Voltaire: Über die Toleranz

Spätestens seit dem Scheitern der „Willkommenskultur“ ist es nicht mehr populär, wenn man über Toleranz spricht, geschweige denn, sie verteidigt. Trotzdem, oder gerade deshalb ist es angebracht einmal nachzuschlagen, was „einer der meistgelesenen und einflussreichsten Autoren der Aufklärung“ (Quelle: wikipedia) dazu zu sagen hat: Voltaire.

Um die Notwendigkeit der Toleranz zu begründen folgt der Philosoph historischen Spuren der Intoleranz. Dabei geht er zurück bis ins Alte Testament und stellt die Frage: „War die Intoleranz dem göttlichen Rechte im Judentum gemäß, und ist sie stets in Ausübung gebracht worden?“ In seiner Beantwortung verweist Voltaire auf zahlreiche Bestialitäten der Juden, die in den Büchern Mose akribisch aufgezeichnet wurden. Angesichts der teilweise schonungslosen Abrechnung des Christen mit dem Judentum klingt Votaires Resümee fast wie die Absolution eines Priesters: „Wenn man das Judentum in der Nähe betrachtet, so erstaunt man über die größte Toleranz unter so vielen Greueln. Freilich ein Widerspruch; aber die meisten Völker sind von Widersprüchen regiert worden. Glücklich der Widerspruch, der sanfte Sitten erzeugt, wo man blutige Gesetze hat.“

Voltaires Auslegung der schlimmsten im Alten Testament geschilderten Greueltaten als Allegorien klingt plausibel, wenn man den Hinweisen glauben kann, dass die Fünf Bücher Mose (der Pentateuch) erst viele Jahrhunderte nach Mose niedergeschrieben wurden. So könnten diese Geschichten nicht als Aufzeichnung historischer Fakten, sondern zur Abschreckung von Abrahams Nachkommen und seiner Feinde gedient haben.

Einen fundamentalen Widerspruch kann der aufgeklärte Philosoph und gläubige Christ, der 1694 in Paris geboren, viele Jahre im Dienste verschiedener Herrscher Europas gestanden und 1778 verstorben ist, jedoch nicht auflösen: das Gebot der Anbetung des einen, allmächtigen Gottes und das Verbot der Anbetung anderer Götter (Götzendienst) ist seinem Wesen nach intolerant. Mehr noch: der Begriff „Toleranz“ kommt in der Bibel an keiner einzigen Stelle vor, auch wenn viele Stellen der Evangelien von aufgeklärten Christen und sogar von Theologen heute gerne als Aufforderung zu tolerantem Verhalten interpretiert werden.

Doch zurück zum Kern von Voltairs Schrift, die er als „Bittschrift, welche die Humanität ganz untertänig der Macht und der Einsicht vorlegt“ bezeichnet, zu seinem Essay „Über die Toleranz; veranlaßt durch die Hinrichtung des Johann Calas im Jahre 1762“. Einleitend erinnert der Autor daran, dass auch mehr als ein Jahrhundert nach dem Westfälischen Frieden immer noch Glaubenskonflikte zu letalem Ausgang für diejenigen führen können, die dem „falschen“ Glauben anhängen. Hier die Geschichte kurz gefasst:

„Johann Calas, ein Mann von achtundsechzig Jahren, lebte seit länger als vierzig Jahren zu Toulouse als Handelsmann, und alle, die ihn kannten, hielten ihn für einen guten Vater. Er war Protestant und seine Frau und Kinder gleichfalls, außer ein Sohn, der die Ketzerei abgeschworen hatte und dem der Vater ein kleines Jahresgeld auszahlte. … Aus Verdruß beschloss er [der Sohn], seinem Leben ein Ende zu machen, und ließ sich dies auch merken gegen einen seiner Freunde. … Endlich, als er einmal sein Geld im Spiel verloren hatte, wählte er gerade diesen Tag zur Ausführung seines Vorhabens. … Irgendein fanatischer Kopf aus dem Pöbel rief, Johann Calas hätte seinen eigenen Sohn Mark-Anton erhängt. Im Augenblick wiederholte dies ein einstimmiges Geschrei. … Der Capitoul oder Bürgermeister David, den dieser Lärm in Bewegung brachte, wollte sich durch eine schnelle Exekution in Kredit setzen und verfuhr gegen Regel und Gesetz. Er ließ die Familie Calas, die katholische Magd und den [Freund des Selbstmörders] Lavaisse in Fesseln legen. … Dreizehn Richter versammelten sich täglich, um den Prozeß zu beendigen. Man hatte keinen Beweis gegen die Familie. Man konnte keinen haben. Aber die betrogne Religion diente an Beweises statt.“

Dass Voltaire den Protestantismus unverhohlen als „Ketzerei“ bezeichnet, zeigt, wie stark auch unabhängige Denker in ihrer Zeit und in ihrem Milieu verhaftet sind. Abgesehen davon zeigt er akribisch auf, dass die Glaubensfanatiker sich in zahlreiche Widersprüche verwickeln und vernünftigen Argumenten nicht zugänglich sind. Dazu gehört auch, dass uns Voltaire erzählt, dass der seelisch geschundene Vater schließlich unter Beifall des Mobs gerädert wurde und dabei Gott um Vergebung für seine Peiniger gebeten hat. Aber keine Kritik, nicht einmal ein Nebensatz über die Abscheulichkeit dieser mittelalterlichen Foltermethode!

Auch die treibenden Kräfte der Französischen Revolution haben sich oft und gern auf Voltaire berufen, und in seinem Geiste die Todesstrafe „humanisiert“. Denn die Todesstrafe überhaupt in Frage zu stellen, war offenbar für die ersten aufgeklärten Menschen Europas undenkbar. Man war lediglich bereit, die stückweise, langwierige Zertrümmerung der Gliedmaßen des Verurteilten zu ersetzen durch eine fortschrittliche Maschine: die Guiolltine – die „humane Hinrichtung“ war damit schmerzfrei - Kopf ab ganz ohne Qualen. 30 Jahre nach Calas' Hinrichtung wurde von der Pariser Nationalversammlung die Guillotine als einziges Instrument zur Hinrichtung eingeführt.

