Sradj Nadim: Politische Ästhetik

Ein Kanzler, der seine besten Freunde in Regierungspositionen hievt und jenen, für die kein Ministeramt mehr übrig ist, Führungspositionen in Staatsbetrieben zuschanzt, ein Finanzminister, der in der schwierigsten Krise der Nachkriegszeit noch Zeit findet, nebenbei für das Amt des Wiener Bürgermeisters zu kandidieren und gleichzeitig dreistellige Millionenbeträge für Regierungspropaganda verschleudert. Das ist nicht schön!

Freunderlwirtschaft, geschmacklose SMS am laufenden Band, Hochmut gegenüber dem Volk, Verlust aller Hemmschwellen, Ignoranz aller Unvereinbarkeitsregeln, Ende aller Tabus - das gehört zum Wesen Österreichs Politiker 2022 und ist damit zum Wesen der Politik 2022 geworden. So ist es kein Wunder, wenn unsere Demokratie 2022 in einem desaströsen Zustand ist. Das ist nicht schön!

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Die Beispiele zeigen, warum politische Ästhetik relevant ist und an philosophischen Fakultäten als Fach etabliert werden sollte. Grundlage dafür könnte die Definition von Nadim Sradj sein: "Ästhetik ist ein Instrument zur Beurteilung und Erkenntnis von Handlungen und Erscheinungen. Grundlage dieser Beurteilung sind primär Werte, nicht partikulare Interessen." Und: "Ästhetik ist keinesfalls eine rein beliebige Geschmackssache! Sie kann und muss sich durchaus einer Methode bedienen."

Weiters schreibt der Autor: "Durch die politische Ästhetik bekommt die Ökologie eine neue Dimension, nämlich die Natur als Quelle der Faszination, der emotionalen Begeisterung." Die Würde des Menschen, wie sie in der UNO-Menschenrechts-Deklaration festgeschrieben ist, sollte nach Ansicht von Sradj erweitert werden: auch die Würde der Tiere und die Würde der Pflanzen sollten in Ästhetik und Ethik berücksichtigt werden.

Sradj ist Mediziner (Augenarzt) und Philosoph, die Grundlagen seiner Thesen findet er in den Schriften zur Sinnesphysiologie von Ernst Mach, die er erweitert mit den Erkenntnissen der Sinnespathologie. Ausgehend von der griechischen Bedeutung des Begriffs "Aisthesis", auf Deutsch: "Empfindung" oder "Wahrnehmung", setzt er die "Wahrnehmungslehre als Schnittpunkt zwischen Naturwissenschaften und Philosophie".

Aus der Augenheilkunde kennt Sradj die verzerrten Bilder, die eine Maculadegeneration verursacht und prägt in Analogie zur Wahrnehmung den Begriff der "Falschnehmung". Weiters entdeckt er den griechischen Begriff in der jedem Mediziner geläufigen An-ästhesie (Empfindungslosigkeit). Daraus leitet Sradj die drei Säulen seines Konzeptes ab:

Ästhetik + An-Ästhetik + Anti-Ästhetik

ad Ästhetik: "Es gibt Politiker, deren äußeres Erscheinungsbild eine ästhetische Perfektion signalisiert, während die Grundlage ihres Denkens weit entfernt von Ethik und Moral ist. Hier liegt eine offensichtliche Diskrepanz zwischen äußerer und innerer Ästhetik vor."

ad An-Ästhetik: "Die An-Ästhetik des Politischen geschieht, wenn im Rausch der Macht wichtige Ereignisse übersehen unterdrückt oder verschlafen werden." (Falschnehmung!)

ad Anti-Ästhetik: "Mit der Steigerung, nämlich mit der Anti-Ästhetik, haben wir es zu tun, wenn eine aktive Aggression beispielsweise gegen Weltkulturdenkmäler erfolgt."

Resümee: "Die ästhetische Betrachtung der Weltpolitik geht über ie Weltethik hinaus und richtet sich gegen alle Arten von Terrorismus und mutwilliger Zerstörung von Kulturgütern. Ästhetisches Denken als Bewusstseinsakt ist im Gegensatz zur praktischen Politik, die bekanntlich überwiegend interessenorientiert handelt, vorrangig erkenntnis- und wertorientiert."

Nadim Sradj

Ästhetik und ihre Bedeutung für die internationale Politik

Hg: Bund für Geistesfreiheit Regensburg, 2022