Über große Männer im Zeitalter gewöhnlicher Leute
"Ein Fürst, der sich behaupten wolle, statuierte Machiavelli, müsse lernen, nicht gut zu sein. Diese Lektion haben die neuen Autokraten gelernt. Peter Sloterdijk schwingt sich nicht zu ihrem Berater auf, sondern erweist sich als so kühler wie hellsichtiger Analytiker des neuen Typs Fürst." So die untertänigste Ankündigung der edition suhrkamp, 2026

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In seinem Buch „Du mußt dein Leben ändern“ (2012) hat Peter Sloterdijk (PS) die Religionen einfach ausgelöscht. Nicht gedankenexperimentell oder arbeitshypothetisch sondern postfaktisch: „Es geht in unserem Unternehmen um nicht weniger als um die Einführung einer alternativen Sprache, und mit der Sprache einer veränderten Optik, für eine Gruppe von Phänomenen, für welche die Tradition Ausdrücke wie 'Spiritualiät', 'Frömmigkeit', 'Moral', 'Ethik' und 'Askese' anzubieten pflegte. Gelingt das Manöver, so wird der herkömmliche Religionsbegriff, jener unselige Popanz aus den Kulissenhäusern des modernen Europa, als der große Verlierer aus diesen Untersuchungen hervorgehen. … Wir haben gegen eine der massivsten Pseudo-Evidenzen der jüngeren Geistesgeschichte anzugehen: gegen den seit erst zwei- oder dreihundert Jahren in Europa grassierenden Glauben an die Existenz von 'Religionen', mehr noch, gegen den ungeprüften Glauben an die Existenz des Glaubens.“
Angsichts dieses hybriden Programms, das „mit der Sprache einer veränderten Optik“ die historischen Fakten nicht nur neu interpretierten, sondern zur Gänze eliminieren will, scheint es unlogisch, dass Sloterdijk in seinem neuesten Werk „Über große Männer im Zeitalter gewöhnlicher Leute“ mehrfach auf Adam und Eva zurückgreift. Doch Logik ist nicht das Revier des „Starphilosophen“; er selbst würde seine Abhandlung wohl als „kulturanthropologisch“ bezeichnen.
Sloterdijk ist die Personifizierung der Beliebigkeit unserer Zeit, nicht mehr, aber auch nicht weniger. Diesem Prinzip folgend, beschränkt sich die folgende Betrachtung auf das Thema „Adam und Eva“. Diese benötigt der Meisterdenker, weil er über die Politik als „zweiten Sündenfall“ spricht, was ohne den ersten, originären nicht möglich ist. Zunächst erinnert PS an Augustinus, „dem zufolge die Stellung des Menschen in der Welt durch das peccatum originale, die Anfangssünde, zu Deutsch: die Erbsünde, geprägt sei.“ (19)
„Mit dem Aufkommen der politischen Sphäre eröffnet sich ein Tugend-und-Sünden-Bereich zweiter Ordnung. In den Regionen der zweiten Sünde sündigt das Volk vor allem durch Regungen des Ungehorsams – die bis zu Rebellion, Attentat und Revolution gehen können – , während die Fürsten sich vor allem durch Erfolglosigkeit im Krieg schuldig machen, daneben auch durch diplomatische Unklugheit sowie durch Eitelkeit und Trägheit, um von ihrer Neigung zum Versinken in höfischen Parallelgesellschaften hier nicht zu reden.“ (21)
Ein guter Teil des Buches besteht in Andeutungen des Autors, wovon er „hier nicht zu reden“ gedenkt. „Wir wollen im Moment nur flüchtig darauf hinweisen, daß das Konzept ‚Staat‘, weiterhin als Agentur der politisch potenzierten Erbsündigkeit aufgefaßt, zwischen dem 16. und dem 20. Jahrhundert zahlreiche Gestaltwandlungen durchlaufen hat“ – dem flüchtigen Hinweis folgt eine lange Aufzählung vom Römischen bis zum Dritten Reich.