Wie Chronisten akribisch zusammengezählt haben, wurden vom Revolutionstribunal 1579 Todesstrafen verhängt. Hingerichtet wurde – so wie zu besten Zeiten der Glaubenskriege – nicht aufgrund nachweislicher Straftaten, sondern aufgrund der „falschen“ Glaubensinhalte, oder auch der falschen Anstandsregeln, die sich vom jeweiligen Stande ableiteten. Und später auch die „Verräter“ der „reinen Glaubenslehre der Revolution“. Die brühmtesten Opfer waren Marie Antoinette, Georges Danton und der Revolutionsführer Robesbierre selbst.

Dieser fortschrittliche Humanismus hat in Frankreich 200 Jahre überlebt, erst 1981 hat Präsident Francois Mitterand die Todesstrafe abgeschafft, seit 2007 ist sie verfassungsmäßig verboten. Doch zurück zu Calas. Das Oberste Gericht in Paris („die Einsicht“) hat mehrere Jahre später das Urteil aufgehoben und die Familie inklusive der mitangeklagten katholischen Hausgehilfin vollständig rehabilitiert. Der König selbst („die Macht“) hat den Hinterbliebenen 36.000 Livres ausbezahlt. So konnte die „Bittschrift“ eines Philosophen („die Humanität“) zu Beginn der Aufklärung noch etwas bewirken, während philosophische Schriften im Zeitalter der „Messagecontrol“ durch die Parteien nicht die geringste Chance haben bis zu jenen Mächtigen durchzudringen, die zu wichtigen politischen Einsichten im Geiste der Humanität gelangen sollten.

Der Suhrkamp-Verlag hat diese Schrift nach den Anschlägen auf „Charlie Hebdo“ (Paris im Jänner 2015) publiziert und bewirbt sie bis heute mit dem knalligen Slogen „Der Bestseller aus Frankreich“. Und etwas subtiler: „Voltaires 1763 erschienenes Plädoyer für Toleranz zwischen den Religionen war nie so aktuell wie heute.“ Löst das Buch dieses Versprechen ein? Nach wie vor gültig sind aus heutiger Sicht zumindest zwei bedenkenswerte Stellen. Im Vorspann zu seiner „Bittschrift“ definiert Voltaire Toleranz und Intoleranz (= Fanatismus):

„Was ist Toleranz? Sie ist Menschlichkeit überhaupt. Wir sind alle gemacht aus Schwächen und Fehlern; darum sei es Naturgesetz, daß wir uns wechselseitig unsere Dummheiten verzeihen.

„Der Fanatismus verhält sich zum Aberglauben wie der Wahn zum Fieber oder die Raserei zum Zorn. … Alle Fanatiker sind Schurken mit gutem Gewissen und morden in gutem Glauben an eine gute Sache. … Wir wollen uns darauf beschränken, Gott morgens und abends zu bitten, uns von den Fanatikern zu erlösen.“

Man muss an der Stelle daran erinnern, dass nicht der Glaube an sich (das ist nach Immanuel Kant der Bereich, der sich dort öffnet, wo die Vernunft an die Grenzen der Erkenntnis stößt), sondern die „Glaubenswahrheit“, das ist der dogmatische Anspruch auf universelle Gültigkeit eines Glaubensinhaltes (z.B. die Überzeugung es gebe nur ein richtiges Gottesdienstritual) zur Intoleranz führt, nein genauer gesagt: die Intoleranz bereits im Kern der Aussage impliziert! Im Übrigen sollte klar sein: es gibt keine Toleranz für die Intoleranz. Das ist kein Paradoxon, sondern die Logik der Toleranz.

Voltaire

Über die Toleranz

Suhrkamp Berlin, 2015

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Rousseau Jean-Jacques: Vom Gesellschaftsvertrag

Jean Jacques Rousseau Pastell

„Vom Gesellschaftsvertrag oder Die Grundlagen des politischen Rechts“ erschien erstmals 1762 in Amsterdam und wurde umgehend in weiten Teilen Europas verboten. Logischer Weise in Frankreich, wo ein absoluter Herrscher kein Interesse an demokratischen Ideen haben konnte, aber auch in Genf, wo Rousseau 1712 geboren ist, und wo die Themen Volkssouveränität und Verfassung seit Beginn des 18. Jahrhunderts zu intensiven politischen Auseinandersetzungen geführt haben.

Foto gemeinfrei: Jean-Jacques Rousseau, Pastell von Maurice Quentin de La Tour, 1753

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Friedell Egon: Kulturgeschiche der Neuzeit

Egon Friedell

"Die ganze Geistesgeschichte der Menschheit ist eine Geschichte von Diebstählen. [...] Alexander bestiehlt Philipp, Augustinus bestiehlt Paulus, Giotto bestiehlt Cimabue, Schiller bestiehlt Shakespeare, Schopenhauer bestiehlt Kant. Und wenn einmal eine Stagnation eintritt, so liegt der Grund immer darin, daß zu wenig gestohlen wird. Im Mittelalter wurden nur die Kirchenväter und Aristoteles bestohlen: das war zu wenig. In der Renaissance wurde alles zusammengestohlen, was an Literaturresten vorhanden war: daher der ungeheure geistige Auftrieb, der damals die europäische Menschheit erfaßte. Und wenn ein großer Künstler oder Denker sich nicht durchsetzen kann, so liegt das immer daran, daß er zu wenig Diebe findet. Sokrates hatte das seltene Glück, in Plato einen ganz skrupellosen Dieb zu finden, der sein Handwerk von Grund aus verstand: ohne Plato wäre er unbekannt.“

Heute ein Plagiat von Friedells epochaler Kulturgeschichte zu fabrizieren, wäre so leicht wie nie zu vor. Denn sein Werk ist vollständig im Internet auf dem Projekt Gutenberg abrufbar.

