Venus trifft Venus - Feministisches Narrativ

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Rätselhafte Venus von Willendorf: Die Frau in der Steinzeit (2021)

Die kleine Frauenstatuette aus der Altsteinzeit gibt Rätsel auf: die "Venus von Willendorf". Sie ist Anlass für Neuinterpretationen des Zusammenlebens von Mann und Frau in der Steinzeit. O-Ton: „Die moderne Wissenschaft räumt gründlich auf mit vielen Steinzeit-Klischees“ – und schafft viele neue.

Die Neuinterpretation lehnt die „Venus“-Deutung des 19. Jahrhunderts ab (siehe „Venus impudique“ = unkeusche Venus). Diese sei – typisch katholisch-patriachalisch – davon ausgegangen, dass nur Götter und Göttinnen nackt dargestellt wurden. Die Neuinterpretation entdeckt aber in der offensichtlichen, sexuellen Denotation der Figuren keine Welt der „schamlosen“ Sexualität – nicht im Sinne unverschämter, sondern unverklemmter Sexualität. Ganz im Gegenteil, die Figurinen werden entsexualisiert und damit Jahrtausende der Steinzeit. Forscherinnen kommen zu dem Schluss, die „Venus von Willendorf“ symbolisiere die Weisheit alter Frauen, die sich um Kinder und Enkelkinder kümmern.

Ziemlich kümmerlich! Es geht bei der Darstellung der Geschlechtsmerkmale nicht um Andeutungen, die man sexuell konnotieren könnte, sondern um offensichtliche sexuelle Denotationen. Diese ausgerechnet den Großmüttern einer Gesellschaft zuzuschreiben ist skurril, entspricht aber dem Zeitgeist – der „Political Correctness“ – des 21. Jahrhunderts.

Der Film zeigt Menschen, die ohne Lust und Leidenschaft eine gemeinwohlorientierte Jagdgemeinschaft bilden, an der auch – das ist neu – die Frauen aktiv teilnehmen. Es fehlt gerade noch die Entdeckung, dass die Gemeinschaften gar nicht auf der Jagd waren, sondern die Tiere nur beobachtet haben, um auszukundschaften, welche Gräser, Blätter und Früchte man in den den eigenen veganen Speisplan aufnehmen könnte.

Der Film zeigt eine Gemeinschaft, die nicht nur asexuell ist, sondern völlig emotionslos und geistlos – ohne Spirit und Esprit. Dieser Sicht widersprechen aber die Funde von Willendorf und Kostjonki! Diese zeigen vielmehr Höhepunkte von Kulturen, die weit über die Zweckorientierung von Jagdgemeinschaften hinaus gehen. Solche Werke können nur entstehen in Zeiten hoher Kulturen (keine „Hochkultur“ im Sinne von Oswald Spengler). Jeder Kultur gehen Kulte voran. Der Film hat all diese natürlichen Phänomene ganz einfach wegrationalisiert.

Übrig bleibt ein oberflächliches Bild, das wenigstens teilweise auf die ökonomischen Verhältnisse der Zeit zutreffen dürfte. Zweifelhaft ist die Nomadentheorie. Es scheint unwahrscheinlich, dass sich Sippen irgendwo einnisten, nur um eine Saison später wieder weiter zu ziehen. Das Weiterziehen muss ein immanenter Teil der Steinzeitkulturen gewesen sein. Allerdings war das kein Verhalten von Zugvögeln, sondern das einmalige Ausschwärmen einer jungen Königin aus dem Bienenstock. Die Figurine der Königin-Göttin, deren Material offenbar nicht aus der Wachau stammt, könnte so über Jahrhunderte den Weg vom Don bis an die Donau gefunden haben – ob als freiwillige Weggabe oder als Eroberung bleibt dahingestellt.

Sicher ist: die emotionslose Weitergabe, die beiläufige Begleitung der Figurine auf dem Weg ins Ungewisse – so das Narrativ des Films – ist völlig unmöglich. Man konnte die Figurinen nicht einfach im Naturhistorischen Museum zum Preis einer Bahnkarte Graz-Wien erwerben. Das waren keine Reisesouvenire, das waren Objekte von unschätzbarem Wert. Unschätzbar für unsere Zeit der billigen Massenprodukte und der überflüssigen Luxusgüter.

Sicher ist: die üppigen Frauen-Figurinen sind die außergewöhnlichsten Artefakte und Kultobjekte, die die Steinzeit hervorgebracht hat. Die Kumulationen der Steinzeitkulturen, nicht ihre beiläufigen Wegbegleiter.

Sicher ist, dass wir nicht wissen können, wie die Menschen in der Steinzeit lebten, dachten und fühlten. Doch mit unseren heutigen Begriffen, die vom Denken und Fühlen durch das Patriarchat geprägt sind, kann man nur sagen, dass die Steinzeitgesemeinschaften Matriarchate waren – die „Venus-Figurinen“ legen davon Zeugnis ab.