War die zweite Erbsünde in der Politik gerade noch die Erfolglosigkeit im Krieg, so erfahren wir hier von einer „Agentur der politisch potenzierten Erbsündigkeit“. Das ist keine real existierende PR-Abteilung, wie man heutzutage die Propagandaministerien einer Regierung nennt, denn auch der Staat ist kein real existierendes Phänomen, sondern lediglich ein „Konzept“. Dementsprechend ominös bleibt die Erzählung „Vom Sündenfall zum Absturz in den Staat“. (15) Die „Anthropologische Lektionen für das politische Tier“ bringt uns auch nicht viel weiter: „Das politische Denken der Neuzeit nach Machiavelli hat es also mit einem Gestaltwandel der Erbsünde zu tun, besser mit ihrer systemischen Neutralisierung und ihrer staatsjuristischen Bemäntelung.“ (26)
„Ohne Zweifel stellt das Apfelverbot der Genesis die Rückprojektion eines erst viel später im Interesse der Selbsterhaltungsvernunft erlassenen Verbots von Eigensinn und Einzelwillkür in die ersten Anfänge der Menschengeschichte dar. Wer in der Zeit der Genesis-Redaktion (man hat wohl an das 6. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung zu denken) – aus welchem Grund auch immer – bereits starkes Interesse an einer Kultur der Unterordnung und des Gehorsams hatte, mußte völlig Willkürliches befehlen, um zu prüfen, ob beim Empfänger des Befehls die erwünschte Unterwerfungsbereitschaft gegeben war.“ (26 f)
Es ist unglaublich, dass der belesene Philosoph statt beim Wortlaut der Genesis zu bleiben, im Kindergarten-Niveau vom „Apfelverbot der Genesis“ schreibt. Dass PS die Entstehungsgeschichte des alten Testaments gar mit der redaktionellen Arbeit vergleicht, die er selbst aufgrund seiner zahlreichen Publikationen vom suhrkamp Verlag kennt, ist wohl „der Sprache einer veränderten Optik“ geschuldet, aber trotzdem unfreiwillig komisch. Wir können davon ausgehen, dass im 6. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung ziemlich wenig geschrieben und somit so gut wie nichts redigiert wurde, dagegen umso mehr erzählt und mündlich überliefert. So auch die Genesis.
Zur Erinnerung der Wortlaut: „Und Gott der HERR nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden, daß er ihn baute und bewahrte. ¹⁶ Und Gott der HERR gebot dem Menschen und sprach: Du sollst essen von allerlei Bäumen im Garten; ¹⁷ aber von dem Baum der Erkenntnis des Guten und des Bösen sollst du nicht essen; denn welches Tages du davon ißt, wirst du des Todes sterben.“ Genesis 2:15-17 © Bible Online, 2003-2026.
Sloterdijk fabuliert dazu: „Eva und Adam standen mit einem Mal als bestrafte Verlierer vor dem Gartentor, das hinter ihnen ins Schloß fiel – bestraft für nichts anderes als ihre a priori bekannte Anarchie, verstanden als gegensatzlose Lizenz zu allem, was ihnen beliebte. Die Vertreibung exekutierte der Sache nach die Strafe für die Übertretung eines Ungehorsamsverbots, das in seiner äußeren Form wie seiner verinnerlichten Beherzigung gemäß erst in frühen Staaten bzw. in ersten vertikalisierten politischen Gebilden sinnvoll gewesen sein könnte. Wie oben angedeutet, setzt die Erzählung vom Sündenfall (gewiß während des babylonischen Exils redigiert) den zweiten schon voraus: Die Ureltern des Menschengeschlechts standen der jüdischen Genesis zufolge unter einer Gehorsamszumutung, wie sie nur in politischen Reichen zu erheben war – an diesen nahmen die Autoren der Paradieserzählung Maß, um aus ihrer Sicht vom Menschsein zu reden.“
Die kritische Methode der Differenzierung findet in den assoziativen Denkbewegungen Sloterdijks keinen Platz. So ist PS nicht aufgefallen, dass Gott Adam und Eva nicht bestraft, sondern verflucht hat (wobei Adam und Eva pars pro toto für die ganze Menschheit stehen). Weder hellsichtig noch analytisch ist die fehlende Auseinandersetzung mit den Differenzen Fluch und Erlösung (Religion) und Schuld und Strafe (Politik).