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Ferguson Niall: Der Westen und der Rest der Welt

Zur Frage, wie die Gegenwart mit der Vergangenheit zusammenhängt schreibt der britische Historiker Niall Ferguson: „Der Historiker ist kein Naturwissenschafter. Aus seinen Beobachtungen können keine allgemein gültigen Gesetze für gesellschaftliche und politische Abläufe abgeleitet werden, (…). Die eigentliche Funktion der historischen Erkenntnis besteht darin, die Menschen über die Gegenwart aufzuklären, da der sichtbare Inhalt der Vergangenheit ein 'für das ungeschulte Auge nicht auf Anhieb erkennbarer' Bestandteil der Gegenwart ist und einen Teil von ihr darstellt.“

SIEHE AUCH: Roberts John Morris: Der Triumph des Abendlandes (erschienen 1985)

Das Zitat stammt aus seinem Buch „Der Westen und der Rest der Welt“ - nicht gerade ein politisch korrekter Titel. Politisch korrekt wäre der Titel „Der Westen, der Norden, der Süden und der Osten“, denn wie kommt denn der Rest der Welt dazu, sich als "Rest der Welt" diffamieren zu lassen? Doch Ferguson hat einen Grund, genauer gesagt eine Arbeitshypothese, die der Titel seines Buches impliziert. Darin möchte der Professor für Geschichte an der Harvard University zeigen, „dass es sechs Bereiche von neuartigen Institutionen und die damit verbundenen Ideen und Verhaltensweisen waren, die den Westen vom Rest der Welt unterschieden und seine globale Macht begründeten.“

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Mandela Nelson (Rolihlala): Der lange Weg zur Freiheit

Nelson Mandela 2008

"Long Walk to Freedom", so der Original-Titel der Biografie von Nelson Mandela, ist 1994 erschienen, die deutsche Übersetzung 1997. Das Buch ist immer noch lehrhaft und sogar populär, wie die 23. Auflage der Taschenbuchausgabe 2019 beweist.

"Außer dem Leben, einer starken Konstitution und einer dauerhaften Verbindung zum Thembu-Königshaus gab mir mein Vater bei meiner Geburt nur einen Namen mit, Rolihlahla. Wörtlich bedeutet Rolihlala: 'Am Ast eines Baumes ziehen', doch der umgangssprachliche Sinn lautet ziemlich genau: 'Unruhestifter'. [...] Ich bin ein Angehöriger des Madiba-Clans, der nach einem Thembu-Häuptling benannt ist, der im 18. Jahrhundert in der Transkei herrschte. Oft spricht man mich mit Madiba an, meinem Clan-Namen, was als respektvolle Bezeichnung gilt."

Aus europäischer Sicht ist es ungewöhnlich, dass der spätere Untergrundkämpfer aus einer adeligen Familie stammt. Sein Vater war "Häuptling nach Abstammung und Brauchtum" (S. 12), der nach einem Zwist mit dem Magistrate (hochrangiger weißer Verwaltungsbeamter) verbannt wurde und Titel und Vermögen verlor. Seinen Unterhalt musste er danach als Grubenarbeiter verdienen, wo er sich eine Staublunge zuzog und früh verstarb. Sein Sohn war damals neun Jahre und im Dorf seiner Verbannung als Hirtenjunge tätig. Der Regent, dem sein Vater vor der Verbannung als Berater gedient hatte, holte Rolihlahla an seinen Hof, womit der Junge die Chance auf eine solide Ausbildung erhielt. Von seiner ersten Lehrerin in der Methodisten-Schule erhielt der den Namen Nelson.

Mit 16 Jahren kam Nelson an ein College nach Clarkebury und schaffte es mit 21 Jahren an die Universität von Fort Hare, "bis 1960 die einzige höhere Bildungsanstalt für Schwarze in Südafrika". Waren Nelsons Jugendträume noch relativ traditionell und auf beruflichen Erfolg ausgerichtet, begann er hier allmählich zu begreifen, "daß man sich die dutzendfachen kleinen Demütigungen, denen sich ein Schwarzer täglich ausgesetzt sah, nicht gefallen lassen mußte". 

In den Ferien zuhause eröffnete ihm der Regent, dass er für Nelson eine Ehefrau ausgewählt habe. "Der Regent handelte in Übereinstimmung mit Gesetz und Brauchtum der Thembu, und seine Motive waren untadelig", doch diese junge Dame war schon seit langem in Nelsons Freund Justice verliebt. Außerdem wollte Nelson niemandem das Recht zugestehen, eine Braut für ihn auszusuchen. Während er noch nicht im geringsten daran dachte "das politische System des weißen Mannes zu bekämpfen, war ich durchaus bereit gegen das soziale System meines eigenen Volkes zu rebellieren." (S. 81) Daraufhin folgte eine abenteuerliche Flucht. Gemeinsam mit Justice schlug er sich bis Johannesburg durch. Nach einigen Jobs konnte er dort in der Kanzlei des Anwalts Lazar Sidelsky beginnen - am Anfang als Clerk und Bote. In Abendkursen studierte er Jus.

Sein Regent kam 1941 (Nelson war 23 Jahre) nach Johannesburg und suchte eine Unterredung mit dem Flüchtigen. "Ich rehabilitierte mich bei ihm und fand gleichzeitig meine Achtung für ihn und das Königliche Haus der Thembu wieder." (117] Ein Jahr später bestand Nelson die Schlussprüfung für seinen B.A. Beeindruckt von dem politischen Aktivisten Gaur Radebe, nahm Mandela 1943 erstmals an politischen Aktion gegen die Preiserhöhung von Busfahrten teil.

Anwalt Sidelsky warnte Mandela: "Sie werden Ärger bekommen mit den Behörden, die bei Ihrer Arbeit oft Ihre Verbündeten sind. Sie werden alle Ihre Klienten verlieren, Sie werden bankrott gehen, Sie werden Ihre Familie zerstören, und Sie werden im Gefängnis landen. Das alles geschieht, wenn Sie in die Politik gehen." (125) Diese Prophezeiung sind eine kurze, aber trotzdem exakte Inhaltsangabe der folgenden 700 Seiten von Mandelas Autobiografie. Nelson bestätigt: "Eine erfolgreiche Karriere und ein ordentliches Einkommen waren nicht länger meine letzten Ziele." 

Im dritten Teil seines Buches schildert Nelson "die Geburt des Freiheitskämpfers". Es ist unmöglich die zahlreichen Details dieser Entwicklung in Kürze wiederzugeben. Aber man könnte als Geburtsstunde eine Art Proklamation sehen, mit der dieser Teil seines Lebens beginnt: "Afrikaner in Südafrika zu sein bedeutet, daß man von Geburt an politisiert ist, ob man es zugibt oder nicht. [...] Wenn das Kind heranwächst, kann es einen Arbeitsplatz nur für Afrikaner erhalten, ein Haus in einer Township nur für Afrikaner mieten und kann jederzeit, bei Tag und Nacht, angehalten und nach seinem Ausweis gefragt werden. Wenn es seinen Ausweis nicht bei sich hat, wird es festgenommen und ins Gefängnis gesteckt. Sein Leben ist eingerahmt von rassistischen Gesetzen und Regeln. [...] Ich hatte keine Erleuchtung, keine einzigartige Offenbarung, keinen Augenblick der Wahrheit; es war eine ständige Anhäufung von tausend verschiedenen Dingen, tausend Kränkungen, tausend unerinnerten Momenten, die Wut in mir erzeugten, rebellische Haltung, das Verlangen, das System zu bekämpfen, das mein Volk einkerkerte." 

