Das Kapitalismustribunal - Programm 1.-12.5.2026

Beitragsseiten

 

Detaillierter Ablauf des Kapitalismustribunals

Sonntag, 1. Mai, 19 Uhr

GRAND OPENING CEREMONY UND BUCHPREMIERE

»DAS KAPITALISMUSTRIBUNAL« (Passagen Verlag, Wien)

„Das rote Buch“ zu den kulturwissenschaftlichen und juristischen Hintergründen wird präsen

tiert und Autorinnen und Autoren werden aus ihren Beiträgen zur Anthologie Das Kapitalis

mustribunal lesen. Im Anschluss an die Buchpremiere wird das Gebäude des brut Wien in den

Gerichtshof umgewidmet. Weitere Informationen zum Buch

Mittwoch, 4. bis Dienstag, 10. Mai

VERFAHRENSERÖFFNUNG UND VERHANDLUNGEN

täglich 12–17 Uhr – Verfahrenseröffnung & Verhandlung aller auf capitalismtribunal.org einge

gangenen Anklagen zu diesem Thema.

täglich 19–21 Uhr – Die siebte Internationale – Reflexion, Analyse, Diskussion

mit renommierten PhilosophInnen, WissenschaftlerInnen und ExpertInnen. Mit dabei sind u. a.

Saskia Sassen (Soziologin), Wolfgang Neskovic (Richter a.d. am dt. Bundesgerichtshof), Louis

Klein (Systemtheoretiker und Unternehmensberater), Katharina Pistor (Rechts- und Wirt

schaftstheoretikerin), Alexander Stefes (Club of Rome), Lucy Redler (Sozialökonomin), Alon

Harel (Rechtsphilosoph) u.v. m.

Mittwoch, 4. Mai 2016 | Tag 1, 12 bis 17 Uhr (Verhandlung) & 19 bis 21 Uhr (Diskussion)

Psychologie des Kapitalismus

„Selbstverständlich hat der Kapitalismus viele Verbrechen möglich gemacht, von denen die

schwerwiegendsten der Kolonialismus, der Faschismus und die Weltkriege sind. Ich denke aber,

dass es im Sinne eines weltweiten Organisationssystems der Gesellschaft angebracht ist, ihn eher

als Pathologie denn als Verbrechen zu bezeichnen.“

Zitat aus Alain Badious Beitrag zum roten Buch des Kapitalismustribunals

12:00 – 17:00 Uhr: Gerichtsverhandlung u. a. mit Saskia Sassen, Wolfgang Neskovic,

Matthias Schäfer, Louis Klein, Batseba Ndiaye.

19:00 – 21:00 Uhr: Diskussion Die Siebte Internationale mit Sassen / Neskovic / Klein.

Donnerstag, 5. Mai 2016 | TAG 2, 12 bis 17 Uhr (Verhandlung) & 19 bis 21 Uhr (Diskussion)

Arbeit im Kapitalismus

„Die ständige Anstiftung zu Innovation, Unternehmertum, Kreation funktioniert nirgends so

gut wie auf einem Haufen Ruinen. Von daher die enorme Publizität, die die coolen digitalen Un

ternehmen, die aus der Industriewüste namens Detroit ein Versuchsgebiet machen wollen, in den

letzten Jahren genießen.“

Aus dem Beitrag des Unsichtbaren Komitees im roten Buch des Kapitalismustribunals

12:00 – 17:00 Uhr: Gerichtsverhandlung u. a. mit Lucy Redler, Matthias Schäfer, Wolfgang

Neskovic, Louis Klein, Guillaume Paoli, Pedram Shahyar.

19:00 – 21:00 Uhr: Diskussion Die Siebte Internationale mit Redler u. a.

2 / 12

brut Presseinformation

Freitag, 6. Mai | TAG 3, 12 bis 17 Uhr (Verhandlung) & 19 bis 21 Uhr (Diskussion)

Eigentum im Kapitalismus

„Trotz ihrer offenkundigen Mängel werden freie Markwirtschaft und westliches Staatsverständ

nis noch immer als die einzigen effizienten und zukunftsträchtigen Modelle menschlichen Zu

sammenlebens präsentiert. Dabei geraten auch jene gesellschaftlichen Bereiche in den Einfluss

des Marktes, in denen er bislang nichts suchen hatte.“

Zitat aus Ilija Trojanows Beitrag zum roten Buch des Kapitalismustribunals

12:00 – 17:00 Uhr: Gerichtsverhandlung u. a. mit Wolfgang Neskovic, Louis Klein, Guillaume

Paoli, Matthias Schäfer.