Anstelle einer weitere Exegese von Sloterdijks „Sprache einer veränderten Optik“, die typisch für ihn ist, verweise ich hier auf meine Sündenfall-Interpretation aus dem Buch „Moral 4.0“
Wenn man in diesem oberflächlichen Streifzug durch das vorliegende Büchlein „Adam und Eva“ durch „Putin und Trump“ ersetzt, dann verwandelt sich Sloterdijks historisch aufgeladene „Sprache einer veränderten Optik“ in den Jargon der Journaille und ihrer Kriegsrhetorik, die neuerdings wieder hoch in Mode steht. Ein Beispiel (wie für den Starphilosophen üblich im pluralis majestatis) muss reichen:
„Das Drama reicht bis zur blühenden Hysterisierung und zur offenen Verwilderung. Anders läßt sich der Weg nicht verstehen, der von Figuren wie Cromwell und Robespierre über Napoleon Bonaparte und Napoleon III. zu solchen wie Lenin, Mussolini, Hitler, Stalin, Mao und Ceauşescu führt und weiter zu gespenstisch anmutenden und doch wirklichen und wirkenden ‚Erscheinungen‘ wie Putin und Trump, um von der Galerie der Despoten Afrikas, Asiens und Südamerikas vorerst nicht zu reden, die zu der Vermutung verleiten könnte, ‚Weltpolitik‘ entstehe erst aus der Aufhebung des Unterschieds zwischen Staat und Karneval.“ (108)
Der Sündenfall, oder: Warum Eva das Richtige getan hat
Aus dem Buch "Moral 4.0", 2017
Die Moral sagt uns, was wir tun sollen. Es ist daher legitim, wenn Anthropologen, Historiker, Verhaltensforscher und Psychologen aufgrund ihrer Beobachtungen (und fallweise aufgrund zweifelhafter Experimente) beschreiben, was wir in welchen Situationen tun und wie wir uns verhalten. Warum wir etwas tun, darauf gibt den Wissenschaftern die Evolutionstheorie bzw. deren Interpretation Auskunft. Doch die Frage, warum wir etwas tun sollen, steht nicht auf der To-Do-List der wissenschaftlichen Abhandlungen zum Thema Moral.
Bei der Frage nach dem Warum gelangen die Wissenschaften zwangsweise an ihre Grenzen. Denn die Frage, „Warum bin ich und wenn nicht, wozu soll ich dann Gutes tun?“ ist eindeutig keine wissenschaftliche Frage. Sie verweist nämlich auf eine Ebene außerhalb des empirisch Überprüfbaren. Es ist nach wie vor sinnvoll, diese Ebene als Meta-Physik zu bezeichnen. Metaphysische Fragen können grundsätzlich nicht von den empirischen Wissenschaften beantwortet werden, die Suche nach dem Warum muss daher ausgedehnt werden, bzw. offen bleiben für Antworten außerhalb der einzelwissenschaftlichen Methoden.
Da ich im ersten Teil darauf hingewiesen habe, dass für das 21. Jahrhundert Zukunftsbewältigung wichtiger ist als Vergangenheitsbewältigung und damit bis zu einem gewissen Grad der Geschichtsvergessenheit das Wort geredet habe, so scheint es wohl inkonsequent, wenn ich in der Ursachenforschung nun bis zum Anfang der Menschheit zurück gehe, zu Adam und Eva. Doch ich habe in der Literatur noch keinen Text gefunden, der den Beginn der Menschheit – und damit den Beginn von Wohl und Wehe – besser beschrieben hätte als die Genesis. Sogar Peter Scholl-Latour schrieb: „Die Legende von der Erbsünde enthält mehr Wahrheit, als manche Agnostiker eingestehen wollen.“ [S. 27]
Am sechsten Tag der Schöpfung „machte Gott der Herr den Menschen aus Erde vom Acker und blies ihm den Odem des Lebens in seine Nase. Und so ward der Mensch ein lebendiges Wesen. Und Gott der Herr pflanzte einen Garten in Eden gegen Osten hin und setzte den Menschen hinein, den er gemacht hatte. Und Gott der Herr lies aufwachsen aus der Erde allerlei Bäume, verlockend anzusehen und gut zu essen, und den Baum des Lebens mitten im Garten und den Baum der Erkenntnis des Gute und Bösen. …
Und Gott der Herr nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden, daß er ihn bebaute und bewahrte. Und Gott der Herr gebot dem Menschen und sprach: Du darfst essen von allen Bäumen im Garten, aber von dem Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen sollst du nicht essen; denn an dem Tage, da du von ihm issest, mußt du des Todes sterben.
