1 Jahr Kunstraum Steiermark

35 Jahre Grundsteinlegung

10. August 2026 – Anlässlich des Doppel-Jubiläums lädt der Kunstraum Steiermark, Schwöbing 37, 8665 Langenwang, zu Abenden der offenen Türe – von Montag, 10. bis Sonntag, 16. August, täglich von 17:00 bis 21:00 Uhr. Angesichts der Wetterprognosen ideal zu verbinden mit einem Tag am Freizeitsee Krieglach oder einem Besuch der Waldheimat von Peter Rosegger.

Im August 1991 war der Moskauer Künstler Nikolaj (Kolja) Postnikow erstmals in Österreich. Im Dachgeschoß eines einfachen Wohnhauses in der Waldheimat hat ihm HTH ein Atelier eingerichtet, wo er in wenigen Wochen rund 20 Bilder und viele Skizzen schuf. Aus dem naheliegenden Traibach hat Kolja einen flachen Stein gefischt, der mit der Aufschrift „Postnikow 10.08.91 16 Uhr 21 Min“ zum symbolischen Grundstein und zur Gedenktafel der späteren Galerie wurde.

HTH war bis 1994 Lektor an der Moskauer Linguistik Universität. In der Zeit lud er weitere Künstler nach Österreich ein und organisierte Ausstellungen in Kooperation mit Kulturvereinen, u.a. Galerie K (Kindberg) mit Olga Truschnikowa und Sergej Manzerew. Weitere Projekte, bei denen russische Künstler als „Artists in Residence“ teilnehmen, fanden in Mürzzuschlag, Buchkirchen, Eferding, Gmunden und Linz statt. 1995 war die erste Ausstellung im Russischen Kulturinstitut in Wien.

Im Herbst 1997 gründete HTH den Kunstraum im Shopping Center „Ringstrassen Galerien“ im Zentrum Wiens, wo er bis Ende 2019 rund 20 verschiedene Lokale (in manchen Jahren mehrere gleichzeitig) mit Kunst bespielte. Dazu kamen zahlreiche Veranstaltungen mit Autoren und Musikern. 2019 war der Höhe- und Schlusspunkt dieser Entwicklung mit 20 Ausstellungen und 150 Veranstaltungen – dokumentiert auf www.kunstsammler.at

Der Kunstraum übersiedelte vom ersten in den zehnten Bezirk und weiter nach Langenwang, wo er die nächsten 45 Monate bis Juli 2025 Station machte. Danach kehrte der Kunstraum an den Ort seiner symbolischen Gründung, den Dachboden von HTH zurück. Dieser musste allerdings zuerst saniert werden, um sich als Lager für nun fast 800 Kunstwerke zu eignen. (SIEHE: Der Philosoph als Baumeister.)

Die Übersiedlung vom Ortszentrum Langenwang an den Rand, in die berühmte Waldheimat von Peter Roseggger am Fuße des Alpls, wurde im Juli 2025 durchgeführt und symbolisch am 10. August 2025 abgeschlossen. Nun, am 10.8.2026 feiert der Kunstraum Steiermark wieder einmal seinen 1. Geburtstag – am 35. Jahrestag der symbolischen Grundsteinlegung.

Der Kunstraum hat mehr Geburtstage, als jede andere Galerie: 1991 Projektstart, 1995 erste Ausstellung in Wien, 1997 erste eigene Galerie in Wien, 1999 Internationalisierung des Programms mit der internationalen Ausstellung „Genesis 2000“, ab 2000 Öffnung des Galerieprogramms für österreichische Künstler und Künstlerinnen – die weiblichen Künstler waren im Kunstraum von Anfang an im gleichen Umfang vertreten wie die männlichen.

Editorial AIK 3/2026

35 Jahre für die Kunst

Erinnerungen von Hubert Thurnhofer

Nach dem Unterricht nahm mich Mischa, Professor der Germanistik am INJAZ (so die Kurzform der Moskauer Linguistik Universität) mit zu einer Geburtstagsfeier. Dort lernte ich seinen Freund kennen. Kolja hatte die Neigung zu surrealen Phantasien, die er als Künstler in Bilder übersetzte. Der Abend endete mit seinem Outing, surreal und emotional: „Ich bin ein genialer Künstler.“ Real und rational meine Antwort: „Einen genialen Künstler wollte ich immer schon kennen lernen.“

An diesem Dezember-Abend im vorletzten Jahr der Geschichte der Sowjetunion fiel die Entscheidung, dass wir gemeinsam die Kunstwelt erobern würden. Im Sommer 1991 lud ich Nikolaj (Kolja) Postnikow ein nach Österreich, wo ich ihm am Dachboden meines Elternhauses ein Atelier eingerichtet hatte. Er schuf hier rund 20 Werke, erstmals in seinem Leben Großformate, von denen er in seiner Moskauer Malstube nur träumen konnte.

