Die Öffentlich-Rechtlichen brauchen echte Staatsferne

Die Einrichtung eines Zukunftsrates für ARD und ZDF ist gut, doch fehlt die Stimme des Bürgers und Beitragszahlers. Ein Gastbeitrag von Jimmy Gerum

Im Ausschuss für Wissenschaft und Kunst wurde zum Thema Reformbedarf des öffentlichen Rundfunks im Bayerischen Landtag getagt. Die Bürgerinitiative Leuchtturm ARD leistete einen Diskussionsbeitrag zur fehlenden Ausgewogenheit und Staatsferne des ÖRR. Der Redebeitrag von Jimmy Gerum im Bayerischen Landtag vom 10. Mai 2023 im Wortlaut.

Abgedruckt auch im Rahmen unserer Open-Source-Initiative der Berliner Zeitung am 22. Mai 2023. Dieser Beitrag unterliegt der Creative Commons Lizenz (CC BY-NC-ND 4.0).

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Sehr geehrte Abgeordnete,

ich bin Gründer der Bürgerinitiative Leuchtturm ARD ORF SRG. Für uns ist die Idee des öffentlichen Rundfunks von unschätzbarem Wert für die Zukunft der Demokratie und für unser kulturelles Selbstverständnis.

Deshalb sind wir so scharfe Kritiker, wenn wir erkennen müssen, dass die Grundsätze dieser Werte zunehmend schwerwiegend verletzt werden. Nämlich konkret die Vielfalt der Meinungen, die Ausgewogenheit und die Staatsferne, die laut Paragraf 26 Medienstaatsvertrag und laut Paragraf 5 Grundgesetz vorgeschrieben sind. Eine zunehmende Verletzung seit Jahrzehnten, nicht erst seit der Corona-Krise.

Für diese Anhörung habe ich eine Schweizer Studie durchgearbeitet, die das Angebot des öffentlichen Rundfunks in 18 Ländern in Europa und Übersee vergleicht. Generell kann man sagen, dass alle 18 Konstruktionen dieselben Vorzüge und guten Absichten in sich tragen, aber in einer ähnlichen Weise versagen bei der Toleranz gegenüber den unterschiedlichen Weltanschauungen.

Wenn wir hier also ernsthaft über den wahren Reformbedarf des Bayerischen Rundfunks oder des deutschen öffentlichen Rundfunks im Allgemeinen reden wollen, dann ist dieser Fragenkatalog zum internationalen Vergleich dafür gänzlich ungeeignet.

Denn die Reform, die wirklich nötig ist in der ernsten Lage, in der sich die Welt und unsere Kultur und unsere Zivilisation aktuell befinden, erfordert die beispiellose Vision eines öffentlichen Rundfunks, mit dem wir global betrachtet eine mit nichts vergleichbare Vorreiterrolle einnehmen sollten.

Nämlich den historisch und weltweit ersten öffentlichen Rundfunk zu schaffen, der unabhängig kontrolliert und für jeden transparent eine vielfältige, ausgewogene und staatsferne Weltanschauung erhält. Insbesondere ist es unsere Aufgabe, den Irrglauben abzulegen, dass die bestehenden Kontrollinstanzen und Rechenschaftspflichten der unterschiedlichen Gremien ausreichen würden.

Die fehlende Ausgewogenheit kann nur durch einen unabhängigen und kompetenten Blick von außen eingeordnet werden, deshalb sollte dringend der offene und faire und selbstkritische Diskurs darüber gesucht werden.

Die notwendige Staatsferne erfordert eine Selbstverwaltung und eine staatsunabhängige und gemeinnützige Ausrichtung, die nicht nur ihren umfassenden Informationspflichten nachkommt, sondern vor allem ihrer Kontrollfunktion gegenüber Regierung und Staatsapparat.

Die Einrichtung eines Zukunftsrates für ARD und ZDF im März 2023 ist grundsätzlich zu begrüßen, jedoch findet sich in seiner Zusammensetzung weder die Stimme der Beschäftigten noch die Stimme des Bürgers und Beitragszahlers. Kein Wunder, denn die verantwortliche Rundfunkkommission der Länder ist exekutivlastig und kann in keinster Weise als staatsfern bezeichnet werden.

Es ist dringend geboten, einen Interessenverband der Rundfunkteilnehmer und Beitragszahler zu beteiligen, der den wertvollen Blick von außen endlich beitragen kann.

Die Schlüsselworte für eine erfolgreiche Reform zum 100-jährigen Jubiläum des Rundfunks im Oktober 2023 sind Mut und Aufrichtigkeit und ein Ende der Denkverbote in einem Dialog auf Augenhöhe.