Und Gott der Herr sprach: Es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei; ich will ihm eine Gehilfin machen, die um ihn sei. … Und Gott der Herr baute ein Weib aus der Rippe, die er von dem Menschen nahm, und brachte sie zu ihm. … Und sie waren beide nackt, der Mensch und sein Weib, und schämten sich nicht.
Aber die Schlange war listiger als alle Tiere auf dem Felde, … und sprach zu dem Weibe: Ja, sollte Gott gesagt haben: ihr sollt nicht essen von allen Bäumen im Garten? Da sprach das Weib zur der Schlange: … von den Früchten des Baumes mitten im Garten hat Gott gesagt: Esset nicht davon, rühret sie auch nicht an, daß ihr nicht sterbet! Da sprach die Schlange zum Weibe: Ihr werdet keineswegs des Todes sterben, sondern Gott weiß: an dem Tage, da ihr davon esset, werden eure Augen aufgetan, und ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist. Und das Weib … nahm von der Frucht und aß und gab ihrem Mann, der bei ihr war, auch davon, und er aß. Da wurden ihnen beiden die Augen aufgetan, und sie wurden gewahr, daß sie nackt waren, und flochten Feigenblätter zusammen und machten sich Schürze.“ [1. Buch Mose, 2.7 – 3.7]
Man muss nicht religiös sein oder einer bestimmten Konfession angehören, um von dieser Geschichte fasziniert zu sein, denn in ihr stecken tiefere Wahrheiten, als sie Wissenschafter durch die Erforschung der Wirklichkeit ergründen können.
Zunächst wird ein Urzustand beschrieben, in dem alles von Gott kommt, mit den Worten der Wissenschaft: eine Zeit, in der die Natur ohne Einflussnahme des Menschen alles selbst geregelt hat. Dann kommt der Mensch, der zunächst bloß Materie ist, sich aber auch von anderen Lebewesen, die schon vor ihm da waren, unterscheidet. Denn der Mensch vollzieht nicht einfach die Metamorphose zu einem Lebewesen sondern wird erfüllt vom „Odem des Lebens“.
Den Begriff „Odem“ möchte ich zeitgemäß mit „Geist“ übersetzen. Egal wie weit die Naturwissenschaften in der Erforschung der Ähnlichkeiten von Mensch und Tier gelangen – und sie werden damit noch sehr weit kommen! - so wird immer auch die Frage nach dem Unterschied zwischen Mensch und Tier bestehen bleiben. Und ich kenne keinen besseren Begriff als „Geist“, der diese Differenz fixieren könnte. Der Geist findet in der Philosophie Entsprechungen im Bewusstsein und in der Vernunft, die Religionen sprechen von der Seele und die Psychoanalyse hat der Seele eine neuzeitliche Trinität verschrieben: Bewusstsein, Unterbewusstsein und Unbewusstes.
Am Rande bemerkt: die Wirkmacht der psychoanalytischen Weltanschauung geht im 20. Jahrhundert weit über die der Religionen hinaus. Es gibt kaum jemanden, zumindest in Europa und Amerika, der das Trinitäts-Modell der Psychoanalyse in Frage stellen würde. Dabei hat man offenbar vergessen, dass es sich nur um ein Modell von vielen handelt. Im Gegensatz dazu ist das Modell des Vernunft gesteuerten Menschen, das zum Erfolg der Aufklärung beigetragen hat, weitgehend aus der Mode gekommen. Zurecht, hat doch der reine Vernunftmensch die Realität der Gefühle und Triebe weitgehend ausgeklammert oder sogar unterdrückt. Aber das ist ein anderes Thema.
