Kreisky Bruno: Zwischen den Zeiten

Bruno Kreisky 1983

In seinen „Erinnerungen aus fünf Jahrzehnten“, die 1986 erschienen sind, schreibt Bruno Kreisky (22.1.1911 – 29.7.1990) über das Ende der Monarchie, die Zwischenkriegszeit, den zweiten Weltkrieg (insbesondere seine Zeit im Exil) und die Verhandlungen, die zum Abschluss des Österreichischen Staatsvertrags 1955 geführt haben. Die Zwischenkriegszeit ist geprägt von ideologischen Konflikten, die ersten zehn Jahre der Nachkriegszeit der Übergang zur Konsenspolitik, die in Österreich später den Namen „Sozialpartnerschaft“ erhalten hat.

(c) Votava CC BY-SA 2.0, Bruno Kreisky 1983

Kreiskys Erinnerungen sind nicht nur ein Dokument der Zeitgeschichte, die er mit zahlreichen Anekdoten bereichert, sondern vor allem ein Dokument des Zeitgeistes, den er personifiziert – nicht durch seine sozialistischen Anschauungen, sondern durch seine Denkungsart. Es ist eine Denkungsart, in der Ideologien von Ideen abgeleitet werden, und Parteipolitik ein Kampf um die besseren Ideen ist. Parteien sind in dieser Denkungsart ein Teil des politischen Ganzen, im Mittelpunkt der Politik stehen die gesellschaftliche Entwicklung und die Visionen von einer besseren Zukunft. Und diese Visionen wiederum basieren auf verschiedenen Ideen, über die im politischen Diskurs gestritten wird und für die manchmal auf der Straße gekämpft wird.

Zwischenbemerkung für Leser, die Parteien nur noch als ideologiefrei Zone kennen, als Ort zur Verwaltung von Pfründen, die man ererbt aber nicht erworben hat: nicht jeder spontane Gedanke ist eine Idee. Einfälle können auch Illusionen oder Schimären sein, subjektive Einbildungen oder Ausdruck dogmatischer Haltungen. Eine Idee zeichnet sich dadurch aus, dass sie sich realisieren lässt. Dialektisch formuliert: indem sich die Idee materialisiert (z.B. als Produkt, das wir erwerben können, oder als Gesetz, das wir anwenden müssen) wird die Idee „negiert“. Diese Negation der Position (Positionierung einer Idee) ist keine reflexartige Ablehnung einer Idee des politischen Gegners (wie heute üblich). Negation einer Idee steht wertneutral als Synonym für Materialisierung bzw Verwirklichung einer Idee. Und die Verwirklichung führt logisch zu neuen Ideen, die zur Verbesserung der bestehenden Praxis beitragen können (Negation der Negation). Ideologie im dialektischen (und wertneutralen) Sinne ist somit eine Weltanschauung, in der eine Idee weiter entwickelt wird; Synonym dafür ist: Gesinnung. Ideologie im dogmatischen Sinne ist jede Weltanschauung, die den Anspruch auf alleingültige Wahrheit erhebt; Synonym dafür ist: Totalitarismus.

1918 Deutsch-Österreich

Eine fixe Idee nach dem Zerfall der k.u.k.-Monarchie basiert auf dem Dogma: Österreich alleine ist nicht existenzfähig. Die 1918 ursprünglich gewählte Bezeichnung „Deutsch-Österreich“ brachte dies zum Ausdruck. Der Name musste zwar ein Jahr später, nach dem Vertrag von St. Germain, auf „Republik Österreich“ geändert werden, doch in den Köpfen aller Politiker aller Coleurs blieb die Idee des Anschlusses, und das Dogma: nur der Anschluss an Deutschland kann die Zukunft des Kleinstaates Österreich sichern. Diese Idee war Ausdruck des Zeitgeistes und hat lagerübergreifend die österreichische Politik der Zwischenkriegszeit total dominiert. Nur eine totalitäre Idee kann Grundlage für die Entstehung einer Ideologie sein, die sich als Totalitarismus politisch manifestiert.

Bruno Kreisky zeigt für Nazis mehr Sympathien als für Austrofaschisten, für die er nur Abscheu empfindet: „Der Haß auf Dollfuß war stärker als die Angst vor allem anderen.“ Der Hauptgrund dafür war der 12. Februar 1934 (Niederschlagung des Aufstandes des Schutzbundes), den Kreisky als Student aus sicherer Distanz eines Beobachters erlebt hat. Dieser Tag hinterließ offenbar einen traumatischen Eindruck: „Für die österreichische Arbeiterschaft war der Tag, an dem sie vernichtet und ihr Wiedererstehen in die ferne Zukunft verlegt wurde, ein so schwerer Schlag, daß sie diesen 12. Februar als die Konfrontation erachtete, mehr als vier Jahre später den Einmarsch Hitlers.

