Leys Tatyana: Das kleine Buch zum neuen Denken

Transhumanismus

„Ein neues Denken wird die Grundvoraussetzung für alles Zukünftige sein.“ Ein schwerwiegender Satz mit unglaublicher Leichtigkeit formuliert. Das schafft die Autorin Tatyana Leys immer wieder in ihrem „Kleinen Buch zum neuen Denken“. Wenn die Autorin ihre Gedanken, Überlegungen und Analysen entwickelt, dann „in typisch weiblicher Art höchst willkürlich“ - und wie ein "gelernter Philosoph" neidlos anerkennen muss: unbeschwert, tiefschürfend und treffsicher!

„Panik macht sich in mir breit, nicht zuletzt deshalb, weil sich die Gründe der Krise nicht benennen lassen, da alles mit allem zusammenhängt und unser neoliberales System der Ursprung der Krise und die Krise selbst ist.“

„Das Web hat sich zu einem Überwesen entwickelt. Es kann als eigenes Sinnesorgan verstanden werden, als neues, gemeinsames Sinnesorgan aller Menschen. Mit dem globalen Sinnesorgan Web hat sich ein globales Bewusstsein herausgebildet, das weltweit Gefühle erzeugt. Dieses neue Sinnesorgan beeinflusst unsere Wirklichkeit und Wahrnehmung.“

„Wir leben im Zeitalter der digital vermittelten, gefühlten Wirklichkeit. Postfaktisch gesehen kommt uns das sehr entgegen. Während wir bisher damit beschäftigt waren, die Wahrheit heraus zu finden, können wir uns sozialmedial auf unser Gefühl verlassen. Das erleichtert unsere Arbeit und reduziert den Stressfaktor enorm. Unser rationales Denken rückt in den Hintergrund und unsere Gesellschaft kann sich neu formieren. Damit sind wir zu einer Gesellschaft emotionaler und getriebener Wesen mutiert.“

Diese Zitate sind elementar, denn das „kleine Buch zum neuen Denken“ ist auch ein Handbuch des Transhumanismus. „Der Transhumane ist ein Mensch, der über den Menschen hinausgewachsen, sprich mit besseren Fähigkeiten ausgestattet, die Welt und sich neu definiert. Es geht um die Optimierung und Verbesserung des ganze Menschen. Diese Optimierung betrifft alle Bereiche, sowohl auf geistiger, körperlicher und emotionaler Ebene.“ Mit diesem Handbuch des Transhumanismus liefert die Autorin nicht nur Denkanstöße, sondern auch den derzeit besten Überblick über die Thematik.

Tatyana von Leys bringt kurz und prägnant die wichtigsten Argumente, Pro und Contra, von Ray Kurzweil bis Jürgen Habermas und thematisiert auch künftige ethische Probleme, denn die „Schnittstelle zwischen Mensch, Bewusstsein und Technologie wird zu einer der wichtigsten politischen Fragen werden … Die Technik ist zur politischen Kraft geworden.“

Resümee: Auch wenn die Autorin große Hoffnungen in die Technik setzt und Chancen sieht, dass die Welt der Transhumanen eine bessere Welt sein wird als die Welt des Homo faber und des Homo sapiens, ist Skepsis angebracht, dass die biotechnologische Revolution in 20 Jahren das schaffen könnte, was die Evolution der Menschheit in den vergangenen 200.000 Jahren, das Christentum in den vergangenen 2000 Jahren, die Aufklärung in den vergangenen 200 Jahren nicht geschafft haben: einen Menschen, der das Prädikat menschlich verdient.

SIEHE AUCH: Artikel über das Buch und Bilder der Künstlerin auf pressetext.com (14.11.2018)

Tatyana Leys

Das kleine Buch zum neuen Denken

Technik und Macht = Evolution neu gedacht

ISBN: 978-3746054513 BoD, 2018

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Strolz Matthias: Warum wir Politikern nicht trauen

„Ich liebe Politik.“ Mit diesem Satz endet das Buch „Warum wir Politikern nicht trauen und was sie tun müss(t)en, damit sich das ändert“, das Matthias Strolz 2011 publiziert hat. Zwei Jahre später ist er als NEOS-Chef in den Nationalrat eingezogen. Die Politik war sein Lebensabschnittspartner, dem er 2018 wieder den Rücken gekehrt hat. Seine Familie war ihm wichtiger.

Im ersten Teil des Buches geht der Autor der Frage nach, welche Dynamiken die Glaubwürdigkeit zersetzen. Und im zweiten Teil verspricht er den „Aufbruch in eine neue Glaubwürdigkeit“. Seinen Aufbruch, denn das Buch kann durchaus als Programmschrift für seine kommende Tätigkeit als Politiker sein. Als Berater von Politikern war er vorher unter anderem sechs Jahre lang ein Potenzialträger-Programm für den ÖVP Wirtschaftsbund geleitet. Dabei hat er erlebt, dass die auf „Highlife-Dynamik“ getrimmten Teilnehmer über die Schattenseiten des Politikerdaseins wenig wissen (wollen).

