Rifkin Jeremy: Die empathische Zivilisation

Der Ökonom, Sozialtheoretiker, Politberater und Aktivist, Jeremy Rifkin hat der Empathie ein Buch gewidmet, um damit „Wege zu einem globalen Bewusstsein“ zu weisen. Das Konzept ist zukunftsorientiert und deshalb begrüßenswert. Der letzte Satz des Buches bringt Rifkins Utopie auf den Punkt: „Der Kollaps der Erde lässt sich nur verhindern, wenn eines rechtzeitig die ganze Menschheit umfasst: das universalisierte empathische, das biosphärische Bewusstsein.“ Damit landet Rifkin punktgenau bei dem Paradoxon jeder Utopie: sie ist endzeit-orientiert (quasi-religiös eschatologisch) und hilft uns mit seinem Ausschließlichkeits-Anspruch („lässt sich nur verhindern“) bei der Lösung der akuten Probleme unserer Zeit relativ wenig. Genauer gesagt: gar nicht.

Das Buch besteht aus drei Teilen. Im ersten Teil begründet Rifkin die These des empathischen Bewusstseins biologisch: „Unser Gehirn ist auf Empathie geschaltet – es ist unsere Natur, es ist das, was uns zu sozialen Wesen macht. Und alles spricht dafür, dass das Drehbuch zur Evolutionsgeschichte des Menschen umgeschrieben werden muss.“ Den Anfang dazu hat Rifkin schon mal gemacht. Nach der biologischen Prämisse ist prinzipiell fraglich, wozu er den zweiten Teil des Buches „Empathie und Zivilisation“, die historische Herleitung der Empathie, benötigt. Wohl damit „das Zeitalter der Empathie“, so der Titel des dritten Teils, nicht den Anschein erweckt, es würde uns überrumpeln. Hier erklärt Rifkin auch den Zusammenhang von Natur und Zivilisation: „Das weltweite Reisen hat wie die weltweiten elektronischen Medien und die weltweite Migration das zentrale Nervensysem unserer Spezies erweitert“. Man kann davon ausgehen, dass Rifkins Thesen bei Biologen voll einschlagen werden. Allerdings anders, als er sich erhoffen dürfte.

Es ist nicht wirklich evident, dass unser Gehirn auf Empathie geschaltet ist, aber man kann zumindest die Behauptung aufstellen, dass wir unser Verhalten auf Empathie umschalten können. Die Empathie ist eine Einstellung, aber nicht jede Einstellung ist empathisch. Eine Einstellung ist keine biologische Grundprogrammierung, da ja sonst jeder Mensch mit der gleichen Einstellung zur Welt käme, sondern Ergebnis der Moral, mit der wir aufwachsen. Und so, wie die Erziehung durch die Eltern in der Selbsterziehung mündet („Selbstverwirklichung“ ist dafür der gebräuchliche Begriff), so sollte jeder Mensch imstande sein, die Einstellungen, die er als Kind mit bekommen hat, als Erwachsener selbständig, autonom, zu verändern.

Seine Einstellung zu ändern ist vergleichbar mit dem Stimmen eines Instruments. Die Empathie ist vergleichbar mit Taktgefühl und das Orchester ein idealtypisches Modell einer Gesellschaft. In welchem Orchester willst du spielen? Welches Instrument willst du spielen? Wie stellst du dich auf die anderen Musiker ein? Wenn du dich einmal für die Violine entschieden hast, bist du nicht gezwungen, nur noch dieses Instrument zu spielen. So kannst du auch deine Einstellungen jederzeit selbst ändern, du musst nicht auf die Profis der Werbeindustrie und Propagandaabteilungen der Politik warten, bis sie diesen Job übernehmen!

Dieser Artikel ist ein Auszug aus dem Buch Moral 4.0

Jeremy Rifkin

Die empathische Zivilisation. Wege zu einem globalen Bewusstsein

Frankfurt am Main, 2010

ethos.at finanziert sich via Spenden - was ist DEIN Beitrag?