Einerseits macht Kreisky die strategischen Fehler von Julius Deutsch, dem Obmann des Schutzbundes, für das klägliche Scheitern seiner Truppen verantwortlich. Anderseits hat er nicht die geringsten Bedenken, diese paramilitärische Vorfeldorganisation der Sozialisten mit „der Arbeiterschaft“ gleich zu setzen. „Ich habe an diesem 12. Februar 1934 mit großer Deutlichkeit erkennen müssen, daß das, was ich für meine Welt hielt, zusammengebrochen war. […] Im Bewußtsein, daß meine Welt zerschlagen war, half ich, eine neue im Untergrund aufzubauen. Es wurde meine Bewährungsprobe in der sozialistischen Bewegung. Sie führte knapp ein Jahr später ins Gefängnis, wo sie dann zwangsläufig weiterging.“

Die österreichischen Kommunisten hatten als Vasallen der Sowjetunion aus der Sicht Kreiskys jegliches Recht verloren, die Arbeiterschaft zu vertreten. Auf der Feindesskala des Mitbegründers der Revolutionären Sozialistischen Jugend (RSJ) stehen die Kommunisten zwar hinter den Klerikofaschisten, aber noch vor den Nationalsozialisten. Als Spalter der „Arbeiterschaft“ und Krisengewinnler der Februarereignisse, finden Kommunisten bei Kreisky keine Gnade: „Den Kommunisten blähte damals ein starker Wind die Segel. Sie haben uns viele gute Leute abspenstig gemacht, und viele unserer Besen haben mit ihnen zu sympathisieren begonnen.“

Zwar hat Kreisky im Gefängnis auch Kommunisten kennen gelernt, doch er interessierte sich mehr für die Frage, „warum Leute aus proletarischem Milieu Nazis geworden sind“ und fand als Erklärung: „Bei vielen war es die Überzeugung, daß an dem Elend, in das sie geraten waren, die Juden schuld seien. Oft haben sie sich ihr Elend nicht erklären können, und die Art, wie wir es ihnen erklärt haben, war ihnen viel zu kompliziert. Zu sagen, daß das, was sie erleiden, ein unentrinnbares Klassenschicksal ist und daß man dem nur entrinnen kann, wenn man eine neue Gesellschaftsordnung schafft, war für die meisten nicht überzeugend.“

Nazis besser als Kommunisten

In seiner Analyse, warum ein Österreicher zum Nazi wurde, relativiert der aus dem „gehobenen Bürgertum“ (S. 10) stammende Kreisky: „Man muss im übrigen zwischen Arbeitern und Kleinbürgern unterscheiden. Der Arbeiter hat es als etwas Besonderes empfunden, wenn er als Proletarier kein Sozialdemokrat war. […] Wenn Hitler kommt, so suggerierte man ihnen, wird es Arbeit geben: So war es in Deutschland gewesen, und so, glaubten sie, werde es auch in Österreich sein. Und was die Berichte über die Greuel der Nazis anging, war man durch Dollfuß schon abgestumpft oder sagte sich auch, so arg werde das schon nicht werden.“

Man bekommt bei der Lektüre von Kreiskys Memoiren den Eindruck, diese Werteskala hat er bis zu seinem Lebensende hoch gehalten. „Die Wahrheit jenes Wortes, wonach das gesellschaftliche Sein das Bewußtsein bestimmt, habe ich in den vielen Erzählungen von Mitgefangenen immer wieder bestätigt gefunden. Ein arbeitsloser Arbeiter, der sich als Ausgestoßener empfand, hatte tatsächlich ein anderes Bewußtsein als ein arbeitender Arbeiter.“ So hält es Kreisky für ein Kavaliersdelikt, wenn ein Arbeiter vorübergehend Mitglied der NSDAP war. Immerhin steht AP für Arbeiterpartei. Und nach 1945 sieht Kreisky als Zeichen der „politischen Weisheit dieser Zeit“, nicht nur rückblickend, sondern voller Überzeugung auch noch im Jahr 1986: „Österreich wieder aufzubauen ohne die mehr als 500.000 registrierten Nazis – diese Vorstellung war unrealistisch. Die 'Vaterländischen' auszuklammern, die die Diktatur nach 1934 begründet hatten, war ebenso unrealistisch. Also mußte man sich zur Überwindung der Gegensätze durch Zusammenarbeit entschließen.“

Kreisky verweist im Kapitel über die ersten Nachkriegsjahre nochmals auf das „Marxsche Prinzip, daß das gesellschaftliche Sein das Bewußtsein bestimmt“ und wiederholt seine Erinnerungen an die „nazistischen Mitgefangenen“. Nur so ist nachvollziehbar wenn er schreibt: „Was nun die jetzt wieder so aktuelle Entnazifzierung angeht – die man euphemistisch 'Bewältigung der Vergangenheit' nennt -, so stellt sich als erstes die Frage: Wie sollte man den Aufbau eines Kleinstaates angehen, in dem vierzehn Prozent der Wahlberechtigten registrierpflichtige Nationalsozialisten waren, größere und kleinere? […] Viele, vor allem Ausländer, verstehen es heute noch nicht, warum die Nazis in Deutschland und Österreich nicht einfach kaltgestellt werden konnten. Aber ich wiederhole es noch einmal: Wir mußten darauf vertrauen, daß die Menschen, klüger geworden durch Erfahrung, ihren Weg zur Demokratie finden.“

Vergangenheitsbewältigung

Es findet sich in dem Kontext und im ganzen Buch keine weitere Erklärung, warum Kreisky den Begriff „Vergangenheitsbewältigung“ als Euphemismus bezeichnet. Der sozialistische Historiker und Herausgeber von Kreiskys Memoiren, Oliver Rathkolb, erklärt in einem News-Interview (27. Jänner 2011) auf die Frage nach den größten Fehlleistungen Kreiskys: „Er musste, ob er wollte oder nicht, die Opfer-Doktrin und diesen Trend, nicht genau hinzuschauen, was Österreicher im Zweiten Weltkrieg verbrochen haben, mittragen.“

Dem selbstbewussten Ex-Kanzler zu unterstellen, er habe in einer schicksalshaften Zwangslage („ob er wollte oder nicht“) die Vergangenheitsbewältigung verschleppt, ist getragen vom Bemühen der Nachkriegssozialisten, die Zeitgeschichte „politisch korrekt“ umzudeuten. Doch die Erinnerungen Kreiskys dokumentieren einen anderen Zeitgeist „Zwischen den Zeiten“ und auch noch in der Ära von Kreiskys Kanzlerschaft (21.4.1970 – 24.5.1983).