Gegen Politiker-Bashing wendet sich der Berater, auch gegen das Vorurteil, die „Ochsentour“ einer Politikerkarriere sei anrüchig, denn oft müsse man viele Jahre ehrenamtlich tätig sein, bis sich die Türen zu einem bezahlten Politikerjob öffnen. Strolz geht noch einen Schritt weiter: „nichts unterscheidet die ‚Ochsentour‘ eines politikers qualitativ vom Karriereklettern eines Managers auf den verschiedenen Sprossen der firmeninternen Hierarchie.“ Dafür braucht man Frustrationstoleranz – der Berater findet dafür einen eleganteren Begriff: „Resilienz“. Dabei geht es um die Frage, wie man seine Widerstands- und Krisenfestigkeit steigert.

Zwei weitere Faktoren für die ideale Politiker-Persönlichkeit sind: „Identität: Wie handle ich im Einklang mit meinem eigenen Wesen und meinen Werten? Passion: Wie entwickle und halte ich meine Leidenschaft?“ Darüber hinaus brauchen Manager ebenso wie Politiker drei Führungsqualifikationen, und zwar „Systembewusstsein: Wie erkenne, nutze und gestalte ich Beziehungen und Kommunikation innerhalb und außerhalb unserer Organisation? Resonanzfähigkeit: Wie gelingt es mir, frühzeitig leise Signale zu hören? Ambiguitätstoleranz: Wie verhält sich unsere Organisation in widersprüchlichen, unsicheren und ergebnisoffenen Situationen?“

Strolz hat immer Politik mit Emotionen betrieben, die Begründung dafür findet sich in seinem Buch: „die Rationalisierung als prioritärer Weg der Daseinsbewältigung hat sich als Utopie erwiesen. ‚Alles, was im Gehirn keine Emotionen auslöst, ist für das Gehirn wert-, sinn- und bedeutungslos‘“, zitiert er den Politikberater Hans-Georg Häusel. Emotionen sollten die Politiker daher nicht den Populisten überlassen. Als Vorbild zitiert Strolz die Autorin Marie von Ebner-Eschenbach: „Wahre Liebe fordert nicht, wahre Liebe gibt. Sie ist eine Entgegenkommen, ein Geben, aber auch ein Annehmen. Wahre Liebe ergreift nicht Besitz, sondern gibt Freiheit.“ (S. 94)

Doch am Ende geht es in der Politik nicht um Emotionen, sondern um Macht. Wer nicht bereit oder gewillt ist, den Führungsanspruch zu stellen, sollte zuhause bleiben. Doch wer sich als junger Abgeordneter zu schnell profilieren will, fährt leicht an die Wand (wie auch Ex-ÖVP-Obmann Reinhold Mitterlehner in seinen Erinnerungen nachdrücklich schildert).

Strolz meint dazu: „Der Klubzwang paralysiert das freie Mandat und offizielle Sprachregelungen überwuchern die persönlichen Überlegungen. Auch die spezifischen Rekrutierungsmechanismen der Parteien […] legen nahe, dass es die reife Persönlichkeit in der Politik nicht leicht hat.“

Die Parteien sind jedoch für eine Demokratie unersetzlich, meint Strolz. „Die Legitimation oder Notwendigkeit von Parteien in Frage zustellen […] halte ich für hochgradig naiv.“ Die Funktion der Parteien beschreibt er idealtypisch, vielleicht ein bisschen zu idealistisch: „Politische Organisationen, allen voran Parteien, sind soziale Integrationsveranstaltungen. Sie haben in unserem System einen ‚Bündelungsauftrag‘. Ihre Aufgabe in einer Demokratie ist es, Ideen, Überzeugungen und Werthaltungen zu formen und zu synchronisieren, auf dass politische Entscheidungen im Diskurs miteinander möglich werden.“

Parteiinterne Spannungsverhältnisse zwischen Visionen und Ausrichtung an Meinungsumfragen sind vorprogrammiert. „Tatsächlich öffnet das freie Mandat des individuellen Abgeordneten eine spannungsvolle Beziehung zur Vision der Gesamtpartei. Wie lassen sich die persönlichen Vorstellungen der einzelnen Abgeordneten und deren Verhalten mit der Linie der Gesamtpartei synchronisieren? Jeder, der einmal so eine Orchestrierungsaufgabe wahrzunehmen hatte […] wird anschließend Sympathie und Verständnis für das mitunter garstige Instrument des Klubzwangs haben.“

Die Relativierung des freien Mandats durch den Gründer einer liberalen Partei ist enttäuschend. Der Artikel 56 des Bundes-Verfassungsgesetzes (Absatz 1) ist eindeutug: „Die Mitglieder des Nationalrates und die Mitglieder des Bundesrates sind bei der Ausübung dieses Berufes an keinen Auftrag gebunden.“