Kaum zehn Jahre später war für Mandela klar: "Der Kampf ist mein Leben" (so der Titel des vierten Teils). Wichtiger Teil dieses Lebensabschnittes war der Volkskongress 1955 und die Entwicklung der Freiheits-Charta als Grundlage für den Freiheitskampf, mit der Präambel, "dass Südafrika allen gehört, die dort leben, Schwarze wie Weiße, und daß keine Regierung rechtmäßig Autorität beanspruchen kann, solange sie nicht auf dem Willen des Volkes beruht; daß unsere Menschen ihrer Geburtsrechte auf Land, Freiheit und Frieden beraubt worden sind durch eine Form der Regierung, die auf Unrecht und Ungleichheit gründet; daß unser Land niemals prosperieren und frei sein wird, ehe nicht all unsere Menschen in Brüderlichkeit leben und gleiche Rechte und Chancen genießen..." 

Auch wenn diese Prinzipien von einer starken Vision und dem Willen zur Einheit zeugen, so führte die Umsetzung dieser Prinzipien doch immer wieder zu internen Flügelkämpfen im ANC und zu Konflikten mit anderen politischen Gruppierungen. Auch Mandela selbst änderte mehrmals seine Position. War er am Anfang für gewaltlosen Widerstand, so wurde er später zum Gründer der unabhängigen militärischen Einheit MK; er lehnte zu Beginn die kommunistische Unterstützung für den ANC ab, akzeptierte aber später die Kommunisten als Bündnispartner, da sie die einzige "weiße Partei" waren, die gegen die Apartheid auftrat.

Ab der Verhaftung 1956 und einem langen Prozess wegen "Landesverrats", der 1961 mit Freispruch aller 156 Angeklagten endete, lebte Mandela im "Bann", d.h. mit stark eingeschränkten Bewegungsmöglichkeiten. Umgehend nach dem Urteil wieder zur Haft ausgeschrieben, führte Mandela ein Leben im Untergrund, das nach 17 Monaten endete. Diesmal vergingen nur wenige Monate von der Verhaftung bis zum Verurteilung: fünf Jahre Haft. Ein Jahr später wurde eine neuerliche Verhandlung gegen Mandela und weitere Führungsmitglieder des MK wegen "Sabotage" und "Planung bewaffneten Kampfes" aufgenommen, die zu einem endgültigen Urteil für alle Angeklagten führte: lebenslänglich.

Lebenslänglich endete am 11. Februar1990. Mandela führte fast dreißig Jahre auf Robben Island seinen Freiheitskampf im Gefängnisalltag weiter: die meisten Beschwerden führten zu Verbesserungen im Gefängnisalltag - allerdings erst Jahre später. Auch internationale Delegationen, die Robben Island besuchten, führten zu vorübergehenden Erleichterungen. Geistig ungebrochen und innerlich frei unternahm Mandela 1989 einen Alleingang, um mit Regierungsvertretern über die Freilassung und die Zukunft des Landes zu verhandeln. Der Rücktritt von Präsident Botha im August 1989 beschleunigte den Prozess. Bis zur Wahl Mandelas zum ersten schwarzen Präsidenten des Landes vergingen noch vier Jahre mit vielen Verhandlungsrückschlägen und Gewaltausbrüchen.

Rückblickend schreibt Mandela: "Erst als ich zu begreifen begann, daß meine jugendliche Freiheit eine Illusion war, begann ich nach ihr zu hungern. [...] Freiheit ist unteilbar; die Ketten an jedem einzelnen aus meinem Volke waren die Ketten an ihnen allen, die Ketten an allen Menschen meines Volkes waren die Ketten an mir. [...] Ich bin nicht wahrhaft frei, wenn ich einem anderen die Freiheit nehme, genausowenig wie ich frei bin, wenn mir meine Freiheit genommen ist. Der Unterdrückte und der Unterdrücker sind gleichermaßen ihrer Menschlichkeit beraubt." 

Foto CC BY 2.0: Nelson Mandela in Johannesburg 2008

Anlässlich der Hochzeit seiner Tochter erklärt Mandela: "Wenn das Leben ein Kampf ist, wie es meins gewesen ist, bleibt wenig Raum für das Familienleben. Das habe ich immer am meisten bedauert, und es war der schwierigste Teil der Wahl, die ich getroffen hatte." 

Noam Chomsky über Nelson Mandela

Betrachten wir den Fall Nelson Mandela, der erst 2008 von der offiziellen Terroristenliste des Außenministeriums gestrichen wurde, so dass er ohne Sondergenehmigung in die Vereinigten Staaten reisen durfte. Zwanzig Jahre zuvor war er laut einem Pentagon-Bericht noch der kriminelle Anführer einer der weltweit ‚berüchtigsten Terrorgruppe‘ gewesen. (S.19). (Randbemerkung HTH: Mandela musste aufgrund seiner Aktivitäten gegen die Apartheidpolitik in seiner Heimat 1963 bis 1990 insgesamt 27 Jahre als politischer Gefangener in Haft verbringen. 1993 erhielt er den Friedensnobelpreis und 1994 bis 1999 war er der erste schwarze Präsident Südafrikas).