Die politische Korrektheit hat dazu geführt, dass Vergangenheitsbewältigung zu einem quasireligiösen Ritual geworden ist. Doch wenn heute, 75 Jahre nach dem Ende des Naziregimes, die Vergangenheit nicht bewältigt ist, dann ist das Konzept der Vergangenheitsbewältigung gescheitert; denn als bewältigt kann man nur Probleme und Ereignisse betrachten, die einen Abschluss gefunden haben. Wer dagegen mit der ewigen Wiederkehr des Gleichen in den Ritualen der Vergangenheitsbewältigung verharrt und dabei die dringende Notwendigkeit der Zukunftsbewältigung übersieht, der hat weder die Zeichen der Zeit verstanden, noch Visionen für die Zukunft entwickelt.

Kreisky, Haider und die Krise der SPÖ

1986 – das Erscheinungsdatum von Kreiskys Memoiren – war auch der Beginn des Aufstiegs von Jörg Haider, der am 13. September dieses Jahres auf dem Innsbrucker FP-Parteitag Norbert Steger als Obmann ablöste. Gleichzeitig hat die SPÖ 1986 in Österreich ihre traditionelle Parteipolitik aufgegeben und abgelöst durch das Konzept der Political Correctness. Das ist eine spontane historische Hypothese infolge der Lektüre von Kreiskys Memoiren.

Während klassische Parteipolitik bemüht war, der jeweiligen Ideologie (wertneutral im Sinne von Gesinnung) zum Durchbruch zu verhelfen, ist Political Correctness die Bewahrung des Ererbten in einer zur ideologiefreien Zone verkommenen Partei. An die Stelle der Parteiführer mit Ideen treten die Vollzugsorgane der Politischen Korrektheit. Ihr Aushängeschild der ersten Stunde heißt Franz Vranitzky, der Meister der Schachtelsätze und Verwalter der Phantasielosigkeit, dem das Bonmot zugeschrieben wird: „Wer Visionen hat, braucht einen Arzt!“ Bekanntlich hat Kreisky angesichts dieser Entwicklung den Ehrenvorsitz seiner Partei zurück gelegt. Jörg Haider als selbsternannter Erbe Kreiskys konnte dagegen wachsende Erfolge verbuchen, weil er die Sprache des Volkes gesprochen hat. Vranitzky mit seinen rhetorischen Endlosschleifen hat daneben alt ausgesehen. Die FPÖ von jeder Regierung auszuschließen war die einzige Idee, mit der Bundeskanzler Vranzitzky seine Partei bis heute geprägt hat. Man könnte auch sagen: mit der er die SPÖ in Geiselhaft genommen und in weiterer Folge zugrunde gerichtet hat.

SPÖ-Granden des Jahres 2020 messen Erfolg nicht am Wohl der Gesellschaft, sondern an den Mandaten der eigenen Partei. Nur deshalb bezeichnen sie bis heute Kreisky als populär, während sie vergleichbare Politiker und Politikkonzepte als populistisch diffamieren. Damit steht die SPÖ im Abseits auf verlorenem Posten, denn die wenigen Tore, die sie noch schießt, werden vom Souverän, der als Wähler zum Schiedsrichter wird, nicht anerkannt.

Folgendes Zitat des „Sonnenkönigs“ sei den „Parteiverwesern“ ins Stammbuch geschrieben: „Die sozialdemokratische Arbeiterbewegung hat seit Anfang des 20. Jahrhunderts in den demokratischen Staaten Europas gewaltige gesellschaftliche Veränderungen bewirkt. Die sozialistischen Parteien sind somit Parteien im historischen Sinne geworden. Zwar haben sie die Grundprinzipien der kapitalistischen Gesellschaftsordnung nicht verändert, aber durch ihre gesellschaftspolitischen Ideen haben sie ihr ein etwas menschlicheres Gepräge verliehen. In einigen Ländern droht durch den sogenannten 'Neokonservativismus' allerdings eine Rückkehr zu den alten Zuständen. Die Sozialdemokratie müßte, um dem zu begegnen, wieder eine große Aufklärungs- und Kulturbewegung werden, freilich in einem ganz neuen Sinne.“

Bruno Kreisky

Zwischen den Zeiten. Erinnerungen aus fünf Jahrzehnten.

Kremayr & Scheriau, (c) Siedler Verlag, Berlin 1986

Siehe auch: Hans Dichand: Im Vorhof er Macht

Siehe auch: Hilde Spiel: Die hellen und die finsteren Zeiten

Resetarits Willi: Ich lebe gerne…

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Der Titel der Lebenserinnerungen einer (oder der einzigen?) österreichischen Rocklegende ist der schwächste Teil des ganzen Buches. Diese Bemerkung vorweg, um künstlich eine kritische Distanz zu einem Promi herzustellen, den viele für einen leiwanden Hawara halten. Der Ostbahn Kurti ist ein Erzähler und kein Schreiber, die Schreibarbeit hat ihm sein Verleger Christian Seiler abgenommen. Das Ergebnis ist ein authentischer Herr Professor Kurt Ostbahn, dessen Stimme in jedem Satz mitklingt.
  Verstorben am 24.4.2022 "nach einem Unfall" - Gedanken des Musikers aufgezeichnet von profil.

