Europa 1900 - 1914 (München 2009)
+ Breaking NEWS 28.2.2026 – Der 3. Weltkrieg hat begonnen. Philipp Blom hat zwei bemerkenswerte Bücher über die Vorkriegszeiten geschrieben: + Der taumelnde Kontinent. Europa 1900 – 1914 + Die zerissenen Jahre 1918 – 1938. Es wäre spannend, welches Buch Philipp Blom über Europa 2000 – 2025 schreiben würde. Der passende Titel dafür wäre jedenfalls: „Der baumelnde Kontinent“.
(Februar 2026) Bloms Erzählungen über die ersten Jahre des 20. Jahrhunderts und die letzten Jahre vor dem Weltkrieg enden mit einem Zitat aus dem epochalen Roman „Der Mann ohne Eigenschaften“ (MoE): „War eigentlich Balkankrieg oder nicht? Irgendeine Intervention fand wohl statt; aber ob das Krieg war, er wußte es nicht genau. Es bewegten so viele Dinge die Menschheit. Der Höhenflugrekord war wieder gehoben worden; eine stolze Sache. Wenn er sich nicht irrte, stand er jetzt auf 3700 Meter, und der Mann hieß Jouhoux. Ein Negerboxer hatte den weißen Champion geschlagen und die Weltmeisterschaft erobert; Johnson hieß er. Der Präsident von Frankreich fuhr nach Rußland; man sprach von Gefährdung des Weltfriedens. Ein neuentdeckter Tenor verdiente in Südamerika Summen, die selbst in Nordamerika noch nie dagewesen waren. Ein fürchterliches Erdbeben hatte Japan heimgesucht; die armen Japaner. Mit einem Wort, es geschah viel, es war eine bewegte Zeit, die um Ende 1913 und Anfang 1914.“

Philipp Blom zitiert mehrfach aus Musils Roman, weil dieser in einer Zeit spielt, die so nicht existiert: im Jahr davor, als man nicht wusste, dass im Sommer 1914 der Weltkrieg ausbrechen würde. Heute meint jeder zu wissen, was damals jeder wissen hätte müssen. Philipp Blom wollte sich diesem Zwang entziehen und „versuchen, eine Periode aus sich selbst heraus zu erzählen und zu interpretieren, unter den Gesichtspunkten, die damals wichtig schienen, und nicht ausschließlich retrospektiv.“ (474)
SIEHE AUCH Blom: Die zerissenen Jahre, 1918 - 1938
Robert Musil ist das im MoE zweifellos gelungen: der Autor war selbst Offizier im 1. Weltkrieg und hat danach bis zu seinem Tod 1942 an seinem Lebenswerk geschrieben. Aus Sicht der 2020er Jahre ist es nicht mehr vorstellbar, mit welcher Disziplin sich Musil zwei Jahrzehnte auf dieses eine Jahr konzentriert hat, als wäre die Zeit für ihn still gestanden.
