Wie wir aufhören können, unsere Feinde selbst zu schaffen
Wien (ProMedia) 2025
https://fabian-scheidler.de/friedenstuechtig/
10. Dezember 2025 - Buchbesprechung von Franz Sölkner, Thal, bei Graz, am
Zu allen Zeiten war Geschichte ein heftig umkämpftes Feld der politischen Auseinandersetzung. Das gilt vor allem für die Fragen von Krieg und Frieden. Eine der Methoden, sie für die Aufrechterhaltung und Ausweitung von Herrschaft nutzbar zu machen, besteht darin, historische Ereignisse oberflächlich zu analysieren, sie aus ihren größeren Zusammenhängen zu lösen, ein konkretes Datum ihres Beginns zu benennen und eine einseitige Schuldzuweisung an "die Anderen" vorzunehmen. Davon war auch die transatlantische Politik und die ihr dienliche Berichterstattung der Leitmedien bei den zahlreichen Gewalteskalationen der letzten Jahrzehnte geprägt. So als wären sie, wie ein Erdbeben, völlig unvorhersehbar gewesen, habe demnach der "Krieg gegen den Terror" am 11. Sept. 2001 mit den Al Kaida-Anschlägen in New York, der Krieg in der Ukraine am 24. Feb. 2022 mit dem Angriff Russlands und der genozidale Krieg Israels gegen Gaza am 7. Okt. 2023 mit dem Überfall der Hamas auf südisraelische Dörfer, begonnen. Alle Reaktionen des globalen Westens seien, so versucht man den Menschen weiszumachen, zu unserer eigenen Sicherheit einem politisch notwendigen Sachzwang geschuldet.
In ihrem 1983 erschienen Antikriegsbuch über die vergeblichen Warnungen der trojanische Seherin Kassandra, hat Christa Wolf deutlich gemacht, dass es notwendig ist, Kriege in den Zeiten der Vorkriege zu verhindern. Und: Dass es dabei unerlässlich ist, die Kriegstreiber der eigenen Seite kritisch in den Blick zu nehmen. Ganz im Sinne dieser Mahnung umreißt der Untertitel des Buches riedenstüchtig das Vorhaben treffend: Es ist eine von kapitalistischen, technokratischen und imperialen Dominanzinteressen getriebene, kurzsichtige Verantwortungslosigkeit der transatlantischen Politik, die die drei beispielhaft analysierten Völkerrechtsverbrechen mitverursacht hat. Schon mit seinen früheren Büchern "Das Ende der Megamaschine. Geschichte einer scheiternden Zivilisation" (2015) und "Der Stoff, aus dem wir sind: Warum wir Natur und Gesellschaft neu denken müssen" (2024) hat Scheidler bewiesen, dass er in der Lage ist, komplexe historische Entwicklungen tiefgründig zu analysieren und sie in einer verständlichen Sprache einem großen Kreis von Leser*innen nahezubringen. Das tut auch das vorliegende Buch.
Das allen drei Kriegen vorausgehende Versagen des Westens wird mit zahlreichen Fakten überzeugend belegt: Die neokoloniale Missachtung der Interessen des globalen Südens, der Sicherheitsinteressen Russlands und des Freiheitsstrebens der jahrzehntelang unterjochten Palästinenser*innen. Nur scheinbar aus dem Rahmen des Buches fällt der vierte, im Detail thematisierte Krieg, jener gegen das die Covid-Pandemie auslösende SARS-CoV-2-Virus. Die Ursachen werden aber in ihrer strukturellen Vergleichbarkeit erkennbar. Hier ist es der seit langem geführte Krieg gegen die Natur. Scheidler sieht ihn hinter den beiden häufig genannten Erklärungsversuchen gegeben. Einmal als Folge einer rücksichtslosen "Ausbeutung und Zerstörung großer Naturräume". Diese habe die Sicherheitsdistanz der Lebensräume der Tier- zur Menschenwelt eingeschränkt und die Übertragung des Virus von den Fledermäusen auf die Menschen ermöglicht. Die zweite in der Diskussion stehende Ursache sieht das Buch in der Erforschung neuer biologischer Waffen, näherhin in der "Manipulation von Mikroorganismen", die aus einem Labor freigesetzt wurden. Um der Haftung der Forscher und ihrer Auftraggeber zu entgehen, wurde versucht, diese Erklärung sehr gezielt als "Verschwörungstheorie" zu unterdrücken, weshalb Scheidler die Labor-Variante auch für überzeugender hält.
In den Anhängen wird u.a. der Verfall der Grünen zur Kriegspartei und der Neutralitätspolitik Österreichs nachgezeichnet. Aktuell versuchen die westlichen Eliten über Feindbildproduktionen und Angstmache im Volk eine gigantische Aufrüstung durchzusetzen. Als Ausweg aus den aktuellen und weiteren global drohenden, noch wesentlich größeren Zerstörungen ist eine neue Friedenstüchtigkeit gefordert. Sowohl gegenüber der Natur, als auch gegenüber geopolitischen Gegnern, liegt diese in einem fundamentalen Wechsel vom Dominanzstreben hin zum rechtzeitigen Interessensausgleich durch eine gemeinsame, auch ökologisch gedachte Sicherheitspolitik. Dazu braucht es die Schaffung von Friedensbewegungen als global einflussreiche Akteure. Menschen, die gemeinsam mit anderen einer friedenstüchtigen Politik durch eigene Aktivitäten Dampf verleihen wollen, werden das Buch mit großem Gewinn lesen.
Zum Schluss seien noch zwei Wünsche vermerkt: Eine der politisch größten Herausforderungen für die europäischen Gesellschaften besteht in den durch die Migrationskrise ausgelösten autoritär nationalistischen Entwicklungen. Auch diese Zusammenhänge auf ihre, von Europa selbst produzierten Hintergründe, wie etwa die neokoloniale Ausbeutung und Schuldknechtschaft des globalen Südens, hin zu untersuchen, wäre eine spannender Anwendungsfall für unsere zukünftige "Friedenstüchtigkeit". Und: Die hinter den Kriegspolitiken gegen Natur und Mensch stehenden Interessen großer Kapitalfraktionen werden zwar mehrmals in allgemeinen Formulierungen angesprochen und ab Seite 99 in einer Kritik der Konzerne kurz konkretisiert, eine umfassendere Benennung von Ross und Reiter des vor sich gehenden Höllenritts würde das entworfene Panorama noch plausibler erscheinen lassen. Diese relativen Leerstellen sollte in hoffentlich kommenden, erweiterten Auflagen behoben werden.

