Königin-Göttin-Legende macht plausibel, dass die Steinzeit-Menschen nicht rastlos wie Nomaden über den Planeten zogen, sondern immer nur ein Teil einer Sippe weiterzog, und zwar im Schutze einer neuen Königin-Göttin.
Unabhängig von der religiös-rituellen, sinnlich-übersinnlichen Bedeutung der Figurinen muss man aufgrund ihrer „Kunstfertigkeit“ neu darüber nachdenken, welche Werkzeuge damals bereits „auf dem Markt“ waren, um derart fein ziselierte Figuren aus Stein oder Mammutelfenbein zu fertigen.

Legenden / Assemblagen / Fotos: HTH
+ Venus von Hohlefels, 35-40.000 Jahre
+ Venus von Willendorf, rund 29.500 Jahre
+ Venus von Kostjonki, russisch Костёнки, 20-25.000 Jahre
Sapere aude!
Rätselhafte Venus von Willendorf: Die Frau in der Steinzeit (2021)
Die kleine Frauenstatuette aus der Altsteinzeit gibt Rätsel auf: die "Venus von Willendorf". Sie ist Anlass für Neuinterpretationen des Zusammenlebens von Mann und Frau in der Steinzeit. O-Ton: „Die moderne Wissenschaft räumt gründlich auf mit vielen Steinzeit-Klischees“ – und schafft viele neue.
Die Neuinterpretation lehnt die „Venus“-Deutung des 19. Jahrhunderts ab (siehe „Venus impudique“ = unkeusche Venus). Diese sei – typisch katholisch-patriachalisch – davon ausgegangen, dass nur Götter und Göttinnen nackt dargestellt wurden. Die Neuinterpretation entdeckt aber in der offensichtlichen, sexuellen Denotation der Figuren keine Welt der „schamlosen“ Sexualität – nicht im Sinne unverschämter, sondern unverklemmter Sexualität. Ganz im Gegenteil, die Figurinen werden entsexualisiert und damit Jahrtausende der Steinzeit. Forscherinnen kommen zu dem Schluss, die „Venus von Willendorf“ symbolisiere die Weisheit alter Frauen, die sich um Kinder und Enkelkinder kümmern.
Ziemlich kümmerlich! Es geht bei der Darstellung der Geschlechtsmerkmale nicht um Andeutungen, die man sexuell konnotieren könnte, sondern um offensichtliche sexuelle Denotationen. Diese ausgerechnet den Großmüttern einer Gesellschaft zuzuschreiben ist skurril, entspricht aber dem Zeitgeist – der „Political Correctness“ – des 21. Jahrhunderts.
Der Film zeigt Menschen, die ohne Lust und Leidenschaft eine gemeinwohlorientierte Jagdgemeinschaft bilden, an der auch – das ist neu – die Frauen aktiv teilnehmen. Es fehlt gerade noch die Entdeckung, dass die Gemeinschaften gar nicht auf der Jagd waren, sondern die Tiere nur beobachtet haben, um auszukundschaften, welche Gräser, Blätter und Früchte man in den den eigenen veganen Speisplan aufnehmen könnte.
Der Film zeigt eine Gemeinschaft, die nicht nur asexuell ist, sondern völlig emotionslos und geistlos – ohne Spirit und Esprit. Dieser Sicht widersprechen aber die Funde von Willendorf und Kostjonki! Diese zeigen vielmehr Höhepunkte von Kulturen, die weit über die Zweckorientierung von Jagdgemeinschaften hinaus gehen. Solche Werke können nur entstehen in Zeiten hoher Kulturen (keine „Hochkultur“ im Sinne von Oswald Spengler). Jeder Kultur gehen Kulte voran. Der Film hat all diese natürlichen Phänomene ganz einfach wegrationalisiert.
Übrig bleibt ein oberflächliches Bild, das wenigstens teilweise auf die ökonomischen Verhältnisse der Zeit zutreffen dürfte. Zweifelhaft ist die Nomadentheorie. Es scheint unwahrscheinlich, dass sich Sippen irgendwo einnisten, nur um eine Saison später wieder weiter zu ziehen. Das Weiterziehen muss ein immanenter Teil der Steinzeitkulturen gewesen sein. Allerdings war das kein Verhalten von Zugvögeln, sondern das einmalige Ausschwärmen einer jungen Königin aus dem Bienenstock. Die Figurine der Königin-Göttin, deren Material offenbar nicht aus der Wachau stammt, könnte so über Jahrhunderte den Weg vom Don bis an die Donau gefunden haben – ob als freiwillige Weggabe oder als Eroberung bleibt dahingestellt.
Sicher ist: die emotionslose Weitergabe, die beiläufige Begleitung der Figurine auf dem Weg ins Ungewisse – so das Narrativ des Films – ist völlig unmöglich. Man konnte die Figurinen nicht einfach im Naturhistorischen Museum zum Preis einer Bahnkarte Graz-Wien erwerben. Das waren keine Reisesouvenire, das waren Objekte von unschätzbarem Wert. Unschätzbar für unsere Zeit der billigen Massenprodukte und der überflüssigen Luxusgüter.
Sicher ist: die üppigen Frauen-Figurinen sind die außergewöhnlichsten Artefakte und Kultobjekte, die die Steinzeit hervorgebracht hat. Die Kumulationen der Steinzeitkulturen, nicht ihre beiläufigen Wegbegleiter.
Sicher ist, dass wir nicht wissen können, wie die Menschen in der Steinzeit lebten, dachten und fühlten. Doch mit unseren heutigen Begriffen, die vom Denken und Fühlen durch das Patriarchat geprägt sind, kann man nur sagen, dass die Steinzeitgesemeinschaften Matriarchate waren – die „Venus-Figurinen“ legen davon Zeugnis ab.