19:00 – 21:00 Uhr: Diskussion Die Siebte Internationale mit Pistor / Neskovic.

Samstag, 7. Mai 2016 | TAG 4, 12 bis 17 Uhr (Verhandlung) & 19 bis 21 Uhr (Diskussion)

Medien und Bildung im Kapitalismus

„Zum ersten Mal hat die Gesellschaft ein für alle Klassen verbindliches Ziel – Leistung und

Verdienst – und eine Führungsschicht, die Elite, statt dass jede Klasse ihre eigene Ideologie und

ihre eigene politische Führung besitzt. Der Preis ist indes hoch: Alle Begabung und alles Talent

ist in den oberen Klassen konzentriert, die unteren Klassen bestehen aus Trotteln und Verlierern.

Folglich besitzt die untere Klasse weder Kraft, Energie noch Intelligenz zu einer eigenen politi

schen Führung, sondern degeneriert zu einer stupiden, anpassungsfähigen Masse. Schließlich

kann man sich nicht mehr der Illusion hingeben, am eigenen inferioren Schicksal sei die Gesell

schaft schuld – vielmehr ist die untere Klasse inferior.“ Hans-Peter Müller zur Meritokratie in

seinem Beitrag zum roten Buch des Kapitalismustribunals

12:00 – 17:00 Uhr: Gerichtsverhandlung u. a. mit Srecko Horvat, Alon Harel, Louis Klein,

Matthias Schäfer, Guillaume Paoli.

19:00 – 21:00 Uhr: Diskussion Die Siebte Internationale mit N.N.

Sonntag, 8. Mai 2016 | TAG 5, 12 bis 17 Uhr (Verhandlung) & 19 bis 21 Uhr (Diskussion)

EU/UN, Nation

„Ein Wettbewerb der Unmenschlichkeit hat begonnen, in dessen Zuge Mauern und Zäune er

richtet und elementare Grundrechte wie das Asylrecht geschreddert werden. Statt etwas gegen

Fluchtursachen zu unternehmen, werden Geflüchtete militärisch bekämpft. Dabei sind es die

Staaten der EU, die durch die Beteiligung an Ressourcenkriegen, durch Waffenexporte und eine

unfaire Handelspolitik dazu beitragen, dass immer mehr Menschen ihre Heimat verlassen müs

sen.“ Zitat aus dem Beitrag von Lydia Krüger zum roten Buch des Kapitalismustribunals

12:00 – 17:00 Uhr: Gerichtsverhandlung

19:00 – 21:00 Uhr: Diskussion Die Siebte Internationale Die Gäste von Tag 5 bleiben bis zum

Verhandlungstag geheim.

3 / 12

brut Presseinformation

Montag, 9. Mai 2016 | TAG 6, 12 bis 17 Uhr (Verhandlung) & 19 bis 21 Uhr (Diskussion)

Planet Erde in der Zeit der kapitalistischen Produktionsweise

„In der sogenannten Community der Klimawissenschaftler ist Klimawandel kein aktuelles For

schungsergebnis mehr. Er bietet einen Ausgangspunkt für viele Forschungsansätze, in denen eine

räumliche und zeitliche Differenzierung seiner Zusammenhänge und Folgen untersucht wird. In

der Anwendung der Ergebnisse sollte es um (Beratung zur) Adaptation und Mitigation gehen.

Nach dem Motto: Es rette sich – wer kann!“

Zitat aus dem Beitrag von Marinka Spiess zum roten Buch des Kapitalismustribunals

12:00 – 17:00 Uhr: Gerichtsverhandlung u. a. mit The Club of Rome, Alexander Stefes, Tadzio

Müller, Lili Fuhr, Fetewei Tarkegen, Graeme Maxton, Louis Klein, Matthias Schäfer.

19:00 – 21:00 Uhr: Diskussion Die Siebte Internationale mit Stefes / Fuhr / Schäfer.