Es war bislang nicht bekannt, bis zu welchem Grad die NEOS den Klubzwang im Nationalrat ausüben oder ausgeübt haben. Auf Anfrage antwortete Matthias Strolz (Mail vom 8.6.2020): „Die NEOS haben in ihrem Grundsatzprogramm das verfassungsrechtlich garantierte 'freie Mandat' nochmals als gemeinsames Bekenntnis hervorgehoben. Jeder Abgeordnete soll sich - gerade auch in seinen Interaktionen mit der Parteiführung und der Fraktionsführung im Parlament - nicht nur auf die Verfassung sondern auch auf die formulierten Grundüberzeugungen der Bewegung und Partei berufen können. Das freie Mandat wird daher von NEOS jederzeit hochgehalten. Natürlich ist es die Aufgabe eines/r Fraktionsführers/in einer Partei in einem Parlament, nach Möglichkeit gemeinsame Handlungs- und Entscheidungslinien zu orchestrieren. Das soll nie unter Zwang passieren, aber bedarf einem sehr hohen Aufwand an ‚Integrationsarbeit‘. Ohne gemeinsame Linien verliert eine Partei ihr Profil und ihre Wiedererkennbarkeit für Wähler/innen. Sie könnte ihre Aufgabe als ‚soziale Integrationsveranstaltung" und ihre "Kanalisierungsfunktion für politische Anliegen‘ nicht mehr wahrnehmen und würde mit hoher Sicherheit auch nicht mehr gewählt werden (‚Wofür denn genau?‘, würde sich ein/e Wähler/in fragen.). So haben wir es unter meiner Führung dann auch im Parlamentsalltag gelebt: Wir hatten einen hohen Grad an Gemeinsamkeit, aber im Vergleich zu den anderen Parlamentsparteien in Österreich auch das höchste Level an ‚Abweichungen von der Klublinie‘, wie es im Parlamentsjargon heißt. In absoluten Zahlen war das sehr überschaubar, aber intern gingen solchen Ereignissen freilich immer sehr intensive Debatten voraus. Ich denke, wir haben hier einen guten Weg gefunden, nachhaltige und sachorientierte Parlamentsarbeit ohne Klubzwang zu organisieren und für die Wähler/innen doch in hohem Grad *wiedererkennbar‘ zu sein.“

Matthias Strolz

Warum wir Politikern nicht trauen … und was sie tun müss(t)en, damit sich das ändert

K & S ISBN 978-3-218-00821-1, 2011

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Kreutner Bernhard: Gefangener 2959

Denkmal opfern des faschismus

Die Internationale Gedenk- und Befreiungsfeier in der KZ-Gedenkstätte Mauthausen am 16. Mai 2021 widmete sich der Vielfalt der Opfergruppen, die von den Nationalsozialisten verfolgt, vertrieben, interniert und ermordet wurden. Dazu zählt der Priester Heinrich Maier, der kurz vor Ende des Krieges im Wiener Landesgericht hingerichtet wurde. Der Autor Bernhard Kreutner hat die Geschichte von Maiers kurzem Leben erforscht.

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Saenger Hans: Fluwatch

Von 16. März bis 25. Mai 2020 hat Hans Saenger ein "Seuchentagebuch" geschrieben. Die laufenden Meldungen zum Lockdown, die wir über die Hofberichterstattung des ORF und der Tageszeitungen ungefiltert und unkritisch aber frei Haus geliefert bekamen, bleiben in den Betrachtungen von Saenger Gott sei Dank ausgespart. Der Autor lässt uns an seinen Reflexionen teilhaben, die er in einem unaufgeregten, fein geschliffenen Stil vorträgt. Seine erfrischenden Ausführungen - basierend auf klassischer Bildung - geben Hoffnung, dass die Gleichschaltung der Menschheit durch Corona niemals flächendeckend möglich ist.

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Voltaire: Über die Toleranz

Spätestens seit dem Scheitern der „Willkommenskultur“ ist es nicht mehr populär, wenn man über Toleranz spricht, geschweige denn, sie verteidigt. Trotzdem, oder gerade deshalb ist es angebracht einmal nachzuschlagen, was „einer der meistgelesenen und einflussreichsten Autoren der Aufklärung“ (Quelle: wikipedia) dazu zu sagen hat: Voltaire.

Um die Notwendigkeit der Toleranz zu begründen folgt der Philosoph historischen Spuren der Intoleranz. Dabei geht er zurück bis ins Alte Testament und stellt die Frage: „War die Intoleranz dem göttlichen Rechte im Judentum gemäß, und ist sie stets in Ausübung gebracht worden?“ In seiner Beantwortung verweist Voltaire auf zahlreiche Bestialitäten der Juden, die in den Büchern Mose akribisch aufgezeichnet wurden. Angesichts der teilweise schonungslosen Abrechnung des Christen mit dem Judentum klingt Votaires Resümee fast wie die Absolution eines Priesters: „Wenn man das Judentum in der Nähe betrachtet, so erstaunt man über die größte Toleranz unter so vielen Greueln. Freilich ein Widerspruch; aber die meisten Völker sind von Widersprüchen regiert worden. Glücklich der Widerspruch, der sanfte Sitten erzeugt, wo man blutige Gesetze hat.“

Voltaires Auslegung der schlimmsten im Alten Testament geschilderten Greueltaten als Allegorien klingt plausibel, wenn man den Hinweisen glauben kann, dass die Fünf Bücher Mose (der Pentateuch) erst viele Jahrhunderte nach Mose niedergeschrieben wurden. So könnten diese Geschichten nicht als Aufzeichnung historischer Fakten, sondern zur Abschreckung von Abrahams Nachkommen und seiner Feinde gedient haben.