Der Beitrag Kubas bei der Befreiung Afrikas und der Beendigung der Apartheid wurde von Nelson Mandela hervorgehoben, als er endlich aus dem Gefängnis entlassen wurde. Zu seinen ersten Handlungen zählte die Erklärung, dass ‚Kuba während aller meiner Jahre im Gefängnis eine Inspiration und Fidel Castro ein Turm der Stärke gewesen sind. … Die kubanischen Siege zerstörten den Mythos der Unbesiegbarkeit der weißen Unterdrücker und inspirierten die kämpfenden Massen von Südafrika. … Welches andere Land kann auf eine Geschichte größerer Selbstlosigkeit verweisen als Kuba in seinen Beziehungen zu Afrika?‘ (S. 268f)

In Angola taten sich die Vereinigten Staaten mit Südafrika zusammen; gemeinsam gewährten sie Jonas Savimbis terroristischer UNITA-Armee die entscheidende Unterstützung. … Trotz der von den USA unterstützten weitreichenden mörderischen Terroroperationen in Angola trieben kubanische Truppen die südafrikanischen Aggressoren aus dem Land, zwangen sie, das illegal besetzte Namibia zu räumen und ebneten den Weg zu allgemeinen Wahlen in Angola. Nach seiner Wahlniederlage erklärte Savimbi, …. dass die Wahlen … ‚frei und fair verlaufen‘ seien … und setzte seinen terroristischen Krieg mit amerikanischer Unterstützung fort. (S. 268)

Zitate aus:  „Wer beherrscht die Welt? Die globalen Verwerfungen der amerikanischen Politik“. Das Buch ist 2016 erschienen.

Kaiser Daniel: Václav Havel. Der Präsident (1990-2003)

Kaiser Biografie Vaclav Havel 800

Der Journalist Daniel Kaiser hat auf Basis hunderter eigener Interviews und intensiver Studien der Primärquellen eine detaillierte Biografie Havels in seinen Jahren der Präsidentschaft von 1990 bis 2003 geschrieben, die 2017 in deutscher Fassung erschienen ist. Obwohl der Autor als Zeitzeuge Havels Präsidentschaft persönlich erlebt hat, bleibt er als Beobachter und Chronist konsequent neutral. Dies zeichnet das Buch aus.

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Neuwirth Christian: Alexander Van der Bellen

Vor zwanzig Jahren hat Christian Neuwirth das Buch „Alexander Van der Bellen. Ansichten und Absichten“ geschrieben, das 2001 im Molden Verlag erschienen ist. Das letzte Kapitel ist den „Inlands-Ideen“ des damaligen Parteichefs der Grünen gewidmet. Natürlich geht es dabei um Ökosteuern. „Die Erhöhung der Abgaben auf Energie, meint der Wirtschaftsprofessor, sei ‚auf jeden Fall‘ ein geeignetes Steuerungselement“, schreibt Neuwirth und zitiert VdB wörtlich:

„Zumindest auf jene Energie, die auf fossilen Brennstoffen beruht. Daran führt kein Weg vorbei. Unser Vorschlag ist, das aufkommensneutral zu machen, indem man die höheren Energiekosten durch eine niedrigere Besteuerung der Arbeit kompensiert. [..] In der Politik spricht manches dafür, den Schritt rasch und hart zu machen. Das zeigt die Diskussion um das Null-Defizit. Ökonomisch gesehen spricht mehr dafür, den Prozeß in die Länge zu ziehen. Politisch gesehen macht es aber mehr Sinn, den Schrecken rasch zu verbreiten und dann auf das Vergessen zu setzen.“

Eine Verteuerung des Straßenverkehrs sei daher unumgänglich. VdB fordert dem entsprechend: „Die Einführung einer Kilometerabgabe. Der gefahrene Kilometer wird verteuert und nicht der Benzinverbrauch als solcher. […] Wir haben uns entschlossen, eine strikt marktwirtschaftliche Regelung über den Preis zu machen. Nach vielem vielem internen Zähneknirschen und mit Zusatzregelungen für Pendler. Wenn es im 21. Jahrhundert nicht möglich sein sollte, einen fälschungssicheren Tachometer zu bauen, dann weiß ich wirklich nicht...“

Warum einfach, wenn‘s kompliziert auch geht? Was wäre - außer zusätzlicher Beschäftigungstherapie für zusätzliche Bürokraten - ein Vorteil der Kilometerabgabe gegenüber teurerem Benzin? Wer mehr fährt braucht mehr Sprit und zahlt mehr Steuern. Aber da die Besteuerung von Sprit ohnehin schon hoch ist, braucht der ansonsten so nüchterne Wirtschaftsprofessor offenbar eine neue Etikette um seine Preiserhöhung durchzusetzen. Man nennt das Etikettenschwindel. Neuwirth vermutet: „Vielleicht ist man bei den Grünen zur Überzeugung gelangt, daß man sich derart erwiesenermaßen unpopuläre Forderungen besser sparen sollte.“

VdB war zehn Jahre, bis 2008, Parteivorsitzender der Grünen. Ganz ohne Etikettenschwindel gab es danach ganz einfach keine Vorschläge mehr für ökologische Steuerreformen

Ein Bundespräsident soll alles beim Alten lassen

Von der Position des Bundespräsidenten war VdB Anfang dieses Jahrhunderts noch weit entfernt, wie Neuwirth berichtet: „Der Parteichef der Grünen will sich über die Funktion des Bundespräsidenten keine unnötigen Gedanken machen. Seine Zuständigkeiten sollen in etwa so bleiben, wie sie sich derzeit darstellen“ und zitiert VdB wörtlich „Ich sehe keinen unmittelbaren Reformbedarf. Wenn sich die Mehrheit der Parteien im Parlament auf etwas einigt, dann kann sich der Bundespräsident auf den Kopf stellen.“

Neuwirth kommentiert: „Selbst bei den umstrittenen Kompetenzen in Sachen Regierungsbildung sieht Van der Bellen für eine Reform „angesichts der Realverfassung“ keine Erfordernis. „Natürlich ist er auf dem Papier eine Art Pseudomonarch, aber in der Realität?“, fragt Van der Bellen. Diese Realität verhält sich für ihn ausnahmsweise eindeutig und unkompliziert: „Wer die Mehrheit im Parlament hinter sich hat, kann die Regierung bilden.“

Neuwirth weiter: „Behutsamkeit ist für ihn hier oberstes Gebot. Diese Behutsamkeit hindert nicht daran, vorurteilslos über die Impulse, die von anderen Seiten kommen, zu reflektieren. Zu einer großen Verfassungsreform allerdings besteht für den Parteichef der Grünen ganz erkennbar keine Notwendigkeit. Diese Zurückhaltung begründet Van der Bellen auch: „Das alles muß man sich sehr lange und gründlich überlegen. Man kann nicht an einer Schraube der Verfassung drehen und glauben, daß alles andere so bleibt, wie es ist.“ Und bevor man die Schraube in eine falsche Richtung dreht, scheint es Van der Bellen im Zweifelsfall lieber zu sein, sie gar nicht anzurühren.