Blom schreibt immerhin über 15 abwechslungsreiche Jahre, die sich durch ein bis dahin nicht dagewesenes Tempo auszeichneten. So beginnt er seine Geschichten mit einem Autorennen im Jahr 1912, von dem ein junger Fotograf ein verzerrtes Bild aufgenommen hat. Es wurde später zum Kultfoto, weil es kein statisches Objekt sondern die Bewegung selbst eingefangen hat. Das Foto findet sich nicht zufällig auf dem Umschlag des Buches, in dem der Autor versucht hat, „eine Art Kameratechnik zu benutzen, wie sie auch der junge Jacques Lartigue hatte, als er seinen Photoapparat auf den Rennwagen Nummer sechs richtete.“ (15)
Der Kreis beginnt 1900 bei der Eröffnung der Weltausstellung von Paris, die technologisch im Zeichen des Dynamos steht, ästhetisch aber nur noch historistischen Abklatsch zu bieten hat, und endet wieder in Paris. Das Kapitel des Jahres 1914 lautet „Ein politischer Mord“, behandelt aber den Auslöser des 1. Weltkriegs nur am Rande. Im Zentrum steht der Mord an dem Herausgeber der Zeitung Le Figaro, Gaston Calmette, vollbracht von der Ehefrau des französischen Finanzministers Henriette Cailloux. Grund für dieses crime de passion: die Ex-Frau des Finanzministers spielte der Zeitung Liebesbriefe zu, die Le Figaro mit dem Ziel, den Finanzminister zu ruinieren, gehässig und genüsslich ausgeschlachtet hatte. Joseph Caillaux trat sofort von seinem Amt zurück und übernahm selbst die Verteidigung seiner Frau – mit Erfolg. Seine Strategie, meint Blom, „war denkbar einfach: Frauen sind schwache, emotionale Wesen, die von ihren Gefühlen schnell überwältigt werden, argumentierte er vor Gericht. […] Die Strategie ging auf. Henriette Caillaux wurde des Mordes nicht für schuldig befunden und verließ den Gerichtssaal am Arm ihres Mannes.“ (457)
Pointe am Rande: „Am 31. Juli, drei Tage nach dem Freispruch, erschütterte ein weiterer Mord das Land. Jean Jaurès, der Präsident der Sozialistischen Partei, der große Redner und einer der wichtigsten Verteidiger von Hauptmann Dreyfus, wurde im Café du Croissant in Paris von einem Nationalisten erschossen. […] Wieder überschlugen sich die Zeitungen mit Neuigkeiten, und in der allgemeinen Erregung über den Mord an Jaurès blieb nur sehr wenig Platz für einige kurze Nachrichten über den Tod eines Erzherzogs im weit entfernten Sarajevo.“ (459)
Die Rolle der Frauen, die in diesen Jahren beginnen, für die Gleichberechtigung und für das Wahlrecht zu kämpfen, ist eines der wiederkehrenden Themen des Buches. Während die Suffragetten – trotz großer Demonstrationen und skandalöser, medienwirksamer Aktionen – politisch keinen Erfolg hatten (erst 1918 erhielten Frauen über 30 das Wahlrecht in Großbritannien), waren die Frauenrechte in Frankreich kein großes Thema. „Trotz oder wegen spektakulärer Persönlichkeiten blieb die feministische Agitation politisch fast ohne jeden Einfluß.“ (271). Blom zählt auf: „Marie Curie hatte zwei Nobelpreise bekommen, Sarah Bernhard war ein international gefeierter Star auf der Bühne und später auch im Film, die Bildhauerin Camille Claudel hatte ein Ansehen als Künstlerin, das mit dem ihres Mentors und vormaligen Liebhabers Auguste Rodin vergleichbar war.“ (270f) In diese Reihe von Heldinnen passt auch Henriette Cailloux, deren Tat von geradezu biblischer Größe war, gestrickt nach dem Muster der Ermordung Holfernes’ durch Judit.
Indessen zählten Dekadenz und Hysterie der Frauen zu den wichtigsten Problemen in der Praxis von Sigmund Freud. Diese Symptome wurden von Freud ausschließlich auf der persönlichen Ebene (Unterbewusstsein, Kindheit, Sexualität) behandelt. Probleme aufgrund der systemischen Diskriminierung der Frauen blieben in der Berggasse 19 draußen vor der Tür. Die institutionelle Frauenfeindlichkeit war „normal“, ebenso wie Antisemitismus, Rassismus (in anderer Bedeutung als heute, da der Begriff „Rasse“ wissenschaftlich alltäglich war, bevor er nationalsozialistisch verwendet und deformiert wurde). Dazu kam das Streben nach dem Übermenschen verbunden mit politischen Utopien oder esoterischen Vorstellungen. All diese „Normalitäten“ wurden junktimiert mit Ideen der Eugenik, die Anhänger unter den bekanntesten (und bis heute anerkannten) Intellektuellen und Politikern der Zeit gefunden haben.