Einen fundamentalen Widerspruch kann der aufgeklärte Philosoph und gläubige Christ, der 1694 in Paris geboren, viele Jahre im Dienste verschiedener Herrscher Europas gestanden und 1778 verstorben ist, jedoch nicht auflösen: das Gebot der Anbetung des einen, allmächtigen Gottes und das Verbot der Anbetung anderer Götter (Götzendienst) ist seinem Wesen nach intolerant. Mehr noch: der Begriff „Toleranz“ kommt in der Bibel an keiner einzigen Stelle vor, auch wenn viele Stellen der Evangelien von aufgeklärten Christen und sogar von Theologen heute gerne als Aufforderung zu tolerantem Verhalten interpretiert werden.

Doch zurück zum Kern von Voltairs Schrift, die er als „Bittschrift, welche die Humanität ganz untertänig der Macht und der Einsicht vorlegt“ bezeichnet, zu seinem Essay „Über die Toleranz; veranlaßt durch die Hinrichtung des Johann Calas im Jahre 1762“. Einleitend erinnert der Autor daran, dass auch mehr als ein Jahrhundert nach dem Westfälischen Frieden immer noch Glaubenskonflikte zu letalem Ausgang für diejenigen führen können, die dem „falschen“ Glauben anhängen. Hier die Geschichte kurz gefasst:

„Johann Calas, ein Mann von achtundsechzig Jahren, lebte seit länger als vierzig Jahren zu Toulouse als Handelsmann, und alle, die ihn kannten, hielten ihn für einen guten Vater. Er war Protestant und seine Frau und Kinder gleichfalls, außer ein Sohn, der die Ketzerei abgeschworen hatte und dem der Vater ein kleines Jahresgeld auszahlte. … Aus Verdruß beschloss er [der Sohn], seinem Leben ein Ende zu machen, und ließ sich dies auch merken gegen einen seiner Freunde. … Endlich, als er einmal sein Geld im Spiel verloren hatte, wählte er gerade diesen Tag zur Ausführung seines Vorhabens. … Irgendein fanatischer Kopf aus dem Pöbel rief, Johann Calas hätte seinen eigenen Sohn Mark-Anton erhängt. Im Augenblick wiederholte dies ein einstimmiges Geschrei. … Der Capitoul oder Bürgermeister David, den dieser Lärm in Bewegung brachte, wollte sich durch eine schnelle Exekution in Kredit setzen und verfuhr gegen Regel und Gesetz. Er ließ die Familie Calas, die katholische Magd und den [Freund des Selbstmörders] Lavaisse in Fesseln legen. … Dreizehn Richter versammelten sich täglich, um den Prozeß zu beendigen. Man hatte keinen Beweis gegen die Familie. Man konnte keinen haben. Aber die betrogne Religion diente an Beweises statt.“

Dass Voltaire den Protestantismus unverhohlen als „Ketzerei“ bezeichnet, zeigt, wie stark auch unabhängige Denker in ihrer Zeit und in ihrem Milieu verhaftet sind. Abgesehen davon zeigt er akribisch auf, dass die Glaubensfanatiker sich in zahlreiche Widersprüche verwickeln und vernünftigen Argumenten nicht zugänglich sind. Dazu gehört auch, dass uns Voltaire erzählt, dass der seelisch geschundene Vater schließlich unter Beifall des Mobs gerädert wurde und dabei Gott um Vergebung für seine Peiniger gebeten hat. Aber keine Kritik, nicht einmal ein Nebensatz über die Abscheulichkeit dieser mittelalterlichen Foltermethode!

Auch die treibenden Kräfte der Französischen Revolution haben sich oft und gern auf Voltaire berufen, und in seinem Geiste die Todesstrafe „humanisiert“. Denn die Todesstrafe überhaupt in Frage zu stellen, war offenbar für die ersten aufgeklärten Menschen Europas undenkbar. Man war lediglich bereit, die stückweise, langwierige Zertrümmerung der Gliedmaßen des Verurteilten zu ersetzen durch eine fortschrittliche Maschine: die Guiolltine – die „humane Hinrichtung“ war damit schmerzfrei - Kopf ab ganz ohne Qualen. 30 Jahre nach Calas' Hinrichtung wurde von der Pariser Nationalversammlung die Guillotine als einziges Instrument zur Hinrichtung eingeführt.

Wie Chronisten akribisch zusammengezählt haben, wurden vom Revolutionstribunal 1579 Todesstrafen verhängt. Hingerichtet wurde – so wie zu besten Zeiten der Glaubenskriege – nicht aufgrund nachweislicher Straftaten, sondern aufgrund der „falschen“ Glaubensinhalte, oder auch der falschen Anstandsregeln, die sich vom jeweiligen Stande ableiteten. Und später auch die „Verräter“ der „reinen Glaubenslehre der Revolution“. Die brühmtesten Opfer waren Marie Antoinette, Georges Danton und der Revolutionsführer Robesbierre selbst.