Dienstag, 10. Mai 2016 | TAG 7, 12 bis 17 Uhr (Verhandlung) & 19 bis 21 Uhr (Diskussion)

Emergenz und die Gärten des Rechts

„Verfassungstexte können eine gewaltige Macht haben. Sie sind die Formulierung einer Utopie,

die verpflichtet und berechtigt. Sie sind Grundsteine der Gesellschaft und deshalb die Hoffnung,

auf die sich bauen lässt. Sie zwingen die Institutionen des Staates und sie können dem Einzelnen

in hohem Maße Selbstbewusstsein und Kraft geben.“

Zitat aus dem Beitrag von Wolfgang Neskovic zum roten Buch

12:00 – 17:00 Uhr: Gerichtsverhandlung u. a. mit Alon Harel, Katharina Pistor, Anselm Lenz,

Alix Faßmann, Hendrik Sodenkamp, Fetewei Tarekegn, Graeme Maxton, Alexander Stefes,

Louis Klein, Matthias Schäfer.

19:00 – 21:00 Uhr: Diskussion Die Siebte Internationale mit Harel / Lenz.

Donnerstag, 12. Mai, 21 Uhr

CLOSING CEREMONY & PARTY

Das Gericht tanzt. Feierlicher Abschluss der Gerichtswoche mit Ausblick auf die kommenden

Tage im November 2016. Das Gericht wird wieder ein Theater. Für die Musik sorgt DJ Tagwer

ker.

Detaillierte Hintergrundinformationen

Die Anklagen und der Ablauf des Kapitalismustribunals

Das Kapitalismustribunal geht mit systematischer Methodik einer anthropologischen Konstante

der letzten 300 Jahre nach: Der Gefährdung der Lebensgrundlagen auf dem Planeten sowie dem

Verhältnis der Menschen untereinander im ökonomischen System. Die Ausgangsfrage, die er

gebnisoffen gestellt und beantwortet werden wird, ist die folgende: »Ist der Kapitalismus ein

Verbrechen?«

4 / 12

brut Presseinformation

Um die Antwort auf diese Frage nicht nur WissenschaftlerInnen zu überlassen, haben die Initia

torInnen des Projekts die Seite kapitalismustribunal.org entwickelt, programmiert und in vier

Sprachen online gestellt. Auf der Seite ist jeder Mensch kostenlos anklageberechtigt und dazu

aufgefordert, von seinen eigenen Erfahrungen und Erkenntnissen im Leben im Kapitalismus zu

berichten.

Um die Sache bekannt zu machen und das kulturgeschichtliche Feld des Prozesses aufzufächern,

wurden im Juni, Juli und September 2015 drei Vorverhandlungen mit ExpertInnen und Wissen

schaftlerInnen in Berlin-Neukölln zu den Themenkreisen durchgeführt und dokumentiert. Das

Theater Heimathafen Neukölln war jeweils bis auf den letzten Platz besetzt. Am 1. und 2. De

zember 2015 fand im Berliner Haus der Kulturen der Welt die Konferenz zur Prozessordnung des

Kapitalismustribunals statt. Die Prozessordnung regelt das faire und dialektische Verfahren in 92

Paragraphen.

Am 25. April 2016 erscheint die Anthologie zum rechtshistorischen und kulturwissenschaftlichen

Hintergrund des Kapitalismustribunals. Hierin legen WissenschaftlerInnen, SchriftstellerInnen

und KünstlerInnen aus Europa und aller Welt zu einem herausgeberisch umrissenen Themenfeld

ihren eigenen Zugang zum Kapitalismustribunal dar.

Im weiteren Verfahren wird jede eingegangene Anklage verhandelt. Die erste Gerichtswoche

(Prozesseröffnung) findet von 1. bis 12. Mai 2016 im brut Wien statt. Hier wird unter den sieben

Themenfeldern des Tribunals jeder einzelne Fall eröffnet durch Verlesung der Anklageschrift,

erster Gegenrede der Verteidigung, unter Anwesenheit einer Jury als Teil der Versammlung, so

wie unter Moderation der RichterInnen.

Die Gerichtswochen sind so aufgebaut, dass von 12 bis 17 Uhr jedes Gerichtstages die Einzelfälle

verhandelt werden. Am Abend jedes Gerichtstages findet jeweils eine freie Diskussion mit inter

nationalen PhilosophInnen und ÖkonomInnen statt mit der Prämisse, »die Zukunft zurückzuho

len«, d. h. einen fundierten und fundamentalen Ausblick auf die Zeit nach der Überwindung der

neoliberalen »Alternativlosigkeit« zu entwickeln.