In einem kleinen Staudamm des nahegelegenen Traibaches ging Kolja jeden Morgen schwimmen; bei 16 Grad Wassertemperatur. Einmal fischte er einen flachen Stein raus und signierte diesen mit der Aufschrift „Postnikow 10.08.91 16 Uhr 21 Min“. Dieser wurde zum symbolischen Grundstein der späteren Galerie.

Indessen versuchte ein gewisser Genadi Janajew den auf der Krim urlaubenden Michael Gorbatschow zu eilminieren. Der gescheiterte Augustputsch ging als Schlussstein in die Geschichte der Sowjetunion ein und beschleunigte die Sezession der einstigen Sojuzniki Ukraine, Belarus und Moldavien, die im August ihre Unabhängigkeit erklärten. Bis Jahresende hatte sich die Sowjetunion aufgelöst; ab 12.12.91 galt: Der Rest ist Russland. Das Ende der Sowjetunion war die Geburt einer noch nie dagewesenen deutsch-russischen Freundschaft. Aber das ist eine andere Geschichte; eine Geschichte, die heute verdrängt oder gar verleugnet wird.

Hier geht es darum, dass am 12.12.89, dem 42. Geburtstag von Kolja, die Geburtsstunde eines Galeristen war, der keine Kenntnisse der Kunstgeschichte und keine Erfahrungen im Kunstmarkt mitbrachte, sondern nur die Idee hatte, russische Kunst in Österreich und Europa bekannt zu machen. Das kann nur einem Philosophen passieren, denn er hält Ideen für real, solange sie sich realisieren lassen. Ob sie sich realisieren lassen, das aber zeigt die Erfahrung; die allerdings hatte er nicht. Insofern war sein Selbstbewusstsein, das zu schaffen, ziemlich surreal. Das erklärt auch, warum der Künstler und sein Galerist ohne jeglichen Vertrag eine tragfähige Vereinbarung treffen konnten.

Zurück in Moskau erzählte Kolja all seinen Künstlerfreunden, er habe nun in Österreich ein 200-Quadratmeter-Atelier und einen Galeristen. Den konnte er auch herzeigen, denn ich startete bereits mein drittes Jahr im Auftrag des österreichischen Wissenschaftsministeriums am INJAZ. So bekam ich Kontakt zu russischen Künstlern, die im Westen dank Perestrojka und Glasnost‘ zu surrealen Preisen verkauft wurden – alle unter dem Label „Underground“, denn das Label „Sozart“ war out. Kolja präsentierte mich, seinen Galeristen, in dutzenden Ateliers; gemeinsam besuchten wir jede Ausstellung zeitgenössischer Kunst. So lernte ich vermutlich mehr über Kunst in Theorie und Praxis als an einer Kunstuniversität.

So gut wie alle Künstler und Künstlerinnen hatten in der schnelllebigen Zeit des Umbruchs schon schlechte Erfahrungen mit schlauen Händlern gemacht, die schneller als die Künstler gelernt hatten, wie Kapitalismus funktioniert. So wollten viele lieber mit mir zusammenarbeiten als mit ihren Landsleuten, die sie hemmungslos über den Tisch zogen.

1994, zurück in Österreich, hatte ich 77 Kunstwerke von zehn Künstlern und die mittlerweile fixe Idee, die Galerie auf kommerzielle Beine zu stellen. Abgesehen von einigen Ausstellungen in Kunstvereinen und ein paar Verkäufen unter Freunden hatte ich immer noch keine Erfahrungen am Kunstmarkt, sondern nur die Idee, dass der Markt frei sei und russische Künstler bis dahin keine seriösen Vertreter in Europa hatten. Deshalb wollte ich zum führenden Galeristen russischer Kunst in Österreich werden.

Auf einem freien Markt kann jeder wollen, was er will, und jeder behaupten, was ihm einfällt. Das sind unsere Grundrechte: freier Wille, freie Meinung, freie Marktwirtschaft. Mit diesen Freiheiten ausgestattet, aber ohne Grundkapital, eröffnete ich 1997 den Kunstraum in Wien. Während viele Galerien, die finanziell gut ausgestattet waren, nach wenigen Jahren wieder zugesperrten, lief der Kunstraum bis Ende 2019; oft mit mehreren Lokalen gleichzeitig in einem Shoppingcenter neben der Wiener Oper.