Fünfzehn Jahre später liefert VdB in seinen Reflexionen eine – diplomatisch formuliert: eigenwillige – Interpretation des Artikel 56 des Bundes-Verfassungsgesetzes: „Politische Loyalität ist noch schwerer durchzusetzen [als Beamtenloyalität]. Jeder Landespolitiker und jeder Hinterbänkler macht die Erfahrung, dass er durch Kritik an der Parteispitze Widerhall in den Medien findet; ob diese Kritik sachlich fundiert ist, spielt eine geringe Rolle. Umgekehrt erwartet man von der Parteispitze, sich mit öffentlicher Kritik an der zweiten oder dritten Reihe zurückzuhalten; Alfred Gusenbauer hat das mehrfach erfahren. Insofern sind die Anreize für Loyalität asymmetrisch verteilt. [...] Abgeordnete sind eben nicht Angestellte ihrer Fraktion, als solche wären sie der Klub- oder Parteichefin gegenüber weisungsgebunden, sondern sie berufen sich im Konfliktfall auf ihr ‚freies Mandat‘. Dieses wird von der jeweils zuständigen Parteiversammlung verliehen und am Wahltag von den Wählerinnen und Wählern bestätigt – oder eben nicht.“ (Siehe: Die Kunst der Freiheit)

Der Präsident, der gern von Anstand spricht, hat offenbar nicht viel übrig für die niederen Stände im Parlament. Abgesehen von der despektierlichen Bezeichnung „Hinterbänkler“, die versteckte Standesdünkel des Präsidentschaftskandidaten in spe aufdeckt, beweist das Zitat, dass VdB die österreichische Verfassung nicht gelesen hat. Der Absatz 1 Artikel 56 lautet: „Die Mitglieder des Nationalrates und die Mitglieder des Bundesrates sind bei der Ausübung dieses Berufes an keinen Auftrag gebunden.“

An keinen Auftrag gebunden impliziert: auch nicht an den Auftrag des jeweiligen Klubs. Das „freie Mandat“ - VdB schreibt es unter Anführungszeichen, womit er andeutet, dass dies nur so genannt werde, in Wahrheit aber nicht existiere – wird laut Verfassung nicht von der Partei verliehen, wie VdB irrtümlich meint, sondern vom Wähler! Das ist meiner Überzeugung nach der entscheidende Punkt, in dem die Abgeordneten aller Parteien ständig, ja sogar prinzipiell das B-VG missachten. Die Formulierung von VdB verrät auch ein zweifelhaftes Verständnis von repräsentativer Demokratie, in der das Recht von den Parteien ausgeht und das Volk nur absegnen darf, was die Parteien zuvor beschlossen haben.

Dem gegenüber lautet der Artikel 1, B-VG: „Österreich ist eine demokratische Republik. Ihr Recht geht vom Volk aus“. Man könnte fragen: und wo kehrt das Recht ein, wenn es vom Volk ausgegangen ist? Ein Zyniker könnte antworten: im Staats- und Parteien-Apparat des Landes. Diese Tatsache sehe ich als Bedrohung der Demokratie. VdB sieht diese Tatsache offenbar als unabänderlichen, alternativlosen Status quo. Dem entsprechend gemächlich ist auch seine Politik in den Gemächern der Hofburg.

Christian Neuwirth

Alexander Van der Bellen. Ansichten und Absichten

Molden Verlag Wien, 2001

Havel Václav: Versuch in der Wahrheit zu leben

Václav Havel 2009

Kurz vor dem Fall des Eisernen Vorhangs, publizierte der Rowohlt Verlag die Denkschrift des tschechischen Dichters Václav Havel unter dem Titel „Versuch in der Wahrheit zu leben“. Der Titel bezieht sich auf das Leitmotiv dieses Buches, das aus der langjährigen Erfahrung des Autors mit einem „Leben in der Lüge“ resultiert. Der Originaltitel von Havels Essay, der bereits 1978 erschienen ist, lautet übrigens „Moc bezmocnych“ was wörtlich übersetzt „Die Macht der Machtlosen“ heißt.

Foto CC BY-SA 2.5: Václav Havel auf dem Wenzelsplatz (Tschechisch: Václavské náměstí) am 17. November 2009 zum 20. Jahrestag der Samtenen Revolution.

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Filzmaier Peter: Der Zug der Lemminge

Man sagt über ihn: Er spricht wie gedruckt. Man kann Wetten darüber abschließen, dass Peter Filzmaier sein Buch über die Lemminge (gemeint sind die Österreicher) nicht geschrieben, sondern diktiert hat. Und zwar schneller, als es durchschnittliche Österreicher lesen können. Schon nach der ersten Seite fühlt man sich mitten in einem ORF-Interview, in dem uns der Professor für Demokratiestudien die österreichische Innenpolitik erklärt. Doch seine rhetorisch geschliffenen, starken Ansagen erweisen sich in gedruckter Form allzu oft als schwache Argumente.

SIEHE AUCH: Geschichte(n) Österreichs

Im Vorwort grenzt sich der Autor von seiner wissenschaftlichen Tätigkeit ab, denn er will uns „höchst subjektiv sagen, was mir auf dem Herzen liegt“. Das sollte aber nicht ausschließen, dass er einmal eine These in den Raum stellt, diese mit Pro- und Contra-Argumenten vertieft und am Ende zu einer Conclusio kommt. Doch letztlich kratzt Filzmaier immer nur an der Oberfläche.

Seine „höchst persönliche“ Betrachtungsweise startet er zu Weihnachten 2009: „Laut Statistik Austria und der Armutskonferenz wachsen auch in Österreich über 100.000 Kinder in Armut auf. […] im weihnachtlichen Gedenken kam mir als Vater einer Tochter ein Gedanke: Statt des brutal kalten Nebeneinanders privilegierter und benachteiligter Gruppen wird unser gesellschaftliches System bald zerbrechen. Total und gewaltsam. Bis im Stil und Jargon der Casinos nichts mehr geht. Die Kugel ist unaufhaltbar in Gang gesetzt. Trotz Gewissheit des tödlichen Einschlags bleiben alle mit idiotischer Gemütsruhe sitzen.“

Ein Gedanke im Gedenken und die „Gewissheit des tödlichen Einschlags“– sind das Erleuchtungen oder Einfälle? Der Autor weiß, dass er zu den „extrem Privilegierten der heimischen Gesellschaft“ zählt, doch diese Weihnachtsgeschichte verrät kein Wort, was so ein Mensch zur Überwindung des „kalten Nebeneinanders privilegierter und benachteiligter Gruppen“ persönlich unternimmt. Dazu kommen Begriffe, die ein Politikwissenschafter exakt definieren und nicht ungeklärt im Raum stehen lassen sollte, insbesondere „unser gesellschaftliches System“ und „alle“.