Blom „fotografiert“ zahlreiche Porträts, die diesen Phänomenen ihr Gesicht verleihen. Dazu kommen einige Bewegungsstudien und manche Schnappschüsse. Nur ein Porträt ist überbelichtet: „Als wohlhabende und intelligente Frau mußte Eugenie Schwarzwald einige der Männer um sich herum verunsichern. Besonders der bekennende Frauenhasser Karl Kraus hatte es auf sie abgesehen und spottete in seiner Zeitschrift Die Fackel unermüdlich über sie.“ (247) „Karl Kraus stichelte fast in jeder Ausgabe seiner Fackel gegen Frauen, die sich vergaßen und glaubten, Künstlerinnen zu sein.“ (282) Offensichtlich hat Blom die falsche Blende gewählt und Kraus in das grelle Licht der political correctness unserer Zeit gestellt. Hilde Schmölzer hat in ihrem Buch „Frauen um Karl Kraus“ (2015) darauf hingewiesen, dass er auch „Lobeshymnen“ auf manche Frauen veröffentlicht hat. Wichtiger als diese waren aber zahlreiche gute, freundschaftliche und respektvolle Beziehungen zu Frauen.
Kameratechnik bedeutet für den Fotografen ebenso wie für den Historiker: der Standpunkt bestimmt Perspektive und Bildausschnitt. Ebenso wichtig für das Ergebnis des Bildes sind Belichtungszeit und Blende. Die Bedeutung der Blende wird von Laien oft unterschätzt. Schärfe und Tiefe eines Bildes hängen von der Blende ab. Die Photographie dieser Zeit war schwarz-weiß; erst seit der Farbfotografie wissen wir, wie stark die Lichtverhältnisse die Darstellung eines Bildes verändern können.
Wie auch immer, ein Foto konnte noch vor 50 Jahren als Abbild der Wirklichkeit betrachtet werden. Die Sammlung eines Photoalbums konnte die persönliche Geschichte eines Menschen erzählen. Das von Blom zusammengestellte Fotoalbum wurde mit Fotos des Fin de Siècle (ein klischeebehafteter Begriff, den Blom nicht verwendet) gestaltet. Die einzelnen Aufnahmen erzählen Geschichten. Ihre Zusammenstellung – nolens volens with the knowledge of hindsight – verdichten die Geschichten zu Geschichte. Damit ist Blom nahe am Geschichtsverständnis, das Robert Musil im Kapitel 83 des MoE „Seinesgleichen geschieht oder warum erfindet man nicht Geschichte?“ implizit und Egon Friedell in seiner „Kulturgeschichte der Neuzeit“ explizit vertritt: Geschichte ist Dichtung.
INHALT (SIEHE AUCH: Der KI-Fall Blom)
Einleitung
1900: Jungfrau und Dynamo
1901: Wachablösung
1902: Oedipus Rex
1903: Ein seltsames Leuchten
1904: Seine Majestät und Mister Morel
1905: Der Sturm bricht los
1906: „Dreadnought“ und die neue Angst
1907: Träume und Visionen
1908: Neue Frauen
1909: Der Kult der Maschine
1910: „Das menschliche Wesen veränderte sich“
1911: Paläste für das Volk
1912: Übermenschen – Untermenschen
1913: Wagners Wahn
1914: Ein politischer Mord
Bibliographie
Anmerkungen
Robert Musil
Der Mann ohne Eigenschaften (Teil 1)
Kapitel 83
Seinesgleichen geschieht oder warum erfindet man nicht Geschichte?
Was hätte Ulrich eigentlich Clarisse sagen können?
Er hatte es verschwiegen, weil sie in ihm eine eigentümliche Lust erregt hatte, das Wort Gott auszusprechen. Er hatte etwa sagen wollen: Gott meint die Welt keineswegs wörtlich; sie ist ein Bild, eine Analogie, eine Redewendung, deren er sich aus irgendwelchen Gründen bedienen muß, und natürlich immer unzureichend; wir dürfen ihn
nicht beim Wort nehmen, wir selbst müssen die Lösung herausbekommen, die er uns aufgibt. Er fragte sich, ob Clarisse einverstanden gewesen wäre, das wie ein Indianer- oder Räuberspiel aufzufassen? Sicher. Wenn einer voranginge, sie würde sich an seine Seite drücken wie eine Wölfin und scharf aufpassen.