Es ist nicht Thema dieses Beitrags und eigentlich nicht meine Sache, über diese 22 Jahre zu erzählen, denn diese Jahre sind Legende. Teil der Legende, die sie auch in Moskau weiter verbreitete, waren zahlreiche russische Künstler, die ihre Werke dem Kunstraum zur Ausstellung offerierten. Basis dieser Legende waren zuletzt, 2019, rund 25 Ausstellungen und 150 Veranstaltungen mit Musikern und Autoren. Das operative Ergebnis aus unternehmerischer Sicht: nach 22 Jahren Kunstgeschäft hat die Galerie immer noch kein Grundkapital und auch keine Ersparnisse, aber eine Kunstsammlung von 777 Werken, die nun im Kunstraum Steiermark zugänglich sind. Dialektisch betrachtet: die Negation der Idee des Kunstraums ist die Materialisation in Form von 777 Kunstwerken. Der Philosoph weiß nun: die Dialektik negiert, dass der Mensch auch Geld zum Leben braucht; und zwar total. Deshalb waren Anhänger der Dialektik immer nur erfolgreiche Kommunisten, nie aber erfolgreiche Kapitalisten.

2020 kam Corona, danach kam der „Angriffskrieg“, danach kamen die Sanktionen der EU gegen Russland, danach kamen Kriegshetze und Aufrüstung; und immer mit dabei: Kriegspropaganda. Leider nicht nur auf der politischen Bühne, sondern auch angetrieben von der so genannten intellektuellen Elite europäischer Universitäten.

Beispiel Galia Ackerman, Stéphane Courtiois, „Schwarzbuch Putin“ (2024):

„Mit drei Wahnideen, die Putins Regime zu irreparablen politischen Fehlern veranlassten, vergiftete es sich selbst: Der große Chef und seine Spießgesellen – die Putin-Bande, die sich in den Jahren 1991 bis 1996 in Sankt Petersburg bildete und die seit 2000 an der Macht ist – haben keinen Moment mit diesem bewaffneten Massenwiderstand des ukrainischen Volkes gerechnet, […] Ähnlich hatte auch Hitler – ohne die beiden gleichsetzen zu wollen – im September 1939 nicht damit gerechnet, dass Frankreich und Großbritannien wegen Polen in den Krieg ziehen und dass die Vereinigten Staaten eingreifen würden“. Dazu passt laut Ansicht dieser Politologen die „strategische Unfähigkeit der russischen Armee, deren Führung noch immer einem Modell aus Zeiten des Zweiten Weltkriegs anhängt – veraltete Militärausrüstung, sehr hohe Opferzahlen, barbarische Brutalität der Soldaten und, vor allem, völkermörderische Absichten.

Beispiel Peter Sloterdijk, „Der Kontinent ohne Eigenschaften“, 2024:

„Seine [Russlands] wirkliche Lage ist sehr viel schlimmer, als das präpotente Agieren seiner Regierung vermuten ließe. Infolge seines Rückfalls in seine inhaltlose Imperialität manövrierte es sich in eine Lage, durch die es sich zum Paria unter den Nationen stempelt. Die versuchte retranslatio imperii ins postsowjetische Moskau verschafft ihren Dramaturgen keinen Glanz – es bringt sie in die Position eines Vasallen Chinas.“ So der als Starphilosoph gerühmte Peter Sloterdijk. Damit noch nicht genug. Es solle uns nicht beirren, „dass der Halbkadaver des imperialen Rußlands von den Konvulsionen des Wiedererwachens durchzittert werden könnte, nachdem er sich 69 Jahre lang unter sowjetischer Hüllte totgestellt hatte“.

Beispiel Bundeskanzler Friedrich Merz (2026):

„Dieses Land [Anm: Russland] befindet sich zurzeit unter dieser Führung [Anm. Putin] auf dem Tiefpunkt der tiefsten Barbarei und es sollte niemand einen Zweifel daran haben, mit welchem Regime, mit welcher Barbarei wir es in diesen Jahren aus Russland heraus zu tun haben“, sagte Bundeskanzler Friedrich Merz. (Welt.de 23.2.2026)

Angesichts dieser beschämenden Kriegs- und Hassrhetorik von Seiten ausgewählter und gewählter Repräsentanten Europas ist es fast unvorstellbar, dass wir weitere 35 Jahre für die Kunst, die immer auch Jahre für die interkulturelle Verständigung waren, erleben werden. Es ist so deprimierend, dass ich kaum noch glauben kann, der Grundstein der Galerie könne nach 35 Jahren, davon 22 in Wien (1997-2019) nun zum Glückstein für weitere 35 Jahre werden.

2025 baute ich Postnikows Atelier, den Dachboden meines Elternhauses, zum Kunstraum Steiermark um. (Siehe: Der Philosoph als Baumeister.) Seit August 2025 ist die Sammlung (nach Vereinbarung) geöffnet. Möge uns der 1. Geburtstag des Kunstraums Steiermark Hoffnung schenken.