Hier geht es um die Geschichte, wie Gut und Böse, um genau zu bleiben: die Erkenntnis von Gut und Böse, in die Welt gekommen sind. Und da erzählt uns die Genesis, dass allerlei „verlockende“ Bäume im Garten Eden waren. Man könnte hier über die Frage spekulieren, warum Gott dem Menschen nicht geboten hat den Baum des Lebens unberührt zu lassen. Doch Spekulation ist nicht mein Spezialgebiet, deshalb zum Kern des Textes: Gott hat Adam (denn Eva war noch nicht auf der Welt) geboten (nicht verboten), vom Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen nicht zu essen. Eva hat das Gebot gekannt, in ihrem Dialog mit der Schlange auch (leicht verfälscht) wiedergegeben, bevor sie der Versuchung der Schlange nachgegeben hat.
Chronologisch betrachtet: die Verlockung war schon da, bevor die Schlange Eva verführen konnte. Möglich wurde die Verführung durch eine List, bis heute ein beliebtes rhetorisches Mittel: die Aussage des Kontrahenten durch Halbwahrheiten und Unterstellungen in Frage zu stellen. Die Halbwahrheit lautet: „Ihr werdet keineswegs des Todes sterben“, unausgesprochener Nachsatz: sondern weil ihr von Natur aus sterben müsst. Sterben ist ein natürlicher Prozess, der erst durch die Erkenntnisfähigkeit das schreckliche Antlitz des Todes bekommt. Luzifer übernimmt exakt die Formulierung Gottes „des Todes sterben“, Eva aber – und das ist ein Phänomen jeder Vermittlung – hat dieses Gebot zwar brav, aber nur bruchstückhaft, soweit es ihrer Naivität eben zugänglich war, rezipiert: „rühret sie auch nicht an, daß ihr nicht sterbet“. Vom Baum der Erkenntnis hatte sie naturgemäß keine exakte Vorstellung (genau genommen nicht einmal eine Ahnung!) sondern sie erinnert sich nur ungefähr, dass es um „Früchte des Baumes mitten im Garten“ geht.
Dann steht geschrieben: „Und das Weib … nahm von der Frucht und aß und gab ihrem Mann, der bei ihr war, auch davon, und er aß. Da wurden ihnen beiden die Augen aufgetan, und sie wurden gewahr, daß sie nackt waren, und flochten Feigenblätter zusammen und machten sich Schürze.“
Zwar setzte Gott Adam „in den Garten Eden, daß er ihn bebaute und bewahrte“, doch er setzte ihn in den Garten wie ein Vogel seine Jungen ins gemachte Nest. Nach dem verbotenen Fruchtgenuss beginnt Adam Feigenblätter zu flechten. Kreativität, Gestaltungsfähigkeit und Gestaltungswille, kurz Arbeit, stehen damit am Anfang der Trennung von Natur (Bewahrung) und Zivilisation (Veränderung). Genau genommen steckt in diesem Absatz der Kern der gesamten Zivilisationsgeschichte. Essen und Teilen sind – in dieser Kombination – originäre, menschliche Kulturtechniken. Erkenntnisfähigkeit (und das ist mehr als Lernfähigkeit, die heute auch einer Krähe konzediert wird) steht am Beginn der Zivilisationsgeschichte. Ohne die Frucht, die uns die Augen geöffnet hat, wären wir bis heute blind, wir hätten keine objektiven Einsichten in die Wirklichkeit und keine subjektiven Ansichten von der Wirklichkeit. Uns die Augen zu öffnen, ist bis heute Lebensinhalt eines jeden Wissenschafters. Doch Erkenntnis impliziert von Anfang an eine Abstraktionsfähigkeit, die über die Wissenschaft hinaus geht.
Ethik ist die Fähigkeit die Dinge nicht nur zu erkennen, sondern diese auch zu bewerten, und zwar mit Maßstäben (Gut und Böse), die sich von den empirischen Maßgrößen (Länge, Volumen, Gewicht, Geschwindigkeit usw.) unterscheiden. Die Fähigkeit zur Bewertung, die Urteilskraft, steht damit ebenso konstituierend am Beginn unserer Zivilisation und ist eine Fähigkeit des Geistes, keine Fähigkeit von Neuronen. „Woher“ der Geist nun kommt, ob sich der Mensch als Geist-Körper-Dualität oder Einheit von Geist und Körper definiert – auch das sind Spekulationen, zwei von vielen Menschenbildern und Modellen, die für die Erkenntnis von Gut und Böse nicht entscheidend sind. Aus meiner Sicht verbirgt sich die ganze Wahrheit in der poetischen Formulierung: „Gott der Herr machte den Menschen aus Erde vom Acker und blies ihm den Odem des Lebens in seine Nase“.
