Myers Steven Lee: Putin - der neue Zar

Ein Poem von Fjodor Tjutschew, das der Dichter und Diplomat vor mehr als 150 Jahren schrieb, hat jeder Russe und jede Russin verinnerlicht. Dieses Gedicht haben Philosophen wie Nikolaj Berdjajew als Quintessenz der russischen Mentalität interpretiert: einerseits thematisiert es den inneren Zwiespalt zwischen Kopf und Herz, anderseits stellt es das Postulat in den Raum, dass der Glaube über der Vernunft stehen müsse. Mehr noch: wenn Russland seinen Glauben verliert, dann droht das Land zu zerfallen.

Умом Россию не понять / Аршином общим не измерить:

У ней особенная стать / В Россию можно только верить.

Die wörtliche Übersetzung: Mit dem Kopf kann man Russland nicht verstehen / Mit einem gewöhnlichen Maßstab kann man es nicht messen / Mit diesem Land hat es eine besondere Bewandtnis / Man kann an Russland nur glauben.

Genau auf diesem Selbstverständnis beruht Putins Karriere und sein Aufstieg zum „neuen Zaren“, wie ihn der US-Journalist Steven Lee Myers charakterisiert. Akribisch recherchierte er das Leben Putins, von der Kindheit und seinen Studienjahren in Leningrad, über seine eher mittelmäßige Karriere als KGB-Offizier in der DDR, seinem Einstieg in die Politik als Berater des Petersburger Bürgermeisters Anatoli Sobtschak bis zum Wechsel nach Moskau, wo er durch bedingungslose Loyalität das Vertrauen von Boris Jelzin gewinnt, der ihn dafür Ende 1999 – für alle unerwartet – auf den Thron gehoben hat.

Stven Lee Myers PUTIN

Historisch war dieses Ereignis, weil es der erste freiwillige Rücktritt eines russischen Herrschers war. Und wohl auch deshalb, weil es ein Sieg der Vernunft war: die Einsicht Jelzins, dass Russland im neuen Jahrtausend einen Neuanfang braucht. Und am Ende einer turbulenten Politkarriere die Selbsterkenntnis des Scheiterns: „Ich möchte Sie um Vergebung bitten. Um Vergebung dafür, dass viele Ihrer Erwartungen enttäuscht wurden. Das, was uns einfach erschien, hat sich als qualvoll und schwierig herausgestellt“, sagte Jelzin bei der Ankündigung seines Rücktritts.

Diese Worte zitiert Steven Lee Myers in seinem 700-Seiten starken Werk „Putin – der neue Zar. Seine Politik – Sein Russland“. Darin zeichnet der US-Journalist, der 2002 und 2003 für die New York Times als Korrespondent in Moskau war (derzeit Leiter des NYT-Büros in Peking), ein ausgewogenes Bild eines Politikers, der heute immer öfter als Diktator bezeichnet wird. Von westlichen Politikern ebenso wie von russischen Oppositionellen. Oder von russischen Dissidenten in westlichen Medien, wie Garri Kasparow, der seit über 20 Jahren seine Kommentare im Wall Street Journal publiziert und seine Positionen im Buch „Warum wir Putin stoppen müssen“ zusammengefasst hat.

Garri kämpft mit Leib und Seele für Russland, und das ist für ihn gleichbedeutend mit seinem Kampf gegen Putin. Nach dem Ende seiner Schachkarriere im Jahr 2005 versucht er als Oppositionspolitiker Fuß zu fassen: „Es gab immer noch zahlreiche Oppositionsgruppen und NGOs, die gegen die zunehmende Marginalisierung kämpften. Egal wie klein oder ungefährlich diese Gruppen waren, sie wurden gnadenlos verfolgt, um die Zivilgesellschaft vollkommen unter Kontrolle zu bringen.“ Man kann einem Mann, der die Unterdrückung der Sowjetmacht und des Putin-Regimes am eigen Leib erlebt hat, mangelnde Ausgewogenheit nicht zum Vorwurf machen. Aber auch ein Kämpfer für die Ideale der Freiheit und Demokratie muss sich einmal die Frage stellen, ob die Polarisierung zwischen „Gut“ und „Böse“ in der unseligen Tradition der Reagan-Doktrin noch zeitgemäß ist. Und ein Schachprofi muss sich irgendwann die Frage stellen, ob man heute, ein Vierteljahrhundert nach dem Ende des Kommunismus, die Welt noch in Schwarz und Weiß einteilen kann.

Patriotismus = Poesie + Pathos

Poesie und Pathos, Putin und Prawda (das russische Wort für Wahrheit) – all das inkludiert ein Wort, das in Russland seit Putin wieder Konjunktur hat: Patriotismus. „Angesichts drohender Massenunruhen stellte sich Putin nicht nur als Garant der Errungenschaften seit der Sowjet-Ära dar, sondern auch als Führer der Nation im tieferen Sinne. Er war der Hüter ihrer sozialen und kulturellen Werte. … Als die Wahl (2012) näher rückte, standen die Russen vor einer ebenso schlichten wie lebenswichtigen Wahl. Diese lautete: Putin oder der Abgrund.“ So schildert Myers die Stimmung Russlands vor Putins Wiederwahl zum Präsidenten.

