5. April 2025 - Was passiert, wenn Russland den Krieg gegen die Ukraine gewinnt? Carlo Masala, der Professor für Internationale Politik an der Uni der Bundeswehr in München, sowie Deutschlands Opinionleader als häufiger Talkshow-Gast, hat ein Szenario entwickelt. Die Antwort in einem Satz: dann wird Russland übermütig und in Folge die Baltischen Staaten angreifen. Aber was passiert, wenn Russland den Krieg gegen die Ukraine nicht gewinnt? Die Antwort (die Masala nicht gibt, weil er diese Frage nicht stellt) in einem Satz: dann wird Russland als Revange die Baltischen Staaten angreifen. Damit dieses Szenario nicht eintritt, gibt es laut Masala nur einen Ausweg: die NATO-Verbündeten müssen zur Abschreckung Russlands aufrüsten.
Masala schrieb das Nachwort zum vorliegenden Büchlein, das am 26. März 2025 erschienen ist, unmittelbar nach der Amtseinführung von Donald Trump. Da darf ein Seitenhieb nicht fehlen, dass der neue US-Machthaber bereits sein erstes Versprechen nicht eingelöst hat, nämlich den Russland-Ukraine-Krieg in 24 Stunden zu beenden. Masala konzediert aber auch, dass es bis dahin „zu keinem Zeitpunkt eine klare Strategie gab. Zum einen verweigerte man sich lange Zeit der Einsicht, dass der russische Aggressionskrieg weit mehr als nur ein Krieg Russlands zur Vernichtung der Ukraine ist. Er ist in seinem Kern ein Weltordnungskonflikt. […] Zum anderen zeigte sich die fehlende Strategie darin, dass man nie eindeutig definierte, was eigentlich das Ziel der Ukraine-Unterstützung sein sollte. […] Bis auf den heutigen Tag ist unklar, welches strategische Ziel die Unterstützerstaaten der Ukraine verfolgen.“ (105 f)
Dagegen scheint es dem Militärexperten klar zu sein, worum es beim übergeordneten Weltordnungskonflikt geht: „Dabei stehen die Staaten, die an der liberalen Weltordnung festhalten wollen, jenen Staaten gegenüber, die dieses System radikal umkrempeln wollen.“ (105) „Putin glaubt also, dass Diktaturen Kriege länger führen können als demokratische Gesellschaften, und mit dieser Annahme hat er offenbar gar nicht so unrecht“. (108) „Putin hat nie einen Zweifel daran gelassen, dass es ihm um die Wiederherstellung russischer Größe und die Zerstörung der europäischen Sicherheitsarchitektur geht. […] Es gibt daher nur eine erfolgversprechende Strategie, um das in diesem Buch beschriebene Szenario zu verhindern: die Abschreckung des russischen Militärpotentials und die Eindämmung der machtpolitischen Ambitionen des Kremls.“ (114)
Nicht nur Henry Kissinger hat in seinem Buch „Weltordnung“ aus dem Jahr 2014 (englisch: World Order) die unipolaren, Weltbeherrschungs-Ambitionen der USA offengelegt, auch Barak Obama hat in seinen Memoiren „A Promised Land“ (2020) den missionarischen Anspruch der USA untermauert. Bereits 2004 hat Erich Frey im „Schwarzbuch USA“ auf die seit 2002 geltende „National Security Strategy“ verwiesen, mit der die Abschreckungsdoktrin durch die Präventivkriegsdoktrin abgelöst wurde.
Drei Autoren, denen mit Sicherheit kein NATO-Sicherheitsexperte Anti-Amerikanismus vorwerfen kann, haben damit das Problem aufgezeigt, das bis zum Ende der Biden-Regierung gleichermaßen politische Doktrin wie amerikanisches Tabu war: die Vormachtstellung der USA auf diesem Planeten, die von manchen Politikern und Politologen als selbstverständlich hingenommen und als alternativlos angenommen wurde, bis sie als unipolare Weltordnung nicht mehr in Frage gestellt werden durfte. Wer das, so wie Putin, trotzdem wagt und damit ein Tabu bricht, der wird vom „Westen“ und seinen Apologeten schnell moralisch verteufelt (u.a. von Masala, der auf RTL 17.3.2022 Putins „Profil des Bösen“ zeichnete)
Diese schwarz-weiße Schablone verwendet Masala auch im vorliegenden Büchlein. Der Westen in seiner weißen Weste ist liberal und demokratisch; Russland, von Osteuropa bis in den fernen Osten, will dieses System „radikal umkrempeln“ – getrieben vom schwarzen Magier Putin! „Dass es ihm um die Wiederherstellung russischer Größe“ geht, kann nur als absolut böse diffamiert werden, wenn zuvor die absolut gute, unipolare Weltordnung der USA außer Zweifel gestellt wurde. Und das tut Masala in Gefolgschaft der USA, wie sie bis ans Ende der Amtszeit von Biden herrschte. Dass die „Wiederherstellung russischer Größe“ gleichbedeutend sei mit der „Zerstörung der europäischen Sicherheitsarchitektur“, ist allerdings eine antiquierte Überzeugung, die niemand Geringerer als die Trump gesprengt hat; wenn nicht durch strategische, weltpolitische Weisheit, so faktisch durch seine Zollpolitik.
Masala kritisiert auch die Zersetzung der deutschen Wehrbereitschaft „durch gezielte Desinformationskampagnen“ der Russen, denn „Fragen wie nach höheren Verteidigungsausgaben“ könnten deshalb „nicht auf der Basis eines breiten gesellschaftlichen Konsenses entschieden werden.“ (109) Wie leicht es ist, ohne einen gesellschaftlichen Konsens dem Volk 800 Milliarden für die Aufrüstung aufzubürden, hat der Nicht-Kanzler Merz schon im März bewiesen – mit einem in einer Demokratie noch nie dagewesene Vorgehen. Ein „Brandmauer-Bündnis“ gegen die angebliche Putin-Partei AFD beschloss Ende März die deutsche Aufrüstung. Das war zwar ein Parteienkonsens im Bundestag, aber alles andere als ein gesellschaftlicher Konsens; und mit absoluter Sicherheit keine demokratisches Prozedere. Eine Abstimmung von diesem Ausmaß könnte in einer echten Demokratie nicht ohne Volksentscheid durchgesetzt werden.
Nicht nur aufgrund der beschlossenen Aufrüstung Deutschlands und Europas – koste es was es wolle – sind die Ausführungen von Masala schon am Tag des Erscheinens seines neuesten Büchleins (26.3.26) obsolet, sondern vor allem aufgrund seiner falschen Prämissen, wonach die EU Teil einer „liberalen, demokratischen Weltordnung“ sei.
Carlo Masala
Wenn Russland gewinnt. Ein Szenario