Aber er hatte noch etwas auf der Zunge gehabt; etwas von mathematischen Aufgaben, die keine allgemeine Lösung zulassen, wohl aber Einzellösungen, durch deren Kombination man sich der allgemeinen Lösung nähert. Er hätte hinzufügen können, daß er die Aufgabe des menschlichen Lebens für eine solche ansah. Was man ein Zeitalter nennt – ohne zu wissen, ob man Jahrhunderte, Jahrtausende oder die Spanne zwischen Schule und Enkelkind darunter verstehen soll –, dieser breite, ungeregelte Fluß von Zuständen würde dann ungefähr ebensoviel bedeuten wie ein planloses Nacheinander von ungenügenden und einzeln genommen falschen Lösungsversuchen, aus denen, erst wenn die Menschheit sie zusammenzufassen verstünde, die richtige und totale Lösung hervorgehen könnte.
In der Straßenbahn erinnerte er sich auf dem Heimweg daran; einige Leute fuhren mit ihm der Stadt zu, und er schämte sich ein wenig vor diesen Menschen solcher Gedanken. Man konnte es ihnen ansehen, daß sie von bestimmten Beschäftigungen zurückkamen oder sich zu bestimmten Vergnügungen begaben, ja man sah es schon ihrer Kleidung an, was sie hinter sich oder vorhatten. Er betrachtete seine Nachbarin; sie war sicher Frau, Mutter, gegen vierzig Jahre alt, sehr wahrscheinlich die Gattin eines akademischen Beamten und hatte ein kleines Opernglas im Schoß liegen. Er kam sich mit seinen Gedanken neben ihr wie ein spielender Knabe vor; sogar wie ein nicht ganz anständig spielender Knabe.
Denn ein Gedanke, der nicht einen praktischen Zweck hat, ist wohl eine nicht sehr anständige heimliche Beschäftigung; namentlich aber solche Gedanken, die ungeheure Stelzschritte machen und die Erfahrung nur mit winzigen Sohlen berühren, sind unordentlicher Entstehung verdächtig. Früher hat man ja wohl von Gedankenflug gesprochen, und zur Zeit Schillers wäre ein Mann mit solchen hochgemuten Fragen im Busen sehr angesehen gewesen; heute dagegen hat man das Gefühl, daß mit so einem Menschen etwas nicht in Ordnung sei, wenn das nicht gerade zufällig sein Beruf ist und seine Einkommensquelle. Man hat die Sache offenbar anders verteilt. Man hat gewisse Fragen den Menschen aus dem Herzen genommen. Man hat für hochfliegende Gedanken eine Art Geflügelfarm geschaffen, die man Philosophie, Theologie oder Literatur nennt, und dort vermehren sie sich in ihrer Weise immer unübersichtlicher, und das ist ganz recht so, denn kein Mensch braucht sich bei dieser Ausbreitung mehr
vorzuwerfen, daß er sich nicht persönlich um sie kümmern kann. Ulrich in seiner Achtung vor Fachlichkeit und Spezialistentum, war im Grunde entschlossen, nichts gegen eine solche Teilung der Tätigkeiten einzuwenden. Aber er gestattete sich immerhin noch selbst zu denken, obgleich er kein Berufsphilosoph war, und augenblicklich malte er sich aus, daß das auf den Weg zum Bienenstaat führen werde. Die Königin wird Eier legen, die Drohnen werden ein der Wollust und dem Geist gewidmetes Leben führen, und die Spezialisten werden arbeiten. Auch eine solche Menschheit ist denkbar; die Gesamtleistung möchte vielleicht sogar gesteigert werden. Jetzt hat jeder Mensch sozusagen noch die ganze Menschheit in sich, aber das ist offenkundig schon zuviel geworden und bewährt sich gar nicht mehr; so daß das Humane fast schon der reinste Schwindel ist. Es käme für den Erfolg vielleicht darauf an, bei der Zerteilung neue Vorkehrungen zu treffen, damit in einer besonderen jener Arbeitergruppen auch eine geistige Synthese entsteht. Denn ohne Geist –? Ulrich wollte sagen, daß es ihn nicht freuen würde. Aber das war natürlich ein Vorurteil. Man weiß ja nicht, worauf es ankommt. Er rückte sich zurecht und betrachtete sein Gesicht in der seinem Sitz gegenüber befindlichen Glasscheibe, um sich abzulenken. Aber da schwebte nun sein Kopf in dem flüssigen Glas nach einer Weile wunderbar eindringlich zwischen Innen und Außen und verlangte nach irgendeiner Ergänzung.