Nach den Mai-Prozessen werden das Verfahren und die einzelnen Fälle für die öffentliche Dis

kussion freigegeben. Im Zuge dessen wird am 12. Mai 2016 – dem Abschlusstag der Mai

Prozesse – die Gegenseite auf kapitalismustribunal.org eröffnet. Ab diesem Zeitpunkt ist jeder

Mensch verteidigungsberechtigt, das heißt, es können Verteidigungsplädoyers für »den Kapita

lismus« und Argumentationen für das bestehende ökonomische System aufgebracht werden.

Im zweiten, finalen Teil der Wiener Prozesse vom 7. bis 20. November 2016 im WERK X in Wien

werden die anthropologischen Grundkonstanten verfeinert untersucht und einer Beurtei

lung durch die Versammlung unterzogen. Dabei nimmt der Gerichtshof sowohl die Vogelper

spektive ein, wie auch die Froschperspektive aus der »Feinmechanik« der Ökonomie. Das Feld

des Politischen und der Meinung wird im zweiten Teil des Prozesses also eine kleinere bis keine

Rolle spielen. Oder anschaulicher formuliert: »Stellen Sie sich vor: Sie blicken aus einem Zeit

punkt in einer fernen Zukunft der Menschheit auf das Leben in der Gegenwart des Jahres 2016

zurück hinsichtlich der Ordnungsvorstellung, des ökonomischen Systems, der Produktionsweise

und deren Auswirkungen auf Menschen und das Leben auf der Erde (»Kapitalismus«).

Nun wird Ihnen eine Konsekutivfrage gestellt, und zwar die folgende: Ist der Kapitalismus ein

Verbrechen?«

5 / 12

brut Presseinformation

Diese Frage wird in den zu 28 Generalfällen derivierten Themenfeldern beurteilt. Als Ergebnis

dieser langen, partizipativen, juristischen und interdisziplinären Investigation steht die Beantwor

tung der offenen Frage. Ein menschheitsgeschichtlich nie zuvor dagewesener Vorgang. Das Tri

bunal wird vollständig live gesteamt und aufgezeichnet.

Als Ergebnis des Prozesses steht die zweite Non-Profit-Publikation des Kapitalismustribunals, die

am 1. Mai 2017 im Berliner Haus der Kulturen der Weltöffentlichkeit vorgestellt wird. In dem

Buch »Das Kapitalismustribunal: Was in einer zukünftigen Ökonomie nie wieder geschehen

darf« wird den 30 Artikeln der Positiv-Rechten der »Universal Declaration of Human Rights«

von 1948 ein Text an die Seite gestellt, der die Grenzen der bürgerlichen Individuation systema

tisch und unter der Prämise der Fairness (John Rawls) begrenzt. Auch die zweite Publikation

erscheint im Wiener Passagen Verlag. Die HerausgeberInnen begreifen den Text und die neuen

30 Artikel als »Angebot an jede künftige verfassungsgebende Entität«, etwa an eine verfassungs

gebende Versammlung Europas in der Zukunft.

So ambitioniert der Vorgang als solcher auch ist, sosehr bietet er auch Chancen auf Bewusst

werdung der komplexen Effekte des bürgerlichen Zeitalters mit all seinen Vor- und Nachteilen,

Errungenschaften und Emergenz-Problemen. Je stärker und ernsthafter das Projekt unter-

stützt wird, desto mehr eröffnet sich die Möglichkeit, aus dem sehr wahrscheinlichen

(macht)politischen Scheitern, ein gesellschaftliches Wandlungsinteresse unmittelbar zu beför

dern. Oder mit Bert Brecht gesprochen: »... das Unmögliche zu denken und mit kräftiger Be

hauptung ins Licht jener Werte zu stellen, die wir doch alle teilen, eröffnet erst die bloße Mög

lichkeit die Wirklichkeit zu erfassen! – die Veränderung kann folgen!« (Bert Brecht zum Konzept

des ›Eingreifendem Denkens‹).

Alle Anklagen sind online zu lesen: http://capitalismtribunal.org/de/charges/index

Theoretische Fundierung und Ziele

Was in einer künftigen Ökonomie nie mehr geschehen darf

Ziel des Kapitalismustribunals ist eine faire Aufarbeitung der mutmaßlichen Verbrechen des

Kapitalismus, die Systematisierung der ökonomischen Grundlagen und die Darlegung eines

handhabbaren neuen Regelwerks für Europa. Ökonomische Spielregeln sind keine Naturgewal

ten, sondern beruhen immer auf konkreten Rechtssetzungen durch den Menschen.

