Wien Museum würdigt Otto Neurath - Isotype bis Infografik

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Bildstatistik + Isotype + Pictorial + Infografik

15. Februar 2026 (Anmerkungen zum Katalog von HTH) - Otto Neurath (1882-1945), namhafter Vertreter des Wiener Kreises, wollte mit seiner Entwicklung der „Bildstatistik“ zu einem besseren Verständnis der Welt beitragen. Die „Wiener Methode der Bildstatistik“ konnte Neurath 1925-34 im Gesellschafts- und Wirtschaftsmuseum (GWM) zur vollen Entfaltung bringen. International wurde seine Methode als ISOTYPE (International System of Typographic Picture Education) bekannt. Infografiken sind heute in jedem Dokument und jedem Medium zu finden, ihren Durchbruch bis in den Büroalltag haben Infografiken wohl der Software „Powerpoint“ zu verdanken.

Das probate Mittel der 1920er und 1930er Jahre waren dagegen der Scherenschnitt und der Linolschnitt. Der Grafiker Gerd Arntz (1900-1988) prägte den Stil. Die reduzierten Formen aller Figuren und Gegenstände haben sich als Piktogramme buchstäblich an allen Ecken und Enden der zivilisierten Welt als Orientierungshilfen durchgesetzt.

Eine kurze Programmschrift, die Neuraths Denken am besten zum Ausdruck bringt, wurde im Jänner 1929 unter dem Titel „Statistik und Sozialismus“ publiziert.

Statistik ist für jeden denkenden Arbeiter auch ein wesentlicher Bestandteil der sozialistischen Ordnung. […] Die Statistik zeigt, in welchem Umfang für die Bevölkerung gesorgt ist, wie viele Menschen große, wie viele kleine Wohnungen haben, wie viel Brot, Milch, Fleisch auf die Kinder der verschiedenen Klassen entfällt, wie Tuberkulosesterblichkeit bei verschiedenen Einkommen verschieden ist, wie viel Krankheitstage und welche durchschnittliche Lebensdauer auf die verschiedenen Berufsgruppen entfallen. Die schwersten Anklagen gegen die kapitalistische Ordnung kann die Arbeiterschaft mit stärkstem Nachdruck auf Grund der Statistik erheben. Begreiflich, daß sehr wichtige Daten, die hierfür in Frage kommen, von bürgerlicher Seite nicht mit besonderem Eifer beschafft werden. Das Bürgertum sichert sich da weniger durch Lüge als durch ausgebreitete Sabotage. Es ist daher von größter Wichtigkeit, daß die Arbeiterschaft selbst über den statistischen Erhebungsapparat verfügt.

[…] Der Ausbau der öffentlichen Statistik beschäftigte das ganze 19. Jahrhundert , aber auch die wissenschaftliche Forschung wendete sich der Statistik von den verschiedensten Seiten her zu. Ein großer Teil der wirtschaftsstatistischen Erörterungen und Erhebungen beschränkte sich auf Geldsummen, auf Geldbilanzen, ohne immer die Sachmengen genügend zu berücksichtigen. Der Nationalreichtum usw. wurde in Geldbeträgen angegeben.

Aber der Mensch wurde nicht nur als Bürger, Soldat und Kaufmann erfaßt, man begann, sich auch um sein persönliches Verhalten, seine Körpergröße, seine Kriminalität zu kümmern, man bemerkte, daß sich menschliche Massen viel gleichmäßiger verhalten als man nach dem so verschiedenartigen Leben und Treiben der Menschen erwarten sollte. Die Zahl der Verbrechen bleibt annähernd gleich, ebenso die Zahl der Selbstmorde, aber auch die Zahl der Briefe, die ohne Adresse in den Briefkasten geworfen werden. Der durchschnittliche Mensch, der „mittlere Mensch“ wurde Gegenstand intensivster Untersuchungen. Damit waren vielfach Untersuchungen über den Zusammenhang zwischen Einkommen und Kriminalität verknüpft und nicht wenige Denker kamen zu der Anschauung, daß das Verhalten menschlicher Gruppen wesentlich von den sozialen Verhältnissen, der Schichtung der Einkommen usw. abhänge.

Aus der Statistik erwuchs der Opposition gegen die bürgerliche Ordnung mannigfache Anregung. Die Entwicklung der bürgerlichen Produktion ist wesentlich von einer mäßigen Pflege der Statistik abhängig. Aber das Dosieren ist schwer. Schafft sich einmal eine herrschende Klasse ein gesellschaftliches Instrument, so hat dies bald ein Eigenleben, welches nicht selten den Schöpfern der Institution unbequem wird. Das Proletariat wird die statistische Aufklärung übernehmen müssen, ebenso wie die Pflege der Wissenschaft im Sinne freier wissenschaftlicher Tradition; das Bürgertum, das offenbar innerlich gehemmt ist, der Statistik wie auch sonst der Wissenschaft freie Bahn zu lassen, wird den Versuch machen, die statistische Aufklärung in der Hand zu behalten, ähnlich wie dies auf dem Gebiete der Volksbildung geschehen ist.