Dieser fortschrittliche Humanismus hat in Frankreich 200 Jahre überlebt, erst 1981 hat Präsident Francois Mitterand die Todesstrafe abgeschafft, seit 2007 ist sie verfassungsmäßig verboten. Doch zurück zu Calas. Das Oberste Gericht in Paris („die Einsicht“) hat mehrere Jahre später das Urteil aufgehoben und die Familie inklusive der mitangeklagten katholischen Hausgehilfin vollständig rehabilitiert. Der König selbst („die Macht“) hat den Hinterbliebenen 36.000 Livres ausbezahlt. So konnte die „Bittschrift“ eines Philosophen („die Humanität“) zu Beginn der Aufklärung noch etwas bewirken, während philosophische Schriften im Zeitalter der „Messagecontrol“ durch die Parteien nicht die geringste Chance haben bis zu jenen Mächtigen durchzudringen, die zu wichtigen politischen Einsichten im Geiste der Humanität gelangen sollten.

Der Suhrkamp-Verlag hat diese Schrift nach den Anschlägen auf „Charlie Hebdo“ (Paris im Jänner 2015) publiziert und bewirbt sie bis heute mit dem knalligen Slogen „Der Bestseller aus Frankreich“. Und etwas subtiler: „Voltaires 1763 erschienenes Plädoyer für Toleranz zwischen den Religionen war nie so aktuell wie heute.“ Löst das Buch dieses Versprechen ein? Nach wie vor gültig sind aus heutiger Sicht zumindest zwei bedenkenswerte Stellen. Im Vorspann zu seiner „Bittschrift“ definiert Voltaire Toleranz und Intoleranz (= Fanatismus):

„Was ist Toleranz? Sie ist Menschlichkeit überhaupt. Wir sind alle gemacht aus Schwächen und Fehlern; darum sei es Naturgesetz, daß wir uns wechselseitig unsere Dummheiten verzeihen.

„Der Fanatismus verhält sich zum Aberglauben wie der Wahn zum Fieber oder die Raserei zum Zorn. … Alle Fanatiker sind Schurken mit gutem Gewissen und morden in gutem Glauben an eine gute Sache. … Wir wollen uns darauf beschränken, Gott morgens und abends zu bitten, uns von den Fanatikern zu erlösen.“

Man muss an der Stelle daran erinnern, dass nicht der Glaube an sich (das ist nach Immanuel Kant der Bereich, der sich dort öffnet, wo die Vernunft an die Grenzen der Erkenntnis stößt), sondern die „Glaubenswahrheit“, das ist der dogmatische Anspruch auf universelle Gültigkeit eines Glaubensinhaltes (z.B. die Überzeugung es gebe nur ein richtiges Gottesdienstritual) zur Intoleranz führt, nein genauer gesagt: die Intoleranz bereits im Kern der Aussage impliziert! Im Übrigen sollte klar sein: es gibt keine Toleranz für die Intoleranz. Das ist kein Paradoxon, sondern die Logik der Toleranz.

Voltaire

Über die Toleranz

Suhrkamp Berlin, 2015

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Rousseau Jean-Jacques: Vom Gesellschaftsvertrag

Jean Jacques Rousseau Pastell

„Vom Gesellschaftsvertrag oder Die Grundlagen des politischen Rechts“ erschien erstmals 1762 in Amsterdam und wurde umgehend in weiten Teilen Europas verboten. Logischer Weise in Frankreich, wo ein absoluter Herrscher kein Interesse an demokratischen Ideen haben konnte, aber auch in Genf, wo Rousseau 1712 geboren ist, und wo die Themen Volkssouveränität und Verfassung seit Beginn des 18. Jahrhunderts zu intensiven politischen Auseinandersetzungen geführt haben.

Foto gemeinfrei: Jean-Jacques Rousseau, Pastell von Maurice Quentin de La Tour, 1753

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Friedell Egon: Kulturgeschiche der Neuzeit

Egon Friedell

"Die ganze Geistesgeschichte der Menschheit ist eine Geschichte von Diebstählen. [...] Alexander bestiehlt Philipp, Augustinus bestiehlt Paulus, Giotto bestiehlt Cimabue, Schiller bestiehlt Shakespeare, Schopenhauer bestiehlt Kant. Und wenn einmal eine Stagnation eintritt, so liegt der Grund immer darin, daß zu wenig gestohlen wird. Im Mittelalter wurden nur die Kirchenväter und Aristoteles bestohlen: das war zu wenig. In der Renaissance wurde alles zusammengestohlen, was an Literaturresten vorhanden war: daher der ungeheure geistige Auftrieb, der damals die europäische Menschheit erfaßte. Und wenn ein großer Künstler oder Denker sich nicht durchsetzen kann, so liegt das immer daran, daß er zu wenig Diebe findet. Sokrates hatte das seltene Glück, in Plato einen ganz skrupellosen Dieb zu finden, der sein Handwerk von Grund aus verstand: ohne Plato wäre er unbekannt.“

Heute ein Plagiat von Friedells epochaler Kulturgeschichte zu fabrizieren, wäre so leicht wie nie zu vor. Denn sein Werk ist vollständig im Internet auf dem Projekt Gutenberg abrufbar.