War eigentlich Balkankrieg oder nicht? Irgendeine Intervention fand wohl statt; aber ob das Krieg war, er wußte es nicht genau. Es bewegten so viele Dinge die Menschheit. Der Höhenflugrekord war wieder gehoben worden; eine stolze Sache. Wenn er sich nicht irrte, stand er jetzt auf 3700 Meter, und der Mann hieß Jouhoux. Ein Negerboxer hatte den weißen Champion geschlagen und die Weltmeisterschaft erobert; Johnson hieß er. Der Präsident von Frankreich fuhr nach Rußland; man sprach von Gefährdung des Weltfriedens. Ein neuentdeckter Tenor verdiente in Südamerika Summen, die selbst in Nordamerika noch nie dagewesen waren. Ein fürchterliches Erdbeben hatte Japan heimgesucht; die armen Japaner. Mit einem Wort, es geschah viel, es war eine bewegte Zeit, die um Ende 1913 und Anfang 1914. Aber auch die Zeit zwei oder fünf Jahre vorher war eine bewegte Zeit gewesen, jeder Tag hatte seine Erregungen gehabt, und trotzdem ließ sich nur noch schwach oder gar nicht erinnern, was damals eigentlich los gewesen war. Man konnte es abkürzen. Das neue Heilmittel gegen die Lues machte –; in der Erforschung des Pflanzenstoffwechsels wurden –; die Eroberung des Südpols schien –; die Steinachexperimente erregten –; man konnte auf diese Weise gut die Hälfte der Bestimmtheit weglassen, es machte nicht viel aus. Welche sonderbare Angelegenheit ist doch Geschichte! Es ließ sich mit
Sicherheit von dem und jenem Geschehnis behaupten, daß es seinen Platz in ihr inzwischen schon gefunden hatte oder bestimmt noch finden werde; aber ob dieses Geschehnis überhaupt stattgefunden hatte, das war nicht sicher. Denn zum Stattfinden gehört doch auch, daß etwas in einem bestimmten Jahr und nicht in einem anderen oder gar nicht stattfindet; und es gehört dazu, daß es selbst stattfindet und nicht am Ende bloß etwas Ähnliches oder seinesgleichen. Gerade das ist es aber, was kein Mensch von der Geschichte behaupten kann, außer er hat es aufgeschrieben, wie es die Zeitungen tun, oder es handelt sich um Berufs- und Vermögensangelegenheiten, denn in wieviel Jahren man pensionsberechtigt sein wird oder wann man eine bestimmte Summe besitzen wird oder ausgegeben hat, das ist natürlich wichtig, und in solchem Zusammenhang können auch Kriege zu Denkwürdigkeiten werden. Sie sieht unsicher und verfilzt aus, unsere Geschichte, wenn man sie in der Nähe betrachtet, wie ein nur halb festgetretener Morast, und schließlich läuft dann sonderbarerweise doch ein Weg über sie hin, eben jener »Weg der Geschichte«, von dem niemand weiß, woher er gekommen ist. Dieses Der Geschichte zum Stoff Dienen war etwas, das Ulrich empörte. Die leuchtende, schaukelnde Schachtel, in der er fuhr, kam ihm wie eine Maschine vor, in der einige hundert Kilogramm Menschen hin und her geschüttelt wurden, um Zukunft aus ihnen zu machen. Vor hundert Jahren sind sie mit ähnlichen Gesichtern in einer Postkutsche gesessen, und in hundert Jahren wird weiß Gott was mit ihnen los sein, aber sie werden als neue Menschen in neuen Zukunftsapparaten genau so dasitzen, – fühlte er und empörte sich gegen dieses wehrlose Hinnehmen von Veränderungen und Zuständen, die hilflose Zeitgenossenschaft, das planlos ergebene, eigentlich menschenunwürdige Mitmachen der Jahrhunderte, so als ob er sich plötzlich gegen den Hut auflehnte, den er, sonderbar genug geformt, auf dem Kopf sitzen hatte.