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Kleveman Lutz: Lemberg. Die vergessene Mitte Europas

Über den Sturz des Lenin-Denkmals, das der Moskauer Bildhauer Sergej Merkurow 1952 im Auftrag Stalins errichtet hat, berichtet Lutz Kleveman im Prolog seines Buches „Lemberg. Die vergessene Mitte Europas“. Anstelle des beauftragten 50 Meter hohen Monuments entschied sich der Künstler für eine moderate 14 Meter hohe Skulptur direkt vor der Oper. Dafür konnte er den frei gewordenen Platz verwenden, wo zuvor eine Reiterstatue von Jan III. Sobieski stand. Dieses Denkmal haben die von den Sowjets vertriebenen Polen 1945 nach Danzig mitgenommen. Im Herbst 1990 haben Bürger Lembergs Lenin von seinem roten Granitsockel gestürzt. Das ganze Monument zerbrach. „Da geschah etwas Sonderbares: Die Männer hielten inne, wichen zurück, ihre Blicke auf den zerbrochenen Sockel gerichtet, und erstarrten. Nun sahen es alle: unter einer dünnen Schicht roten Granits waren Steinplatten hervorgebrochen, die die sowjetischen Bauherren 1952 in den Sockel einzementiert hatten. Sie trugen, für alle erkennbar, hebräische Inschriften. Vögel, Herzen und Kronleuchter waren in sie eingraviert. Es waren mazewot, jüdische Grabsteine. […] Mehr als 25 Jahre sind seit jenem Tag vergangen, aber noch heute liegt Lembergs Geschichte unter dickem Zement.“

Ein starker Einstieg in die Geschichte einer Stadt, die in den ersten fünf Jahrzehnten des vorigen Jahrhunderts zur Habsburger Monarchie, dann zu Polen, zur Sowjetunion, zu Nazideutschland und schließlich wieder zur Sowjetunion gehörte. Die Zeit bis 1945 steht im Mittelpunkt von Klevemans historischer Reise, die er 2014/2015 mit mehreren persönlichen Reisen nach Lemberg vertieft. Der Historiker und Journalist verbindet zwei Methoden: die klassische Forschung in Archiven und die journalistische Recherche vor Ort. Die Gespräche mit Zeitzeugen zählen zu den besten Teilen des Buches.

Kleveman hat die Gegenwart zwar in Form einer parallel geführten Reisereportage eingearbeitet, doch die Sowjetzeit 1945-90 und die Ära der Unabhängigkeit der Ukraine seit den 1990er Jahren fehlen. Vielleicht schreibt der Autor darüber einmal ein eigenes Buch. Es wäre wünschenswert, denn sein Zugang ist originell und lehrreich. Die Geschichte einer Stadt ist nämlich nicht nur durch die teilnehmende Beobachtung des Autors persönlicher, sondern auch durch das eingegrenzte Themenfeld menschlicher und tiefer, als die üblicher Weise breit angelegten Werke einer Epoche oder eines Landes.

So schwebt der Hitler-Stalin-Pakt in Büchern über den Zweiten Weltkrieg meist wie ein dämonischer, ungreifbarer Mythos über der Geschichte. Wie er sich in Lemberg niedergeschlagen hat, erzählt Kleveman in vielen Geschichten: „In einem streng geheimen Zusatzprotokoll wurde vereinbart, dass man Polen im Kriegsfall gemeinsam besetzen und unter sich aufteilen würde. […] Um international nicht als Aggressor dazustehen, wollte Stalin den Einmarsch der Roten Armee offiziell damit begründen, dass sie die weißrussischen und ukrainischen Minderheiten in Ostpolen beschütze. […] um den Schutz slawischer Brüder als causa belli glaubwürdig zu machen, warteten die Sowjets ab, bis die Niederlage Polens feststand. […] Die polnischen Verteidiger der Stadt befanden sich in einem Dilemma. Ihre Lage war verzweifelt, doch wem sollten sie sich ergeben? Es war eine Wahl zwischen Pest und Chorlera. […] in der Nacht zum 22. September [1939] nahm die sowjetische Armee Lemberg kampflos ein.

[…] Die polnischen Offiziere, die sich den Sowjets ergeben hatten, sollten ihre Entscheidung teuer bezahlen. Während die einfachen Soldaten unbehelligt blieben, ließen die sowjetischen Kommandeure alle Offiziere verhaften. Obwohl Nikita Chruschtschow, der als Politkommissar mit der Roten Armee nach Lemberg gekommen war, ihnen freies Geleit zugesichert hatte, wurden sie in drei russische Straflager gebracht. […] In Lemberg präsentierten sich die sowjetischen Besatzer als Befreier von den polnischen Herren, den Pans, [..] Die anfängliche Milde der neuen sowjetischen Herren lag daran, dass sie die Bevölkerung in den besetzten Gebieten erst noch davon überzeugen wollten, freiwillig der Sowjetunion beizutreten. Zu diesem Zwecke wurden für Ende Oktober 1939 parlamentarische Wahlen angesetzt […] Vielen Lembergern kam der Wahlgang eher wie eine Prozession oder Theaterinszenierung vor. Tatsächlich war er ein erster Akt sowjetischer Massenmobilisierung. […] In der Zwischenzeit hatte der NKWD damit begonnen, vermeintliche Regimegegner und andere ‚Volksfeinde‘ in Lemberg zu verhaften. Damit wurde klar, dass der eigentliche Sinn der scheindemokratischen Wahlen vor allem darin gelegen hatte, alle neuen Sowjetbürger zu registrieren […] was in den folgenden Monaten für viele fatale Folgen haben sollte.“ (S. 134 ff)