Immer mehr Menschen beobachten zunehmende Unfreiheit und Ungleichheit. Die Gültigkeit der

Erzählung von Wohlstand und Glück durch den Kapitalismus scheint abgelaufen zu sein.

Gleichzeitig ist das Wissen über die Wirkung kapitalistischen Wirtschaftens eklatant zurückge

gangen. Alles scheint ein Rätsel zu sein. Die Verzweiflung äußert sich ungerichtet. Um zu ermit

teln, was in einer künftigen Ökonomie nie wieder geschehen darf, muss das Versagen der alten

Ordnung aufgearbeitet werden, um für die Zukunft zu lernen.

Das Kapitalismustribunal konstituiert ein überpositives Gerichtsverfahren für den europäischen

Kapitalismus. Verhandelt wird in einem fairen Verfahren unter Abwägung möglichst aller Ar

gumente. Vertreten und vorgetragen werden die Anklageschriften von der Anklagevertretung,

ausgewiesenen ExpertInnen der derzeitigen Ökonomie und des derzeit gültigen Rechts. Um zu

zutreffenden Urteilen zu gelangen und um ein faires Verfahren zu gewährleisten, wird es in jedem

6 / 12

brut Presseinformation

einzelnen Fall eine gleichwertige Verteidigung geben. Anklage und Verteidigung werden mit den

selben Rechten und Mitteln ausgestattet. RichterInnen leiten das Verfahren, rufen Zeugen und

zu Rede und Gegenrede auf. Nach dem Vortrag und der Darlegung der Beweise, ZeugInnen,

Indizien und Argumentationen spricht die Versammlung das Urteil über Schuld oder Unschuld

möglichst im Konsensverfahren. Im Falle eines Schuldspruchs zieht sich die Jury zurück und legt

das Strafmaß fest. Die Todesstrafe bleibt abgeschafft.

Kapitalismusbegriff

Das Kapitalismustribunal versteht unter dem Begriff Kapitalismus die gegenwärtige Wirt

schaftsweise und deren Vergesellschaftungsformen, die kurzfristig, rationalistisch, in übergroßem

Maßstab akkumulierend sowie warenförmig operationalisieren und rechtlich durch Staaten ge

schützt werden. Die vereinfachte Verwendung des Begriffs „Kapitalismus“ ist dem Tribunal be

wusst und wird Teil des Prozesses sein.

Auszüge aus der Prozessordnung des Kapitalismustribunals

In Vorbereitung des Kapitalismustribunals fand im Dezember 2015 im Berliner Haus der Kultu

ren der Welt eine Konferenz zur Erarbeitung einer Prozessordnung statt. Die Prozessordnung

legt das Verfahren dar und verpflichtet sich Standards wie beispielsweise der Unschuldsvermu

tung, Objektivität und Wahrheitserforschung, Verhältnismäßigkeit, Recht auf Verteidigung so

wie ZeugInnen-, Opfer- und Quellenschutz.

Aus der Präambel der Prozessordnung

Da der Mensch seit 1972 das Wissen von den Grenzen des Wachstums hat,

da diesem Wissen seither systematisch zuwider gehandelt wird,

da die Repräsentation seit vier Jahrzehnten und drei Jahren versagt,

da der Mensch nur diesen einen Planeten hat,

da dieser Planet allen Menschen gleichermaßen gehört,

da der Zusammenhang von Ökologie und Ökonomie unabweisbar ist,

da ökonomisches Handeln immer auf konkreten Rechtsetzungen durch den Menschen fußt,

da diese Rechtsetzungen selbst zu Unrecht werden, wo sie unerträglich ungerecht sind,

da zukünftige Generationen noch niemals Rechte hatten,

da das Gesetz immer menschengemacht ist,

da es den freien Willen gibt,

da individuelle Entscheidungen allein keine Abhilfe schaffen,

da das Verbrechen allzu oft legal und die Kämpfe der Entrechteten allzu oft illegal sind,

da geltendes Recht und Rechtsempfinden immer weiter auseinanderklaffen,

da immer mehr Menschen zunehmende Unfreiheit und Ungleichheit beobachten,

da Stagnation und Niedergang um sich greifen,

da die Resignation der Menschen spürbar ist,

da die Ökonomie tief in das Leben jedes einzelnen Menschen eingreift,

da die ökologische, ökonomische und soziale Schuld systematisch auf die Zukunft abgewälzt

wird,

da wahnhaft großes Eigentum unverträglich ist,

da ein Drittel der Menschheit noch immer in Armut oder absoluter Armut leben muss,