Ringel Erwin: Die österreichische Seele

Zehn Reden über Medizin, Politik, Kunst und Religion

29. Mai 2025 - Im Jahr 1984 waren die Buchläden voll mit dem gleichnamigen Bestseller von George Orwell. Viele seiner düsteren Zukunftsvisionen aus dem Jahr 1948 schienen weit weg zu sein, real nur hinter dem Eisernen Vorhang. Neusprech und allgegenwärtige Kontrolle sind aber spätestens 2020 im lange gepriesenen „Westen“ tiefer in unseren Alltag eingedrungen, als sich das Orwell vorstellen konnte. Der Große Bruder tritt als treuer, digitaler Hund in Erscheinung, der uns immer und überall begleitet. Sein Name ist nicht Hundi sondern „Handy“. Damit sind wir für amazon, facebook, google und Co rund um die Uhr erreichbar; TV, konkret ORF – Österreichischer Regierungsfunk – erledigt den Rest, zumindest auf der Insel der Seligen.

Ob das allgegenwärtige Handy die Menschen gescheiter, freier oder gar glücklicher gemacht hat, darf bezweifelt werden. Die Menschen leben jedenfalls länger, als je zuvor – zumindest im Westen. Ob es damit zusammenhängt, dass sie sich weniger oft selbst umbringen? Die KI Copilot weiß: im Jahr 2022 gab es einen temporären Anstieg von 16 % im Vergleich zum Vorjahr, insgesamt beträgt der Rückgang gegenüber 1986 jedoch rund 40%. Im Jahr 2023 starben in Österreich 1.212 Personen durch Suizid, was einer standardisierten Suizidrate von 14 pro 100.000 Einwohner:innen entspricht. Mehr als drei Viertel der Suizidtoten sind Männer.

Ob sich Erwin Ringel über diese Entwicklung freuen würde? Im Jahr 1984 erschien sein legendäres Buch „Die österreichische Seele“, eine Sammlung von zehn Reden über Medizin, Politik, Kunst und Religion. Der Facharzt für Psychiatrie und Neurologie, Tiefenpsychologe, Psychotherapeut (Individualpsychologe nach Alfred Adler) gründete 1948 das erste Selbstmordverhütungszentrums Europas in Wien. 1953 beschrieb er das Präsuizidale Syndrom. Das Buch beginnt mit

“Eine neue Rede über Österreich“

in der Ringel auf die Rede über Österreich von Anton Wildgans aus dem Jahr 1929 Bezug nahm.

Weiterlesen

Roberts John Morris: Der Triumph des Abendlandes

"Eine neue Deutung der Weltgeschichte" (so der Untertitel der deutschen Ausgabe) hat der britische Historiker J.M. Roberts 1985 publiziert. Der Originaltitel lautet: "The Triumph of the West: The Origin, Rise, and Legacy of Western Civilization". Man könnte das Buch von Roberts (1928-2003) als Ehrenrettung des "Eurozentrismus" bezeichnen. Laut Wikipedia ist dieser Begriff in den 1970er Jahren aufgekommen und hat sich in den 1990er Jahren durchgesetzt um die Vorherrschaft der europäischen Kultur und Zivilisation in Zeiten des Kolonialismus und Imperialismus zu kritisieren.

Über die Weltsicht eines Europäers im Jahr 1900 schreibt Roberts in der Einleitung: "Jedermann wußte, daß es in der fernen Vergangenheit andere große Kulturen gegeben hatte [...] das China des 19. Jahrhunderts wurde von denen, die zur 'zivilisierten Welt' gehörten, gewöhnlich für kaum lebendiger gehalten als das alte Assyrien. Diese Vorstellung setzte einen unausgesprochenen Gegensatz zu allem anderen, zum un-zivilisierten Rest der Welt, der vor allem keinen Anteil an der westlichen Dynamik hatte." (S 7) (Niall Ferguson hat 26 Jahre später die wesentlichen Positionen von Roberts in seinem Buch "Der Westen und der Rest der Welt" übernommen.) "Die Kultur dieser Welt hatte ihr Fundament im Glauben an die vernünftige, objektive Intelligenz". (S 9)

Weiterlesen