Hannah Arendt sagte, was nützt uns die Meinungsfreiheit, wenn uns die Informationen fehlen. Für eine gesunde Demokratie in Deutschland brauchen wir den aufrichtigen politischen Willen, die medialen Grundlagen zu schaffen für eine vielseitig informierte und mündige Bevölkerung, die erst durch diese Mündigkeit Verantwortung übernehmen kann für die Zukunft einer selbstbestimmten und gemeinwohlorientierten Gesellschaft.

Es liegt in unseren eigenen Händen, die notwendigen Grundlagen dafür zu schaffen.

Zum Autor: Jimmy C. Gerum, geboren 1964 in Garmisch-Partenkirchen, ist ein renommierter Kinofilmproduzent. Zu seinen Erfolgen zählen das Action-Abenteuer „Cascadeur – Die Jagd nach dem Bernsteinzimmer“ von 1998 und das epische Abenteuer „So weit die Füße tragen“ von 2001. Darüber hinaus war er als Produktions- und Herstellungsleiter bei Filmen wie „Der Todmacher“, „Nach fünf im Urwald“ und „Die Wand“ tätig. Nach seiner Karriere in der Filmindustrie hat sich Gerum intensiv mit Geschichte, Geopolitik, Philosophie, Soziologie und Psychologie beschäftigt. Im Januar 2022 gründete er die Bürgerinitiative Leuchtturm ARD mit dem Ziel, den öffentlich-rechtlichen Rundfunk in Deutschland zu erneuern. Die Gruppe organisiert sogenannte Medienmahnwachen vor den Sendern und ist im Dialog mit mehreren ARD-Anstalten. Beim NDR fanden bereits zwei Gespräche auf Leitungsebene statt, und es besteht ein schriftlicher Austausch mit dem ARD-Vorsitzenden und dem Intendanten des SWR, Kai Gniffke. Am 10. Mai 2023 hat Gerum eine Rede bei einer Anhörung zum öffentlich-rechtlichen Rundfunk im Bayerischen Landtag gehalten

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UN-Vortrag von Nadim Sradj

Nadim Sradj 2023 UNO

Theorie und Praxis der Ästhetik in der internationalen Politik

Vortrag von Nadim Sradj, gehalten am 23. Mai 2023 im Headquarter der UN in New York

 

Das Verhältnis zwischen Theorie und Praxis ist von je her eine gespannte Beziehung, ein Spannungsverhältnis zwischen Denken und Erfahrung. In seinem Aufsatz „Über den Gemeinspruch: das mag in der Theorie richtig sein, taugt aber nicht für die Praxis“ äußert sich Immanuel Kant wie folgt: „wenn eine Theorie nicht für die Praxis taugt, dann nicht deshalb, weil die Theorie falsch ist, sondern, weil nicht genug Theorie in der Theorie war“. …

Unser theoretischer Ansatz beruht auf zwei Säulen;

1. Auf den naturwissenschaftlichen Erkenntnissen der Sinnesphysiologie (Ernst Mach), der Sinnespathologie (Augenheilkunde), der mathematischen Topologie (Lagebeziehung geometrischer Strukturen) und dem Goldenen Schnitt (einer mathematischen Beziehung zwischen Teil und Ganzem) und

2. Die erkenntnistheoretische Grundlage des logischen Empirismus und die Wertlehre (Ethik).

Der Prozess der ästhetischen Wahrnehmung findet als eine Reiz-Reaktions-Beziehung statt. Der sinnesphysiologische Reiz des Auges ist beispielsweise das Licht, der des Ohres ist der Ton. Die Reaktion auf Reize jeder Art kann entweder adäquat oder nicht-adäquat sein und sich sowohl auf biologische als auch auf sozialpsychologische oder politische Prozesse beziehen. Ein Beispiel für eine nicht-adäquate Reaktion ist die Äußerung eines bekannten amerikanischen Politikers zum Thema „Welterwärmung“, der vorschlug dagegen mehr Kühlschränke zu bauen.

Auf sinnespathologischer Ebene ist die Metamorphopsie (das Verzerrt- sehen) als eine Form der „Falschnehmung“ zu nennen. Krankheitsbedingt treten derartige Störungen bei Patienten mit Maculadegeneration (Durchblutungsstörung der Netzhaut) auf, die oft eine Fehlorientierung in Raum und Zeit zur Folge haben. Auf psychologischer Ebene findet Wahrnehmung als senso-motorische Empfindung, als intuitive Erkenntnis statt.