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Ferguson Niall: Der Westen und der Rest der Welt

Zur Frage, wie die Gegenwart mit der Vergangenheit zusammenhängt schreibt der britische Historiker Niall Ferguson: „Der Historiker ist kein Naturwissenschafter. Aus seinen Beobachtungen können keine allgemein gültigen Gesetze für gesellschaftliche und politische Abläufe abgeleitet werden, (…). Die eigentliche Funktion der historischen Erkenntnis besteht darin, die Menschen über die Gegenwart aufzuklären, da der sichtbare Inhalt der Vergangenheit ein 'für das ungeschulte Auge nicht auf Anhieb erkennbarer' Bestandteil der Gegenwart ist und einen Teil von ihr darstellt.“

SIEHE AUCH: Roberts John Morris: Der Triumph des Abendlandes (erschienen 1985)

Das Zitat stammt aus seinem Buch „Der Westen und der Rest der Welt“ - nicht gerade ein politisch korrekter Titel. Politisch korrekt wäre der Titel „Der Westen, der Norden, der Süden und der Osten“, denn wie kommt denn der Rest der Welt dazu, sich als "Rest der Welt" diffamieren zu lassen? Doch Ferguson hat einen Grund, genauer gesagt eine Arbeitshypothese, die der Titel seines Buches impliziert. Darin möchte der Professor für Geschichte an der Harvard University zeigen, „dass es sechs Bereiche von neuartigen Institutionen und die damit verbundenen Ideen und Verhaltensweisen waren, die den Westen vom Rest der Welt unterschieden und seine globale Macht begründeten.“

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Mandela Nelson (Rolihlala): Der lange Weg zur Freiheit

Nelson Mandela 2008

"Long Walk to Freedom", so der Original-Titel der Biografie von Nelson Mandela, ist 1994 erschienen, die deutsche Übersetzung 1997. Das Buch ist immer noch lehrhaft und sogar populär, wie die 23. Auflage der Taschenbuchausgabe 2019 beweist.

"Außer dem Leben, einer starken Konstitution und einer dauerhaften Verbindung zum Thembu-Königshaus gab mir mein Vater bei meiner Geburt nur einen Namen mit, Rolihlahla. Wörtlich bedeutet Rolihlala: 'Am Ast eines Baumes ziehen', doch der umgangssprachliche Sinn lautet ziemlich genau: 'Unruhestifter'. [...] Ich bin ein Angehöriger des Madiba-Clans, der nach einem Thembu-Häuptling benannt ist, der im 18. Jahrhundert in der Transkei herrschte. Oft spricht man mich mit Madiba an, meinem Clan-Namen, was als respektvolle Bezeichnung gilt."

Aus europäischer Sicht ist es ungewöhnlich, dass der spätere Untergrundkämpfer aus einer adeligen Familie stammt. Sein Vater war "Häuptling nach Abstammung und Brauchtum" (S. 12), der nach einem Zwist mit dem Magistrate (hochrangiger weißer Verwaltungsbeamter) verbannt wurde und Titel und Vermögen verlor. Seinen Unterhalt musste er danach als Grubenarbeiter verdienen, wo er sich eine Staublunge zuzog und früh verstarb. Sein Sohn war damals neun Jahre und im Dorf seiner Verbannung als Hirtenjunge tätig. Der Regent, dem sein Vater vor der Verbannung als Berater gedient hatte, holte Rolihlahla an seinen Hof, womit der Junge die Chance auf eine solide Ausbildung erhielt. Von seiner ersten Lehrerin in der Methodisten-Schule erhielt der den Namen Nelson.

Mit 16 Jahren kam Nelson an ein College nach Clarkebury und schaffte es mit 21 Jahren an die Universität von Fort Hare, "bis 1960 die einzige höhere Bildungsanstalt für Schwarze in Südafrika". Waren Nelsons Jugendträume noch relativ traditionell und auf beruflichen Erfolg ausgerichtet, begann er hier allmählich zu begreifen, "daß man sich die dutzendfachen kleinen Demütigungen, denen sich ein Schwarzer täglich ausgesetzt sah, nicht gefallen lassen mußte". 

In den Ferien zuhause eröffnete ihm der Regent, dass er für Nelson eine Ehefrau ausgewählt habe. "Der Regent handelte in Übereinstimmung mit Gesetz und Brauchtum der Thembu, und seine Motive waren untadelig", doch diese junge Dame war schon seit langem in Nelsons Freund Justice verliebt. Außerdem wollte Nelson niemandem das Recht zugestehen, eine Braut für ihn auszusuchen. Während er noch nicht im geringsten daran dachte "das politische System des weißen Mannes zu bekämpfen, war ich durchaus bereit gegen das soziale System meines eigenen Volkes zu rebellieren." (S. 81) Daraufhin folgte eine abenteuerliche Flucht. Gemeinsam mit Justice schlug er sich bis Johannesburg durch. Nach einigen Jobs konnte er dort in der Kanzlei des Anwalts Lazar Sidelsky beginnen - am Anfang als Clerk und Bote. In Abendkursen studierte er Jus.