Zivilisation setzt nicht nur Erkenntnis (Wissenschaft), sondern die Erkenntnis von Gut und Böse, also Moral und Ethik, voraus! Zivilisation setzt die Fähigkeit voraus, abstrakt zu denken, nicht nur die Fähigkeit, von der Wirklichkeit zu abstrahieren und die Phänomene der Wirklichkeit durch Gesetzes-, und Gattungsbegriffe zu erhellen. Die Fähigkeit abstrakten Denkens impliziert Begriffe wie Freiheit und Gerechtigkeit, von denen Naturforscher aus ihrer Sicht zu Recht behaupten, dass sie gar nicht „existieren“. Dazu später. (Siehe: Über die Existenz des Nicht-Seienden)
Hier ist die Schuldfrage noch zu beantworten. Immerhin leiten viele Theologen die Sünde als Erbsünde aus dieser phantastischen Legende ab, sprechen vom „Sündenfall“ als schwersten Kriminalfall der Menschheitsgeschichte, der uns alle wenn nicht zu Kriminellen, so zumindest zu Schuldigen macht. Bekanntlich stellt Gott Adam nach diesem Vorfall zur Rede, und der schiebt die Schuld gleich mal auf die anderen, da sonst niemand da ist auf Eva, die ihrerseits die Schuld auf die Schlange abwälzt.
An der Stelle beginnt Gott zu fluchen. Moralisch will er dem Menschen ab dem Zeitpunkt offenbar kein Vorbild mehr sein. Gott verflucht die Schlange, die fortan auf der Erde kriechen muss, Gott verflucht Eva (ich bin nicht sicher, welche Stelle die moderne Frau bevorzugt: „ich will dir viel Mühsal schaffen, wenn du schwanger wirst“ oder „dein Verlangen soll nach dem Manne sein, aber er soll dein Herr sein“), und Gott verflucht Adam („verflucht sei der Acker um deinetwillen! Mit Mühsal sollst du dich von ihm nähren dein Leben lang“). [1. Buch Mose, 3.14-19] Nochmals chronologisch: zuerst war die Verlockung, dann die Verführung durch List und dann begann der Kreislauf der Schuldzuweisungen, in dem wir bis heute stecken.
Der Rest ist bekannt: die Vertreibung aus dem Garten Eden. Religiöse Menschen mögen mir die Ironie verzeihen, aber jeder, der an einen vollkommen Gott glaubt und die Bibel als Wort Gottes anerkennt, muss zugestehen, dass das Fluchen Gott erfunden hat. Alle anderen bösen oder bösartigen Verhaltensweisen haben die Menschen selbst erfunden und der Reihe nach ausprobiert. Vielleicht auch deshalb, weil sie von Anfang an auf empirische Verfahren gesetzt haben. Mal hat Kain seinen Bruder Abel erschlagen, mal Jakob seinen Bruder Esau ausgetrickst und ihm das Erstgeburtsrecht abgeluchst, mal hat das Volk Gottes Feinde getäuscht und hinterrücks ermordet – all das nicht im Auftrag Gottes und in Befolgung seiner Gebote, sondern im Affekt und lange bevor der Herr sich die zehn Gebote ausgedacht und Moses übergeben hat. Hätten die Menschen von Anfang an mehr nachgedacht, bevor sie „aus dem Bauch heraus“ handeln, wären uns sicher viele Übel erspart geblieben. Aber es ist ja nie zu spät.
Die Schuldfrage ist damit noch nicht beantwortet. Das liegt wohl auch daran, dass ich sie noch nicht konkret formuliert habe, was ich hiermit nachhole: bin ich selbst schuld an allem was ich tue oder sind andere Menschen schuld an meinem Verhalten oder ist es eine höhere Macht (die Vorsehung, der Wille Gottes, das Schicksal oder Evolutionsgesetze, die einen freien Willen ausschließen), die entscheidet, was mit mir passiert? Eine weitere Frage, die ethisch relevant ist: brauchen wir immer einen Schuldigen?