Die Verwissenschaftlichung der Ästhetik

Eine autonome Ästhetik brauch ihre eigene Erkenntnistheorie, d.h. eine eigene Logik, eine eigene Methode und eigene Verfahren. Das Ziel ist, die Umwandlung der Ästhetik von der Kunst als Subjektivität, als „Geschmackssache“ in die Wissenschaftlichkeit, in eine geordnete Struktur. Damit wird sie neben Logik und Ethik der dritte Teil der Systemphilosophie im Sinne der praktischen Vernunft. Die Erkenntnistheorie der sinnesphysiologischen und sinnespathologischen Ästhetik beruft sich primär auf den logischen Empirismus des philosophischen Wiener Kreises, und hier speziell auf Ernst Mach und Hermann von Helmholtz. Die formale Logik der wissenschaftlichen Ästhetik ist induktiv; die Methode ist experimentell, das Verfahren ist die Formulierung einer Hypothese oder einer allgemeinen Aussage. Diese logische Strategie beruft sich auf die Ausführungen des Philosophen John Stuart Mill (1842).

Die Dynamik der Wahrnehmung kann eine höhere Ebene erreichen, indem sie von der rein sinnlichen Wahrnehmung zur abstrakten, auf eine neue Bewusstseinsebene wechselt. Wir definieren das Bewusstsein als inneren Kompass zur Allgemeinorientierung in Raum und Zeit. Diese beiden Begriffe, Raum und Zeit, werden im Folgenden differenziert dargestellt und vertieft.

Der Raum

Die sinnesphysiologische Ästhetik erweitert die euklidische Geometrie in nicht-euklidische Geometrien, wie z. B. die hyperbolische, sphärische und fraktale Form. Eine „Falschnehmung“ des Raumes kann eine Dystopie zur Folge haben, d.h. eine Störung des eigenen Koordinatensystems und damit eine Orientierungsstörung (lokal und global) zur Folge haben.

Die Zeit

Die Erweiterung des Zeitbegriffs erfolgt durch die Unterscheidung zwischen kalendarischer, historischer und natürliche, saisonaler Zeit. Zeit kann einerseits Bewegung (Kinesis) oder Veränderung (Metabole) bedeuten. Der Begriff der Metabole ist im Allgemeinen als „Stoff-Wechsel“, als Umwandlung bekannt.

Der Begriff der fraktalen Geometrie führte zur Entwicklung der „polyachsialen Chronometrie“, der vielachsigen Zeitdarstellungen. Die Welt wird unter diesen Voraussetzungen als multizentrisch in dynamischen Wechsel von Untergang und Auftauchen von Strukturen und Kultur- und Machtzentren gesehen. Die irreguläre Dynamik der Veränderungen ruft das Phänomen des Anachronismus, eines unzeitgemäßen Zeitverständnisses hervor. Das Zeitbewusstsein des Menschen bestimmt seine Herrschaftsstruktur. So hat z.B. das rückwärtsgewandte Zeitverständnis der Taliban entsprechende Auswirkungen auf ihr heute nicht mehr zeitgemäßes Verhalten gegenüber den Frauen. Der Anachronismus ist in diesem Fall Ursache des Antagonismus, des gegeneinander Kämpfens von religiösen und ideologischen Theorien.

Bewusstseinswandel

Unter „Bewusstseinswandel“ verstehen wir einen Prozess der Umwertung aller Werte, der sich nach einer radikalen Infragestellung des Bestehenden vollzieht. Ausgangspunkt einer solchen Veränderung ist eine Konfliktsituation zwischen verschiedenen Interessen und Paradigmen, wie beispielsweise zwischen Ökonomie und Ökologie, oder Technologie und Biologie, von Zweckrationalismus zum Naturalismus.

Definition

Politische Ästhetik ist an universellen Werten orientiert und an einem Ausgleich zwischen objektiver Erkenntnis und Interesse, nicht an individuellem Profit. Damit überwindet sie den Machiavellismus, der letztlich in einem Freund-Feind-Denken und danach zwangsweise in Krieg endet.

Anwendung

Gegenstand des Denkens in der klassischen Politik und Diplomatie ist ausschließlich der Mensch als „Maß aller Dinge“. Diese Art zu denken drückt sich in dem berühmten Satz Kants: „Der Mensch schreibt der Natur ihre Gesetze vor“ aus und gipfelt im bis heute weit verbreiteten Anthropozentrismus. Nur der Mensch gilt als Wesen, dessen Würde geschützt werden muss (Art. 1, GG). Alle anderen Lebewesen gelten als verfügbare Gegenstände. Die Dreiheit von Mensch, Tier und Pflanze ist demgegenüber Ausdruck eines Naturverständnisses als unbewusster Geist.