Unwillkürlich erhob er sich und legte den Rest des Weges zu Fuß zurück. In dem größeren Menschenbehältnis der Stadt, worin er sich nun befand, beruhigte sich sein Unbehagen wieder zur Heiterkeit. Es war ein verrückter Einfall der kleinen Clarisse, daß sie ein Geistesjahr machen wollte. Er richtete seine Aufmerksamkeit auf diesen Punkt. Warum war das so unsinnig? Man konnte übrigens ebensogut fragen, warum Diotimas vaterländische Aktion unsinnig sei?
Antwort Nummer eins: Weil Weltgeschichte zweifellos ebenso entsteht wie alle anderen Geschichten. Es fällt den Autoren nichts Neues ein, und sie schreiben einer vom anderen ab. Das ist der Grund, warum alle Politiker Geschichte studieren, statt Biologie oder dergleichen. Soviel von den Autoren.
Nummer zwei: Größtenteils entsteht Geschichte aber ohne Autoren.
Sie entsteht nicht von einem Zentrum her, sondern von der Peripherie. Aus kleinen Ursachen. Wahrscheinlich gehört gar nicht so viel dazu, wie man glaubt, um aus dem gotischen Menschen oder dem antiken Griechen den modernen Zivilisationsmenschen zu machen. Denn das menschliche Wesen ist ebenso leicht der Menschenfresserei fähig wie der Kritik der reinen Vernunft; es kann mit den gleichen Überzeugungen und Eigenschaften beides schaffen, wenn die Umstände danach sind, und sehr großen äußeren Unterschieden entsprechen dabei sehr kleine innere.
Abschweifung Nummer eins: Ulrich erinnerte sich einer ähnlichen Erfahrung aus seiner Militärzeit: Die Eskadron reitet in Zweierreihen, und man läßt »Befehl weitersagen« üben, wobei ein leise gesprochener Befehl von Mann zu Mann weitergegeben wird; befiehlt man nun vorne: »Der Wachtmeister soll vorreiten«, so kommt hinten heraus: »Acht Reiter sollen sofort erschossen werden« oder so ähnlich. Auf die gleiche Weise entsteht auch Weltgeschichte.
Antwort Nummer drei: Würde man darum eine Generation heutiger Europäer im Alter der frühesten Kindheit in das ägyptische Jahr 5000 v. Chr. versetzen und dort lassen, so würde die Weltgeschichte noch einmal beim Jahr 5000 beginnen, sich zunächst eine Weile lang wiederholen und dann aus Gründen, die kein Mensch errät, allmählich abzuweichen beginnen.
Abschweifung zwei: Das Gesetz der Weltgeschichte – fiel ihm dabei ein – ist nichts anderes als der Staatsgrundsatz des »Fortwurstelns« im alten Kakanien. Kakanien war ein ungeheuer kluger Staat.
Abschweifung drei oder Antwort Nummer vier? Der Weg der Geschichte ist also nicht der eines Billardballs, der, einmal abgestoßen, eine bestimmte Bahn durchläuft, sondern er ähnelt dem Weg der Wolken, ähnelt dem Weg eines durch die Gassen Streichenden, der hier von einem Schatten, dort von einer Menschengruppe oder einer seltsamen Verschneidung von Häuserfronten abgelenkt wird und schließlich an eine Stelle gerät, die er weder gekannt hat, noch erreichen wollte. Es liegt im Verlauf der Weltgeschichte ein gewisses Sich-Verlaufen. Die Gegenwart ist immer wie das letzte Haus einer Stadt, das irgendwie nicht mehr ganz zu den Stadthäusern gehört. Jede Generation fragt erstaunt, wer bin ich und was waren meine Vorgänger? Sie sollte lieber fragen, wo bin ich, und voraussetzen, daß ihre Vorgänger nicht anderswie, sondern bloß anderswo waren; damit wäre schon einiges gewonnen – dachte er.
