Wiener Kunsthefte 2004
Artikel von Hubert Thurnhofer, damals Vorsitzender der IG Galerien
Entweder Kult oder -ur
Wiener Kunsthefte, März 2004
Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, hier mal über den österreichischen Tellerrand hinaus zu blicken und über meinen jüngsten Besuch der Finanzmetropole Frankfurt zu berichten. Dort nämlich hatte ich die Gelegenheit, das von Hollein dem Älteren geplante Museum Moderner Kunst (MMK) sowie die von Hollein dem Jüngeren geleitetete Schirn-Kunsthalle zu besuchen. Während im Schirn derzeit monumentale Arbeiten von Julian Schnabel hängen, hat das MMK einige von Warhols „Time Capsules“ – Reliquien aus den Umzugskartons des Künstlers – vor dem Publikum ausgebreitet.
Eigentlich wollte ich hier Zusammenhänge zwischen Finanzmetropolen und Kunstmetropolen herstellen, die kultischen Aspekte moderner Museumsarchitektur beleuchten, sowie die auf Superstars reduzierte Museumspolitik hinterfragen, um schließlich vor dem Leser das brisante Resümee auszubreiten, dass zeitgenössische Museen in Wahrheit als architektonische Kultstätten den Sakralbau abgelöst haben, und die in diesen Sakralbauten ausgestellten Werke dementsprechend ausschließlich kanonisierte Reliquien des Kunstolymps sein müssen und somit diese Inszenierungen der Moderne absolut keinen Raum für einen Dialog mit der zeitgenössischen Kunst in ihrer Gesamtheit mehr übrig lassen