Ein eigenes Kapitel widmet der Autor dem Biologen Rudolf Stefan Jan Weigel. Das Kapitel „Weigels Labor“ liest sich wie das Drehbuch für einen Film à la „Schindlers Liste“. Dem Forscher ist es gelungen ein Serum gegen Fleckfieber zu entwickeln, das im Krieg an allen Fronten dringend benötigt wurde. Das Serum wurde aus Läuse-Kot hergestellt. Für diese Produktion musste Weigel als „Läusefütterer“ hunderte Menschen beschäftigen. So konnte er viele Juden und Wissenschafter unterbringen und vor den Lagern der Sowjets und den Lagern der Nazis retten. Natürlich konnte auch Weigl die Geschichte nicht aufhalten, nicht die Pogrome in Lemberg, die Ghetttoisierung der Juden im Bezirk Krakauer Vorstadt und nicht ihre Deportationen, vorwiegend ins KZ Janowska. Doch er konnte seine "Schutzburg" sogar gegen die Schergen der Gestapo verteidigen, die dem Labor im Universitätsgebäude aus Angst vor Ansteckung immer ausgewichen sind.

In seinen Reflexionen und Gesprächen mit Zeitzeugen vermisst Kleveman die historische Aufarbeitung der Geschichte der Lemberger Juden: „Natürlich hat auch die deutsche Gesellschaft lange gebraucht, ihre ‚Unfähigkeit zu trauern‘ abzulegen und sich ihrer Vergangenheit zu stellen, um historische Schuld und Verantwortung einzugestehen. Die kritische Zivilgesellschaft, derer es hierfür bedarf, hat sich im Nachkriegsdeutschland erst mühsam und allmählich gebildet – die Ukraine ist da noch lange nicht so weit.“ In einer Diskussion über Vergangenheitsbewältigung mit dem Historiker Wasyl Rasewytsch versteigt sich Kleveman zur These, „dass die Erfahrung und Aufarbeitung des Holocaust inzwischen Teil der europäischen Identität seien, so dass die Ukraine erst dann kulturell-politisch zu Europa gehören könne, wenn das Land sich selbstkritisch seiner Geschichte zwischen 1941 und 1944 stelle.“

Man müsste diese Urteile als „moralinsauer“ abtun oder sogar als deutsche Anmaßung kritisieren, die jener unseligen Mentalität folgt, die sich moralisch für überlegen hält, wenn der Autor nicht selbst im Schlusskapitel über das Wehrmachtslager Stalag 328 seine Position in Frage gestellt hätte. „Im Juli 1941 richtete die Wehrmacht in Lemberg ein Stammlager (Stalag) für Zehntausende gefangene Soldaten der Roten Arme ein. Wie das KZ Janowska lag es mitten in der Stadt, auf der Zitadelle.“ Im Stalag wurden die Gefangenen brutal ausgehungert – nach einem Plan, den Hitler am 23. Mai 1941 beschlossen hatte. „Die Lager der Wehrmacht waren schlimmer als jeder Gulag und konnten nur als Todeslager bezeichnet werden.“

„In den Augen der Wehrmacht waren sowjetische Kriegsgefangene nicht nur keine Kameraden, sondern nicht einmal Menschen. […] Es ist überhaupt erstaunlich, wie lange die Armee in Deutschland nach dem Krieg als ‚sauber‘ galt – schließlich war es die Wehrmacht, die noch vor der SS ein Netz an Todeslagern errichtete, in denen Millionen Menschen starben.“ Eines davon war in Lemberg. „Von den etwa 500.000 sowjetischen Kriegsgefangenen im Lemberger Stalag 328 und anderen Lagern des Generalgouvernements starben bis zum April 1942 mehr als 85 Prozent. Es war der erste Holocaust, den die Deutschen verübten.“

„Anders als der Holocaust wurde der Massenmord an 3,3 Millionen sowjetischen Kriegsgefangenen nie zu einem Thema, das breit diskutiert wurde. Die deutsche Öffentlichkeit und selbst Historiker pflegten stattdessen die Erinnerung an das ebenfalls schreckliche Schicksal der deutschen Kriegsgefangenen in der Sowjetunion, als ob das spätere Unrecht das vorherige aufheben würde. […] Diese Leerstelle in der deutschen Vergangenheitsbewältigung wurde paradoxerweise auch dadurch vergrößert, dass sich trotz der Wehrmachtsausstellungen die Frage der deutschen Schuld bis heute auf den Holocaust konzentriert. […] Dessen eingedenk, mit welchem Recht kann man als Deutscher den Ukrainern eigentlich vorwerfen, ihre dunkle Vergangenheit von 1941 bis 1944 nicht schnell und kritisch genug aufzuarbeiten?“

Lutz C. Kleveman

Lemberg. Die vergessene Mitte Europas

Berlin 2017

Žižek Slavoj: Pandemie!

Wenn ein Boulevardblatt - einst als Nachrichtenmagazin groß geworden - über einen Philosophen schreibt, dann nur, wenn er die Etikette "Starphilosoph" verdient. So profil über Slavoj Žižek, der sich gern und oft in solchen Medien zu Wort meldet. Auch ein "Starphilosoph" kann nicht immer hochgeistig, muss aber immer zeitgeistig sein. So lautet der Titel seiner neuesten Büchleins "Pandemie! COVID-19 erschüttert die Welt". Es wurde bereits 2020 auf den Markt geworfen. Das entschuldigt weder die Schwäche, noch den Schwachsinn vieler seiner Aussagen, denn seine Prämissen basieren nicht auf den neuesten Erkenntnissen der Virologie und Epidemiologie, sondern schlicht auf dem WHO-Narrativ von der "gefährlichsten Pandemie aller Zeiten".