Er war es selbst, der seinen Antworten und Abschweifungen bisher diese Nummern gegeben hatte, und er hatte dazu bald in ein vorübergleitendes Gesicht gesehn, bald in eine Geschäftsauslage, um die Gedanken nicht ganz von sich fortlaufen zu lassen; aber nun hatte er sich trotzdem dabei ein wenig vergangen und mußte einen Augenblick anhalten, um zu begreifen, wo er war, und den nächsten Weg nach Hause zu finden. Ehe er ihn einschlug, bemühte er sich, seine Frage sich noch einmal genau zurechtzulegen. Die kleine verrückte Clarisse hatte also ganz recht, man sollte Geschichte machen, man müßte sie erfinden, wenn er es auch vor ihr bestritten hatte; aber warum tut man es nicht? In diesem Augenblick fiel ihm als Antwort nichts als Direktor Fischel von der Lloyd-Bank ein, sein Freund Leo Fischel, mit dem er in früheren Jahren hie und da im Sommer vor einem Kaffeehaus gesessen war; denn der würde ihm in diesem Augenblick, wenn er dieses Gespräch mit ihm statt als Selbstgespräch geführt hätte, in seiner Weise geantwortet haben: »Ihre Sorgen in meinem Kopf!« Ulrich war ihm dankbar für diese erfrischende Antwort, die er gegeben haben würde. »Lieber Fischel,« erwiderte er sofort in Gedanken »das ist nicht so einfach. Ich sage Geschichte, aber ich meine, wenn Sie sich erinnern, unser Leben. Und ich habe doch schon von Anfang an zugegeben, daß es etwas sehr Anstößiges ist, wenn ich frage: Warum macht der Mensch nicht Geschichte, das heißt, warum greift er aktiv Geschichte nur wie ein Tier an, wenn er verwundet ist, wenn es hinter ihm brennt, warum macht er, mit einem Wort, nur im Notfall Geschichte? Also warum klingt das anstößig? Was haben wir dagegen, obgleich es doch ebensoviel heißt wie daß der Mensch das Menschenleben nicht einfach gehen lassen sollte, wie es geht?«
»Man weiß doch,« würde Direktor Fischel entgegnen »wie das geschieht. Man muß froh sein, wenn die Politiker und die Geistlichen und die großen Herren, die nichts zu tun haben, und alle anderen Menschen, die mit einer fixen Idee herumrennen, das tägliche Leben nicht stören. Und im übrigen hat man die Bildung. Würden sich bloß heute nicht so viele Menschen ungebildet betragen!« Und Direktor Fischel hat natürlich recht. Man muß froh sein, wenn man sich in Lombarden und Effekten genügend auskennt und andere Leute nicht zuviel in Geschichte machen, weil sie sich in ihr auszukennen behaupten. Man könnte, Gott bewahre, nicht ohne Ideen leben, aber das Richtige ist ein gewisses Gleichgewicht zwischen ihnen, eine balance of power, ein bewaffneter Ideenfriede, wo von keiner Seite viel geschehen kann. Er hatte als Beruhigungsmittel die Bildung. Das ist ein Grundgefühl der Zivilisation. Und doch ist nun einmal auch das Gegengefühl vorhanden und wird immer lebendiger, daß sich die Zeit der heroisch-politischen Geschichte, die vom Zufall und seinen Rittern gemacht wird, zum Teil überlebt hat und durch eine planmäßige Lösung, an der alle beteiligt sind, die es angeht, ersetzt werden muß.
Aber da endete das Ulrich-Jahr damit, daß Ulrich inzwischen zu Hause angelangt war.