Feminine versus maskuline Politik und Diplomatie

Der Zugang zur Natur ist in der Regel unterschiedlich bei Männern und Frauen haben oftmals mehr Sensibilität für die spezifischen Reize der Natur, wie Gerüche, Farben, Formen, Veränderungen oder Bedrohungen. Die Idee zur Beherrschung der Natur nach dem Motto „macht Euch die Erde untertan“ ist offensichtlich ein eher männlicher Gedanke.

Praxis der Ästhetik in der internationalen Politik

Mit der Berührung von Ästhetik und Politik gelangt die Ästhetik in den Bereich des Machtdenkens. Nebenwirkungen der Macht können – wenn sie stark genug sind – in einen Rausch der Macht münden. Ästhetik in einer solchen Situation wird unter dem Einfluss extremen Gedankenguts zur Anti-Ästhetik und neigt in diesem Stadium zur Vernichtung von Werten, wie erhaltenswerter Kulturgüter. Durch die Sprengung der Buddhafiguren von Bamiyan trat der Gedanke der Ästhetik erstmals in das Bewusstsein der Menschheit und löste allgemeines Unverständnis aus. Die Zerstörung von historischen Stätten wie Palmyra, Kirchen und Klöstern (z.B. Ma“alula/ Syrien), Museen (Irak) war weit mehr als ein Angriff auf Gebäude und Gegenstände, sondern auf die Identität und Symbole und Traditionen von Kulturnationen. Daher fordern wir die UNESCO auf, sich ernsthafter zu engagieren, derartige terroristische Untaten zu verfolgen und vor internationale Gerichte zu bringen.

Ergebnisse

1. Es ist an der Zeit, über den Begriff der Weltethik hinauszugehen und eine Weltästhetik zu entwickeln, die diesen heutigen Anforderungen gewachsen ist. Wir sehen darin einen qualitativen Sprung der politischen Philosophie im 21. Jahrhundert.

2. Einführung der Ästhetik in die Lehrbücher der Politologie und Diplomatie als eine neue Kategorie des menschlichen Denkens und Handelns.

3. Und damit die Anwendung der Ästhetik in der Realpolitik, wie es der österreichische Philosoph Hubert Thurnhofer bereits seit 2022 praktiziert.

4. Ökologie bekommt durch die Idee der Schönheit eine neue emotionale Bedeutung, wodurch die Natur als Quelle der Faszination, der Phantasie und des Glücks betrachtet wird. Dieses allgemeine positive Grundgefühl dient der Völkerverständigung und dem Weltfrieden.

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Was kann Wissenschaft leisten?

grüne Mark

Wissenschaftstheorie / Forschung / Erkenntnistheorie / Epistemologie / Philosophie / Ethik

PELLETS. Kapitel 7 – Die Krise der Wissenschaft ist bereits seit Jahrzehnten Thema von Wissenschaftstheoretikern. Die Krise hält an, wie der wissenschaftliche Diskurs über Forstbewirtschaftung, Biomasse und Kohlenstoffemissionen zeigt, der im vorigen Kapitel von PELLETS vorgestellt wurde. Dieser wirft viele Fragen auf, zu aller erst: Wer hat recht und wer bekommt Recht? Bei Vertiefung des Themas muss man fragen: Welche Thesen, Argumente, Axiome, Auffassungen, Behauptungen, Unterstellungen sind richtig, welche falsch? Welche Methoden wenden Wissenschafter an, um zu Erkenntnissen zu gelangen? Und nicht zuletzt: welche Methoden wenden sie an, um ihre jeweiligen Erkenntnisse durchzusetzen?

„Wenn es jetzt in vielen Bereichen der Naturforschung fünfzigmal so viele Forscher gibt wie vor fünfzig Jahren, so hat sich das Angebot neuer Methoden wahrscheinlich verhundertfacht“, schreibt Erwin Chargaff schon 1985. (Zeugenschaft, 208) Indirekt ist das eine Kritik an Karl Popper, der fünfzig Jahre früher in seinem Buch „Logik der Forschung“ die Falsifizierbarkeit als wichtigstes Prinzip der Wissenschaft und die Falsifikation als die einzige Methode jeder Wissenschaft konstituiert hat. Popper, der seine Philosophie als „kritischen Rationalismus“ bezeichnet hat, baut auf Immanuel Kant auf, der 1781 sein Hauptwerk, die „Kritik der reinen Vernunft“ veröffentlichte.

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