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Willemsen Roger: Das Hohe Haus

„Von Denis Scheck in den Müll geworfen“, rezensiert Roger Willemsen den Rezensor. Nach dem Tod des Literaturpapstes Marcel Reich-Ranicki konnte diese Stellung nicht mehr nachbesetzt werden. Aber Deutschlands Literaturgemeinde hat in Denis Scheck ihren Oberinquisitor gefunden, der Bestseller in den Himmel lobt oder – nein, nicht verteufelt, aber symbolisch in den Müll schmeißt. Mit einem entsprechenden Kommentar: „Für sein neues Buch [Das Hohe Haus. Ein Jahr im Parlament.] ist Roger Willemsen dahin gegangen, wo’s wehtut. Ein Jahr hat er sich zu intellektuellem Pfahlsitzen im Zentrum der vom Volke ausgehenden Macht verdonnert und die Debatten im Deutschen Bundestag mitverfolgt. Für einen an quecksilbrige Denkbewegungen und virtuose Sprachakrobatik gewohnten Mann wie Willemsen sicher kein leichter Weg. Das Ergebnis sind Innenansichten aus dem deutschen Politikbetrieb, deren Erkenntnistiefe niemanden kaltlassen wird: „Merkel hat einen Fleck am Revers entdeckt, rubbelt, hebt ihre rote Henkeltasche an, hält ihren gelben Kuli aufrecht. … Merkel schmiegt jetzt die Wange in eine Hand. … Merkel ist inzwischen ins Innere ihrer Tasche zurückgetaucht.“ Dieses Buch hat der deutsche Politikbetrieb verdient.“

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Singer Peter: Hunger, Wohlstand und Moral

Wenn irgendwo auf dieser Welt Menschen verhungern und ich spende nicht, damit diese Menschen überleben können, dann ist das genauso schlimm wie wenn ein kräftiger Mann nicht in einen seichten Teich springen würde um ein Kind vor dem Ertrinken zu retten. Das ist die Quintessenz des Artikels „Hunger, Wohlstand und Moral“, den Peter Singer 1971 erstmals veröffentlicht hat.

Anlass für Singers Forderung waren neun Millionen mittellose Flüchtlinge in Ostbengalen (heute Bangladesch) und die Erkenntnis, dass „die reicheren Staaten durchaus in der Lage [wären], genug Hilfe zu leisten, um deren Leiden auf ein Mindestmaß zu reduzieren. … Unglücklicherweise sind die notwendigen Entscheidungen jedoch nicht getroffen worden“. Daraus folgt die Verpflichtung für den Einzelnen alles zu tun, was in seiner Macht steht. Und genau in dem Punkt ist der Horizont von Singer ziemlich eingeschränkt, denn seine ganze Argumentation beschränkt sich auf die moralische Verpflichtung zu Spenden.

Dabei geht es nicht nur um einen gerechten Betrag für alle, sondern darum, so viel wie möglich zu spenden, denn die Erfahrung zeigt, dass ja nicht alle bereit sind ihren Solidarbeitrag zu leisten. So muss jeder, der wirklich Menschenleben retten will, ordentlich in die Tasche greifen. Singers Position ist die des Utilitaristen, der das Gute in der Welt darin sieht, dass die größtmögliche Zahl der Menschen glücklich ist.

Singer ist überzeugt: „Mein Argument hat zur Folge, dass unsere traditionellen moralischen Kategorien durcheinandergeraten. Die traditionelle Unterscheidung zwischen Pflicht und Wohltätigkeit kann nicht gemacht werden oder zumindest nicht so, wie wir sie normalerweise machen. Dem Bengalen-Hilfsfonds Geld zu spenden, wird in unserer Gesellschaft als ein Akt der Wohltätigkeit angesehen. … Da Geld zu geben als ein Akt der Wohltätigkeit angesehen wird, kommt man gar nicht auf den Gedanken, dass irgendetwas falsch daran sein könnte, nichts zu geben. Der wohltätige Mensch wird gepriesen, der nicht wohltätige jedoch nicht verurteilt. Die Leute schämen sich nicht und fühlen sich keineswegs schuldig, wenn sie Geld für neue Kleider oder ein neues Auto ausgeben, anstatt es der Welthungerhilfe zuspenden.“ Hier erweist sich Singer auch als Altruist, für den das Wohl anderer über dem eigenen steht.

Singer hält diese Argumente offenbar für zeitlos gültig, denn 1999 hat er seinen Artikel leicht aktualisiert nochmals veröffentlicht und nun (2017) ergänzt mit dem Beitrag „Wie viel soll ein Millardär spenden – und Sie?“ sowie einem Vorwort von Bill und Melinda Gates bei Hoffmann und Campe neuerlich publiziert. Damit will der Autor Menschen erreichen, „die dem Effektiven Altruismus einen wichtigen Platz in ihrem Lebeneingeräumt haben.“ Dazu zählt er offenbar auch Bill Gates und Warren Buffet, die große Beträge ihres Vermögens in ihre Stiftungen eingebracht haben.

Es ist möglich, dass einzelne Projekte der Big Spender tatsächlich den ärmsten dieser Welt helfen. Doch dass Stiftungen von Menschen, die unter anderem deshalb übermenschlich reich sind, weil sie vorher die teuersten Lobbyisten, Steuerberater und Rechtsanwälte engagiert haben um Steuern zu sparen, dass solche Stiftungen durch ihre Spenden zu moralischen Institutionen werden, oder gar dem Wesen nach "wohltätig" sein können, das darf bezweifelt werden.