Jeder Mensch kennt die Situation, dass er – oft unbegründet oder unbegründbar - an Schuldgefühlen leidet. Das häufig anzutreffende individuelle Schuldbewusstsein ist kein Beweis, dass Schuld in Folge der sogenannten Erbsünde immer schon auf uns lastet, sondern nur dafür, dass 2000 Jahre christlich-theologischer Indoktrination deutliche Spuren in den Köpfen der Menschen Europas hinterlassen haben. Auf die Perpetuierung dieses Schuldbewusstseins haben sich die Kirchen spezialisiert, die keine Lösung der Probleme im Diesseits anbieten, sondern nur eine Erlösung im Jenseits. Dass Kirchen mit der Caritas und anderen sozialen Einrichtungen Erste Hilfe leisten, ist zwar gut, aber auch nur eine moderne Form, das Schuldbewusstsein zu beruhigen. Caritas ist im Prinzip Mitleid mit den Schwächsten eingebettet in eine öffentliche Institution, den Anforderungen unserer Zeit entsprechend als Unternehmen konzipiert.
Auf eine andere Form von Heilsversprechen, nämlich die Heilung des Schuldbewusstseins, hat sich die Psychoanalyse spezialisiert, wobei auch die Psychoanalyse – ich erlaube mir die Simplifizierung – den anderen (bevorzugter Weise den Eltern) die Schuld zuweist. Dabei dient die Ebene des Unterbewussten vorzüglich als Lagerstätte der Schuldgefühle. Psychotherapeuten bemühen sich, diese Gefühle auf die Ebene des Bewusstseins zu heben, damit der Patient sie dem Verursacher zurückgeben kann. Die Schuldzuweisung ist ein Muster, das seit Adam und Eva besteht. „Brauchen“ wir demnach immer einen Schuldigen? Anders gefragt: gehört es zum Wesen des Menschen und zur Aufrechterhaltung der Gemeinschaft, dass wir Schuldige haben? Die Antwort ist eindeutig: JA!
Wenn du dich von deinem Schock erholt hast, den diese Antwort auslösen sollte, trink eine Tasse Tee und lies dann weiter. Damit du dich nochmals vergewissern kannst, was ich gemeint habe, wiederhole ich hier: es gibt keine unschuldigen Menschen! Und das wirst du bald verstehen, wenn du mit mir eine kleine, aber wichtige Umwertung der Werte vornimmst.
Der Begriff der Schuld ist weitgehend negativ (im Sinne von moralisch schlecht) bewertet. Nicht nur in Folge von Religion und Psychoanalyse, auch im Rechtswesen: der Schuldige wird bestraft, nur der Unschuldige wird frei gesprochen. In diesem Sinne ist gut, wer unschuldig ist. Nur eine positive Besetzung kennt das Wort: die Ent-Schuldigung. Womit das Ein-Geständnis einer Schuld (meist ein lässliches Vergehen oder ein einfaches Missgeschick) einher geht. Wie auch immer, der Common Sense kennt Schuld als negativen Begriff.
Auch wenn sich Norbert Bischof „von der philosophischen Ethik allenfalls kritische Einwände und vor allem lohnende Fragestellungen“ erwartet, „aber nicht die Kompetenz, darauf auch belastbare Antworten zu geben“, [S. 89]
[Norbert Bischof, Moral. Ihre Natur, ihre Dynamik und ihr Schatten, Wien Köln Weimar, 2012] kennt die Philosophie eine Antwort zur Lösung, ja sogar zur Auflösung des Schuldproblems: das philosophische Synonym für Schuld, das diesen negativen Begriff vollständig ersetzen kann – nein, schon längst ersetzt hat, ist die Verantwortung!
Diese Aussage kannst du jederzeit nachprüfen: ersetze in jedem Satz, den du findest oder erfindest, und in dem der Begriff „Schuld“ vorkommt, diesen durch das Wort „Verantwortung“ und prüfe, ob der Sinn 1:1 erhalten bleibt. Wenn du einen Satz findest, auf den das nicht zutrifft, stehe ich in deiner Schuld (=übernehme ich die Verantwortung) und zahl dir den Preis für dieses Buch zurück.