Jeglicher Widerspruch wird als Provokation vermerkt. Jede Kritik persönlich genommen, denn Putin selbst als oberster Führer (der Begriff „Woschd“ wird im heutigen Russland sowohl auf Stalin wie auch auf Putin angewendet) braucht keine Kritik. Nicht weil sie seine Autorität untergraben könnte, sondern weil Kritik sein Vorrecht ist. Aus westlicher Sicht, geschult in der Dialektik, könnte man sagen: Putin ist Position und Negation in Personalunion. Aus russischer Sicht: Putin ist die Personifikation des Patriotismus und des ganzen Staates – und beide sind unantastbar.

„Wenn man mit Demokratie die Auflösung des Staates meint, dann brauchen wir so eine Demokratie nicht“, zitiert Myers Putin. Das erklärt, warum Kasparows Kritik zu kurz greift. Er sieht Putin als Ursache für „die Zerstörung der Demokratie in Russland“, so der Untertitel seines Buches. Damit geht er außerdem von einer Fehleinschätzung der Ära Jelzin aus, denn auch wenn unter Jelzin erstmals private Medien für Meinungsfreiheit sorgten und neue Parteien zugelassen wurden, konnte bei gleichzeitiger Gewährung eines Raubtierkapitalismus keine Rede von einer echten Demokratie sein.

1917 - 2017

Vergangenheits-Bewältigung ist in Deutschland und Österreich wichtiger Teil der Zeitgeschichte. Geschichtsschreibung ist in Russland immer noch heroisch. Nur die Oktober-Revolution mit all ihren Gräueltaten ist in der russischen Geschichtsschreibung negativ behaftet. Auch deshalb wird jede Demonstration heute als Aufstand gesehen und als potenzielle Vorstufe zu einer Revolution im Keim erstickt. Die Gründung der positiv bewerteten Sowjetunion erfolgte erst am 30. Dezember 1922. Der Revolutionsführer Lenin wird findet sich als Führer und guter Onkel in Geschichtsbüchern und in Kindergeschichten, Stalin ist als Führer des "Großen Vaterländischern Krieges", wie der Zweite Weltkrieg immer noch genannt wird, verewigt. Die stalinistischen Säuberungen werden mitunter kritisiert, aber auch relativiert, aber sicher keiner Vergangenheits-Bewältigung unterzogen - dafür gibt es auch keinen gängigen Begriff im Russischen. Der Zweite Weltkrieg wird mmer noch als "Großer Vaterländischer Krieg" bezeichnet. So wäre es zur "Bewältigung" der Revolution im Oktober 2017, dem 100-Jahr-Jubiläum der Revolution, angemessen gewesen, die Überreste des 1924 verstorbenen Revolutionsführers, die sich immer noch im Leninmausoleum in Moskau wie in einem Heiligenschrein ruhen, zu bestatten.

Vielleicht erklärt die politische Überreaktion auf die Provokation von Pussy Riot, warum man zum 100-Jahr-Jubiläum der Revolution die Chance verpasst hat, Lenin aus dem Mausoleum zu entfernen und zu begraben, nicht unbedingt orthodox, aber zumindest traditionell. Der Grund: Ikonen sind unantastbar. Auch Putin ist mittlerweile eine Ikone. „Zu glauben bedeutete, patriotisch zu sein. Patriotisch zu sein bedeutete, zu glauben.“ Mit diesen Worten erklärt Myers, warum die Mehrheit der Russen den Auftritt von Pussy Riot in der Moskauer Erlöserkirche verurteilt hat. Ob der Auftritt künstlerisch wertvoll war, sei dahingestellt. Jedenfalls war es eine Art Glaubensakt, Ausdruck der idealistischen Überzeugung mit Aktionismus etwas verändern zu können. Und der Auftritt war poetisch im weitesten Sinn des Wortes, nämlich dann, wenn man „Poesie“ als Konzept versteht, Emotionen unmittelbar und nicht über Vermittlung der Vernunft anzusprechen. Für das bestehende System Putins war der Auftritt nur eine Provokation, nahe am Verrat.

Hier sei nochmals an das anfangs zitierte Gedicht von Fjodor Tjutschew erinnert. Die wortwörtliche Übersetzung ist vollkommen richtig, sie ist aber nicht wahrhaftig, d.h. nicht im Geiste des Verfassers. Sie ist nicht imstande, einen Eindruck seines poetischen, pathetischen und patriotischen Aspektes zu vermitteln. Diese Aspekte jedoch sind essenziell, deshalb hier die wahre Übersetzung:

Du kannst es nicht verstehen,

Wägen wie ein Kilo Trauben.

Sträflich wäre dies Vergehen -

An Russland musst du glauben.

Steven Lee Myers, Putin - der neue Zar. Seine Politik - Sein Russland, orell füssli Verlag, 2015

Garri Kasparow, Warum wir Putin stoppen müssen. Die Zerstörung der Demokratie in Russland und die Folgen für den Westen, Deutsche Verlagsanstalt, 2015

Elisabeth Heresch, Geheimakte Parvus. Die gekaufte Revolution, Neuauflage 2017

Woher kam das Geld für die russische Revolution? Wer hatte Interesse daran? Die promovierte Slawistin und Romanistin Elisabeth Heresch hat sich mit der Russischen Revolution 1917 intensiv beschäftigt, Zeitzeugen interviewt, Schlüsseldokumente entdeckt und erstmals publiziert.