Darüber hinaus ist zweifelhaft, ob moralisch gebotene Hilfe tatsächlich über den eigenen Wirkungsbereich hinaus Anwendung finden kann. Anders gesagt: wer in seinem eigenen Umfeld nicht sieht, wo und wann Not am Mann und Hilfe erforderlich ist, der ist sozial erblindet. Für den ist jede Spende zur Linderung der "Not in dieser Welt", auch wenn sie noch so „großzügig“ ist, eine Ersatzhandlung. Singers Moral ist die Umkehrung des Subsidiaritätsprinzips, wonach der Staat (idealtypisch die Gemeinschaft) nur die Aufgaben übernehmen soll, die der Mensch als Individuum nicht bewältigen kann. In Singers Umkehrung muss das Individuum die Verantwortung immer dann übernehmen, wenn Staaten scheitern oder, noch schlimmer, wenn die Politiker nicht bereit oder nicht fähig sind, ihrer Verantwortung gerecht zu werden. Das Prinzip Verantwortung (schlag nach bei Hans Jonas) kann nicht auf das Individuum allein abgewälzt werden. Fehler und Schwächen des Systems werden damit komplett ausgeblendet.

Die Position von Singer ist einseitig, man könnte auch sagen: typisch amerikanisch. Dagegen ist die typisch europäische Position geprägt von einer Kultur, in der sich ein stärkeres Bewusstsein dafür findet, dass Steuern nicht primär zur Behinderung von Leistungsträgern da sind, sondern zur Finanzierung des Gemeinwohls, während in Amerika der Staat als natürlicher Feind jedes Unternehmens gesehen wird. Und die erforderlichen Steuerleistungen sind in dieser Weltanschauung eine Einschränkung der Freiheit jedes Unternehmers, ja sogar jedes Staatsbürgers.

Der amerikanische Common Sense, wonach die Spende als freiwillige, zweckgebundene Steuer gesehen wird, ist somit ein Beispiel dafür, dass die Amerikaner grundsätzlich anders ticken als die Europäer. Und damit auch ein Beispiel dafür, dass „der Westen“, im Sinne von Niall Ferguson als weltpolitische Einheit von USA und Europa, nicht mehr existiert.

Peter Singer

Hunger, Wohlstand und Moral

Hoffmann und Campe, 2017

Ergänzung: Über die These von Peter Singer schreibt Angus Deaton in seinem Buch "Armut und Wohlstand der Nationen": „Die ethischen Argumente für die Pflicht, Hilfsbedürftige zu unterstützen, sind unanfechtbar, aber wir haben es hier nicht mit einem moralischen, sondern mit einem praktischen Problem zu tun: Sind 'wir' (das heißt die Nicht-Armen) tatsächlich in der Lagen, 'ihnen' (den Armen dieser Welt) zu helfen?

[…] Wenn Armut nicht das Ergebnis eines Mangels an Ressourcen oder Chancen ist, sondern durch dysfunktionale Institutionen, eine mangelhafte Verwaltung und eine vergiftete Politik verursacht wird, wird die finanzielle Unterstützung armer Länder – insbesondere die Unterstützung der Regierungen solcher Länder – wahrscheinlich zu einer Verfestigung der Armut führen, anstatt sie zu beseitigen. Der 'hydraulische Zugang' zur Entwicklungshilfe ist falsch, denn die Beseitigung der Armut ist etwas ganz anderes als die Reparatur eines defekten Auttos oder die Rettung eines ertrinkenden Kindes aus einem Teich.“

Siehe auch: Atlantische Bruchlinien (Gastkommentar in der Wiener Zeitung)

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Bode Thilo: Die Diktatur der Konzerne

Thilo Bode, Gründer und Direktor der Verbraucherschutzorganisation Foodwatch, hat gemeinsam mit Stefan Scheytt die Machenschaften der internationalen Konzerne unter die Lupe genommen. Ergebnis ihrer Arbeit ist das Buch „Die Diktatur der Konzerne. Wie globale Unternehmen uns schaden und die Demokratie zerstören". Die Prämisse, dass globale Unternehmen uns schaden und die Demokratie zerstören, gilt demnach als gesetzt.

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Meier-Braun Karl-Heinz: Schwarzbuch Migration

Es heißt, Sebastian Kurz habe die „Balkanroute“ geschlossen. Wer auch immer diese Legende erfunden hat, Fakt ist, sie wurde von hunderten Medien ungeprüft übernommen. Fakt ist auch, dass Kurz 2013 bis 2017 Minister für Europa, Integration und Äußeres war. Sein Job war demnach Integration von Ausländern und nicht die Flüchtlingsabwehr. Sein Job war auch Österreich im Ausland und in der EU zu vertreten. Fakt ist, dass termingerecht, als die „Flüchtlingswelle“ schon zu Ende war, für Millionenbeträge Zäune an der Slowenisch-Österreichischen Grenze errichtet wurden. Zuständig dafür war nicht der Außenminister, nicht der Europaminister, nicht der Integrationsminister und auch nicht der Obmann der Jungen Volkspartei, Sebastian Kurz, sondern seine politische Ziehmutter, die damalige Innenministerin Johanna Mikl-Leitner.