7 / 12

brut Presseinformation

da das Wissen von den Folgen gegenwärtigen Wirtschaftens vorhanden ist,

da Alternativen vorhanden und durchführbar sind,

da ökonomische Spielregeln keine Naturgewalten sind,

da nichts total werden darf,

da wir ein brauchbares Europa wollen,

da Gesetze immer menschengemacht sind,

und sich der Mensch also für ein besseres Recht entscheiden kann,

konstituiert sich das Kapitalismustribunal, um die Verbrechen des europäischen Kapitalismus in

einem fairen Verfahren aufzuklären, damit aus dem Versagen der Gesetze in Vergangenheit und

Gegenwart für die unmittelbar bevorstehende Zukunft gelernt wird. Die Geschichte ist nicht zu

Ende.

Die Anklagen und die Vorverhandlungen in Berlin

Seit Mai 2015 sammelt das Kapitalismustribunal online unter kapitalismustribunal.org Ankla

gen. Derzeit sind bereits 223 Fälle eingegangen und online für jede/n einsehbar. Im Dezember

2016 fand im Berliner Haus der Kulturen der Welt eine Konferenz statt, bei der die Prozessord

nung des Kapitalismustribunals erarbeitet und verabschiedet wurde. Bereits im Sommer 2015

haben drei Vorverhandlungen zu den Themenkomplexen Ökologie, Ökonomie und Recht statt

gefunden.

Ökologie: Ist die Zerstörung des Planeten kollektiver Selbstmord?

20. Juni 2015, Erste Vorverhandlung, Berlin

Podium: Dr. Carolijn Terwindt (Juristin und Anthropologin), Lili Fuhr (Umweltrechtlerin) und

Prof. Hans-Peter Müller (Soziologe, Humboldt-Universität Berlin)

Ökonomie: Ist Großeigentum Diebstahl?

18. Juli 2015, Zweite Vorverhandlung, Berlin

Podium: Graeme Maxton (Generalsekretär des Club of Rome und Ökonom), Prof. Trevor

Evans (Ökonom an der Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin) und Ulrich Brandt (Poli

tikwissenschaftler, Universität Wien)

Recht: Warum klaffen Rechtsempfinden und geltendes Recht zunehmend auseinander?

03. Oktober 2015, Dritte Vorverhandlung, Berlin

Podium: Volker Lösch (Theaterregisseur und Stuttgart-21-Aktivist), Prof. Mojib Latif (Klima

forscher, Universität Kiel) und Anne-Kathrin Krug (Anwältin und Rechtswissenschaftlerin)

Stream aller Vorverhandlungen: https://vimeo.com/channels/capitalismtribunal

Liste der TeilnehmerInnen vergangener und künftiger Versammlungen des

Kapitalismustribunals aus Wissenschaft, Literatur, Kunst und Politik

Fest fixierte TeilnehmerInnen der Mai-Prozesse 2016, 1. bis 12. Mai

Saskia Sassen, Economist and Professor of Sociology, New York

Wolfgang Neskovic, Federal Judge, former Member of Parliament and Legal Philosopher,

Lubeck

Alon Harel, Law Professor and Legal Philosopher, Jerusalem

Lucy Redler, Social Economist, Berlin

8 / 12

brut Presseinformation

Louis Klein, Editor of agora42 and systems theorist, Davos

Graeme Maxton, Economist, CEO Club of Rome, Winterthur

Srecko Horvat, Philosopher, Founder of Subversive Festival, Zagreb

Guillaume Paoli, Philosopher, Writer, Berlin

Alain Badiou, Philosopher, Mathematician, Paris

Batty Ndiaye, Social Economist, Juba/Hamburg

Fetewei Tarekegn, agricultural economist, Addis/Stuttgart

Pedram Shahyar, Political Scientist, Co-Founder of attac, Berlin

Tadzio Müller, Climate Activist, Member of Rosa-Luxemburg-Stiftung, Berlin

Ali Abdullah, Founder and Artistic Director, WERK X, Vienna

Harald Posch, Founder and Artistic Director, WERK X, Vienna

... and a rapidly growing list of further experts, guests, witnesses and prosecutors from all around

the world as well as defendants.