Sein Regent kam 1941 (Nelson war 23 Jahre) nach Johannesburg und suchte eine Unterredung mit dem Flüchtigen. "Ich rehabilitierte mich bei ihm und fand gleichzeitig meine Achtung für ihn und das Königliche Haus der Thembu wieder." (117] Ein Jahr später bestand Nelson die Schlussprüfung für seinen B.A. Beeindruckt von dem politischen Aktivisten Gaur Radebe, nahm Mandela 1943 erstmals an politischen Aktion gegen die Preiserhöhung von Busfahrten teil.

Anwalt Sidelsky warnte Mandela: "Sie werden Ärger bekommen mit den Behörden, die bei Ihrer Arbeit oft Ihre Verbündeten sind. Sie werden alle Ihre Klienten verlieren, Sie werden bankrott gehen, Sie werden Ihre Familie zerstören, und Sie werden im Gefängnis landen. Das alles geschieht, wenn Sie in die Politik gehen." (125) Diese Prophezeiung sind eine kurze, aber trotzdem exakte Inhaltsangabe der folgenden 700 Seiten von Mandelas Autobiografie. Nelson bestätigt: "Eine erfolgreiche Karriere und ein ordentliches Einkommen waren nicht länger meine letzten Ziele." 

Im dritten Teil seines Buches schildert Nelson "die Geburt des Freiheitskämpfers". Es ist unmöglich die zahlreichen Details dieser Entwicklung in Kürze wiederzugeben. Aber man könnte als Geburtsstunde eine Art Proklamation sehen, mit der dieser Teil seines Lebens beginnt: "Afrikaner in Südafrika zu sein bedeutet, daß man von Geburt an politisiert ist, ob man es zugibt oder nicht. [...] Wenn das Kind heranwächst, kann es einen Arbeitsplatz nur für Afrikaner erhalten, ein Haus in einer Township nur für Afrikaner mieten und kann jederzeit, bei Tag und Nacht, angehalten und nach seinem Ausweis gefragt werden. Wenn es seinen Ausweis nicht bei sich hat, wird es festgenommen und ins Gefängnis gesteckt. Sein Leben ist eingerahmt von rassistischen Gesetzen und Regeln. [...] Ich hatte keine Erleuchtung, keine einzigartige Offenbarung, keinen Augenblick der Wahrheit; es war eine ständige Anhäufung von tausend verschiedenen Dingen, tausend Kränkungen, tausend unerinnerten Momenten, die Wut in mir erzeugten, rebellische Haltung, das Verlangen, das System zu bekämpfen, das mein Volk einkerkerte." 

Kaum zehn Jahre später war für Mandela klar: "Der Kampf ist mein Leben" (so der Titel des vierten Teils). Wichtiger Teil dieses Lebensabschnittes war der Volkskongress 1955 und die Entwicklung der Freiheits-Charta als Grundlage für den Freiheitskampf, mit der Präambel, "dass Südafrika allen gehört, die dort leben, Schwarze wie Weiße, und daß keine Regierung rechtmäßig Autorität beanspruchen kann, solange sie nicht auf dem Willen des Volkes beruht; daß unsere Menschen ihrer Geburtsrechte auf Land, Freiheit und Frieden beraubt worden sind durch eine Form der Regierung, die auf Unrecht und Ungleichheit gründet; daß unser Land niemals prosperieren und frei sein wird, ehe nicht all unsere Menschen in Brüderlichkeit leben und gleiche Rechte und Chancen genießen..." 

Auch wenn diese Prinzipien von einer starken Vision und dem Willen zur Einheit zeugen, so führte die Umsetzung dieser Prinzipien doch immer wieder zu internen Flügelkämpfen im ANC und zu Konflikten mit anderen politischen Gruppierungen. Auch Mandela selbst änderte mehrmals seine Position. War er am Anfang für gewaltlosen Widerstand, so wurde er später zum Gründer der unabhängigen militärischen Einheit MK; er lehnte zu Beginn die kommunistische Unterstützung für den ANC ab, akzeptierte aber später die Kommunisten als Bündnispartner, da sie die einzige "weiße Partei" waren, die gegen die Apartheid auftrat.

Ab der Verhaftung 1956 und einem langen Prozess wegen "Landesverrats", der 1961 mit Freispruch aller 156 Angeklagten endete, lebte Mandela im "Bann", d.h. mit stark eingeschränkten Bewegungsmöglichkeiten. Umgehend nach dem Urteil wieder zur Haft ausgeschrieben, führte Mandela ein Leben im Untergrund, das nach 17 Monaten endete. Diesmal vergingen nur wenige Monate von der Verhaftung bis zum Verurteilung: fünf Jahre Haft. Ein Jahr später wurde eine neuerliche Verhandlung gegen Mandela und weitere Führungsmitglieder des MK wegen "Sabotage" und "Planung bewaffneten Kampfes" aufgenommen, die zu einem endgültigen Urteil für alle Angeklagten führte: lebenslänglich.