In der positiven Bewertung des Begriffes Verantwortung berufe ich mich zunächst auf den Common Sense. Natürlich gibt es Menschen, die sich vor ihrer Verantwortung drücken wollen. Beispielsweise geschiedene Väter, die ihre Alimente nicht zahlen können oder wollen. Aber auch sie sind sich, das bezweifle ich nicht, im positiven Sinne ihrer Verantwortung bewusst – und wahrscheinlich drückt sie gleichzeitig das Schuldbewusstsein.
Die Umwertung der Schuld zur Verantwortung ist kein Etikettenschwindel, Schuld und Verantwortung sind keine Synonyme, die rein formal austauschbar sind. Um es nochmals zu betonen: es geht dabei um die gleichen Phänomene, aber um völlig unterschiedliche Werte und Weltanschauungen, die damit verknüpft sind. Die Bedeutung der Umwertung dieser Werte wird deutlich, wenn wir diese Begriffe „auseinanderdividieren“ und nach den moralischen Kriterien gut versus schlecht bewerten:
gut vs schlecht
schuldlos vs schuldhaft
verantwortungsvoll vs verantwortungslos
unschuldig vs schuldig
verantwortlich vs unverantwortlich
Wer ist schuld? Diese Frage quält nicht nur Menschen, die einen Psychiater aufsuchen. Diese Frage steht auch immer dann im Mittelpunkt der Kontroversen, wenn die Verursacher eines politischen Konfliktes gesucht werden. Sowohl für die psychologische als auch die politologische Ursachenforschung gilt: Niemand ist schuld, aber jeder trägt Verantwortung. Der Schuldbegriff ist antiquiert und gehört somit ins Antiquariat der Moralbegriffe. Im Unterschied zu Nietzsche ist diese Umwertung der Schuld zur Verantwortung kein Etikettenschwindel. Hier geht es darum, ein Phänomen, das zu den konstituierenden Werten unserer Zivilisation zählt – die Verantwortung - von seinem negativen Image und seinen negativen Auswirkungen zu befreien.
Noch ein wichtiger Unterschied: Schuld ist ihrem Wesen nach passiv (schuldig sein), Verantwortung ist aktiv (Verantwortung muss man übernehmen). Anders gesagt: Er ist schuldig istschlecht (für ihn), er ist verantwortlich ist gut (für uns und hoffentlich auf für ihn).
Aus der Logik der Umwertung der Schuld in Verantwortung folgt auch die Notwendigkeit zur Umwertung von Tod und Teufel – die mal einzeln, mal in Personalunion das religiöse Denken ebenso stark beeinflussen wie Gott der Gerechte und Gott die Liebe. Damit gehe ich nicht so weit wie Nietzsche, der die Lüge zur besseren Wahrheit macht. Wenn wir Luzifer ganz einfach wertfrei und wertneutral als Licht der Erkenntnis interpretieren, dann entspricht das Spannungsfeld Luzifer versus Gott exakt dem Kampf zwischen Wissenschaft und Kirche, den die Zivilisation seit Ausbruch des Christentums erlebt hat und immer noch erlebt.
Bei der Gelegenheit möchte ich meinen religiösen Freunden folgende Überlegung nahe legen:
Luzifer ist ein Geschöpf Gottes. Die Verlockung hat Gott geschaffen. Die Möglichkeit der Erkenntnis von Gut und Böse hat Gott erschaffen. Es ist naheliegend, dass Gott dem Menschen den Baum der Erkenntnis von Gut und Böse nicht für immer vorenthalten wollte – wozu hätte er ihn dann geschaffen? Demnach hat Luzifer bloß einen Prozess beschleunigt, der ohnehin von Gott geplant war. Es ist daher an der Zeit damit aufzuhören, Luzifer zu verteufeln. Wenn Gott in uns ist (als das Ominöse, Paradoxe, Mysteriöse, Ewige und ewig Unbekannte), dann ist Luzifer ebenso in uns (als Licht der Erkenntnis, aber nicht nur von Gut und Böse, sondern auch von Links und Rechts, von Oben und Unten, von Gestern und Morgen, von Hell und Dunkel, von 0 und 1, sowie A bis Z)