OriginalbeiträgerInnen des Buches (Anthologie) »Das Kapitalismustribunal«, das am 25. April

2016 im Wiener Passagen Verlag erscheint:

Graeme Maxton, Economist, CEO Club of Rome

Ingrid Gilcher-Holtey, Historian, Professor, Bielefeld

Hans-Peter Müller. Sociologist, Professor, Berlin

Lydia Krüger, Ökonomin (Wiss. Mit. Sahra Wagenknecht)

Hans-Christian Dany, Künstler

Kira Kirsch, Director brut Wien, Vienna

Louis Klein, Editor of agora42 and systems theorist, Davos

Wolfgang Neskovic, Federal Judge, former Member of Parliament and Legal Philosopher,

Lubeck

Lili Fuhr, Geograph, Member of Heinrich-Böll-Stiftung, Berlin

Alon Harel, Law Professor and Legal Philosoher, Jerusalem

Srecko Horvat, Philosopher, Founder of Subversive Festival, Zagreb

Matthias Schäfer, Lawyer, Economist, Konrad-Adenauer-Stiftung

Batty Ndiaye, Social Economist, Juba/Hamburg

Alain Badiou (Interview), Philosopher, Mathematician, Paris

Jörg Petzold, Actor, FluxFM

Lukas Tagwerker, Editor, radio FM4

Uwe Wesel (Interview), Legal Professor, Participant in the Russell Tribunal, Hamburg/Berlin

Angela Richter (Interview), Director, Cologne

Nis-Momme Stockmann, Playwright, Writer, Island of Foehr

Fetewei Tarekegn, agricultural economist, Addis/Berlin

Ilija Trojanow, Writer, Vienna

Volker Lösch, Director, Berlin

Viktor Kucharski, Historian at Jewish Museum in Berlin, Budapest/Warsaw/Berlin

9 / 12

brut Presseinformation

Mitglieder und TeilnehmerInnen der Konferenz zur Prozessordnung des Kapitalismustribunals im

Berliner Haus der Kulturen der Welt

Lili Fuhr, Geograph, Member of Heinrich-Böll-Stiftung, Berlin

Guillaume Paoli, Philosopher, Writer, Berlin

Hans-Peter Müller, Sociologist, Professor, Berlin

Kira Kirsch, Director brut Wien, Vienna

Alexander Stefes, Exec. Dir. Club of Rome

Lucas Franke, Dramaturg WERK X, unionist, Vienna

Ingrid Gilcher-Holtey, Historian, Professor, Bielefeld

Martin Mayr, Economist, Vienna

Louis Klein, Editor agora42 and systems theorist, Davos

Volker Lösch, Director, Free Politician, Stuttgart

Fetewei Tarekegn, agricultural economist, Addis/Stuttgart

Anselm Lenz, Publisher/Worker, Berlin/Palermo

Alix Faßmann, Journalist, Writer, Berlin

Hendrik Sodenkamp, Dramaturg, Vienna

Jörg Petzold, Actor, FluxFM

and the Assembly of the Proclamation Act

TeilnehmerInnen der drei Vorverhandlungen im Heimathafen Neukoelln zur Bestandsaufnahme der

Wirklichkeit im Juni, Juli und September 2016

Mojib Latif, Climate Scientist, Professor, Kiel

Carolijn Terwindt, Lawyer ECCHR, Anthropolist, Utrecht/Berlin

Hans-Peter Müller, Sociologist, Professor, Berlin

Anne-Kathrin Krug, Lawyer, Marxist, Berlin

Graeme Maxton, Economist, CEO Club of Rome, Winterthur

Trevor Evans, Economist, Money Theorist, Professor, Berlin

Ulrich Brand, Professor for International Relations, Vienna

Florian Kröckel, Production Manager, Berlin

Alexander Stefes, Ex. Dir. Club of Rome, Winterthur

Via, Tenant, Neukoelln

broadcasted:

Stephen Leonard, Lawyer, Climate Justice Programme, Jakarta

Ilija Trojanow, Writer, Vienna

Albrecht Müller, Economist, Founder of NachDenkSeiten, The Palatinate

Martin Nevoigt, Documentarian, Berlin

Lucy Redler, Social Economist, Berlin

and the Assembly

10 / 12

brut Presseinformation

Die UnterstützerInnen des Kapitalismustribunals

Das Kapitalismustribunal ist ein Projekt des Berliner Haus Bartleby e. V. – Zentrum für Karrie

reverweigerung in Koproduktion mit brut Wien und Werk X. Als Unterstützer und Förderer

stehen von Anfang an der Club of Rome, die Heinrich-Böll-Stiftung, Rosa-Luxemburg-Stiftung

sowie 2016 auch die Friedrich-Ebert-Stiftung zur Seite. Als Medienpartner arbeitet der Gerichts

hof mit dem Rundfunksender FluxFM 100,6 Berlin zusammen. Die Konferenz zur Erarbeitung

der Prozessordnung fand am 1. und 2. Dezember im Haus der Kulturen der Welt und die Vorver

handlungen im Saalbau-Theater in Berlin-Neukölln statt. Das philosophische Wirtschaftsmaga

zin Agorá42 veröffentlicht 2016 ein Sonderheft zum Kapitalismustribunal. Die Anthologie Das

Kapitalismustribunal zu den rechtstheoretischen, theaterwissenschaftlichen und kulturhistori

schen Fundamenten des Gerichts erscheint im Passagen-Verlag, Wien. Die finale Charta er

scheint nach Ende des Kapitalismustribunals Anfang 2017.

Biografien der InitiatorInnen

Alix Faßmann, Buchautorin und Journalistin, geb. 1983 in Hannover, studierte Sozialwissen

schaftlerin, arbeitete als feste Redakteurin für den SPD-Partei-Vorstand im Willy-Brandt-Haus,

Berlin. Sie volontierte und arbeitete von 2005 bis 2013 als feste Redakteurin beim Berliner Ver

lag. 2014 erschien ihr politisches Sachbuch Arbeit ist (nicht) unser Leben (Lübbe-Verlag, Köln).

Anselm Lenz, Dramaturg, geb. 1980 in Hamburg, Kulturwissenschaftler, arbeitete fest in den

Dramaturgien des Dt. Schauspielhauses in Hamburg, Festival Theaterformen am Staatstheater

Braunschweig, theatercombinat Wien; sowie für das Schauspielhaus Dortmund und HLTH.

2010 bis 2014 war er Hausdichter des Intellektuellenclubs „Golem“ in Hamburg. Herausgeber

zweier Anthologien (Edition Nautilus, Hamburg).

Jörg Petzold, Schauspieler und Radiojournalist, geb. 1977 in Karl-Marx-Stadt (heute Chemnitz),

studierte Schauspiel an der Leipziger Felix-Mendelssohn-Bartholdy-Hochschule und war u. a. im

Ensemble des Schauspiels Stuttgart. Seit 2011 leitet und moderiert er die Literatursendung Lesen

und lesen lassen im Berliner Rundfunksender FluxFM 100,6.

Hendrik Sodenkamp, Dramaturg, geb. 1989 in Würzburg, studierte Germanistik und Kulturwis

senschaft in Berlin und Stratford, arbeitete u. a. in den Dramaturgien des Thalia Theaters Ham

burg sowie am Dt. Schauspielhaus Hamburg.

Fetewei Tarekegn, Agrarökonom mit Schwerpunkt internationale Beziehungen, geb. 1979 in

Addis Abbeba, studierte an den Universitäten Leuwen und Bayreuth und promoviert derzeit

über internationale Koordinationssysteme in der Landwirtschaft. 2015 leitete er ein Berliner

Flüchtlingsaufnahmeprojekt am Tempelhofer Feld.

11 / 12

brut Presseinformation

Pressekontakt und weitere Informationen

Weitere Informationen finden Sie unter brut-wien.at/de/Presse und kapitalismustribunal.org.

Bildmaterial

Pressebilder finden Sie unter brut-wien.at/de/Presse.

Vorabskizze des Gerichtshofs (Copyright Haus Bartleby)

Entwürfe zur Einrichtung des Gerichtshofs (Copyright Angela Lambea & Andreas Voigt)

 

Tags: Gerichtsverfahren, Tribunal, Inszenierung, Theater