Lebenslänglich endete am 11. Februar1990. Mandela führte fast dreißig Jahre auf Robben Island seinen Freiheitskampf im Gefängnisalltag weiter: die meisten Beschwerden führten zu Verbesserungen im Gefängnisalltag - allerdings erst Jahre später. Auch internationale Delegationen, die Robben Island besuchten, führten zu vorübergehenden Erleichterungen. Geistig ungebrochen und innerlich frei unternahm Mandela 1989 einen Alleingang, um mit Regierungsvertretern über die Freilassung und die Zukunft des Landes zu verhandeln. Der Rücktritt von Präsident Botha im August 1989 beschleunigte den Prozess. Bis zur Wahl Mandelas zum ersten schwarzen Präsidenten des Landes vergingen noch vier Jahre mit vielen Verhandlungsrückschlägen und Gewaltausbrüchen.

Rückblickend schreibt Mandela: "Erst als ich zu begreifen begann, daß meine jugendliche Freiheit eine Illusion war, begann ich nach ihr zu hungern. [...] Freiheit ist unteilbar; die Ketten an jedem einzelnen aus meinem Volke waren die Ketten an ihnen allen, die Ketten an allen Menschen meines Volkes waren die Ketten an mir. [...] Ich bin nicht wahrhaft frei, wenn ich einem anderen die Freiheit nehme, genausowenig wie ich frei bin, wenn mir meine Freiheit genommen ist. Der Unterdrückte und der Unterdrücker sind gleichermaßen ihrer Menschlichkeit beraubt." 

Foto CC BY 2.0: Nelson Mandela in Johannesburg 2008

Anlässlich der Hochzeit seiner Tochter erklärt Mandela: "Wenn das Leben ein Kampf ist, wie es meins gewesen ist, bleibt wenig Raum für das Familienleben. Das habe ich immer am meisten bedauert, und es war der schwierigste Teil der Wahl, die ich getroffen hatte." 

Noam Chomsky über Nelson Mandela

Betrachten wir den Fall Nelson Mandela, der erst 2008 von der offiziellen Terroristenliste des Außenministeriums gestrichen wurde, so dass er ohne Sondergenehmigung in die Vereinigten Staaten reisen durfte. Zwanzig Jahre zuvor war er laut einem Pentagon-Bericht noch der kriminelle Anführer einer der weltweit ‚berüchtigsten Terrorgruppe‘ gewesen. (S.19). (Randbemerkung HTH: Mandela musste aufgrund seiner Aktivitäten gegen die Apartheidpolitik in seiner Heimat 1963 bis 1990 insgesamt 27 Jahre als politischer Gefangener in Haft verbringen. 1993 erhielt er den Friedensnobelpreis und 1994 bis 1999 war er der erste schwarze Präsident Südafrikas).

Der Beitrag Kubas bei der Befreiung Afrikas und der Beendigung der Apartheid wurde von Nelson Mandela hervorgehoben, als er endlich aus dem Gefängnis entlassen wurde. Zu seinen ersten Handlungen zählte die Erklärung, dass ‚Kuba während aller meiner Jahre im Gefängnis eine Inspiration und Fidel Castro ein Turm der Stärke gewesen sind. … Die kubanischen Siege zerstörten den Mythos der Unbesiegbarkeit der weißen Unterdrücker und inspirierten die kämpfenden Massen von Südafrika. … Welches andere Land kann auf eine Geschichte größerer Selbstlosigkeit verweisen als Kuba in seinen Beziehungen zu Afrika?‘ (S. 268f)

In Angola taten sich die Vereinigten Staaten mit Südafrika zusammen; gemeinsam gewährten sie Jonas Savimbis terroristischer UNITA-Armee die entscheidende Unterstützung. … Trotz der von den USA unterstützten weitreichenden mörderischen Terroroperationen in Angola trieben kubanische Truppen die südafrikanischen Aggressoren aus dem Land, zwangen sie, das illegal besetzte Namibia zu räumen und ebneten den Weg zu allgemeinen Wahlen in Angola. Nach seiner Wahlniederlage erklärte Savimbi, …. dass die Wahlen … ‚frei und fair verlaufen‘ seien … und setzte seinen terroristischen Krieg mit amerikanischer Unterstützung fort. (S. 268)

Zitate aus:  „Wer beherrscht die Welt? Die globalen Verwerfungen der amerikanischen Politik“. Das Buch ist 2016 erschienen.

Kaiser Daniel: Václav Havel. Der Präsident (1990-2003)

Kaiser Biografie Vaclav Havel 800

Der Journalist Daniel Kaiser hat auf Basis hunderter eigener Interviews und intensiver Studien der Primärquellen eine detaillierte Biografie Havels in seinen Jahren der Präsidentschaft von 1990 bis 2003 geschrieben, die 2017 in deutscher Fassung erschienen ist. Obwohl der Autor als Zeitzeuge Havels Präsidentschaft persönlich erlebt hat, bleibt er als Beobachter und Chronist konsequent neutral. Dies zeichnet das Buch aus.

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