Das ist eine Legende, die Karl-Heinz Maier-Braun in seinem „Schwarzbuch Migration“ nicht erzählt. Das liegt daran, dass er ein Buch über Deutschlands Flüchtlings- und Migrationspolitik geschrieben hat, in dem Österreich nur eine Nebenrolle spielt. „Flüchtlingskrise“ - die Probleme, die sich Deutschland 2015 mit „Wir schaffen das“ zugezogen hat – schreibt der Journalist konsequent unter Anführungszeichen. Das bedeutet sogenannte Flüchtlingskrise, weil die Krise nicht von den Menschen verursacht wurde, die auf der Flucht sind, sondern von der aktuellen Weltpolitik und Weltwirtschaft. Und es ist eine sogenannte Flüchtlingskrise für Europa, weil sich „bei der Rekordzahl von 65,6 Millionen Flüchtlingen auf der Welt“ nur ein geringer Anteil in Europa aufhält und nach Europa kommt. Aktualisierung 29.12.2024 (ORF.at) - „Mehr als 122 Millionen Flüchtlinge und damit rund fünf Millionen mehr als im Vorjahr zählt die UNO-Flüchtlingshilfe für das Jahr 2024 weltweit.“

FORTSETZUNG Meier-Braun: „Im Libanon sind seit Jahren über 20 Prozent der Bevölkerung Flüchtlinge, in einem Land halb so große wie Sachsen. Auf Deutschland übertragen, wären das 16 Millionen.“

Auch wenn in Sonntagsreden oft gefordert wird, man müsse die Fluchtursachen bekämpfen, so werden de facto nur die Flüchtlinge bekämpft. Für diese Politik findet der Journalist dutzende Beispiele aus den vergangenen Jahren. Das Phänomen ist aber nicht neu, Maier-Braun meint: „Alles schon einmal dagewesen.“ Im gleichnamigen Kapitel dokumentiert er die Migrationspolitik Deutschlands seit den 1980er Jahren, die immer wieder von „Symbolpolitik“ geprägt war und auch deshalb im Zick-Zack-Kurs verläuft, weil sich Wirtschaft und Politik nicht darüber einig werden, ob Deutschland ein „Einwanderungsland“ sei.

Natürlich dokumentiert der Journalist auch, dass nicht nur Deutschland, sondern die gesamte EU kein Migrations-Konzept hat: „Weil legale Einwanderungsmöglichkeiten sowohl für Arbeitsmigranten als auch für Flüchtlinge praktisch nicht vorhanden sind, blüht das Geschäft der Schlepper.“ Diese Behauptung scheint gewagt, doch es lohnt sich, nochmals genauer über Ursache und Wirkung nachzudenken.

Gemäß Meier-Braun ist Europa mitverantwortlich für das Schlepperwesen, weil es keinen Kanal geschaffen hat, durch den Flüchtlinge auf legalem und humanem Weg nach Europa gelangen könnten. Die Flüchtlingspolitik ist bis heute gekennzeichnet vom Florianiprinzip: die Probleme der Nachbarn, konkret der Grenzländer, waren den Zentraleuropäern egal, solange es nur in den Mittelmeerländern gebrannt hat.

Das Dublin-Recht, wonach das erste Land, das ein Migrant betritt, dessen Versorgung sicherstellen muss, ist eine Diskriminierung aller Länder mit EU-Außengrenzen. Wie sollte ein Flüchtling aus Syrien die Bundesrepublik Deutschland als Erstland betreten? Das geht nicht über das Mittelmeer, das geht auch nicht über Land. Aber es wäre möglich mit dem Flugzeug. Und diese Möglichkeit wurde verhindert, indem der Westen Gesetze erlassen hat, die Fluglinien verpflichten, für alle Fluggäste, die ohne gültiges Visum einreisen, die Haftung und infolge die kompletten Kosten zu übernehmen. Anders gesagt: private Fluglinien wurden und sind gezwungen staatliche Aufgaben (nämlich die Visakontrolle) zu übernehmen.

Der Autor des „Schwarzbuches“ hat somit recht. Er verwechselt nicht Fluchtursachen mit den Folgen der Flüchtlingsströme, sondern er analysiert exakt die Ursachen des Schlepperwesens. Schwieriger wird die Analyse bei der Untersuchung der Fluchtursachen. Und das ist logisch, denn davon gibt es dutzende, die zum Teil verflochten sind und zum Teil singulär auftreten. So sind oft Menschenrechte missachtende Regime Fluchtursache, in manchen Staaten verstärkt durch kriminelle Machenschaften internationaler Konzerne, die den Diktatoren u.a. Schürfrechte für Rohstoffe abkaufen. Das Geld dafür fließt dann auf die privaten Konten der Diktatoren und nicht in die Staatskassen.

Generell sind die „ungerechte Weltwirtschaftsordnung“ und „die soziale Ungerechtigkeit auf der Welt“ Ursachen für Flucht und Migration. Diese Ursachen sind freilich so komplex, dass ihre Analyse viele Bücher erfordert. Und die gibt es auch schon, allerdings nicht zum Schlagwort „Flüchtingskrise“, sondern Titel wie „Arm und Reich“ (Nobelpreisträger Joseph Stiglitz), „Der große Ausbruch“ (Nobelpreisträger Angus Deaton) oder „Der Sektor“ (Wirtschaftswissenschafter Michael Hudson) um nur drei Beispiele aus den vergangenen fünf Jahren zu erwähnen.

Für all jene, die sich gerne mit einer alles erklärenden, einfachen Antwort auf komplexe Fragen abspeisen lassen, erinnert Meier-Braun auch an die „Verschwörungstheorie, der US-Milliardär George Soros sei für die 'Flüchtlingskrise' verantwortlich und plane eine 'Migranteninvasion'. Diese würde durch die 'Unterwanderung' der europäischen Gremien und die von Soros finanzierten Zivilorganisationen geschehen.“

Resümee von Meier-Braun: „Bisher und nicht erst seit der aktuellen 'Flüchtlingskrise', sondern seit Jahrzehnten, können nur diejenigen ihr Recht auf Schutz beanspruchen, die illegal meist mit Schleppern nach Europa gelangen, was man zurecht als pervers bezeichnen kann.“

Karl-Heinz Meier-Braun
Schwarzbuch Migration
Die dunkle Seite unserer Flüchtlingspolitik
C.H. Beck, München 2018