„Unser gesellschaftliches System“ bezieht Filzmaier durchwegs auf das Parteiensystem Österreichs, fallweise auf seine Vernetzungen mit Wissenschaft und Wirtschaft. „Politik ist nichts anderes als die zweifelsfrei nötige Gestaltung unseres Zusammenlebens“, definiert Filzmaier den Gegenstand seiner Analysen durchaus universell, um aber umgehend im nächsten Satz einzuschränken: „Für die zuständigen Institutionen werden vernichtende Vertrauenswerte gemessen. Parteien, egal welcher Farbe, werden von einem Fünftel geschätzt und vier Fünftel haben eine eher negative Meinung.“

Die Parteien spielen die Hauptrolle auf der Politbühne, die Zivilgesellschaft darf einmal in vier Jahren die Hauptdarsteller wählen – so das Weltbild des Professors das er uns in seiner „höchstpersönlichen Sichtweise“ vermittelt. Das ist leider die Quintessenz der saloppen Formulierungen des Meisterrhetorikers, die auf seinem extrem eingeschränkten Wahrnehmungshorizont beruhen. So werden die nicht institutionellen Bereiche unseres Zusammenlebens, die zahlreichen Initiativen der bunten, vielfältigen Zivilgesellschaft, bestenfalls in Nebensätzen erwähnt.

„Alle“ sind aus Sicht von Filzmaier der „Durchschnittsösterreicher“, „Herr und Frau Österreicher“. Manchmal blickt er sogar in die Tiefen der „österreichischen Seele“, die für Fortschritt ist, „solange alles beim Alten bleibt“. „Alle“ ist somit ein Konstrukt des Politi-Analytikers, der die Fähigkeit besitzt, aus 8,88 Millionen Individuen ein allgemeines Durchschnittssubjekt zu filtern, das über konkrete Eigenschaften verfügt. Diesen „Durchschnittsösterreicher“ kennt der Politologe aus Meinungsumfragen, aber nicht aus persönlichen Begegnungen. Denn sonst müsste seine Betrachtungsweise „unseres gesellschaftlichen Systems“ differenzierter ausfallen.

Ein paar Beispiele für Hohlphrasen, die als Füllsätze vor laufender Kamera formuliert beeindrucken mögen, nicht aber in einem Buch, von dem man sich politischen Tiefgang erwarten darf.

„Die Ohnmacht der Politik ist nicht neu, oft wird eine zu große Entscheidungsmacht der Wirtschaft beklagt.“

„Am Zug der Lemminge sind wir alle schuld. Also ist Selbstkritik angebracht.“

„Selbstbewusst und demokratisch für eigene Standpunkte einzutreten, das ist heute unerwünscht. Wer es trotzdem tut, gilt sofort und ungeachtet noch so guter Sachargumente als Querulant. Deshalb findet an den staatlichen und kirchlichen Feiertagen keine allzu kritische Auseinandersetzung der Österreicher mit dem Österreichersein statt."

„Es gibt gesellschaftliche Bruchstellen in Österreich, die Parteidebatten als unstrittige Lappalie erscheinen lassen.“

„Im Normalfall haben Männer ein Aggressionspotenzial, vor dem sich Frauen fürchten, und nicht umgekehrt.“

„Von Konjunktur haben Nicht-Wirtschaftsheinis im Regelfall keinen Detailschimmer.“

„Niemals dürfen Regierte regierenden Entscheidungsträgern ausgeliefert sein, welche einem alles erzählen können.“

„In der Bekämpfung der Wirtschaftskrise sind wir jedenfalls Weltmeister des destruktiven Grants.“

„Am Ende hunderter Seiten stellt sich die Frage, welche Lösungsansätze es jenseits des Wortwitzes gibt.“ Gscheit, dass Filzmaier seine Schlussfrage auch gleich selbst relativiert: „Die Betonung liegt auf Ansätze.“

Trotz aller Vorsicht tritt der Politanalytiker in die Fußstapfen des Propheten Moses und präsentiert uns „10 Gebote zur Neugestaltung des Systems Österreich“ wovon das erste lautet: „Politik besser machen“. Punktgenau zur Forderung „Lösungsansätze jenseits des Wortwitzes“ zu liefern, schreibt er: „Bei aller berechtigten Skepsis müssen wir aufhören, mit sadomasochistischem Lustgefühl sich selbst erfüllende Prophezeiungen des Schlechterwerdens zu kreieren.“

Gebot 8 „Medien stärken“ offenbart uns das Ideal einer Medienwelt mit „spezialisierten und daher hochkompetenten Journalisten […] anstatt einer rapportierenden Berichterstattung über parteiliche Rülpser ohne Sachbezug.“ Was genau sind eigentlich die zahlreichen TV-Auftritte des Politprofessors? In der Wortwahl des Herrn Professor der Politikwissenschaften: rapportierende Ad-hoc-Analysen über parteiliche Rülpser ohne Sachbezug.

Peter Filzmaier

Der Zug der Lemminge. Heute stehen wir am Abgrund, morgen sind wir einen großen Schritt weiter.

ecowin Salzburg, 2010

Lengheimer Karl: Politgebiete

Der Jurist Karl Lengheimer, geboren 1946,hat 1972 über „Die Gehorsamspflicht der Verwaltungsorgane“ dissertiert. Mitglied der ÖVP, war er bereits ab 1970 im Landesdienst, 1981 bis 2000 war er Klubdirektor im Landtagsklub der Volkspartei Niederösterreich. 2000 wurde er Landtagsdirektor des Landtags von Niederösterreich. Gleichzeitig war Lengheimer ab 1973 Bezirksrat von Wieden, dem vierten Wiener Gemeindebezirk. Von 1987 bis 1997 war er Bezirksvorsteher von Wieden. Er war 2004 auch Mitglied des Österreich-Konvents, der zu einer Verfassungs- und Verwaltungsreform führen sollte und nach kaum einem Jahr ohne Ergebnis wieder eingestellt wurde.