Die Kriegswirtschaft hatte planmäßige Regelung der Produktion und des Verbrauches notwendig gemacht. Wie sehr den herrschenden Klassen dies widerstrebt, ersieht man daraus, daß all diese Ansätze zu einer Universalstatistik überall dort, wo die Herrschaft der bürgerlichen Ordnung fortdauert, wieder eingeschnürt sind. Nur in Rußland erfreut sich die Wirtschaftsstatistik im Zusammenhang mit den Bemühungen um einen Wirtschaftsplan eifriger Pflege, wobei es gilt, besonderer Schwierigkeiten Herr zu werden, die mit den sprunghaften Änderungen Zusammenhängen.“

Der vollständige Text findet sich in

WISSEN FÜR ALLE

ISOTYPE – die Bildsprache aus Wien

2025, Katalog des Wien Museums zur gleichnamigen Ausstellung

Herausgegeben von Günther Sandner, Werner Michael Schwarz, Susanne Winkler

Offenbar hat Neurath auch in Moskau Anklang gefunden; insbesondere sein Schlussabsatz im zitierten Aufsatz: „Statistik ist Werkzeug des proletarischen Kampfes! Bestandteil des sozialistischer Wirtschaftsweise, Freude des siegreich vordringenden Proletariats und nicht zuletzt Grundlage menschlichen Mitgefühls!“ So erhielten Neurath und sein Team die Einladung, an der Gründung des Izostat mitzuwirken.

Julia Köstenberger beleuchtet im vorliegenden Katalog Neuraths Moskauer Jahre von 1931-34. Sie zitiert einen Brief vom März 1932: „Als Sozialfaschist ist man natürlich ideologisch in Moskau völlig isoliert, aber als Spezialist kann man loyal sympathisierend am konkreten Aufbau mitwirken. […] Der Gesamterfolg der Sowjetarbeit ist jedenfalls kolossal, ganz gleich wie man im Einzelnen kritisiert […]“ Geradezu euphorisch äußerte sich Neurath im Juni 1932 in der Moskauer Rundschau: „In keinem Lande der Welt spielt die Statistik eine so große Rolle wie in der Sowjetunion. Der sozialistische Aufbau der Sowjetunion bringt ein rasches Anwachsen der Produktionsziffern, des Konsums und der Kulturarbeit.“

Allerdings waren die Zahlen nicht immer nachprüfbar. „Das Prinzip des GWM, grundsätzlich mit empirischen Daten zu arbeiten, wurde gebrochen. Viele Diagramme zum sozialistischen Aufbau enthielten Prognosen, die jedenfalls einen Erfolg des Fünfjahresplans zeigen sollten“, so Köstenberger, die weiters aus einen Brief an Rudolf Carnap zitiert: „Ich bin dort ein technischer Spezialist und enthalte mich aller Argumentation, die dort im allgemeinen nur zu Differenzen führen.“

Nach den Februarkämpfen 1934 in Österreich konnte Neurath nicht mehr nach Wien zurückkehren und emigrierte in die Niederlande. 1940 flüchtete er vor den Deutschen weiter nach England, wo er zunächst interniert wurde. Erst nach neun Monaten wurde er aufgrund internationaler Interventionen entlassen und konnte sich in Oxford niederlassen, wo er 1941 das Isotype-Institut gründete. Nach seinem Tod am 22. Dezember 1945 setzte seine dritte Frau (seine langjährige Mitarbeiterin Marie Reidemeister) bis in die 1970er Jahre die Arbeit fort.

NACHSATZ: Eine beeindruckende Information liefert die Isotype „Kraftwagenbestand der Erde“ in den Jahren 1914 + 1920 + 1928. Demnach gab es 1928 rund 22,5 Millionen Autos in den USA; im gesamten „Rest der Welt“ aber erst 7,5 Millionen. In den USA lebten damals rund 120 Millionen Menschen, im Rest der Welt zwei Milliarden. Anders gesagt, 6% der Weltbevölkerung nutzte 75% der Automobile.

Autos 1914 1928 Neurath

Der Vergleich mit einer weiteren Innovation führt vor Augen, wie weit die von den Weltkriegen unbeschädigten USA in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts dem Rest der Welt voraus waren: 1951 gab es (laut wikipedia) in den USA bereits 10 Millionen, ein Jahr später 15 Millionen Fernsehteilnehmer, während diese Entwicklung in Deutschland (BRD) gerade mal startete und Ende 1952 insgesamt nur 300 Fernsehteilnehmer zu verzeichnen hatte. Es dauerte fünf Jahre, bis eine Million Fernsehgeräte in den Haushalten der BRD standen. Günther Anders hat den Start des „Fernsehzeitalters“ in den USA hautnah miterlebt und wurde dort zum ersten Medienkritiker. (Details: Die Antiquiertheit des Menschen).

Tags: Philosophie , Ausstellung, Otto Neurath, Isotype, Wien Museum