Es besteht kein Zweifel, dass Lengheimer, der in zwei Bundesländern leitende öffentliche Positionen inne hatte, bis zu seiner Pensionierung 2010 immer seiner Gehorsamspflicht nachgekommen ist. Umso erstaunlicher ist es, dass der Politinsider nur zwei Jahre nach seiner Pensionierung ein Buch publiziert hat, das befreit vom politischen Korsett, schonungslos die Schwächen des Systems aufzeigt, dem er 40 Jahre gedient hat. Dass der Titel an den freizügigen Erstlings-Roman von Charlotte Roche ("Feuchtgebiete", erschienen 2008) erinnert, ist mit Sicherheit kein Zufall.

Aus einer Vielzahl lesenswerter Zitate hier nur eine Auswahl jener Stellen, die direkt an die Substanz unseres Landes gehen: die Verfassung.

„Während andere Staaten den Gründungstag ihrer Verfassug mit öffentlichen Veranstaltungen oder Volksfesten feiern, so er nicht ohnedies ihr nationaler Staatsfeiertag ist, kommen in Österreich aus diesem Anlass einige Dutzend Spitzenjuristen – völlig unbemerkt von der Öffentlichkeit – zu einer rechtswissenschaftlichen Seminarveranstaltung zusammen. Nichts könnte besser die Distanz von Herrn und Frau Österreicher zu seiner bzw. ihrer Verfassung veranschaulichen.“

Ad Artikel 1 B-VG: Österreich ist eine demokratische Republik. Ihr Recht geht vom Volk aus.

Gemäß der reinen Rechtslehre von Hans Kelsen „geht das 'Recht' vom Volk aus, nicht die Macht. Kelsen erzählt in seinem Verfassungskommentar, dass es ursprünglich in der Verfassung hätte heißen sollen: 'Alle öffentlichen Gewalten werden vom Volk eingesetzt und in seinem Namen ausgeübt.' Seinem Einfluss war es zuzuschreiben, dass 'Macht' durch 'Recht' ersetzt wurde. […] Indem unsere Verfassung die Ausübung der Macht durch das Volk und seine Repräsentanten ohne Rücksicht auf deren Inhalt mit 'Recht' gleichsetzt, gibt sie ihr den Anschein einer a priori 'gerechten' Entscheidung. Die populistischen Parteiführer und die globalen Marktregenten lassen herzlichst dankend grüßen.“

„Die Ergebnisse des Österreich-Konvents zu den Instrumenten der direkten Demokratie erwiesen sich als äußerst bescheiden.“

„Ob Rundfunk und Fernsehen heutzutage noch als Staatsaufabe ihre Berechtigung haben, da über Kabel und Satellit Programme aus der ganzen Welt empfangen werden können, mag dahingestellt bleiben. […] Die gesetzlich verordnete Janusköpfigkeit des ORF-Stiftungsrates als parlamentarisches Gremium einerseits und als Fachleutegremium andererseits ist ein Beispiel für das offenbar unausrottbare Bestreben der Politik, die Bürger über ihre Absichten im Unklaren zu lassen. […] Weder die Zusammensetzung noch das Kreationsverfahren dieser Organe [Anm: Stiftungsrat und Publikumsrat] wird den vom Gesetzgeber vorgegebenen Zielen gerecht, einen parteifreien öffentlichen rundfunk zu ermöglichen und die Hörer- und Seherschaft daran angemessen zu beteiligen.“

„Unsere in Gesetzgebung und Verwaltung tätigen Juristen sind geprägt vom Rechtspositivismus. […] Generationen von Juristen in Österreich wurde das positivistische Denken angelegt wie den Fiakerpferden die Scheuklappen. Jedwede nicht am 'positiven', das heißt am geschriebenen Recht orientierte Betrachtung sollte als unwissenschaftlich vermieden werden. Kriterien wie Nachsicht Menschlichkeit, Lebenserfahrung, Vertrauen oder auch Misstrauen haben außer Betracht zu bleiben.“

„Nach dem allgemeinen Verständnis von Demokratie sind alle Bürger berufen, zu bestimmen, was rechtens ist. […] Doch der vorgebliche 'Souverän' wird wie ein unmündiges Kind nach längst überholter Pädagogik durch Zufügung von Leid, also Strafen von Sebst- wie Gemeingefährdung abgehalten. […] Der autoritärer Pädagogik enstammende Spruch 'Ein gutes Kind gehorcht geschwind' gilt bei Gesetzen auch für den erwachsenen Staatsbürger und angeblichen Souverän: 'Gesetze hinterfragt man nicht, folgen ist des Bürgers Pflicht!'“

„Wir haben ein ausdrückliches Recht auf Freiheit, bei dem allerdings hauptsächlich von den Umständen die Rede ist, unter welchen man verhaftet werden darf, nicht aber von den Grenzen staatlicher Einflussnahmen auf den freien Menschenwillen.“

„Die rechtspositivistisch orientierte österreichische Bundesverfassung kennt keien 'sozialen Kräfte' [Anm: gemäß Montesquieu das Volk, der Adel, der König; heute sinngemäß die politischen Parteien, Interessensverbände, Zivilgesellschaft], sondern nur staatliche Organe, die in einem arbeitsteiligen Verfahren 'Gesetzgebung' und 'Vollziehung' ausüben. […] Diese Nomenklatur ist längst nicht mehr geeignet, staatliche Tätigkeiten umfassend zu beschreiben. Ein immer größer werdender Teil der Regierungstätigkeit besteht in Planungen, in unternehmerischer Tätigkiet, in Herstellung und Pflege von allerlei Beziehungsgeflechten zwischen öffentlichen und privaten Rechtsträgern, in Kultur- und Freizeitmanagements, in Werbe- und Marketingstrategien und in vielem anderen mehr. Allen diesen Aktivitäten ist gemeinsam, dass sie ohne ausdrücklichen gesetzlichen Auftrag vor sich gehen und lediglich durch politische Programme der Parteien, Einflüsse von Märkten oder Interessen ziviler Gruppen gesteuert werden und daher nicht als Vollziehung von Gesetzen bezeichnet werden können.“

Karl Lengheimer

Politgebiete. Einblick in die politische Wirklichkeit.

Steinverlag Bad Traunstein, 2012